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Heilfasten

„Der bewusste Verzicht ist ein faszinierendes Abenteuer“

Von Rüdiger Soldt
 - 13:46

Seit 60 Jahren kommen die Menschen in Ihre Klinik in Überlingen zum Heilfasten nach der Methode „Buchinger-Wilhelmi“. Was treibt die Menschen dazu, diese Tortur auf sich zu nehmen?

Viele Patienten und Gäste, die zum ersten Mal kommen, wollen zunächst abnehmen. Dann entdecken Sie, dass ihre Blutwerte besser werden, Schmerzen nachlassen, dass innere Ruhe einkehrt und sie ihr Leben reflektieren können. Viele ziehen eine Lebensbilanz. Sie erleben auch ein Glücksgefühl, auch wenn das Fasten manchmal zu Krisen führen kann. Das ist ein sehr tief empfundenes Glück, ganz anders als das Glücksgefühl, das ich habe, wenn ich ein Stück Schokolade esse.

Wie sieht denn die Fastenkur für Anfänger aus?

Zunächst sollte man die drei Ebenen des Heilfastens miteinbeziehen: die körperliche, die mitmenschliche und die spirituelle. Es empfiehlt sich, in einer Gruppe zu fasten. Man benötigt Ruhe und Stille. Und dann braucht man eine Methode. Bei uns läuft eine Fastenkur in fünf Etappen ab. Man sollte sich zu Hause vorbereiten, schließlich ein günstiges Datum wählen. Schon vor der Ankunft sollte man damit beginnen, weniger Kaffee, Alkohol, Fleisch, Zucker, Süßigkeiten zu konsumieren. Dann beginnt das Fasten mit einem Entlastungstag, dann folgt die Darmreinigung, Zum Mittag servieren wir nur einen frisch gepressten Saft, am Nachmittag machen wir den Leberwickel und später eine zwei- oder dreistündige Wanderung. Am Abend gibt es eine Gemüsebrühe und ein kulturelles Abendprogramm. Schließlich folgt das Fastenbrechen. Nach dieser intensiven Phase folgt die langsame Wiedergewöhnung an die Nahrung. Und am Ende die Rückkehr nach Hause. Natürlich wird das unterstützt durch medizinische Therapien. Wer mit Diabetes kommt, wird ein anderes Programm erhalten als ein Patient mit Bluthochdruck.

Sie haben Stammgäste, die womöglich wieder zu Ihnen kommen, weil Sie nach der Fastenkur wieder zu alten Gewohnheiten zurückgekehrt sind. Frustriert Sie das?

Die Lebensumstände in denen wir leben sind manchmal geradezu toxisch. Durch das Fasten kann man zur Überzeugung kommen, dass wir eigentlich weniger brauchen in unserem Leben als wir denken. Der bewusste Verzicht kann ein faszinierendes Abenteuer. Das macht mich immer wieder optimistisch.

Die Probleme mit Fettleibigkeit und Diabetes in den Wohlstandsländern nehmen dramatisch zu. Woran liegt das?

Schuld daran ist der Lebensstil, die industrielle Ernährung, die Beschleunigung des Alltags, der Stress. Da würde jedes Tier übergewichtig werden. Wer isst heute noch am Familientisch, wer kocht noch selbst? Die Industrie arbeitet nach den Prinzipien der Gewinnmaximierung, wenn die Menschen viel essen, ist das gut, weil dann der Markt wächst. Gesundheitsaspekte müssten dabei eine viel größere Rolle spielen. An Diabetes verdienen Pharmaunternehmen und eine ganze Industrie. Nötig ist eine Rückkehr zum Herd und zur Kochplatte. Das gilt nicht nur für Frauen. Nahrung ist das einzige, was wir nicht globalisieren sollten. Ernährung muss regional erzeugt sein.

Für Makaken-Affen ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Nahrungspausen und somit ein fastenähnliches Verhalten das Affenleben verlängern kann. Affen, die weniger essen, bekommen sogar später weniger graue Haare. Ist das auf Menschen übertragbar?

