Impfungen

Einfluß auf die Influenza

Von Christian Schwägerl, Berlin
06.07.2005
, 17:45
Knappes Gut: Grippe-Impfstoff
Eine tödliche Influenza-Welle in Deutschland? Bislang ist eine solche Katastrophe ausgeblieben. Doch was würde passieren, wenn hierzulande wirklich ein gefährlicher Virus um sich greift? Gäbe es genügend Impfstoff? Deutsche Pandemie-Vorbereitungen.
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In diesen Tagen entscheidet sich, was in Deutschland passiert, sollte demnächst eine tödliche Influenza-Welle um den Globus rasen. Investieren die Gesundheitsminister von Bund und Ländern ausreichend in die Bevorratung von Virenhemmern und den Aufbau von Produktionskapazitäten für Impfstoffe, könnte eine "Weltgrippe", vor der die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, einigermaßen glimpflich verlaufen. Kommt es aber zur Pandemie ohne Vorsorge, ist das Leben Zehntausender in Gefahr.

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Weil die Fachleute vor gefährlichen Influenzaviren warnen, beginnen die Gesundheitspolitiker und ihre Beamten zu handeln. In diesen Tagen legen die Kabinette der Bundesländer fest, in welchen Mengen sie ihre Bevölkerung mit virenhemmenden Medikamenten eindecken. Die Bundesregierung verhandelt mit zwei heimischen Impfstoffherstellern, wieviel die Vorbereitung auf die Produktion von Impfmitteln kosten darf.

Eine Katastrophe blieb bisher immer aus

Deutsche Politiker und Behörden waren bisher bei den Vorbereitungen auch deshalb so zögerlich, weil die WHO schon seit Ende der Neunziger Warnungen ausgibt, bisher aber eine Katastrophe ausgeblieben ist. Es bleibt unklar, nicht ob, sondern wann ein neues Virus entsteht, durch das Millionen Menschen umkommen könnten. Die WHO hält Asien für das wahrscheinlichste Ursprungsgebiet eines neuen "Killervirus", denn dort grassiert die Vogelgrippe. Zugvögel verbreiten das Virus H5N1 von China aus um die ganze Welt. Kommt das Vogelgrippevirus mit dem Erreger der Influenza des Menschen zusammen, könnte aus der Kombination der Gene ein aggressives und hochgradig ansteckendes Virus entstehen, dem das Immunsystem der Menschheit wehrlos ausgeliefert wäre.

Diese Influenza wäre viel stärker als die saisonale Influenza, die jährlich in Deutschland zwischen zwei und acht Millionen Menschen trifft und bis zu 25000 von ihnen tötet. Modellrechnungen des Robert-Koch-Instituts gehen bei einer Pandemie von bis zu 160000 Toten in Deutschland aus, werden nicht rasch Gegenmaßnahmen eingeleitet.

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Krisenplaner denken in großen Dimensionen

Riefe die WHO Pandemie-Alarm aus, stünde Deutschland vor einer existentiellen Bewährungsprobe. Es gälte zunächst, die Einschleppung und Ausbreitung der Krankheit zu verhindern oder wenigstens einzudämmen. Das ist aufgrund der international vernetzten Wirtschaft und des globalen Tourismus schwierig. Faßt ein "Killervirus" Fuß, geht es nach Worten von Werner Schnappauf (CSU), dem amtierenden Präsidenten der Gesundheitsministerkonferenz, primär darum, das Funktionieren des Staates und des Gesundheitssystems sicherzustellen. Die Krisenplaner denken in großen Dimensionen: Sie halten es für möglich, daß das Personal ganzer Kliniken ausfällt, wenn es nicht mit Medikamanten geschützt wird, daß Polizei- und Grenzschutzeinheiten, die eigentlich für Ordnung sorgen müßten, zu Hause bleiben.

Erst wenn Ärzte, Pfleger und Sicherheitskräfte versorgt sind, kann man sich dem Schutz besonders anfälliger Bevölkerungsgruppen zuwenden, also Kindern, Alten und Kranken. In den Ministerien werden derzeit Listen erstellt, in welcher Reihenfolge welche Bevölkerungsgruppen mit Virenhemmern und Impfstoffen versorgt würden. Bis jeder Deutsche zweimal geimpft ist und einen gut funktionierenden Schutz hat, könnte die Pandemie in ihr zweites Jahr gegangen sein.

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Die wichtigsten Waffen sind Medikamente

Neben einer Einschränkung der Reise- und der Bewegungsfreiheit sind die wichtigsten Waffen Medikamente. Virenhemmende Mittel aus der Stoffklasse der Neuraminidase-Hemmer können den Verlauf der Krankheit deutlich abmildern, sofern sie innerhalb von 48 Stunden nach dem ersten starken Fieberschub und dem plötzlichen Kräftemangel eingenommen werden.

Diese Medikamente sind freilich auf der ganzen Welt begehrt. Schnappauf hat nun im Namen der Gesundheitsministerkonferenz eine Rahmenvereinbarung mit zwei Pharmafirmen, Roche und Glaxo, über Virenhemmer in Pulver-, Tabletten- und Sprayform im Wert von 200 Millionen Euro abgeschlossen. Bis Mitte Juli haben die Länder Zeit, innerhalb dieses Rahmens Bestellungen aufzugeben. Die Firmen müßten sich keine Sorgen machen, wenn aus Deutschland keine Bestellung käme: Regierungen in aller Welt versuchen zur Zeit, sich einzudecken.

