Geflügelpest

Die ultimative Seuche

Von Joachim Müller-Jung
18.02.2004
, 09:24
Wer glaubt, die Gefahr einer Pandemie durch das Geflügelpest-Virus sei überwunden, baut auf eine trügerische Stille.
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Hat sich das Blatt zum Guten gewendet? Ist der Seuchenzug der Vogelgrippe in Asien und damit auch die Gefahr einer Influenza-Pandemie - einer Epidemie von potentiell unvorstellbaren Dimensionen - gebannt? Auf die notwendigerweise selektive und flüchtige Wahrnehmung durch die Massenmedien wird man sich gerade in diesem Fall nicht verlassen können. Keine Nachricht muß keine gute Nachricht sein. Denn Schweigen gehört gewissermaßen zu den fatalen Zügen dieser jüngsten Heimsuchung. Es hat sie erst richtig ins Werk gesetzt, auch wenn es nicht das Verschulden des Boten, sondern vor allem das der Behörden - wieder einmal der chinesischen - war.

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Schweigen freilich ist die Sache von Bundesministerin Künast nicht, wenn es darum geht, sich entschlossen vor den Verbraucher zu stellen. In diesem Sinne brachte sie vor kurzem, als die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema bereits merklich abgenommen hatte, eine "Eilverordnung" gegen die Geflügelpest, wie die Vogelgrippe oft auch genannt wird, auf den Weg. Der Titel verheißt mehr, als er darstellt. Denn die darin vorgesehene Registrierung aller Geflügeltiere, auch der Haus- und Brieftauben etwa, war seit längerem als ein von fast allen Seiten willkommener Zusatz zur Geflügelpest-Verordnung geplant.

Sars und Milzbrand

Aus politischem Kalkül die Verunsicherung der Menschen zu schüren, um ein neues Regelwerk durchzupauken, war also gar nicht nötig. Die Ankündigung wurde dann auch so nicht wahrgenommen. Genau diese Strategie aber, gesundheitspolitische Ziele mit dem Risiko einer öffentlichen Hysterie zu erkämpfen, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in jüngster Zeit immer wieder gewagt - wagen müssen. Schon bei der Lungenkrankheit Sars und nach den ersten Bioattacken mit Milzbrandbakterien mußte die Genfer Gesundheitsbehörde die Erfahrung machen, daß zwischen der für eine effektive Seuchenbekämpfung notwendigen schnellen Alarmierung der Gesundheitsdienste und der Provokation einer öffentlicher Hysterie ein schmaler Grat liegt. Information und Phantasie bilden ein gefährliches Amalgam.

Dreh- und Angelpunkt freilich sind stets die Szenarien von Fachleuten. Und die enthalten im Falle der Vogelgrippe eine der schlimmsten denkbaren Befürchtungen überhaupt: die Pandemie, einen weltweiten Seuchenzug von Influenzaviren. Käme es dazu, könnten innerhalb weniger Monate etliche, vielleicht Hunderte Millionen Menschen erfaßt und - beschleunigt durch den globalisierten Personen- und Warenverkehr - ganze Gesellschaften destabilisiert werden.

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Historisch beispiellose Seuche

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering. Wie gering, wissen aber selbst diejenigen nicht, die mit den allerbesten Absichten solche schaurigen Drehbücher am liebsten erst gar nicht zur Kenntnis nehmen würden. Tatsache ist, daß es sich um eine historisch beispiellose Seuche, eine Tierseuche wohlgemerkt, handelt. Eine Epidemie, die schon außer Kontrolle geraten war, als die Weltöffentlichkeit noch keinerlei Kenntnis von ihr hatte. Abermillionen Hühner, Enten, Gänse und Truthähne sind schon gekeult worden, Importverbote wurden verhängt, und dennoch hat man die Epidemie nicht einzudämmen vermocht. Das ist der eine Teil der Tragödie mit all ihren schon jetzt abschätzbaren desaströsen Folgen für die asiatischen Geflügelzüchter.

Der andere Teil ist nicht weniger traurig, aber in seiner oft verwendeten Dramaturgie immer noch spekulativ. Er betrifft die Übertragung der Erreger auf den Menschen und innerhalb menschlicher Populationen. Mehr als ein Dutzend Menschen in Vietnam und Thailand sind bisher gestorben, nachdem sie sich an Geflügel mit dem Virus H5N1 infiziert hatten. Derselbe Virustyp hatte schon 1997 und 2003 in Hongkong Tote gefordert. Auch in den Niederlanden vor etwas mehr als einem Jahr hatte sich ein Tierarzt nach häufigem Kontakt mit einem - wenn auch anderen - Subtyp infiziert und war daran gestorben.