Dafür spricht vieles. Solche Effekte sind nicht nur für eine Tierart nachgewiesen. Der amerikanische Professor für Zellbiologie Valter Longo hat umfangreiche Studien gemacht. Bei einzelligen Hefen, weiß man, dass sie widerstandsfähiger gegen Stress sind und länger leben, wenn man die Nährstofflösung verdünnt. Ähnliche Versuche hat man mit Fliegen oder Würmern gemacht und ähnliche Ergebnisse bekommen. Kalorische Restriktion führt zur Lebensverlängerung, mindestens zwanzig Prozent der Lebenszeit lässt sich nach diesen Studien für ein Lebewesen gewinnen. Bei Menschen ist es bei einer Lebensspanne von achtzig Jahren natürlich schwieriger zu untersuchen. Saisonbedingte Phasen, in der man keine Nahrung zu sich nimmt, sind in der Natur selbstverständlich; einige Tiere halten dabei Winterschlaf. Die ständige Verfügbarkeit von hochkalorischer Nahrung ist für die Natur nicht charakteristisch. Vierzig Tage ohne Nahrung kann ein normalgewichtiger Mensch überleben. Die Zellen eines Menschen, der keine Nahrung bekommt, wechseln in einen Schutzmodus, es werden andere Gene aktiviert, die die Zellen reparieren, und zwar ihre Strukturen und sogar ihre DNA. Die Menschen sind bestens ausgerüstet für den Mangel. Sie sind schlecht vorbereitet auf den Überfluss.

Dann müssen wir im Alltag eine Erotik des Verzichtes entdecken und gesünder leben. Dann wären das Fasten und Ihre Klinik überflüssig!

Natürlich wäre es gut, wenn wir gesünder lebten. Therapeutisch gesehen, gäbe es weniger Gründe, eine Fastenkur zu machen. Aber das Fasten hat nicht nur eine körperliche Wirkung, es wirkt auch auf unsere Seele. Unser gesamter Hirnstoffwechsel und unsere Emotionalität ändern sich. Anders als erwartet werden die Menschen ruhiger. Bei der Methode Buchinger-Wilhelmi helfen wir den Patienten, möglichst sanft in den Fastenmodus zu kommen, die Patienten haben zwei oder drei Tage ein paar Probleme, vielleicht Kopfschmerzen oder Müdigkeit, schon auch mal Hunger. Das sind Adaptionsschwierigkeiten. Dann beginnt eine Ruhephase, es folgt ein Stimmungshoch und manchmal eine euphorische Stimmung. Viele Menschen verspüren eine große innere Freude.

Der Körper produziert mehr vom Hormon Serotonin.

Früher mussten Menschen ihre Energie sparen, das führte zu einem solidarischen Verhalten. Das ist auch beim Fasten so: Es fördert die Gruppendynamik, man wird auf seine existenzielle Wahrheit reduziert, Die zehn Autos in der Garage sind dann egal. Deshalb kennen alle großen Religionen das Fasten in irgendeiner Form, weil in dieser Zeit die Gemeinden zu sich finden können. Vergebung und Rückkehr zu einer Lebenskohärenz, das sind die religiösen Themen, die schon immer mit dem Fasten verbunden worden sind.

Was bedeutet das in einer Gesellschaft, die – zumindest auf den ersten Blick – säkularer wird, in der die Kirchen an Bedeutung verlieren?

Weniger religiös wird die Gesellschaft vielleicht, aber die Menschen sind auf der Suche nach Spiritualität. Ich biete seit 32 Jahren Fasten in einem Schweizer Kloster an. Glauben Sie mir, die Nachfrage nach dieser Art von Fastenaufenthalt ist sehr groß.

Die meisten Ihrer Patienten finden erst in der zweiten Lebenshälfte zum Fasten. Wenn das Leben schwieriger wird, die Midlife-Crisis einsetzt, sich erste chronische Erkrankungen zeigen. Sie haben mit 17 Jahren begonnen. Wie kam das?

