Gesundheit

„Ab dreißig geht es beim Mann bergab“

25.08.2013
, 11:23
Männer setzen sich mit ihrem Körper oft kaum auseinander. Sollten sie aber, um gesund zu bleiben. Ein Facharzt über Muskelübungen, gefährliches Bauchfett und das Königshormon Testosteron.

Über Männer und ihr Verhältnis zum eigenen Körper lässt sich so einiges berichten. Frank Sommer ist Experte, wenn es um das „starke Geschlecht“ geht. Der Professor leitet den ersten Lehrstuhl für Männergesundheit an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.

Herr Sommer, Sie sind Urologe, Sportmediziner und waren mal Hessischer Fitness-Aerobic-Meister.

Das ist schon drei Tage her.

1997, wie ist es dazu gekommen?

Reiner Zufall. Ich fand es reizvoll. Für Fitness-Aerobic braucht man Kraft, Gelenkigkeit, Koordination und eine gewisse Ausdauer. Die Kür war immerhin zwei Minuten und zehn Sekunden lang, das ist wie ein 800-Meter-Lauf. Ich habe damals viel Sport gemacht und mit 30 gemerkt, dass man einfach nicht mehr so fit ist und mehr tun muss. Und da wollte ich’s noch mal wissen, bevor es zu spät ist.

Ab wann ist es denn zu spät?

Das Erschreckende bei Männern ist ja, dass es ab dem 30. Lebensjahr bergab geht. Und aus sportmedizinischer Sicht sogar ab 25. Die Schnelligkeit nimmt ab, Muskelkraft, Muskelmasse, Herz-Kreislauf- und Lungenkapazitäten, Testosteronwerte, das sind alles parallele Kurven, die nach unten gehen.

Kann man das durch Sport aufhalten?

Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass man durch geringe Bewegungsausmaße im Alltag diesen physiologischen Alterungsprozess immens reduzieren kann.

Was ist das Wichtigste dabei?

Muskulatur zu erhalten hat für mich den höchsten Stellenwert im Alterungsprozess. Warum? Muskulatur ist wichtig für eine Sturzprophylaxe, und je mehr davon vorhanden ist, desto höher ist der Grundumsatz und umso mehr Fett verbrennt man. Denn der allerschlimmste Feind des „alternden“ Mannes ist das viszerale Bauchfett. Es bildet unter anderem Entzündungshormone, vor allem aber wird das Königshormon des Mannes, das Testosteron, davon abgefischt und in weibliche Hormone umgewandelt.

Was kann der Mann dagegen tun?

Zweimal in der Woche für insgesamt 20 Minuten drei Muskelgrundübungen. Als erstes: Kniebeugen, die sind super und stabilisieren auch den unteren Rücken und den Bauch. Die zweite Übung für den Rücken, die muss man sich zeigen lassen: Etwa Koffer hochheben und zu sich heranziehen bis zum Bauchnabel - vorgebeugtes Rudern wird das genannt. Die dritte Übung ist der Liegestütz, angefangen auf Knien, bis die Beine ganz gestreckt sind, dann ein Bein in der Luft oder einarmige Liegestütz. Das trainiert die Brust, den Trizeps und stabilisiert den Rumpf. Wenn Männer diese drei Übungen vernünftig umsetzen, ein Leben lang, haben sie ein Fitnesstraining, was ausreicht. Als zusätzliches Herz-Kreislauf-Training reichen die kleinen Bewegungen im Alltag völlig aus.

Sie sind der Ruin der Fitnessstudios.

Ich glaub’, dort sind andere Leute. Es hängt vom Ziel ab: Will ich auf der Alster schneller rudern als andere - oder will ich gesund sein und so wenige Probleme wie möglich haben?

Wieso ist das ein Widerspruch?

Ich habe mehrere Patienten, die sehr viel joggen, einer läuft Marathon, sogar unter drei Stunden, der war mit 36 athletisch schlank, aber abgeschlagen und müde, mit einem Libidoverlust ins Bodenlose. Und was hat er gehabt? Testosteronmangel. Deswegen war er antriebslos, hat auch in der Firma keine guten Leistungen mehr gebracht. Durch zu viel Sport kann es passieren, dass das ganze hormonelle System überfordert wird. Das kann sogar zu depressiven Störungen führen.

