Nach der Schwangerschaft

Einmal Babybauch und nicht ganz zurück

Von Sigrid Tinz
04.09.2007
, 14:36
Eine Schwangerschaft hat viele Nachwirkungen
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Nach der Entbindung sollte die junge Mutter ihren Körper wieder in den Zustand von vor der Schwangerschaft bringen - mit viel Geduld und noch mehr Gymnastik. Trotz aller Kurse in Rückbildungsgymnastik bleibt die Frage: Geht das überhaupt?
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„Halten, halten, meine Damen“, schallt es durch den Raum. „Halten“, und zwar den Liegestütz oder - bäuchlings auf der Yogamatte - die Kobrastellung. Anderswo sitzen zehn Frauen im Kreis, stellen sich vor, sie säßen mit bloßem Hintern auf einer Wiese und würden Gras rupfen. Hier schweben Frauen auf Poolnudeln durchs Schwimmbecken, da hopsen welche auf einem Riesentrampolin, dort massieren sie sich gegenseitig mit Noppenbällen, und dort rollen sie ihre Babys auf Pezzibällen hin und her.

Was haben alle diese Frauen quer durch Deutschland gemeinsam? Sie haben vor einigen Wochen ein Kind bekommen und besuchen jetzt einen sogenannten Rückbildungsgymnastikkurs. „Dessen Ziel ist im Wesentlichen, negative schwangerschafts- und geburtsbedingte Folgeerscheinungen zu reduzieren“, sagt Heike Hesterberg, Hebamme, Hebammentrainerin und Referentin an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Der Beckenboden ist traumatisiert

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Im Wesentlichen am Beckenboden. Denn dieser Boden - der mehr ein Netz ist aus Muskeln, die sich in drei Schichten längs und quer und übereinanderspannen zwischen Schambein, Kreuzbein und Hüftknochen -, dieser Boden hat sich bereits in der Schwangerschaft durch Hormone gelockert; er ist vom Baby gedehnt worden, wenn das Köpfchen sehr groß war oder die Austreibungsphase lang; die Muskeln wurden durch Dammschnitt, Zange oder Kaiserschnitt verletzt, oft auch die Nerven. Der Beckenboden einer jungen Mutter ist traumatisiert, sagen die Mediziner: wund, geschwollen, taub. Und schlaff. Dann hält er dem Druck nicht stand, sondern gibt nach: Blase, Gebärmutter, Darm drücken nach unten; Stuhl oder Blähungen entweichen, ohne es zu sollen. Senkung und Inkontinenz heißt dann die Diagnose.

Der Zusammenhang ist bei Frauenärzten, Hebammen und Krankengymnastinnen anerkannt, die Daten sind allerdings vage. „Zwischen fünf und 25 Prozent aller Frauen sind betroffen“, sagt Nikola Bauer vom Verbund Hebammenforschung der Fachhochschule Osnabrück, „je nach Methode und Zusammensetzung der Umfrage und je nach der Definition der Beschwerden.“ „30 bis 50 Prozent der Frauen zumindest vorübergehend während der Schwangerschaft und danach“, sagt der Chefarzt der Braunschweiger Frauenklinik, Heiko Franz.

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Inkontinenz und Senkungen vorbeugen

Also müssen die Frauen ihre Beckenböden wieder straffen. Beckenbodenmuskeltraining beugt Inkontinenz und Senkungen vor und kann Symptome bessern, das wurde durch eine große australische Übersichtsstudie vor zwei Jahren eindeutig bestätigt. Leider sagen die Forscher nichts über die Art des Beckenbodenmuskeltrainings. Auch die Krankenkassen haben keine genauen Vorstellungen vom Inhalt dieser Kurse, die sie ihren Versicherten nahelegen und bezahlen. „Wer Hebamme ist oder wer als Krankengymnastin einen entsprechenden Antrag gestellt hat, kann Rückbildungsgymnastik anbieten“, lautet die immer gleiche Antwort von DAK bis Techniker Krankenkasse. Ein spezielles Zertifikat werde nicht verlangt, ob und wie es in der Ausbildung gelehrt wurde - verständlicherweise kurz und knapp, weil es um Geburtshilfe geht und nicht um Sportdidaktik - und wann diese Ausbildung absolviert wurde, sei unerheblich.

