Infektionsrisiken

HIV-positiv trotz „ausgehandelter Sicherheit“

Von Peter-Philipp Schmitt
01.12.2009
, 18:36
Wer das HI-Virus in seine Beziehung eingeschleppt hat, weiß Stephan Roth nicht
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Schwul, Mitte 30 und dann eine HIV-Infektion: In Deutschland ist Stephan Roth kein Einzelfall. Stets versuchte er vor allem junge Schwule über die Ansteckungsrisiken aufzuklären. Kein Wunder, dass ihn sein eigener positiver HIV-Test „eiskalt erwischt“ hat.
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Stephan Roth ist Buddhist. Die kleinen und großen Buddha-Statuen in seiner frisch bezogenen Wohnung im Berliner Stadtteil Friedenau verraten seine Weltanschauung sofort. Wieder einmal beginnt ein neuer Lebensabschnitt für den 38 Jahre alten Erzieher, der derzeit auf Jobsuche ist. Wirklich lange hat es ihn nie an einem Ort gehalten. Seit er erwachsen ist, gab es nur wenig Beständigkeit in seinem Leben. Eine Konstante war allerdings sein Kampf gegen HIV. Ob bei der Aidshilfe in Konstanz, in seiner privat geführten kleinen „Volkshochschule“ in Bad Emstal bei Kassel oder in Thailand, wo er fünf Jahre lang als Übersetzer, Sprachlehrer und zuletzt sechs Monate als Mönch in einem Kloster gelebt hat. Stets versuchte Stephan Roth, vor allem junge Schwule über die Infektionsrisiken beim Sex aufzuklären. Kein Wunder, dass ihn sein eigener positiver HIV-Test im August 2007 „eiskalt erwischt“ hat - zumal sein einziger Bruder, der sieben Jahre jünger und ebenfalls schwul ist, sich schon vor Jahren mit HIV angesteckt hatte.

Schwul, Mitte 30 und dann eine HIV-Infektion: In Deutschland ist Stephan Roth kein Einzelfall. Gerade Männer, die sehr genau wissen, wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann, tauchen seit 2001 vermehrt bei den Neudiagnosezahlen des Robert-Koch-Instituts in Berlin auf. Dass sich die Zahlen seit 2001 von 1443 auf mehr als 2800 im vergangenen Jahr fast verdoppelt haben, liegt besonders an Männern, die Sex mit Männern haben (auch wenn sie nicht immer homosexuell sind). Schuld daran ist nicht etwa eine „neue Sorglosigkeit“, das zumindest versichert die Deutsche Aidshilfe, sondern unter anderem die „Rückkehr“ von anderen sexuell übertragbaren Krankheiten - vor allem ganz massiv der Syphilis. Durch sie wird eine HIV-Infektion begünstigt, wenn denn der Aidserreger ungehindert eindringen kann. Denn gerade die geschwürige Syphilis, die seit der Jahrtausendwende wieder in Deutschland grassiert, erleichtert es dem HI-Virus, an den menschlichen Zellen anzudocken.

„Von mir geht also keine Gefahr mehr aus“

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Stephan Roth ist aber auch in anderer Hinsicht ein typischer Fall. Er hat sich während einer offenen Partnerschaft mit „ausgehandelter Sicherheit“ infiziert, ebenso sein damaliger Freund. Die beiden hatten sich darauf geeinigt, sich zu vertrauen und aufs Kondom zu verzichten, außerhalb der Beziehung aber stets „safe“ (also mit Gummi) Sex zu haben. Der Begriff „ausgehandelte Sicherheit“ (oder auch „Risikomanagement“) stammt von dem Soziologen Michael Bochow. Er erforscht seit vielen Jahren das (Risiko-)Verhalten homosexueller Männer. Demnach lebt rund die Hälfte aller Schwulen in einer Beziehung, davon wiederum rund die Hälfte in offenen Beziehungen - in denen also beiderseitiges Fremdgehen erlaubt ist, meist unter der Maßgabe, sich dabei vor HIV zu schützen. Bis zu 20 Prozent von ihnen geben aber an, „sporadische Risikokontakte“ zu haben.

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Wer letztlich das HI-Virus in die Beziehung von Stephan Roth eingeschleppt hat, weiß der Neu-Berliner nicht. „Wir haben uns nie Vorwürfe gemacht.“ Inzwischen nimmt er täglich Medikamente gegen HIV ein, seine Viruslast liegt dadurch unter der Nachweisgrenze. „Von mir geht also keine Gefahr mehr aus“, sagt Roth. HIV-Infizierte, die regelmäßig ihre Tabletten schlucken und nicht an anderen sexuell übertragbaren Krankheiten leiden, sind nicht mehr ansteckend.

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Insofern geht die größte Gefahr von denjenigen aus, die nicht einmal ahnen, dass sie sich mit dem HI-Virus infiziert haben. In Deutschland sind das etwa ein Drittel der HIV-Positiven. Um sie zu bewegen, sich testen zu lassen, ist Stephan Roth für die Deutsche Aidshilfe zu einem „Rollenmodell“ geworden - als Teil der Kampagne „Ich weiß, was ich tu“. Dabei stellt er sich und seine Geschichte auf Postern, in Broschüren und vor allem im Internet vor, wo viele junge Schwule heute den ersten Sexualpartner finden. Stephan Roth hofft, dass sich durch die Kampagne endlich auch die Männer testen lassen, die von der Aidshilfe bislang nicht erreicht werden - selbst wenn das zunächst zu einem weiteren Anstieg der Neudiagnosezahlen führen wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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