Geflügelpest

Grippeviren sind nicht auszurotten

Von Barbara Hobom
05.02.2004
, 08:06
Kontaktstelle Mensch-Tier
Wer an einem Teich buntgefiederten Wildenten zuschaut, dem ist der Gedanke fern, daß die Wasservögel die nächste Grippewelle bringen könnten. Wildenten sind aber das wichtigste Reservoir für Influenzaviren.
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an einem Teich buntgefiederten Wildenten zuschaut, dem ist der Gedanke fern, daß die Wasservögel die nächste Grippewelle bringen könnten. Wildenten sind aber das wichtigste Reservoir für Influenzaviren. Bei bis zu jedem dritten Tier hat man die Erreger nachgewiesen. Sie kommen indes nicht nur bei Enten vor, sondern auch bei anderen Wasservögeln wie Schwänen, Möwen, Seeschwalben und dazu bei Gänsen, Sperlingen, Perlhühnern, Fasanen, asiatischen Staren, Papageien und vielen anderen heimischen und exotischen Vogelarten. Die Influenzaviren machen wildlebende Vögel in der Regel nicht krank. Nur bei Seeschwalben hat man vor Jahren einmal ein Massensterben beobachtet, das auf Infektionen mit einem Influenzavirus zurückging. Die gesunden Vögel, in deren Darm sich das Virus vermehrt, scheiden den Erreger oft in beachtlicher Menge aus.

Wenn mehrere Vogelarten sich in demselben Wasser tummeln, können die Viren über den Kot leicht auf andere Tiere übertragen werden. So hat man etwa einen Zusammenhang zwischen dem Durchflug von Zugvögeln und der Erkrankung von Truthähnen auf Geflügelfarmen beobachtet. Aber auch tödliche Infektionen bei Seehunden, die in den achtziger Jahren in der Nordsee vorkamen, waren auf Influenzaviren von Vögeln zurückzuführen. Sogar Pinguine in der Antarktis haben sich mit den Viren angesteckt. Weil Influenzaviren bei Wildvögeln fast allgegenwärtig sind, werden sie im Gegensatz etwa zu den Pockenviren wohl niemals auszurotten sein. Sie bleiben eine latente Gefahr für den Menschen, der ihnen jedoch mit klugen Strategien die Stirn bieten kann.

Haustiere als Überträger

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Auch bei Haustieren sind Influenzaviren weit verbreitet, vor allem bei Geflügel und Schweinen. Die meisten Hausentenbestände sind mit Influenzaviren durchseucht. Man sieht es diesen Tieren jedoch nicht an, weil sie ähnlich wie die wildlebenden Vögel keine Krankheitszeichen zeigen. Dagegen hat man schon vor mehr als hundert Jahren bei Hühnern eine tödliche Erkrankung, die sogenannte Geflügelpest, auf Viren zurückgeführt und diese später als Influenzaviren identifiziert. Schwere Influenza-Ausbrüche hat es bei Geflügeltieren immer wieder gegeben. Es hängt von der Art des Virus ab, ob und wie schwer Hühner und anderes Federvieh erkranken. Die Infektion kann sich ganz unterschiedlich äußern. Manche Hühner legen nur weniger Eier, andere haben Durchfall, wieder andere Atembeschwerden, und besonders viele lassen den Kopf traurig hängen und sind depressiv.

Der Mensch blieb von Influenzaviren nicht verschont. Die letzten weltumspannenden Grippewellen von 1957/58 und 1968/69 wurden offenbar von einem Erreger hervorgerufen, der von Vögeln über das Schwein auf den Menschen übersprang. Das Schwein hatte als Mischgefäß gedient, in dem sich Vogelviren und menschliche Viren genetisch mischten und dabei neue, für den Menschen gefährliche Erreger hervorbrachten.

