Japan

Der Natto-Zaubertrank

Von Anne Schneppen
24.01.2007
, 11:23
Sojabohnen als Wundermittel?
Das klingt gut: In zwei Wochen bis zu sieben Pfund verlieren. Möglich ist das mit vergorenen Sojabohnen. Oder doch nicht? Ein Japan im Diätwahn lässt sich an der Nase herumführen. Schuld daran ist ein Fernsehsender.
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Essen und trotzdem abnehmen - das versprechen viele Diäten. In Japan wurde diese wundersame Wirkung nun ausgerechnet einer Speise nachgesagt, die so urjapanisch ist wie Sushi und Sobanudeln. „Natto“ - vergorene Sojabohnen - galt schon seit je als gesund. Dem Volksglauben nach ist die schleimig-braune Masse gegen allerlei Gebrechen gut, wirkt angeblich gegen Thrombosen, zu hohe Cholesterinwerte oder beugt sogar Krebs vor. Einige japanische Männer hoffen damit die drohende Glatze zu verhindern, und so manche Großmutter schwört, dass sie ihr hohes Alter auch dem Verzehr von Natto zu verdanken hat.

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Dabei sind die fermentierten Bohnen keineswegs nach jedermanns Geschmack. Für ausländische Besucher gehört der Natto-Test zu den obligatorischen Einführungen in die Geheimnisse der japanischen Küche: zum Frühstück, mit Reis, Senf und gehackten Zwiebeln. Aber auch für viele Japaner ist Natto gewöhnungsbedürftig - wegen des strengen Schimmelkäse-Geruchs, der nicht gerade appetitanregenden Optik oder der klebrigen Spinnweben, die man unweigerlich mit den Stäbchen nach sich zieht.

In zwei Wochen bis zu sieben Pfund

Anfang Januar pries dann eine beliebte Fernsehshow einen bislang ungeahnten Effekt des kulinarischen Kulturguts: Wenn regelmäßig morgens und abends verzehrt, könne man mit Natto in zwei Wochen bis zu sieben Pfund verlieren. Am Tag nach der Sendung setzte in Japan eine Natto-Blüte ein, die Regale von Supermärkten waren wie leer gefegt, die Natto-Produzenten wurden der Nachfrage nicht mehr Herr.

Plötzlich konnten die Geschäfte doppelt so viele fermentierte Sojabohnen verkaufen, Millionen wollten abnehmen, ganz einfach, mit Natto. Doch so schnell, wie der Boom losgetreten wurde, konnten die Hersteller nicht liefern, denn die Produktion von Natto dauert mehrere Tage, ein längerer Einweich- und Gärprozess mit unterschiedlichen Temperaturen, bei dem Bakterien kräftig arbeiten müssen.

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Nicht maßlos übertrieben, sondern frei erfunden

Große Hersteller schalteten Zeitungsanzeigen und entschuldigten sich für das knappe Angebot, in den Fabrikhallen wurden Überstunden angesetzt. Als die neuen Bohnenberge gerade fertig gegoren waren, kam die bittere Wahrheit ans Licht: alles Lug und Trug. Die im Auftrag der Kansai Telecasting produzierte Fernsehserie „Aufgedeckt! Enzyklopädie des Lebens!“ hatte nicht nur maßlos übertrieben, sondern frei erfunden. Der Präsident der Fernsehgesellschaft musste sich am Wochenende entschuldigen: „Wir haben das Vertrauen unserer Zuschauer missbraucht.“

Die Produzenten hatten im Sinne ihrer Fernsehshow Einfallsreichtum gezeigt, die Daten ganzer Versuchsreihen kreiert. Ein falscher Professor wurde vorgeführt, und die acht Testpersonen sind, wie es scheint, nicht durch Natto dünner geworden. So schnell sie sich aufgeschaukelt hatte, so schnell verflachte die Natto-Welle wieder, und die Läden sitzen jetzt auf Bergen bestellter Ware, die nur eine Haltbarkeitsdauer von einer Woche hat. Trotz der öffentlichen Abbitte behauptet Kansai Telecasting nach wie vor: Die Diät wirkt. Doch Japans Schlankheitsjünger haben sich schon abgewendet und halten Ausschau nach dem nächsten Zaubertrank.

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Quelle: pen., F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 9
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