Auch Hessen will kräftig investieren

Die Bundesländer verhalten sich unterschiedlich. Bayern hat bereits 35 Millionen Euro reserviert, womit sich bei einem Dosispreis von 17,5 Euro eine Ration Medikamente für zwei der elf Millionen Bayern kaufen ließen. Auch Hessen will kräftig investieren. Dagegen ließ der Gesundheitsminister von Sachsen-Anhalt, Gerry Kley (FDP), vor der Gesundheitsministerkonferenz Ende vergangener Woche verlauten, er denke nicht an eine Bevorratung.

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Der Staat solle nicht als Zwischenhändler für Medikamente auftreten. Der Markt habe bisher immer seine Funktion erledigt, "im Bedarfsfall ausreichend Medikamente zur Verfügung zu stellen". Für die Kosten sollten außerdem die Krankenkassen aufkommen, sonst würde ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Nachdem der Generaldirektor der WHO, Jong Wook Lee, eigens zur Ministerkonferenz nach Erlangen gereist war, um für Aufklärung zu sorgen, versucht Kley nun, sein Land an eine Sammelbestellung mehrerer Länder anzudocken.

Bei einer Pandemie sollen die Krankenkassen zahlen

Hamburg will für 76.500 Personen, das sind 4,5 Prozent der Bevölkerung, bevorraten. In anderen Ländern wird noch gerechnet, denn das Geld ist knapp und das Risiko hypothetisch. Kostensparend und möglichst effektiv wollen die nord- und ostdeutschen Länder Bremen, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen einen "Pool" bilden, aus dem sich besonders betroffene Länder im Ernstfall bedienen könnten - wenn alle gleichzeitig betroffen wären, stünden allerdings entsprechend wenige Dosen zur Verfügung. In ihren Beschluß haben die Länder einen Rückholplan für ihre Ausgaben eingearbeitet: Kommt es zu einer Pandemie, sollen die Krankenkassen die Medikamente bezahlen. Im Bundesrat wollen die Länder einen Gesetzentwurf mit dem Ziel einbringen, daß die Bevorratung ganz in die Verantwortung der Krankenkassen übergeht.

Den besten Schutz gegen ein neues Influenzavirus bietet eine Impfung, die den Körper anregt, Antikörper gegen das Virus zu bilden. Doch da die Struktur des Pandemie-Virus nicht bekannt ist, kann man Impfstoffe für den Krisenfall nicht vorhalten. Sie müssen, wenn es soweit ist, erst konzipiert und hergestellt werden. Zwischen dem Alarm der WHO und dem Produktionsbeginn vergehen mindestens sechs Monate. Deutschland hat das Glück, daß in Dresden und Marburg zwei Produktionsstätten für Influenza-Impfstoffe angesiedelt sind. Nur in acht Ländern werden Impfstoffe für die gesamte Welt hergestellt.

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In anderen Ländern sind die Lücken längst gefüllt

Doch die Pharmamanager stehen vor dem Problem, daß sie aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht Produktionskapazitäten für einen Fall schaffen können, der vielleicht erst in vielen Jahren eintritt. In Kanada, Amerika und anderen Ländern haben Regierungen diese Lücke längst gefüllt und sich Servicelösungen gekauft: Gegen bestimmte Summen bauen die Pharmaunternehmen Produktionskapazitäten für weit mehr Impfdosen auf, als sie derzeit absetzen können. Die Bundesregierung führt derzeit zum ersten Mal Gespräche auf höherer Ebene mit einem ähnlichen Ziel. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat sich bereit erklärt, die "Vorbereitungskosten" für die Herstellung eines Pandemie-Impfstoffs zu tragen. War im ersten Nationalen Pandemieplan aber noch von rund 100 Millionen Euro dafür die Rede gewesen, wird im Ministerium nun mit einer Summe "im niedrigen zweistelligen Millionenbereich" kalkuliert. Die Pharmafirmen Glaxo und Chiron schweigen noch darüber, was sie dafür liefern können. Fachleute wie der Erlanger Virologe Bernhard Fleckenstein argwöhnen, daß die Unternehmen ihre monopolähnliche Stellung ausnutzen.

Ohne staatliche Sonderzahlungen entstehen ausreichende Kapazitäten für die Impfstoffproduktion, wenn sich möglichst viele Bürger gegen die saisonale Influenza impfen lassen. Das schützt zwar nicht vor einer Pandemie, macht es aber den Herstellern möglich, im Ernstfall schnell große Mengen des neuen Impfstoffs zu erzeugen. In den vergangenen Jahren hat sich bis zu einem Viertel der Deutschen impfen lassen. Die Gesundheitsminister raten neuerdings allen Deutschen - statt wie bisher nur ausgewählten Risikogruppen - zur jährlichen Grippe-Impfung. Die Pharmaindustrie stellt sich auf eine wachsende Nachfrage ein: Glaxo gab Ende Juni bekannt, man wolle die Produktionskapazitäten in Dresden kurzfristig verdoppeln. Das wurde allseits als erfreuliche Investition begrüßt, die neue Arbeitsplätze schafft - und nicht als Omen einer heraufziehenden Pandemie.

Quelle: F.A.Z., 07.07.2005, Nr. 155 / Seite 7
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