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Jugendliche pflegen Angehörige

Kleine mit großer Last

Von Katrin Runge
 - 13:45
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland Familienangehörige pflegen, ist längst nicht so gering wie häufig angenommen. Bild: Medicimage Ltd/AGE/F1online

Während ihre Kommilitonen mittags in die Mensa gehen, füttert Tabitha Maria Scheuer erst ihre Eltern, bevor sie selbst zum Essen kommt. Sie kümmert sich um die Medikamente und Körperpflege, ums Mobilisieren und Waschen, ums Eincremen und das Versorgen von Wunden. Tabitha ist 21 Jahre alt und studiert Betriebswirtschaftslehre, allerdings mehr oder weniger nebenbei. Denn hauptsächlich kümmert sie sich rund um die Uhr um ihren krebskranken Vater und ihre Mutter, die multiple Sklerose hat.

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Tabitha gehört zu einer Gruppe von pflegenden Menschen, die in der öffentlichen Wahrnehmung und in der zum Teil zurzeit kontroversen Diskussion um Pflegezeiten, Pflegegesetze und Pflegenotstand kaum vorkommen. Dabei ist es eine Gruppe, die längst nicht so klein ist, wie vielleicht häufig angenommen wird. Es geht um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die ihre Familienmitglieder pflegen.

Die Aufmerksamkeit beim Thema pflegende Angehörige richtet sich bislang fast ausschließlich auf längst erwachsene Kinder und Partner alter Menschen. Über sie wird bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesprochen, für sie gibt es Selbsthilfegruppen und politische Initiativen. Dass auch junge Menschen bei der Pflege und Versorgung von Angehörigen mit- oder sogar hauptveranwortlich sind, ist wenig bekannt. Das hat unterschiedliche Gründe.

Wer ein Young Carer ist, wird unterschiedlich definiert

Zum einen nehmen sich einige von ihnen selbst nicht als Pflegende wahr, zum anderen sprechen die meisten nicht darüber, dass sie in jungen Jahren andere pflegen. Teilweise schämen sie sich dafür, teilweise finden sie schlichtweg keinen Ansprechpartner, keine Anlaufstelle. Auch deswegen gibt es kaum Zahlen und Informationen über die sogenannten „Young Carers“.

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Anfang dieses Jahres hat das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) die Ergebnisse einer ersten deutschen repräsentativen Studie veröffentlicht, nach der fünf Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren regelmäßig pflegerische Aufgaben übernehmen. Hochgerechnet wären dies etwa 230.000 der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland. Internationalen Schätzungen zufolge sind etwa zwei bis vier Prozent aller Kinder und Jugendlichen in den westlichen Ländern pflegende Angehörige. Sie kümmern sich regelmäßig um alte, behinderte oder chronisch kranke Familienmitglieder, manche eher unterstützend, andere rund um die Uhr. Die Dunkelziffer an Betroffenen dürfte hoch sein.

Wer ein Young Carer ist, wird international unterschiedlich definiert. Während in Australien oder Neuseeland junge Erwachsene bis 25 Jahre dazugehören, bei denen Berufseinstieg und Familiengründung wichtige Themen sind, sind deutsche Zahlen meist auf Minderjährige bezogen. Auch die Frage, wann aus Helfen und Unterstützen ein Pflegen wird, wird nicht einheitlich beantwortet.

„Die Grenzen sind fließend“, sagt die Pflegewissenschaftlerin Sabine Metzing. An der Universität der Professorin in Witten/Herdecke wird derzeit eine großangelegte Studie zu Young Carers durchgeführt, für die erste Ergebnisse im Herbst erwartet werden. Um als pflegend zu gelten, gehört in der Studie deutlich mehr dazu, als ab und an im Haushalt mitzuhelfen – beispielsweise zusätzlich Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme, Mobilisierung und Ernährung.

Negative psychische und soziale Folgen

Es sind junge Menschen, die wie Tabitha ihre kranke Mutter pflegen oder ihren dementen Opa betreuen, ihre chronisch kranken Geschwister zu Terminen begleiten, ihren behinderten Bruder wickeln. „Die meisten übernehmen ihre Rolle sehr selbstverständlich“, so Metzing. Auch für Tabitha stand von Anfang an fest, dass sie ihre kranken Eltern selbst zu Hause betreuen möchte. Auch wenn es anstrengend und psychisch wie physisch manchmal kaum aushaltbar ist.

„Kinder und Jugendliche können nicht gegen Erkrankungen von Angehörigen abgeschirmt werden“, sagt die Pflegewissenschaftlerin Metzing. In gewissem Maße könnte Pflege auch positive Auswirkungen haben; manche Young Carers berichten von einem größeren Familienzusammenhalt, erzählen, die Pflegeaufgaben hätten sie stärker gemacht. Sobald diese Aufgaben aber den Alltag der Betroffenen dominieren, kann die Verantwortung für einige zu groß werden – mit negativen psychischen und sozialen Folgen.

In der ZQP-Studie gab mehr als die Hälfte der betroffenen Jugendlichen an, sich viele Sorgen um den Angehörigen zu machen; fast ebenso viele fühlen sich von ihren Aufgaben belastet. Die Jugendlichen sehen, wie schwere Krankheiten oder Behinderungen ihre Geschwister, Eltern oder Großeltern immer schwächer machen.

Zeit und Muße für Hobbys, Freundschaften oder die Schule fehlen, der Einstieg in den Beruf ist viel schwerer als für andere Gleichaltrige. Viele ziehen sich zurück und isolieren sich. „Oft ist die Pflegesituation nach außen auch gar nicht bekannt“, so Sabine Metzing. „Wenn sich die Betroffenen nicht Freunden oder Lehrern anvertrauen, haben sie kaum andere Möglichkeiten, auch anonym über ihre Situation zu sprechen.“

Zugang falle sowohl Wissenschaftlern als auch Praktikern schwer

Bislang gibt es in Deutschland kaum etablierte Initiativen, die sich explizit um die Situation pflegender Kinder und Jugendlicher kümmern. Eine flächendeckende Unterstützung für die Zielgruppe fehlt völlig; es handelt sich in erster Linie um einzelne, oft regional sehr begrenzte Angebote.

Andererseits fällt der Zugang zu dieser Gruppe sowohl Wissenschaftlern als auch Praktikern schwer. „Pflegende Kinder und Jugendliche sprechen eher selten über die Arbeit, die sie zu Hause leisten. Je größer der Unterstützungsbedarf, desto unsichtbarer die Familie“, so Metzing. Manche schämen sich für ihre Situation. Andere haben Angst, weil sie eine Einflussnahme von außen, etwa dem Jugendamt, befürchten.

Am ehesten erreicht man die Kinder und Jugendlichen über soziale Netzwerke, so die Erfahrungen aus anderen Ländern. Zum einen, weil Online-Dienste immer verfügbar sind, zum anderen, weil die Betroffenen sich im Netz vergleichsweise einfach austauschen und auch anonym um Rat fragen können.

In Großbritannien, wo das Bewusstsein für Young Carers im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt ist, gibt es mit „Babble“ und „Matter“ seit 2015 zwei spezielle Social-Media-Plattformen. In Österreich haben die Johanniter schon 2012 die Seite „superhands.at“ initiiert, auf der neben Informationen und Beratung auch Unterstützung angeboten wird. Für Deutschland planen die Johanniter derzeit, eine ähnliche Plattform ins Leben zu rufen, zusammen mit einer bundesweiten Hotline. Sie soll Mitte 2017 online gehen und vielleicht eine Anlaufstelle für Menschen wie Tabitha sein.

Quelle: F.A.S.
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