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Die eigentliche Bedrohung

Die eigentliche Bedrohung jedoch, die effektive Übertragung von Mensch zu Mensch, ist auch bei dem aktuellen Seuchenzug noch nicht sicher nachgewiesen worden. Und selbst wenn, dann ist die Übertragung offenkundig immer noch extrem ineffektiv. Schon wegen der Masse der infizierten Tiere aber ist anzunehmen, daß womöglich bereits Tausende Menschen den Virus in sich tragen. An dieser Stelle nun kommen Zufall und Politik entscheidend ins Spiel. Ob das Virus sich im Zuge seiner Vermehrung und Ausbreitung in den nächsten Wochen und Monaten genetisch so anzupassen vermag, daß es am Ende gleichzeitig mit den tödlichen Eigenschaften der Vogelgrippe und den effektiven Übertragungsmechanismen der Menschengrippe ausgestattet ist, ist Teil eines biologischen Vabanquespiels. Ein Funke genügt, um einen Flächenbrand auszulösen. Grundsätzlich gilt: Je mehr sich das Ausbreitungsgebiet der Vogelgrippe mit demjenigen der gewöhnlichen Influenza überschneidet, desto größer ist die Gefahr, daß sich das Erbmaterial beider Virustypen vermischt und so ein "Pandemie-Virus" entsteht.

Doch selbst wenn dieser Fall nach ein oder zwei neuen Ausbreitungswellen ausbleiben sollte, wird kein Experte erleichtert Entwarnung geben. Denn unübersehbar ist, daß der "Pandemie"-Fall mit jedem wiederholten Auftreten potentiell gefährlicher Vogelviren immer näher rückt. In den Augen vieler Infektiologen ist er sogar unausweichlich. Das ist die Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Drohkulisse einer quasi weltweiten Epidemie war nicht zuletzt auch der Grund, weshalb die WHO in den vergangenen Jahren enormen politischen Druck auf viele asiatische Länder aufgebaut hat. Die schlechten hygienischen Bedingungen in der Tierhaltung und nicht zuletzt die Verzehrgewohnheiten machen viele Regionen dort zu einem idealen Seuchenherd. Es hat sich aber auch wieder gezeigt, daß es vor allem die gefährlichen Züge von Ignoranz und Unbelehrbarkeit kleiner Regional- oder Ministerialbeamter in diesen Systemen sind, die eine schnelle Eindämmung verhindern. Heimlichtuerei war nämlich offenkundig der Grund, weshalb erst unlängst klar wurde, daß die aktuelle Vogelgrippe schon vor gut einem Jahr irgendwo in einer chinesischen Provinz ihren Anfang nahm.

Überforderte Veterinärdienste

Die Veterinärdienste in den am meisten gefährdeten Ländern sind überfordert, die Gesundheitsdienste klein und schlecht ausgestattet und die Kooperationsbereitschaft mit den koordinierenden Fachleuten oft gering. Daß die WHO in diesem Sumpf nach jeder Gelegenheit sucht, politisch Druck auszuüben, ist nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, daß sie noch vor wenigen Jahren als bürokratisch verkrustet und unfähig gegolten hatte, leicht nachzuvollziehen. Sichtbar sind in diesen Tagen aber auch die Lücken in den westlichen Apparaten geworden. Die Lagerbestände an wirksamen antiviralen Medikamenten sind überall ungenügend, und die absehbaren Hürden einer schnellen Impfstoff-Produktion - etwa die Regelung von Patentrechten - sind jetzt zum erstenmal ernsthaft bedacht worden. Erst vor wenigen Tagen hat das hiesige Bundesinstitut einen schon Ende der neunziger Jahre von der WHO geforderten "Pandemie-Notfallplan" an die Länder verschickt, über dessen Inhalt noch geschwiegen wird. Alles Gründe, die politische Aufmerksamkeit - und eben auch finanzielle Ressourcen - auch hierzulande stärker auf diesen Komplex der internationalen Biosicherheit zu lenken. Die Vogelgrippe hat ein Ultimatum gesetzt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004, Nr. 41 / Seite 10
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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