Depressionen hängen ja vor allem mit Serotoninmangel zusammen. Welche Rolle spielt Testosteron?

Testosteron ist direkt für den Antrieb im Gehirn zuständig. Das wusste man lange nicht, aber große Studien zeigen, dass bei depressiven Männern der Testosteronspiegel erniedrigt ist. Gibt man denen Testosteron, kommt es zur Stimmungsaufhellung und Antriebssteigerung. Diesen Männern tut mäßiger Sport gut.

Wie wär’s mit Entspannungsübungen?

Toll! Männer würden davon immens profitieren. Aber die männliche Bevölkerung und Entspannung - das ist auf einer Skala dessen, was zur Gesundheit gehört, leider ganz unten angesiedelt. Männer müssen Spaß daran haben, einen benefit sehen. Wenn Sie einem Mann sagen, wenn er so gestresst wie bisher weitermacht, stirbt er zehn Jahre früher, das geht da rein, da raus. Ich habe da aber eine Studie von italienischen Kollegen, die zeigt Wirkung: In einer Gruppe von 35 bis 50 Jahre alten Männern, die alle Erektionsstörungen und einen kleinen Bauch hatten und auf Ernährung und Bewegung achteten, konnten 33 Prozent nach zwei Jahren ohne medikamentöse Unterstützung wieder Sexualität erleben.

Inwieweit spielen Wechseljahre beim Mann eine Rolle?

Die Wechseljahre beim Mann beginnen schleichend und sind eben genau dieser Alterungsprozess ab 30. Klar nimmt dabei auch die Muskulatur im Schwellkörper ab, klar nimmt die Beckenbodenmuskulatur ab, und auch die Durchblutung wird geringer. Der Testosteronwert sinkt, die Vitalfunktionen verschlechtern sich. Das mündet langfristig in Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Libidoverlust, depressiver Verstimmung, Abnahme der Muskelkraft, Schlafstörungen, Schwitzen, manchmal gehört auch Reizbarkeit dazu.

Und wieso ist der Beckenboden beim Mann so wichtig?

Der Penis befindet sich im erigierten Zustand zu einem Drittel im Becken, die dortige Muskulatur spielt deshalb eine große Rolle. Heutzutage muss kein Mann mehr mit einer erektilen Dysfunktion leben. Wir können medikamentös helfen, mechanisch mit Penisringen oder -schlaufen - die Letztgenannten sind übrigens besser, weil sie sich, je nach Penisgröße, justieren lassen. Schließlich besteht die Möglichkeit zu einem Bypass am Penis oder auch einem Schwellkörperimplantat. Für die richtige Behandlung ist es wichtig, dass man die Beckenbodenmuskulatur untersucht, die Zusammensetzung des Schwellkörpers, die Durchblutung des Penis, die Nerven im Becken, die Hormonsituation, und natürlich ein ausführliches Gespräch führt. Bei Sexualität aber schalten viele Ärzte ab.

Wie kommt das?

Im Praxisalltag spielt das eine so untergeordnete Rolle, das ist eben Lifestyle.

Für die allermeisten Männer ist es ein immenser Faktor fürs Lebensgefühl.

Die Psyche, die Lebensqualität und die Partnerschaft leiden darunter. Und viele glauben ja zudem, dass sie ein Einzelschicksal haben.

Alle anderen sind unglaublich potent, nur sie selbst nicht...

Sie hören es aber auch nicht anders. Oder werden nicht ernst genommen. Ein Patient von mir ist mit seinem Hausarzt befreundet. Als er 59 Jahre alt war, gestand er ihm, dass es irgendwie nicht mehr so richtig klappt mit der Sexualität, und er habe von dieser Pille gehört. Da hat der Arzt gesagt: Du wirst nächstes Jahr 60, was willst du überhaupt noch mit Sexualität, vergiss das; so einen Quatsch machen wir erst gar nicht. Der Patient hat dann drei Jahre gebraucht, ehe er in meine Sprechstunde kam. Sie sehen, wie brutal das erst mal war, dass selbst ärztliche Kollegen so niederschmetternde Antworten geben.

