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Sagen Sie mal, Frau Doktor

Gehen Warzen von alleine wieder weg?

Von Yael Adler
 - 16:38
Hilft das Hausmittel wirklich? Kann ich dem Gesundheitstipp meiner Nachbarin trauen? Die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler antwortet auf Fragen, die Sie schon immer mal stellen wollten – ganz ohne Termin. Bild: Hans-Jörg Brehm

Ich habe eine hartnäckige peinliche große Warze am Finger. Muss ich damit wirklich zum Arzt oder geht das von allein wieder weg?

Was von allein kommt, geht auch wieder von allein. Wer hofft das nicht bei Beschwerden, die uns irgendwie peinlich sind. Bei Warzen könnte das sogar klappen, denn hier ist Abwarten keine schlechte Strategie. Das liegt daran, dass klassische Warzen eine Infektionskrankheit sind, ausgelöst durch Humane Papillomviren, kurz HPV. Virenkiller Nr. 1 ist unser Immunsystem. So wie beim Kampf gegen den jährlichen Schnupfen. Ist unser Immunsystem geschwächt, haben die Viren leichtes Spiel, gewinnt es wieder an Kraft, haben die Erreger verloren.

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Unter Ärzten nennt man dieses „watch and wait“- Therapieschema mit wichtigem Gesicht „Aktives Zuwarten“. Man könnte in diesem Fall ebenfalls sagen: Warz ab!

Das erklärt auch, warum das oft belächelte Warzenbesprechen durchaus erfolgreich sein kann, das früher nur Wunderheiler betrieben, mittlerweile aber sogar auch von der Wissenschaft als ernstzunehmende Suggestionsmethode betrachtet wird. Das Immunsystem mancher Patienten reagiert sehr sensibel auf diese besondere Form der „sprechenden Medizin“. Die körpereigenen Abwehrkräfte werden stimuliert und gestärkt und es kann zu einer Selbstheilung kommen. Leider klappt das nicht immer und dann kann und muss auf andere Weise geholfen werden.

Wer noch nie eine Warze hatte, darf sich glücklich schätzen. Er gehört zu einer kleinen aber feinen Minderheit. Der große Rest jedoch – immerhin 80 Prozent aller Menschen – gilt warzentechnisch als „verseucht“. Keine sehr schöne Vorstellung, denn daraus folgt: Die Ansteckungsgefahr lauert überall. Übertragen werden die Warzenviren über Hautschüppchen, die wir in jeder Sekunde unseres Lebens an die Umwelt verlieren. Man kann sich sogar an sich selbst infizieren. Das passiert, wenn wir mit mehr oder weniger Genuss an bereits vorhandenen Warzen herumkratzen oder herumpolken. Dadurch gelangen infektiöse Partikel unter den Fingernagel und werden so per Hand-Taxi an andere Körperstellen transportiert. Übrigens ist es ein falscher Mythos, dass man die Warze verteilt, wenn es blutet. Warzen sitzen ausschließlich in der obersten Hautschicht, in den Horn bildenden Zellen. Wenn eine Warze blutet, heißt das, die Verletzung geht tiefer. Dadurch wird die Warze nicht ansteckender als sie ohnehin schon ist. Es kann aber zum Einspülen anderer Erreger – in diesem Fall Bakterien – in den Blutkreislauf kommen. Eine Entzündung kann die Folge sein.

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Wer im Inneren einer Warze schwarze Punkte entdeckt, muss übrigens keine Sorge haben, dass da Dreck hineingeraten ist. Die schwarzen Punkte sind Mini-Thrombosen. Sie entstehen, wenn die kleinsten aller Blutgefäße, die Kapillaren, durch eindringende Hornmassen abgequetscht werden.

