Hausärzte

Doktor Peter macht einfach nicht Schluss

Von Julia Roebke
30.06.2008
, 19:36
Landarzt Heinrich Peter misst den Blutdruck von Paula Horka  und ihrem Mann Franz in deren Küche bei Wallenfels
Aus Altersgründen muss ein Hausarzt in Oberfranken seine Praxis schließen. Seinen Eilantrag, weiterarbeiten zu dürfen, lehnte das Sozialgericht Nürnberg ab, obwohl der zweite Arzt im Dorf Insolvenz angemeldet hat. Die Patienten sind verzweifelt.
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Montag morgen, 7.30 Uhr. Doktor Heinrich Peter, Hausarzt in Wallenfels, dreht den Schlüssel um und öffnet zum letzten Mal seine Praxistür. Die Sprechstunde beginnt um acht Uhr. Doch schon zwanzig Minuten vorher sitzen sieben Patienten im Wartezimmer. Die Zeitschriften liegen unbeachtet auf dem Holztisch in der Ecke. Unter den Wartenden gibt es nur ein Thema: Der Doktor hat die gesetzliche Altersgrenze erreicht, er muss seine Praxis im 3000-Einwohner-Ort Wallenfels im oberfränkischen Landkreis Kronach schließen. Rosa Will, 77 Jahre alt, sitzt zusammengesunken auf einem der schwarzen Holzstühle. „Ich brauche doch meine Tabletten“, sagt sie leise. Der Doktor sei doch immer für sie da. Auch in der Nacht. Auch wenn ihr Mann mal wieder hingefallen ist.

Heinrich Peter lässt sich keine Anspannung, keine Trauer anmerken. Patient für Patient wird aufgerufen. Der Arzt nimmt sich Zeit für ein persönliches Wort und fragt nach der Familie. „Wenn ich jetzt dichtmache, dann ist die Versorgung hier nahe null.“ Peter, ein großer, kräftiger Mann, dem man seine 68 Jahre nicht ansieht, gibt seinen Helferinnen mit ruhiger Stimme Anweisungen, unterschreibt Rezepte und sagt: „Ich würde sofort aufhören, wenn sich ein Nachfolger findet, der meine Patienten versorgt.“ Doch nach einem Nachfolger für seine Praxis sucht Peter schon drei Jahre.

Demonstration für den Doktor

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8.30 Uhr. Stühlerücken im Wartezimmer. Vor der Sparkasse, heißt es, versammeln sich Patienten und Angehörige zu einer spontanen Demonstration. Auch Arzthelferin Evi Schütz läuft hinüber. Schnell haben sich fast 80 Menschen versammelt. Auf den Transparenten: „Wir brauchen unseren Doktor“, „Wir brauchen eine Sondergenehmigung für Dr. Peter“. Das sagt auch Peter Hänel, Bürgermeister von Wallenfels. Das Problem seiner Wähler sei auch sein Problem. „Ich habe mit Interessenten für die Praxis verhandelt“, sagt er, „doch keiner will zu uns aufs Land.“ In den Haushalt wurden sogar 100.000 Euro eingestellt, als Starthilfe für eine neue Praxiseinrichtung. Ohne Erfolg. Für die Kassenärztliche Vereinigung in Bayreuth ist die Schließung der Praxis kein Problem. Der Landkreis Kronach sei mit 110 Prozent überversorgt. Doch die Bürger sind ratlos. Es gebe noch einen weiteren Arzt, doch der mache keine Hausbesuche und habe Insolvenz angemeldet.

Hausärzte-Mangel: Hausärzte verlassen ihre Praxen auf dem Land oder müssen aus Altersgründen schließen
Hausärzte-Mangel: Hausärzte verlassen ihre Praxen auf dem Land oder müssen aus Altersgründen schließen Bild: AP

9 Uhr. Die Demonstranten kommen vor dem kleinen Haus des Arztes an. In der Praxis klingelt ständig das Telefon, nebenbei rattert der alte Nadeldrucker. Arthelferin Gaby Gleich redet Peter gut zu: „Sie müssen da jetzt rausgehen, Chef!“ Die Patienten empfangen ihn mit Applaus. Drinnen hält der 18 Jahre alte Azubi Christopher Schlopat die Stellung. Seine Ausbildung wird er erst im Oktober beenden. Wie das klappen soll, wenn die Praxis geschlossen ist, weiß er auch nicht.