Es heißt generell, Urologen seien nicht so einfühlsam.

Das gibt es in jeder Fachdisziplin. Eine meiner Theorien ist: Manche Ärzte haben mit großer Wahrscheinlichkeit selbst Sexualitätsprobleme, sie behandeln sie nicht, sind frustriert und projizieren das in den Patienten.

Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind gut- und bösartige Vergrößerungen der Prostata bei Männern die häufigsten Diagnosen. Jeder vierte über 40 leidet an Erektionsstörungen. Trotzdem gibt es nur sechs Selbsthilfegruppen für erektile Dysfunktion (siehe rechts: „Unter Männern“). Wie passt das zusammen?

Das ist unglaublich und zeigt, wie schwierig es ist, die Männer zu motivieren, sich zu „outen“. Viele Männer hätten Redebedarf.

Und schweigen lieber beharrlich?

Das ist was typisch Männliches. Wir Männer wollen es einfach nicht zugeben, schon gar nicht Probleme mit der Sexualität.

Kennen Sie das aus Ihrem eigenen Bekanntenkreis, dass über Sexualitätsprobleme nicht geredet wird?

Ich habe natürlich eine gewisse Sonderrolle und werde schon angesprochen, meist hintenrum.

Aber in Gegenwart von anderen?

Nie! Ja, das will man doch nicht, dass die anderen das wissen.

Würden Sie es tun?

Ich würde mich wahrscheinlich auch nicht wohl fühlen zu sagen: Mensch, Hermann, ich habe Erektionsstörungen. Klar wäre für mich der Weg einfacher, da ich einen Lösungsansatz habe. Ich würde sagen: Habe ich, und übrigens habe ich meinen Beckenboden gemessen. Mensch, den habe ich vernachlässigt, den muss ich mal trainieren.

Sie sind auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, die 2010 mit dem 1. Männergesundheitsbericht den Fokus auf das Befinden der Männer gelenkt hat. Sehen Sie seither schon Veränderungen?

Männer, auch wenn es nur Mini-Prozente sind, kümmern sich immer mehr um ihre Gesundheit. Gucken wir uns urologische Vorsorge-Untersuchungen an: In den letzten zehn Jahren haben wir, ausgehend von 15,4 Prozent, mittlerweile die 20 Prozent geknackt. Bei der Vorsorge geht es nicht nur um die Krebsfrüherkennung, sondern auch um die Prävention eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls.

Wieso?

Die Penisgefäße haben einen Durchmesser von ein bis zwei Millimetern, die Herzgefäße von drei bis vier und die Halsschlagadergefäße von etwa sechs Millimetern. Kleinste systemische Veränderungen in den arteriellen Gefäßen machen sich, da die Penisgefäße auch zu den hochleistungsfähigsten Arterien im Körper gehören, sehr früh dort bemerkbar.

Ist Männergesundheit mehr im Bewusstsein, weil mehr informiert wird?

Es gibt Männer, die unterhalten sich heute über ihre Koloskopie, das ist ja auch nicht das angenehmste Thema. Da ist man schon ein kleiner Held, wenn man sagt, ich habe eine Darmspiegelung machen lassen, ich will auch für meine Familie gesund bleiben - und so schlimm war es gar nicht. Früher hieß es da eher: Du Schlappschwanz gehst zum Arzt, hast wohl Angst, krank zu werden.

Männer sprechen also über ihre Darmspiegelung, nicht aber über Sexualitätsprobleme?

Es fällt mir sehr schwer, das zu sagen, es hört sich primitiv an, aber Männer definieren sich über ihre Sexualität. Gucken Sie sich diese griechischen Statuen an, Gott Priapos, er ist mit einem riesigen Penis dargestellt, das ist einfach ein Zeichen von Kraft und Macht.

Götter altern nicht. Der Mann schon. Sind ab einem bestimmten Alter weniger Erektionen biologisch einfach normal?

Ja.

Die Fragen stellte Andrea Freund.

Quelle: F.A.S.
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