Es waren die sechziger Jahre. Ich war 1968 gerade 15 Jahre alt. Aber ich wollte überhaupt nicht mehr das tun, was die Eltern vorschrieben und was in meiner bürgerlich-patriarchalischen Familie üblich war. Meine Eltern bevorzugten die klassische bürgerliche Küche in ihrer kalorienhaltigen Ausprägung. Ich litt unter Ess-Störungen. Und es war auch eine revolutionäre Zeit. Ich machte einen Fasten-Versuch in eigener Regie, der endete ungut. Dann entdeckte ich die Methode Buchinger-Wilhlemi, lernte meinen Mann, ein Enkel Otto Buchingers, in Überlingen kennen. Mein Weg war vorgezeichnet.

Was ist von den Achtundsechziger-Ideen geblieben?

Viel. Das Interesse an anderer Formen der Spiritualität, Vollwerternährung, Yoga und der Versuch eine andere an der Naturheilkunde orientierte Medizin zu betreiben. Auch der Feminismus spielte eine Rolle, denn Ess-Störungen sind vorwiegend Frauenprobleme. Es hilft oft, die Rolle der Frau zu verstehen, wenn man auf die Ursache der Ess-Störungen kommen will.

Hatten Sie als Ärztin jemals Zweifel an Ihrer Fastenmethode?

Nie. Ich hatte so oft kleine Erkrankungen, ein Ausschlag oder Gelenkschmerzen. Ich habe grundsätzlich zunächst mit Fasten angefangen. Vor wenigen Wochen war ich in der Karibik. Auf dem Rückflug hatte ich hohes Fieber und akute Gelenkschmerzen. Mein Arzt verordnete Kortison. Ich nahm es nicht und fastete nach unserem Vorgehensweise – nach drei Tagen ging es mir viel besser.

Wie sieht Ihr Speiseplan aus, wenn Sie nicht fasten?

Ich mache mir morgens ein Müsli mit Quark, Leinöl, Zitrone, gemahlenem Hafer, Mandeln und einem Apfel. Mittags esse ich das vegetarische Essen der Klinik. Rohkost mit kaltgepressten Ölen, Salat, Reis, Hülsenfrüchte, auch mal ein Eiergericht. Zum Schluss gibt es ein Minidessert. Am Abend essen wir häufig Fisch und Gemüse.

Haben Sie schon mal einen Hamburger bei McDonalds gegessen?

Nein, das würde ich nicht tun. Lieber faste ich.

Einige Schulmediziner bezeichnen das Heilfasten als „Steinzeitmedizin“?

Früher gab es heftige Diskussionen, heute sagen so etwas nur wenige meiner Kollegen. Entweder sind sie zu alt, um neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zu akzeptieren. Oder sie sind von der Industrie gekauft. Aus meiner Sicht ist es heute unmöglich zu sagen, Fasten sei Humbug. Wir arbeiten intensiv daran, die Grundlagen des Fastens wissenschaftlich aufzuarbeiten, dazu haben wir eine Stiftung gegründet. Wir arbeiten mit universitären Lehrstühlen für Naturheilkunde in Berlin, Granada und in den Vereinigten Staaten zusammen. Wir wollen jetzt eine große Datenerhebung über unsere Patienten machen. Wir haben 5000 Gäste pro Jahr, siebzig Prozent fasten, dreißig Prozent machen eine Diät.

Es gibt Belege, dass eine Fastenkur sogar die Nebenwirkungen einer Chemotherapie lindern kann?

Ich persönlich denke, dass Menschen, die an Krebs erkrankt sind, einen Ersttumor haben, und noch gut genährt sind, bei denen könnte ein Kurzfasten die Chemotherapie unterstützen. Man muss dabei die Ergebnisse der Studien erwarten, die zur Zeit laufen. Bei Patienten, die Metastasen haben, deren Allgemeinzustand geschwächt und reduziert ist, würde ich es nicht empfehlen. Da braucht man mehr Forschung.

Die Kolon-Hydro-Therapie, also eine intensive Darmreinigung, ist unter Gastroenterologie umstritten. Die Ärzte tun heute viel, um die Darmflora möglichst nicht zu stören. Teilweise wird heute Stuhlgang in den Darm injiziert, um eine gute Darmflora herzustellen.

