Geflügelpest

Forschen für den Impfstoff

Von Volker Stollorz
02.02.2004
, 18:26
Die Vogelgrippe wütet, ein Impfstoff fehlt, weil herkömmliche Methoden versagen. Nur mit Tricks kann man dem Erreger beikommen. Und selbst dann ist die Zeit knapp.
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Erich Hoffmann kennt den Angreifer schon sehr genau. Der deutsche Forscher hält H5N1, den Erreger der asiatischen Vogelgrippe, täglich in den Händen. Seit zwei Wochen bereitet er mit seinen Kollegen eine Weltpremiere vor. Im Hochsicherheitslabor des St. Jude Children's Research Hospital in Memphis, Tennessee, soll das Virus im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO möglichst rasch so umgebaut werden, daß im Notfall ein passender Stamm für die Impfstoffproduktion bereitsteht. Von einem solchen Job träumt der Deutsche seit Jahren. Schließlich hat er jene Technik mitentwickelt, die im Ernstfall weiterhelfen kann.

Der Ernstfall träte ein, wenn der Erreger irgendwo in Asien lernte, auch beim Menschen von Lunge zu Lunge zu reisen. Eine medizinische Katastrophe droht, wenn dabei ein neues Influenza-Virus entsteht, das so tödlich ist wie die Vogelgrippe und zugleich so ansteckend wie seine menschlichen Verwandten. Bei einer Pandemie mit einem Erreger vom Typ H5N1 könnte sich nach Schätzungen von Seuchenexperten ohne weiteres die Hälfte der Bevölkerung infizieren, vielleicht ein Viertel würde krank. Ein globaler Seuchenzug mit weltweit Millionen von Opfern wäre nicht mehr auszuschließen.

Impfstoff als Ausweg

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Helfen würde nur ein Impfstoff. Wenn er sich denn rechtzeitig produzieren läßt. Genau dies scheint fraglich. Alle derzeit verfügbaren Influenza-Impfstoffe müssen in angebrüteten Hühnereiern gezüchtet werden. Der Erreger der Vogelgrippe aber tötet Embryonen im Ei ebenso effektiv wie Hühner. Keine Brut im Ei, kein Impfstoff. Traditionell werden in Europa jedes Jahr etwa 90 Millionen Impfdosen in ebenso vielen Hühnereiern produziert. Jedes Jahr muß ein neuer, jeweils passender Impfstoff gegen den Verwandlungskünstler Influenza gefunden werden. Die Vorbereitungen dauern Monate, frühestens im April beginnt die Produktion für den Winter auf der Nordhalbkugel, im Herbst ist dann die Südhalbkugel dran. Soweit der Regelfall. Was aber, wenn die Virenanzucht im Ei unmöglich ist?

Aus menschlicher Influenza (blau) und Vogelgrippe (rot) entsteht Pandemievirus. Links ist der klassische Weg zum Impfstoff gezeigt. Ein schnelleres Verfahren ist die Virenanzucht in Säugetierzellen (r.)
Aus menschlicher Influenza (blau) und Vogelgrippe (rot) entsteht Pandemievirus. Links ist der klassische Weg zum Impfstoff gezeigt. Ein schnelleres Verfahren ist die Virenanzucht in Säugetierzellen (r.) Bild: F.A.Z.

Da ruht die Hoffnung dann auf Forschern wie Erich Hoffmann. Noch 1997, als die Vogelgrippe zum ersten Mal in Hongkong auftauchte und sechs von 18 erkrankten Menschen tötete, hätte die Welt dem Angreifer machtlos gegenübergestanden. Ein ganzes Jahr mühten sich Experten der WHO damals, einen passenden Impfstamm zu vermehren. Rigoros wurde Geflügel geschlachtet, das stoppte den Erreger gerade noch rechtzeitig. Sieben Jahre später aber verbreitet sich jetzt überall in Asien ein Virus-Verwandter. Acht von elf Erkrankten starben bereits.