Warzen haben es nicht eilig. Zwischen Infektion und Sichtbarwerden einer Warze können bis zu 20 Monate vergehen. Bei Schwimmbadbesuchen ohne Badelatschen und innerhalb der Familie sind die Ansteckungsraten besonders hoch. Wenn das Virus-Genmaterial unsere Hautbarriere überwunden hat, schleust es sich direkt in unser Erbgut ein. Dort wird es sesshaft und beginnt in bester schwäbischer Tradition mit dem Häuslebau. Die sichtbare Warze ist das Haus der Viren, manchmal werden daraus ganz imposante Wohnanlagen.

Filetgrundstücke für den Häuslebau sind Hände und Füße. Dort ist es angenehm kühl, außerdem ist die Liegenschaft oft schlecht durchblutet. Schwitzige Hände und feuchtkäsige Füße in Gummiturnschuhen, schweren Arbeitsschuhen und Skistiefeln ergeben einen herrlich weichen Baugrund. Dazu eine kaputt geseifte trockene und löchrige Hautbarriere, all das sagt den Warzenviren: Willkommen, fühlt Euch wie zu Hause.

Die Virus-Warzen-Gebäude gibt es in diversen Ausführungen. Das Standardmodell sind die halbkugeligen rauen Knubbel an den Händen oder anderswo am Körper. Pinselwarzen zieren gerne mal das Augenlid und Dornwarzen bohren sich durch den Druck beim Laufen tief in die Fußsohle. Gerade Dornwarzen können große Beschwerden verursachen. Man erkennt sie frühzeitig an einem Kreis inmitten der feinen Linien der Fußsohle. Oft werden diese Kreise als Hühnerauge, Druckstelle oder als eingelaufener Fremdkörper verkannt. Das führt dazu, dass Dornwarzen im Frühstadium oft unbehandelt bleiben und wir so selbst zur Virusschleuder werden. Die Warze ähnelt einem Dorn – daher auch der Name – der sich hart und störrisch in das weiche Fußgewebe bohrt, gerne hin und her wackelt und dort für Mikro-Einrisse in der unmittelbaren Umgebung sorgt. Sie verursachen Schmerzen und bieten eine ideale Eintrittspforte für Bakterien, die sich zwischen Dorn und weicher Umgebungshaut in die Tiefe schummeln und einen Fußinfekt mit noch heftigeren Schmerzen, Fieber, Vernichtungsgefühl und Blutvergiftung auslösen können.

Zwingend behandlungsbedürftig sind auch Feigwarzen, die sich im und um den Genitalbereich und den Anus ansiedeln. Sie sind eine ernstzunehmende Geschlechtskrankheit und werden ebenfalls durch Humane Papillomviren verursacht. Weit über 100 verschiedene solcher HPV sind bereits bekannt. Je nach Untergruppe entwickeln diese Viren Vorlieben für die eine oder andere anatomische Region.

Wer selbst keine Erfahrung in der Behandlung von Warzen hat, sollte also in jedem Fall zum Arzt gehen. Schon um andere Menschen nicht anzustecken.

Normalerweise werden die Warzenhäuser mit säurehaltigen Lacken und Pflastern aufgeweicht, dann kann man sie leicht abschaben. Besonders effizient ist es, wenn im Lack gleichzeitig ein Viruskillermedikament enthalten ist, das die Bewohner abtötet. Bewährt haben sich auch Verfahren, bei denen Warzen mit starker Laserhitze oder Kälte aus flüssigem Stickstoff bei minus 196 °C der Garaus gemacht wird. Weniger effizient sind freiverkäufliche Kältesprays. Die erreichen nur minus 55 °C, viel zu „warm“ für eine effektive Behandlung. Ebenfalls nicht zu empfehlen sind aggressive chirurgische Verfahren, da Warzen-Operationen oft Schmerzen und Narben verursachen und Rückfälle dennoch häufig sind.

