Geflügelpest

Sprunghafte Grippeviren

Von Barbara Hobom
26.01.2004
, 17:02
Mit der Übertragung auf den Menschen werden Vogelgrippeviren gefährlich
Ein Hühnergrippevirus, der Erreger der Geflügelpest, hat wieder einmal den Sprung über die Artengrenze geschafft. Mutationen ebnen dabei den Weg vom Geflügel zum Menschen.
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Ein Hühnergrippevirus, der Erreger der Geflügelpest, hat wieder einmal den Sprung über die Artengrenze geschafft. Das Virus, an dem jetzt unzählige Geflügeltiere in Südostasien erkrankten, hat auch bei etlichen Menschen eine Influenzagrippe ausgelöst und bislang sieben Todesopfer gefordert. Wie die Viren es fertigbringen, von einer Spezies auf eine andere überzuwechseln, ist den Wissenschaftlern zwar in den Grundzügen bekannt. Keineswegs war man aber in der Lage, den Vorgang bis in alle Einzelheiten aufzuklären. Und warum sich nur ganz bestimmte auf den Menschen übergesprungene Vogelviren derart verhängnisvoll auswirken, ist noch immer ein Geheimnis.

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Es liegt in der Natur der Influenzaviren, Artengrenzen immer wieder von neuem zu überwinden. Zwei genetische Besonderheiten sind hierfür entscheidend. Die umtriebige Art der Influenzaviren beruht zum einen auf der Tatsache, daß ihr Erbmaterial nicht aus Desoxyribonukleinsäure (DNS), sondern aus Ribonukleinsäure (RNS) besteht. Zum anderen umfaßt ihr Genom acht Einzelstücke, sogenannte Segmente, die sich bei einer gleichzeitigen Infektion zweier verschiedener Viren in ein und derselben Zelle bereitwillig miteinander vermischen. Segmente eines Vogelvirus können dabei in ein an den Menschen angepaßtes Virus gelangen.

Viele Variationen - manche sehr erfolgreich

Weil das Genom aus RNS besteht, kommt es bei der Vermehrung der Grippeviren außerdem leicht zu Fehlern, so daß laufend Erbänderungen eintreten. Dadurch können vor allem an den Kontaktstellen des Virus zu den Hühnerzellen, dem Protein Hämagglutinin (HA), vielfältige Variationen eintreten. Einige von diesen befähigen die Viren zufällig, sich Rezeptoren auf Zellen in den Luftwegen des Menschen anzulagern.

Die Veränderungen am Hämagglutinin sind ein entscheidender Schritt für den Artenwechsel. Man kennt insgesamt fünfzehn verschiedene HA-Strukturen bei den Influenzaviren, von denen aber nur drei, die Strukturen H1, H2 und H3, leicht Kontakt zu menschlichen Zellen finden. Die HA-Strukturen anderer Grippeviren, vor allem H5 und H7, lagern sich normalerweise nicht an menschliche Zellen. Erst durch Mutationen haben entsprechende Vogelviren 1997 in Hongkong und 2003 in den Niederlanden sowie jetzt wieder in Asien die unangenehme Fähigkeit erworben, direkt auch Menschen zu infizieren.

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Aggressive Grippe

Das Anlagern an den Rezeptor bedeutet indessen noch nicht, daß die Infektion mit einem Vogelvirus für den Menschen schon besonders gefährlich wäre. Das Erbmaterial des infizierenden Virus wird in den Kern der menschlichen Zelle transportiert und kann sich nur dann vermehren, wenn das vom Virus bereitgestellte Vermehrungsenzym, die Polymerase, mit den in der Zelle vorgefundenen Partnermolekülen zu kooperieren vermag. Das war offensichtlich bei dem 1997 in Hongkong aufgetauchten Vogelgrippevirus (H7N7) der Fall. Dieser Erreger infizierte mindestens 18 Personen, von denen sechs an einer außergewöhnlich schweren Form der Grippe starben. Bei letzteren war das Virus durch eine einzige weitere Mutationen offensichtlich besonders aggressiv geworden.

Die entscheidende Mutation betraf das Vermehrungsenzym des Erregers. Das Hongkong-Virus war aber nur in der Lage, von Geflügel auf den Menschen überzugehen. Es vermochte indessen nicht, sich von Mensch zu Mensch auszubreiten. Glücklicherweise waren bei den Viren offensichtlich weitere Mutationen ausgeblieben, die ihm diese Verbreitungsart ermöglicht hätten. Das hat wesentlich dazu beigetragen, daß es nicht zu einer globalen Ausbreitung kam. Eine solche Pandemie mit einer Übertragung des Erregers von Mensch zu Mensch hat es zuletzt in den Jahren 1968/69 mit der sogenannten Hongkong-Grippe (H3N2) gegeben.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2004, Nr. 22 / Seite 34
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