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Neue Technik gegen die Pandemie

Daß die Welt im Jahr 2004 für den Fall einer Pandemie ein klein wenig besser vorbereitet ist, verdankt sie einer Technik, deren Grundlagen in Deutschland entwickelt wurden - und zwar von Gabriele Neumann und Erich Hoffmann im Labor von Gerd Hobom in Gießen. Mit Hilfe "reverser Genetik" kann heute das gewünschte Impfvirus schnell, effizient und zuverlässig designt werden (siehe Grafik). In Memphis und in zwei weiteren WHO-Labors werden zur Zeit H5N1-Gene mit Genen potenter Impfstämme gemischt und zugleich die Sequenzen entfernt, welche die Eier töten. In Säugerzellen reift anschließend ein gentechnisch veränderter Organismus heran, den die Menschheit noch schätzenlernen dürfte. "Das in Eiern vermehrungsfähige Impfvirus gegen H5N1 werden wir nächste Woche haben", prophezeit Hoffmann.

Nach ersten Sicherheitstests könnte die WHO dann im Februar das sogenannte Referenzvirus für die Impfproduktion der Hersteller freigeben. Zwar gibt es für einen solchen Gentechnik-Impfstoff nirgends auf der Welt eine behördliche Zulassung. "Wenn aber wirklich ein Pandemievirus um den Globus rast, würden alle Kräfte sofort auf die Produktion dieses Impfstoffes umschwenken", glaubt Michael Pfleiderer, Leiter des Fachgebiets virale Impfstoffe beim Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Am Einspruch der Behörden werde die Zulassung des klinisch unerprobten Impfstoffes im Falle einer Pandemie nicht scheitern. Ob und in welcher Dosis ein solcher Impfstoff beim Menschen wirke, müsse allerdings bei laufender Produktion geprüft werden - auch das ein Novum im Arzneimittelrecht.

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Technische und wirtschaftliche Probleme

Daß es mit dem Impfstoff technisch überhaupt klappen könnte, grenzt für sich schon an ein Wunder. Es kommt ein wirtschaftliches Problem hinzu: Gerade weil die Pandemie noch nicht ausgerufen ist, wird hinter den Kulissen heftig über die Kosten der Vorsorge gefeilscht. Das beginnt bei den Patenten. Das wichtigste Patent für den Einsatz der reversen Genetik in der kommerziellen Impfstoffproduktion besitzt die amerikanische Firma Med-Immune. Auf Anfrage bestätigt deren Sprecherin schmallippig, ihre Firma habe entschieden, ihre Rechte im Falle einer von der WHO bestätigten Pandemie aus "humanitären Gründen" freizugeben. Man biete anderen Herstellern ansonsten Lizenzverträge zu "fairen Bedingungen" an. Davon habe aber bisher leider niemand Gebrauch gemacht.

Die Impfstoffproduktion in Hühnereiern, seit sechzig Jahren praktiziert, war für die Hersteller lange Zeit nicht gerade ein Bombengeschäft. Die Großen der Branche, Aventis Pasteur, Chiron, Glaxo-Smith-Kline und Solvay, stellten jedes Jahr ungefähr so viele Impfdosen her, wie sie im vergangenen Jahr am Markt absetzen konnten. Genau das aber wäre im Falle einer Pandemie lächerlich wenig. Für Deutschland steht in normalen Jahren Impfstoff für höchstens 170 von 1000 Bundesbürgern bereit. Nicht nur Michael Pfleiderer sieht "sehr ernste Kapazitätsprobleme" voraus, sollte H5N1 bald angreifen.

Es mangelt an großen Plänen

Zum Schutz der öffentlichen Gesundheit müßte also rasch Vorsorge getroffen werden. Wie aber soll sich die Gesellschaft gegen ein Risiko absichern, das im Schnitt nur alle dreißig Jahre eintritt, dann aber mit tödlichen Konsequenzen? Bisher mangelt es auf diesem Gebiet an Plänen, beispielsweise für eine Public-Private Partnership.

