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Jugendliche pflegt ihre Eltern

„Ich bin auch daran gewachsen“

Von Kathrin Runge
 - 21:40

Tabitha, du pflegst sowohl deine Mutter als auch deinen Vater. Wiehat das alles angefangen?

Bei meiner Mutter wurde 2002 multiple Sklerose diagnostiziert, bei meinem Vater kurz darauf Prostatakrebs im Endstadium. Da war ich acht Jahre. Ich kann mich gar nicht mehr richtig daran erinnern, wie es war, bevor meine Eltern krank wurden. Meine Mutter war schon immer extrem schnell aus der Puste, lief an Krücken, mit Rollator und sitzt seit langem im Rollstuhl. Nach ihrer Diagnose hatte mein Papa begonnen, ein behindertengerechtes ebenerdiges Haus zu bauen, und während dieser Zeit selbst erfahren, dass er Krebs im Endstadium hat. Wir haben gefühlt alle Therapien mitgemacht, die es gibt, innere und äußere Bestrahlungen, Chemo, Medikamente. Als kleines Kind habe ich davon natürlich nicht so viel mitbekommen sollen, aber mit der Zeit war ich immer mehr eingebunden.

Und wie geht es den beiden heute?

Bei meiner Mama wird es eben nach und nach immer schlechter, sie kann weder stehen noch gehen, keinen Stift oder Löffel halten. Aber von beiden ist sie trotzdem die Fittere. Bei meinem Vater sind vor zwei Jahren motorische Ausfälle aufgetreten, ihm sind also die Beine dauernd weggeknickt, und die Schmerzen wurden trotz Morphiums immer heftiger. An einem Abend im letzten Juni war es so schlimm, dass ich ihn in die Notaufnahme gebracht habe, wo das Ganze erst einmal überhaupt nicht ernst genommen wurde. Nachdem das Wochenende im Krankenhaus vorbei war, wurde er plötzlich notoperiert. „Beten Sie, dass ihr Vater durchkommt“, hat der Arzt mir am Telefon gesagt. Das war der schlimmste Tag in meinem Leben.

Dein Vater hat überlebt.

Ja, aber der Tumor konnte nicht entfernt werden und hat das Rückenmark stark geschädigt. Er ist seitdem querschnittsgelähmt und liegt 24 Stunden zu Hause in seinem Pflegebett. Er hat überall Tumore, in den Knochen, im Gehirn, in den Organen. Trotz der Lähmung hat er furchtbare Schmerzen, weil seine Nervenbahnen noch teils funktionieren und Gefühle transportieren.

War von vornherein klar, dass du ihn selbst pflegen würdest?

Der Arzt meinte nach der OP: „Sie nehmen Ihren Vater sicher nicht mit nach Hause. Entweder er stirbt hier, oder er kommt ins Hospiz.“ Aber ich könnte meinen Vater nie weggeben. Er hat alles für mich getan, egal wie es ihm selber ging. Dafür bin ich ihm unheimlich dankbar. Meine Eltern sind mein Ein und Alles. Ich will, dass sie so würdevoll wie möglich leben können. Wir hatten schon immer ein richtig gutes Verhältnis. Sonst würde das alles auch nicht so funktionieren.

Hast du gewusst, was dich erwartet?

Während mein Vater im Krankenhaus und auf Reha war, habe ich mich natürlich um alle Hilfsmittel gekümmert, also geschaut, dass er ein Pflegebett daheim hat und alles Wichtige vorbereitet war. Aber wie man jemanden im Bett wäscht und sauber macht, wie richtige Lagerung funktioniert, davon hatte ich null Ahnung. Das habe ich alles nach und nach gelernt.

Wie sieht ein typischer Tag bei euch aus?

Ich wohne ja mit im Haus meiner Eltern, nur eine Etage über ihnen. Außer dass ich zum Einkaufen und ab und an in die Uni gehe, bin ich eigentlich immer zu Hause. Als Erstes mache ich morgens meine Mama fertig. Dann wasche ich Papa, entleere seinen Urinbeutel, creme ihn ein, damit er nicht wundliegt, und mache Frühstück. Das dauert ungefähr bis 11.30 Uhr. Mit meinem Papa mache ich mehrmals am Tag Krankengymnastik, also bewege und mobilisiere ihn. Ich kümmere mich um den Haushalt, koche für uns und helfe meinen Eltern beim Essen. Meiner Mama fällt zum Beispiel alles aus der Hand, sie kann kein Essen schneiden oder aus dem Glas trinken. Nebenbei schreibe ich gerade an meiner Bachelorarbeit. Im Studium kann ich glücklicherweise vieles online machen, ich habe also nur wenig Präsenzpflicht.

Wie geht es dir mit deiner Situation?

