Impfgegner und Aids-Leugner

Kreuzzug gegen die Schulmedizin

Von Peter-Philipp Schmitt
16.03.2010
, 10:53
Alternativmediziner freuen sich über Zulauf
Sie geben sich wissenschaftlich und sind doch nur Scharlatane: Trotzdem finden Impfgegner, Aids-Leugner und auch die „Germanische Neue Medizin“ immer neue Anhänger.
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Keine andere sogenannte Impfstudie hat in Europa wohl mehr Schaden angerichtet als die des Briten Andrew Wakefield. Darin behauptete der Mediziner, dass es einen Zusammenhang zwischen der kombinierten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln bei Kindern und - in der Folge - eine erhöhte Autismusrate gebe. Wakefields Untersuchung, die 1998 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ erschien, brachte Verunsicherung, die Impfbereitschaft sank in vielen Ländern Europas beträchtlich. Bis heute beziehen sich Impfkritiker und -gegner auf die Wakefield-Studie. Ausgerechnet die Dreifach-Impfung, die Kinderärzte einsetzen, um ihren kleinen Patienten zwei Stiche weniger verpassen zu müssen, geriet in Misskredit - und mit ihr gleich alle anderen Impfungen.

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Wakefield wurde für seine „Studie“ von impfkritischer Seite bezahlt, er fälschte seine Studienergebnisse, bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis für seine Thesen, stattdessen wird sie in etlichen seriösen Untersuchungen auf der ganzen Welt immer wieder widerlegt, und „Lancet“ widerrief den Artikel Wakefields wegen offensichtlich inkorrekter Teile - das alles bleibt in pseudowissenschaftlichen Werken zum Beispiel eines Hans U. P. Tolzin unerwähnt. Tolzin, der nicht etwa Arzt ist, sondern gelernter Molkereifachmann, betreibt die Internetseite www.impfkritik.de und gibt zudem den „Impfreport“ heraus, eine „Zeitschrift für unabhängige Impfaufklärung“.

Die angeblichen Ergebnisse Wakefields thematisierte er in der Ausgabe „Autismus, Quecksilber, Impfung: Der geleugnete Zusammenhang“. Tatsächlich hatten Impfkritiker schon in den neunziger Jahren versucht, eine Verbindung zwischen dem in geringen Mengen Quecksilber enthaltenden Konservierungsstoff Thiomersal, der in vielen kosmetischen und pharmazeutischen Produkten eingesetzt wird, und dem Auftreten von Autismus bei Kindern herzustellen. Für einen solchen Zusammenhang gibt es bis heute keinen Beweis. Trotzdem halten Impfgegner daran fest. Dass Thiomersal nicht in dem kombinierten Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln enthalten ist (und niemals war), dass überhaupt längst für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar sind - auch darüber gehen Impfgegner hinweg.

Alle, die sich einer Impfung gegen das H1N1-Virus verweigerten, vergessen, dass eine rechtzeitige Impfung etliche zehntausend Schweinegrippe-Opfer wohl gerettet hätte.
Alle, die sich einer Impfung gegen das H1N1-Virus verweigerten, vergessen, dass eine rechtzeitige Impfung etliche zehntausend Schweinegrippe-Opfer wohl gerettet hätte. Bild: dpa

Die böse Pharmaindustrie

Wissenschaftlich überzeugen kann man Gegner der Schulmedizin nicht. Alle Gegenargumente stammen ihrer Meinung nach von einer großen Koalition aus Gesundheitsbehörden, Ärzten und vor allem der Pharmaindustrie. Sie erst mache die Menschheit krank, um an Leid und Elend der Welt so richtig zu verdienen. Tatsächlich scheint gerade das Gewinnstreben der großen pharmazeutischen Konzerne zunehmend auch in Deutschland Menschen auf den Plan zu rufen, die mit der rein wissenschaftlich begründeten Schulmedizin hadern.

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Das einstige Vertrauen in die Errungenschaften des medizinischen Fortschritts ist verflogen, Gesundheit ist zum Selbstverständnis einer Gesellschaft geworden, die nun nach den Nebenwirkungen des Erfolgs und der ständig wachsenden Zahl an Medikamenten fragt. Übertriebene Vorsorge könne doch nicht das Allheilmittel sein, wie allein schon die „angebliche“ Pandemie Schweinegrippe bewiesen habe. Alle, die sich einer Impfung gegen das harmlose H1N1-Virus verweigerten, fühlen sich nun bestätigt - und vergessen dabei, dass es zwar nicht Hunderttausende, aber immer noch etliche zehntausend Schweinegrippe-Opfer gegeben hat, die eine rechtzeitige Impfung wohl gerettet hätte.

Krankheit als Folge von Schockerlebnissen

Alternativmediziner, die eine „natürliche“, „biologische“, „ganzheitliche“ Medizin anbieten, können sich über Zulauf freuen. Leider aber auch Scharlatane wie Tolzin, der Berliner Arzt Garri R. oder der vermeintliche „Wunderheiler“ Ryke Geerd Hamer, der sich auf einer Art Kreuzzug gegen die Schulmedizin sieht. Tolzin bekennt sich ausdrücklich zur „Germanischen Neuen Medizin“ (GNM) des „Arztes“ Dr. Hamer, dem schon vor mehr als 20 Jahren die Approbation entzogen wurde. Trotzdem arbeitet der vermutlich 75 Jahre alte Hamer weiterhin als Mediziner. Deswegen wurde er bereits mehrfach verurteilt. Ihm vertrauen sich verzweifelte Eltern an, deren Kinder an Krebs erkrankt sind und denen sie eine Chemotherapie ersparen wollen. Ihre Hoffnung aber, Hamers „Eiserne Regel des Krebs“ sei mehr als eine abstruse Theorie, wurde meist enttäuscht.