Wenn Sie fasten, ist der Verdauungstrakt ruhig gelegt. Für uns ist die Darmreinigung eine Vorbereitung zum Fasten, damit der Hunger verschwindet und sich der Magen-Darmtrakt in die Verdauungspause begeben kann. Nach dem Fasten durch kleine und gut zusammengestellte Mahlzeiten den Verdauungstrakt langsam wieder weckt, entwickelt sich auch wieder eine gesunde Darmflora. Das lässt sich durch Bakterienpräparate unterstützen.

Schulmediziner warnen vor dem Jojo-Effekt beim Abnehmen durch das Fasten. Das Gewicht, das man in drei Wochen für 4000 Euro bei ihnen in der Klinik verliert, habe man nach zwei Monaten wieder auf der Hüfte. Ich denke oft an den früheren Außenminister Joseph Fischer. Er war sozusagen der Großmeister des Jojo-Effekts.

Der Beruf des Politikers ist dramatisch für Leute, die eine Neigung haben, zu viel zu essen und zu trinken. Unter unseren Patienten sind auch immer wieder prominente Politiker. Helmut Kohl hat vier oder fünf Wochen gefastet, nicht bei uns, dann ging er wieder in den Ring. Fischer hatte nach meiner Beobachtung das Gewicht besser im Griff, als er noch in der Politik war und regelmäßig joggte. Viele nehmen auch nachhaltig ab.

Wie hoch ist die Zahl der Wiederholungstäter?

Etwa die Hälfte unserer Gäste kommt regelmäßig und mehrfach. Sie sehen das Heilfasten als Bestandteil ihres Lebens. Es kommen auch viele in der liturgischen Fastenzeit. Es wäre einfacher, wenn wir das Kirchenjahr ernster nehmen würden.

In der Apotheke finden sich viele so genannte „Detox-Präparate“ zum Entschlacken. Machen die das Fasten bald überflüssig?

Nein. Exzellente Nahrungsquellen, frisches Kochen, Bewegung, Fasten, emotionales Gleichgewicht – das lässt sich nicht ersetzen. Damit erreichen Sie mehr als mit den Präparaten, die nicht alle schlecht sind.

Warum kostet eine dreiwöchige Kur mit viel Wasser und einigen Säften bei Ihnen bis zu 4000 Euro?

Das erklärt sich durch unser medizinisches Fachpersonal, Ärzte und Therapeuten und die Hoteleinrichtung. Ja, wir sind teuer, ein Tag bei uns ist aber billiger als ein Tag im Krankenhaus. Nur das Krankenhaus bezahlt die Kasse.

Wie viele Menschen, die zu Ihnen zum Heilfasten kommen, ändern ihr Leben anschließend?

Eigentlich alle. Ich kenne niemanden, der sich nicht minimal ändert. Etwa 15 Prozent haben eine regelrechte Lebensumwandlung. Die Anderen beginnen nach der Rückkehr ins Alltag damit, ihre Lebens- und Denkweise zu ändern.

Das Fasten verändert sogar die Sexualität.

Ja, vorübergehend. Nach dem Fasten ändert sich das. Während des Fastens gehen die Sexualhormone leicht zurück. Die Mönche haben sehr viel darüber geschrieben. Für sie war das Fasten, wenn man so will, ein monastisches Mittel zur Bändigung des Verlangens nach Sexualität. Nach dem Fasten sind die Menschen fruchtbarer und haben einen stärkeren Sexdrive. Es gibt einen hormonellen Rebound-Effekt.

Macht Fasten glücklich?

Absolut. Das beobachte ich auch bei unseren Gästen fast täglich. Das wirkt nicht sofort. Das Fasten sorgt für eine positive Stimmung. Es gibt Momente intensivsten Glücks. Damit das funktioniert, braucht man eine gute Begleitung und eine erprobte Fastenmethode.

Otto Buchinger war Goetheaner, wie viele Lebensreformer. Welche Rolle spielt Goethe?

Literatur und Philosophie sowie auch Poesie gehörten für Otto Buchinger zur Gastronomie der Seele, die besonders beim Fasten einem Menschen erfreuen.

Wie wichtig ist der Bodensee?

Sehr. Sie brauchen die intakte Natur und möglichst eine kleine, kulturell interessante und schöne kleine Stadt wie Überlingen am Bodensee. Das ist eine ideale Kombination um Fastende zu erfreuen.

Quelle: F.A.Z.
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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