Und jetzt noch ein paar wichtige Hinweise:

Tipp Nr. 1: Alle hartnäckigen Fußwarzen können mit sichtbaren oder versteckten Krampfadern zusammenhängen. Wenn die Klappen der Beinvenen nicht mehr richtig schließen und das sauerstoffarme Blut von den Füßen nicht ausreichend zurück in Richtung Herz transportiert werden kann, dann stauen sich Blut in den Venen und Flüssigkeit im Gewebe. Die Wege für frischen Sauerstoff und die Abwehrkräfte unseres Immunsystem werden verlängert und das verzögert auch die Heilung. Es lohnt sich also bei Warzen an den Füßen immer, eine detaillierte Ultraschalluntersuchung der Venen vornehmen zu lassen. Dabei sollten nicht nur die großen Stammvenen, sondern auch die Seitenäste und die Brückenverbindungen zur Tiefe überprüft werden.

Tipp Nr. 2: Tunen Sie Ihr Immunsystem!

Dazu gehört als erstes vor allem der Abbau von Stress. Vermutlich die schwierigste aller Maßnahmen. Stress führt zu einer ständigen Ausschüttung des Hormons Cortisol, das die Infekt-Abwehr stark vermindert.

Lassen Sie Ihre Mikronährstoffe im Blut bestimmen. Wenn Eisen, Zink, B Vitamine, Vitamin C oder Vitamin D nicht ausreichend vorhanden sind, ergeben sich Abwehrschwächen. Alle Einzel-Elemente sind wie Zahnräder verbunden. Wenn nur ein Rad rostig ist oder hakt, können die anderen noch so schön glänzen, das ganze System hängt und kommt ins Stocken. Eine Ernährungsumstellung oder entsprechende Nahrungsergänzungsmittel können den nachgewiesenen Mangel sehr schnell beheben.

Tipp Nr. 3: Die Hautbarriere sollte, sofern Ihre Haut zu Trockenheit neigt, mit einer rückfettenden Pflege regeneriert werden. Etwa mit Sheabutter oder Cremes mit hautähnlichen Fetten und erregerfeindlichem Mikrosilber oder pflegendem Harnstoff. Aggressives Reinigen mit alkalischen Seifen sollten Sie vermeiden. Besser ist es, sehr sparsam mit sauren milden synthetischen Waschsubstanzen zu arbeiten. Das stärkt den Säureschutzmantel Ihrer Haut, und verhindert, dass Warzenviren sich bei Ihnen wohlfühlen und ein neues Zuhause bauen.

Dürfen wir vorstellen: Unsere neue Kolumnistin

Ab dieser Woche wird Dr. Yael Adler Ihnen regelmäßig an dieser Stelle alle Fragen beantworten, die Sie schon immer mal einem Arzt stellen wollten. Adler, geboren 1973 in Frankfurt, ist von Haus aus Dermatologin mit einer eigenen Praxis in Berlin. Doch das Interesse der Medizinerin gilt nicht nur der Hülle unseres Körpers, der Haut. Unter anderem ist sie ausgebildete Ärztin für Venenheilkunde und Ernährungsmedizin. Seit Jahren klärt Adler in Fernseh- und Radiosendungen und auf Vorträgen über medizinische Fakten und Phänomene auf. Daneben hat sie mehrere Bücher geschrieben. Ihr letztes Buch „Haut nah. Alles über unser größtes Organ“ ist seit Monaten auf der Bestsellerliste. Yael Adler ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Haben Sie auch eine Frage, die Sie schon immer mal einem Arzt stellen wollte, ohne dass Sie sich extra einen Termin geben lassen wollen? Dann fragen Sie doch einfach Dr. Yael Adler. In ihrer nächsten Kolumne geht es um die Themen „Übergewicht“ und „Abnehmen“. Bitte senden Sie Ihre Frage dazu bis zum 22.1.2017 an: sagensiemal@faz.de. Ausgewählte Fragen werden in der nächsten Kolumne in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und auf FAZ.NET beantwortet. (luci)

Quelle: F.A.S.
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