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Eilantrag abgelehnt

9.45 Uhr. Er habe Verantwortung für vier Mitarbeiter und etwa 1500 Patienten im Quartal, sagt Peters in seinem kleinen Arztzimmer mit einem Schreibtisch aus den Fünfzigern und einem abgewetzten weißen Lederstuhl für die Patienten. 37 Schwerstkranke versorgt er. Über seinen Anwalt Hans-Jürgen Brink habe er daher per Eilantrag gebeten, weiterarbeiten zu dürfen. „Beim Sozialgericht Nürnberg sind wir damit abgeblitzt. Jetzt liegt die Sache beim Landessozialgericht in München.“ Zum 1. Januar 2009 werde die gesetzliche Altersgrenze für Zahnärzte aufgehoben, sagt Brink. Die Beschränkung für Allgemeinmediziner bleibt. Begründet wird das mit der möglichen Gefahr für Patienten. Doch eine Privatpraxis dürfe Peter laut Gesetz weiterführen.

Daran hat der Arzt kein großes Interesse. „Es geht mir darum, dass alle hier gut versorgt sind, nicht nur meine 15 Privatpatienten.“ Peter übernahm die Praxis in Wallenfels vor 20 Jahren. Zuvor war er Chirurg an der Universitätsklinik in Frankfurt. Damals investierte er 500.000 Mark. Peter – braune Cordhose, weißes T-Shirt, Sportschuhe – hält ein Röntgenbild ans Licht. Das Geld sei weg, wenn sich kein Nachfolger findet.

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„Es wird sich finden“

10.30 Uhr. Das Wartezimmer ist noch immer voll belegt. „Was sollen wir denn jetzt bloß machen“, sagt Rosa Will, die inzwischen behandelt wurde, nun aber auf ihren Mann wartet. Ein Anderer wird laut: „Die wollen wohl, dass wir uns alle den Strick nehmen. Dabei ist der Doktor doch topfit.“ Unruhe kommt auf. In den Nachbarorten nehmen die Ärzte keine Patienten mehr auf, heißt es. Wo könne man da noch unterkommen? Auch ein paar Meter die Straße hinunter, im Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth, ist die Stimmung schlecht. „Die Ungewissheit ist für unsere Patienten schlimm“, sagt Pflegedienstleiter Bernd Rabitschko. Etwa 20 Prozent der Bewohner müssten sich jetzt einen neuen Arzt suchen. Dabei sei das Vertrauensverhältnis zum Arzt gerade für die Heimbewohner von Bedeutung.

12 Uhr. Die Praxis leert sich. Peter bricht mit dem Auszubildenden zu den Hausbesuchen auf. Auf der Fahrt im silbergrauen Audi schwärmt er von der schönen Landschaft, vom Thüringer Wald, vom Frankenwald. Die Praxis sei eine Goldgrube, sagt er, doch die 100 Kilometer Entfernung zur nächsten Großstadt schreckten junge Kollegen. Bei Franz Horka misst er den Blutdruck, und Barbara Holzmann wird noch eine Gehhilfe verschrieben. Bei Richard Göppner bleibt Peter etwas länger. Der 71 Jahre alte Mann ist seit seinem Schlaganfall im Jahr 2004 ein Pflegefall. Seine Frau Elisabeth versorgt ihn zu Hause. „Wenn mein Mann erbricht und dann plötzlich nicht mehr atmen kann, brauchen wir schnell Hilfe“, sagt sie. Den Doktor konnte sie auch nachts anrufen, er sei immer sofort dagewesen. Wer ihr in Zukunft in der Not helfen wird, weiß sie nicht. Der Arzt redet ihr gut zu. „Es wird sich finden“, sagt er. Auch morgen will er die Praxis öffnen. „Ohne Zulassung als Kassenarzt kann ich jedoch nicht mit der Krankenversicherung abrechnen.“ Auf eigene Rechnung weitermachen? Wie lange will er das durchhalten? Peter zieht die Schultern hoch. „Mal schau’n!“ Weiter zum nächsten Hausbesuch.

Quelle: F.A.Z.
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