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Hamers GNM, die für alle Lebewesen gleichermaßen gilt, basiert auf fünf „Biologischen Naturgesetzen“ - und ist damit über jeden Zweifel erhaben. Sogenannte Krankheiten entstünden durch ein Schockerlebnis, das Hamer als DHS (Dirk-Hamer-Syndrom) bezeichnet. Sein Sohn Dirk Hamer wurde 1978 auf nicht ganz genau geklärte Weise erschossen, in der Folge erkrankte der Vater an Hodenkrebs. Den Tumor ließ sich Hamer zwar auf konventionelle Weise entfernen, seither aber ist Krebs für ihn ein Teil des natürlichen Heilungsprozesses des Körpers, an dem durchaus auch Viren und Bakterien beteiligt sein können. Diesen Heilungsprozess dürfe man nicht unterbrechen, etwa mit Medikamenten oder anderen schulmedizinischen Eingriffen.

Vielmehr müsse man dem Patienten einfach die Angst vor dem Krebs nehmen, was Hamer „Konfliktlösung“ nennt. Der Verschwörungstheoretiker Hamer ist Antisemit, die Schulmedizin nennt er „jüdisch“. Ob sich daraus auch der Begriff „germanisch“ herleitet, ist nicht ganz klar. Er benutzt ihn gleichbedeutend mit „Freiheit“. Hamer zählt zu den überaus gefährlichen „Alternativmedizinern“. Mindestens 80 Todesfälle von Patienten, die seiner GNM vertrauten und sich trotz einer schweren Erkrankung nicht behandeln lassen wollten, sollen auf sein Konto gehen. Selbstverständlich ist Hamer genauso wie Tolzin auch ein Aids-Leugner, krankmachende Mikroorganismen (etwa Viren) gebe es nicht.

Was nicht passt, wird ignoriert

Damit gehören sie zu einem Zirkel, der auf der ganzen Welt agiert und in seinen Reihen durchaus prominente Mitstreiter weiß - etwa den Molekularbiologen Peter Duesberg oder auch den umstrittenen Arzt Matthias Rath, der Aids auf Vitaminmangel zurückführt. Auch wenn sich ihre Theorien in Nuancen unterscheiden, so verbindet sie doch ihr Kampf gegen das angebliche Pharmakartell, das „den Gesundheits- und Lebensinteressen der gesamten Menschheit den Krieg“ erklärt habe (Rath).

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Dass sie damit offenbar einen Nerv der Zeit treffen, beweisen erfolgreiche Bücher wie „Virus-Wahn“ von dem Journalisten Torsten Engelbrecht und dem Arzt Claus Köhnlein. „Vogelgrippe (H5N1), Sars, BSE, Hepatitis C, Aids: Wie die Medizin-Industrie ständig Seuchen erfindet und auf Kosten der Allgemeinheit Milliarden-Profite macht“ lautet der Untertitel des Werks, das Ängste schüren will bei denjenigen, die ohnehin schon an der Schulmedizin zweifeln. Die Autoren kommen „wissenschaftlich“ daher, unterschlagen aber aktuelle Daten, zitieren und übersetzen aus dem Englischen fehlerhaft, verschweigen neue Studien und Untersuchungen.

Stattdessen greifen sie Verschwörungstheorien auf, die seit Jahrzehnten kursieren, und wiederholen sie gebetsmühlenartig: Aids sei gar keine sexuell übertragbare Krankheit, sondern werde durch die „Sex-Droge Poppers“ verursacht. Und die Spanische Grippe 1918/1919 sei nicht etwa auf ein Influenzavirus zurückzuführen, sondern sei durch „Übermedikamentalisierung und massive Impfkampagnen“ hervorgerufen worden. Dass es zur damaligen Zeit keinen Grippeimpfstoff gab, ignorieren die Impfgegner einfach.

Juliane Sacher gegen Squalen

Manchmal aber müssen auch sie Fehler eingestehen. Als im November die vermeintlich größte Impfaktion in der deutschen Geschichte begonnen hatte, verschickte die Frankfurter Ärztin Juliane Sacher eine Rundmail, in der sie behauptete, der Schweinegrippe-Impfstoff führe bei etwa jedem vierten Geimpften zum mysteriösen Golfkriegssyndrom. Schuld daran seien die Wirkverstärker (Squalen), wie sich schon bei den Soldaten im Golfkrieg gezeigt habe, die ja ebenfalls mit einem Squalen-Impfstoff geimpft worden waren.

Sacher, die keine Kassenzulassung mehr besitzt und unter anderen schon mit Engelbrecht und Köhnlein Bücher veröffentlich hat, musste später öffentlich eingestehen, dass in dem Impfstoff keine Squalen enthalten waren. Trotzdem hatte sie erreicht, was sie eigentlich wollte: Die geringe Impfbereitschaft der Deutschen sank nur noch weiter.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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