Es schwankt. Die Zeiten, in denen ich dauernd geweint habe, sind vorbei. Manchmal denke ich, mein Papa lebt noch Jahre, kurz drauf, hoffentlich überlebt er noch diese Woche. Dementsprechend geht’s mir seelisch auch mal so, mal so. Zu Hause versuche ich ein bisschen, den Klassenclown zu spielen, meinen Vater zum Lachen zu bringen, also die Stimmung insgesamt positiv zu halten. Wenn er vor Schmerzen weint, hilft natürlich auch kein Scherz mehr.

Kannst du mit jemandem über solche Themen reden?

Ich habe das Glück, dass mich meine beste Freundin total versteht und sogar unterstützt, selbst wenn ich meinen Vater wickeln muss oder Ähnliches. Aber insgesamt haben sich in all den Jahren viele Freunde von mir distanziert. Wenn ich gefragt wurde, ob ich mit ins Kino mag, musste ich eben oft sagen, ne, geht nicht, ich muss meinen Vater bettfertig machen. Inzwischen habe ich auch Freunde über Instagram, wo ich einen Food-und-Fitness-Kanal habe. Das Posten und Fotografieren geht ja gut von zu Hause aus. Und es gibt mir viel Kraft, auch andere zu inspirieren, weshalb ich mich vor kurzem sogar dazu entschlossen habe, meine Geschichte auf meinem Blog zu erzählen.

Brauchte es deiner Meinung nach spezielle Anlaufstellen für junge Pflegende wie dich?

Früher hätte ich definitiv jemanden zum Reden gebraucht. Als Kind war es für mich unglaublich schwierig, wenn andere zum Beispiel in den Urlaub fuhren und wir immer daheim bleiben mussten, damit alle Ärzte in der Nähe sind, wenn etwas passiert. Während der Schulzeit habe ich mich mal auf die Suche nach einer Psychologin gemacht, aber da waren die Wartezeiten ewig. Heute brauchte ich eher jemanden, der mich ein bisschen entlastet, damit ich zum Beispiel mal drei oder vier Stunden in die Stadt zum Shoppen fahren könnte.

Warum habt ihr keinen Pflegedienst engagiert?

Wir haben es eine Zeitlang mit einem versucht, aber ich hatte mir darunter etwas komplett anderes vorgestellt. Letztlich war der total unzuverlässig und unfreundlich, ist nicht zum Versorgen meiner Eltern gekommen, während ich in der Uni war. Nachdem das mehrmals passiert ist, habe ich noch andere Pflegedienste kontaktiert, aber die hatten dann keine Kapazitäten frei oder ein anderes Einzugsgebiet. Jetzt mache ich es eben erst mal weiter allein.

Und was ist mit Familie oder Bekannten deiner Eltern?

Ganz ehrlich? Freunde und Verwandte verpissen sich sehr schnell, sobald es hart wird. Wir haben mit den meisten Familienmitgliedern deswegen schon lange keinen Kontakt mehr.

Was belastet dich momentan am meisten?

Gar nicht mal unbedingt die Arbeit, sondern all das, was mit meinem Vater nicht mehr geht. Ich bin ja quasi seit Jahren damit konfrontiert, dass er bald stirbt. Er sagt inzwischen oft, er möchte eigentlich nicht mehr leben. Dass er nur noch lebt, damit er mich am nächsten Tag noch sehen kann. Trotz allem hat er immer noch Hoffnung, sagt, dass das Leben mit ihm so etwas nicht geplant haben kann. Die Hoffnung bewirkt so viel. Das strahlt natürlich auf mich ab. Ich bin daran gewachsen, stark geworden. Ich glaube nicht, dass mich in meinem Leben noch irgendwas schockieren kann.

Wie soll es bei euch weitergehen, wenn du dein Studium abgeschlossen hast?

Nach dem Bachelor will ich erst mal den Master machen. Der dauert ja auch zwei Jahre. Wenn ich danach in den Beruf einsteigen und arbeiten will, dann müsste ich meinen Vater definitiv abgeben. Aber bis dann kann sich so viel ändern. Ich habe mir schon lange abgewöhnt, so weit in die Zukunft zu denken.

Hilfe

Auf den folgenden Internetseiten können junge Pflegende Kontakt finden:

www.superhands.at

Österreichische Online-Plattform der Johanniter

www.echt-unersetzlich.de

Online-Beratung aus Berlin für Jugendliche und junge Erwachsene mit kranken oder behinderten Familienmitgliedern

www.stiftung-familienbande.de

Information und Beratung für Geschwister behinderter und kranker Kinder

www.kinder-krebskranker-eltern.de

Unterstützung für Kinder krebskranker Eltern, Mainz

www.youngcarers.de

Seite für Kinder mit kranken, behinderten Eltern oder Geschwistern in Bad Bramstedt und Umgebung

www.Kidkit.de

Für Kinder und Jugendliche mit süchtigen oder psychisch kranken Eltern

Quelle: F.A.S.
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