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Direkte Übertragung Vogel-Mensch möglich

Eine direkte Übertragung vom Vogel auf den Menschen hielt man lange Zeit für ausgeschlossen. Doch 1997 zeigte sich in Hongkong, daß dies ein Irrtum war. Zum ersten Mal stellte man erstaunt fest, daß Vogelviren sich ohne Umweg an den Menschen anpassen und dann besonders gefährliche Grippeerkrankungen hervorrufen können. Die Rekonstruktion der Ereignisse ergab seinerzeit, daß offenbar ein Virus, das in Enten und Gänsen als harmloser Gast heimisch war, plötzlich bei Hühnern, Tauben, Wachteln und anderen Geflügeltieren tödliche Infektionen hervorrief und von dort auf den Menschen übersprang. Dank des schnellen Eingreifens amerikanischer Epidemiologen und der Hongkonger Behörden gelang es seinerzeit, die bedrohliche Infektion im Keim zu ersticken. Zur Zeit grassiert in Südostasien unter Hühnern ein ähnliches Vogelvirus, an dem schon viele Millionen Tiere tödlich erkrankt sind. Der Erreger hat aber auch schon Menschenleben gefordert. Ähnlich wie die Viren von 1997 hat das Virus bislang aber nicht den Sprung geschafft, sich von Mensch zu Mensch auszubreiten.

Welche Eigenschaften ein Vogelvirus zu einem menschenpathogenen Erreger machen, der Epidemien oder gar weltumspannende Pandemien hervorruft, das wüßten die Virologen nur allzu gerne. Bislang ist nur klar, daß allem voran Gestalt und Zusammenspiel zweier Oberflächenstrukturen, welche die Wissenschaftler als "H" und "N" abkürzen, entscheidend sind. Sie stellen den Kontakt zu einer Wirtszelle her und ebnen dem Erreger den Zugang zu einer Zelle. Winzige Veränderungen in diesen beiden Strukturen können genügen, damit sich ein Vogelvirus nun an eine menschliche Zelle anschmiegen und sein Erbmaterial dort einschleusen kann. Doch damit ist noch keineswegs gesagt, daß der Erreger dem Menschen gefährlich wird. Oft wird er in einer Sackgasse landen, weil es ihm nicht gelingt, die menschliche Zelle dazu zu zwingen, nun nach seinem Diktat das virale Erbmaterial zu vermehren.

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Gefährliche Erbänderungen

Das unlängst in Asien identifizierte Vogelvirus (H5N1) hat jedoch auch diesen Schritt der Anpassung geschafft und bei einigen Menschen zu tödlichen Infektionen geführt. Welche Erbänderungen bei dem Erreger dieses Mal eingetreten sind, ist noch nicht bekannt. Bei dem 1997 in Hongkong aufgetretenen, eng verwandten Erreger waren für die krankmachende Wirkung außer einer Mutation in einer Oberflächenstruktur mindestens zwei weitere Erbänderungen entscheidend. Die eine erlaubte dem Erreger, bestimmte Abwehrmechanismen des menschlichen Immunsystems lahmzulegen, die andere befähigte ihn, seine Vermehrung nun auch in menschlichen Zellen auf volle Touren zu bringen.

Aus den molekulargenetischen Untersuchungen ist zu schließen, daß minimale Änderungen im Erbmaterial der Vogelinfluenzaviren, die jeweils nur einzelne Genbausteine betreffen, einen harmlosen Passagier schrittweise zu einem gefährlichen Angreifer machen können. Wie schnell sich diese Erbänderungen entwickeln, vermag bislang niemand in einem konkreten Fall abzuschätzen. Die Virologen gehen jedoch davon aus, daß der letzte Adaptationsschritt für die entscheidende Übertragung von Mensch zu Mensch beschleunigt wird, wenn das Vogelvirus sein Erbmaterial mit dem eines menschlichen Grippevirus mischt. Das kann bei der gleichzeitigen Infektion mit einem Vogelvirus und einem schon an den Menschen angepaßten Erreger passieren.

Impfstoff vonnöten

Solange es keinen Impfstoff gegen ein neues Vogelvirus gibt, raten sie daher für Gebiete, in denen wie jetzt ein solcher Erreger grassiert, sich gegen die für eine Saison typischen menschenpathogenen Grippeviren schutzimpfen zu lassen. Dann können sich die beiden Viren im Menschen nicht treffen und nicht durch den Austausch ihrer Gene Erreger entstehen lassen, die von Mensch zu Mensch übertragbar sind. Im Falle einer Ausbreitung des asiatischen Vogelvirus auf der ganzen Welt wäre eine Schutzimpfung für alle Menschen aus Mangel an Impfstoff jedoch gar nicht möglich. Glücklicherweise aber vermag das Grippemittel Tamiflu Infektionen mit dem asiatischen Vogelvirus recht wirksam zu bekämpfen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2004, Nr. 30 / Seite 9
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