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Als die WHO am Mittwoch vergangener Woche während einer nichtöffentlichen Telefonkonferenz bei den führenden Impfstoffherstellern nachfragte, wer denn willens und in der Lage sei, sofort einen Pandemieimpfstoff gegen H5N1 herzustellen, sollen neun Hersteller eine mündliche Zusage gegeben haben - allerdings nur für die Produktion eines Prototyps zur klinischen Prüfung am Menschen. Das wäre kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

"Sofort in die Massenproduktion“

Einzig und allein Otfried Kistner, Direktor für Virologie der Firma Baxter, verspricht, mit dem hochpathogenen H5N1 "sofort in die Massenproduktion gehen zu können". Im Pandemiefall könne seine Firma praktisch innerhalb von zwei Monaten Impfstoff bereitstellen. In Orth an der Donau nahe Wien wurde zu diesem Zweck eine weltweit einzigartige Pilotanlage errichtet. Weit und breit sind hier keine Eier mehr zu sehen. Herzstück der sterilen und vollautomatischen High-Tech-Konstruktion ist ein 1.200 Liter fassender Bioreaktor der biologischen Sicherheitsstufe 3, der entfernt an einen modernen Braukessel erinnert. In seinen Eingeweiden fühlen sich Millionen von winzigen Vero-Zellen wohl. Diese Zellen stammen ursprünglich von der afrikanischen grünen Meerkatze. Als biologische Fabriken verrichten sie seit mehr als dreißig Jahren zuverlässige Dienste, etwa bei der Produktion von Polioimpfstoffen. Baxter will nun als erste Firma in solchen Säugerzellen produzierte "Ganzkeimimpfstoffe" gegen Influenza auf den Markt bringen. Eine erste Zulassung für den innovativen Impfstoff gibt es schon in den Niederlanden. Die für Europa soll bald folgen.
Auch der aktuell zirkulierende H5N1-Stamm ist längst in Orth eingetroffen und wird jetzt im Sicherheitslabor aufgetaut. Das für Hühnereier tödliche Virus sollte mit "99prozentiger Wahrscheinlichkeit prächtig auf Vero-Zellen wachsen", sagt Kistner. So wie alle anderen bisher untersuchten Vogelgrippeviren auch. Sollte es ernst werden, stünde in Bohumile in der Tschechoslowakei sogar schon eine nagelneue Fabrik für die Massenproduktion bereit. Bis zu 42 Millionen Impfdosen gegen H5N1 könnten dort hergestellt werden, hofft Kistner. Sofern die Behörden mitspielen.

Auch der Konkurrent und Marktführer Aventis Pasteur ist dabei, ein ähnliches Verfahren zu entwickeln. Statt auf Vero-Zellen setzen die Forscher dort auf die humane Zellinie PER-C6, entwickelt von der niederländischen Biotechnologie-Firma Crucell. Deren großer Vorteil soll ihre ungeheure Vermehrungsfreudigkeit im Bioreaktor sein. Crucell-Forschungsdirektor Ronald Brus rechnet vor, künftig in sechs Fermentern bis zu 100 Millionen Impfdosen pro Jahr herstellen zu können. Entscheidend sei es am Ende nicht nur, einen Impfstoff zu haben, sondern "ihn auch für möglichst viele zu haben". In diesem Jahr sei das allerdings "leider noch Zukunftsmusik".
Zurück in die Gegenwart. Selbst wenn es mit der reversen Genetik klappt, braucht man wenig Phantasie, sich auszumalen, welche Szenen sich abspielen würden, wenn plötzlich alle Regierungen der Welt den knappen Impfstoff orderten. Sollte H5N1 den Sprung von Mensch zu Mensch dieses Jahr noch nicht schaffen, hätte die Menschheit Glück gehabt. Mehr aber auch nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.02.2004, Nr. 5 / Seite 57
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