Aber früher war doch manches schlechter. Jahrzehntelang wurde zum Beispiel empfohlen „Scheide und Po zusammenzukneifen“ - das stärkt tatsächlich die um die Ausscheidungsöffnungen herum verlaufenden Schließmuskeln. Aber auch nur die. Das ist zu wenig, weiß man heute und kann überdies zu Verkrampfungen führen. Auch „Pipi-Stopp“ war lange in. „Die Blase arbeitet unwillkürlich, wenn sie sich entleert“, erklärt Ursula Peschers, Urogynäkologin und Sprecherin des wissenschaftlichen Beirates der AG Beckenboden im Deutschen Grünen Kreuz. Wer auf der Toilette einhalte, müsse bewusst Muskeln anspannen. „Das trainiert, aber es irritiert die Blase.“ Erstens könne eventuell zurückbleibender Urin Entzündungen begünstigen. Und zweitens wüssten die Nerven irgendwann nicht mehr genau, was „voll“ ist und ob „voll“ auch wirklich „Wasserlassen dürfen“ bedeutet.

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Es schadet nicht und nützt auch was

Bei vielen Kursleiterinnen ist das mittlerweile Stand des Wissens. Sie trainieren sanfter und versuchen mit ihren Übungen auch die zweite, größere, organhaltende Beckenbodenschicht zu erreichen: Nicht mehr nur die Schließmuskeln werden zusammengezogen, sondern auch die Sitzhöcker - und sie lassen die Teilnehmerinnen eine imaginäre Aprikose in der Scheide rollen, schälen und zerquetschen.

Das schadet nichts, zumindest nach derzeitiger Studienlage, und nützt auch was. Der aktuelle anatomische Erkenntnisstand geht aber über den durchschnittlichen Kursstandard weit hinaus: Danach ist der Beckenboden nicht nur der Deckel auf dem Unterleib, sondern so etwas wie das Zentrum der Statik und Dynamik. Und die große, breite, innerste, dritte Schicht ist die wichtigste. „Die innerste Beckenbodenschicht heißt in der Fachsprache Levator Ani und ist unten am Damm mit den beiden anderen Beckenbodenschichten verbunden“, erklärt die Autorin und Therapeutin Benita Cantieni. „Vorne am Schambein mit den Bauchmuskeln, seitlich mit den Hüften und hinten mit der Rückenmuskulatur. Wird der Levator Ani aktiviert, strafft, dehnt und stärkt er über all diese Verbindungen die gesamte Tiefenmuskulatur. Der ganze Körper richtet sich auf.“ Und das bessert oder heilt nicht nur Inkontinenz und Senkungen, sondern entkrampft Rücken, Nacken, Schultern und beugt Beckenschiefstand und Rundrücken vor, Problemen, die viele junge Mütter vom Stillen, Wickeln und Auf-der-Hüfte-Tragen haben. Zahlreiche Frauen können erstaunliche Erfolge berichten: Tröpfeln weg - ganz ohne Kneifübungen - Hohlkreuz und Rückenschmerzen auch, Gebärmutter ärztlich bestätigt wieder am Platz, Operation vermieden, Toben mit den Kindern kein Problem mehr, Reiten, Waldläufe, Blumenkübel wuchten auch nicht. Schon nach einer Schnupperstunde fühlt man sich bis auf die Knochen massiert und zehn Zentimeter größer - jedenfalls muss der Autospiegel verstellt werden.

Beim vierten Kind schafft es kaum noch eine

„Die Übungen sind toll, aber kompliziert“, sagt Nikola Bauer, sagen Frauenärzte aus Braunschweig, Physiotherapeutinnen aus Westfalen und Baden, Hebammen aus Warendorf, Karlsruhe und Kerken. „Sie sind anfangs herausfordernd“ sagt Benita Cantieni selber. Und das ist ein Problem: Die „Wochenbettgymnastik“ genannten Atem- und Wahrnehmungsübungen, die ihnen die Klinik-Physiotherapeutin oder die Nachsorgehebamme gezeigt haben, turnen die meisten Frauen noch fleißig, zumindest regelmäßig. Sagen sie. Zu den üblichen kassenfinanzierten Rückbildungsgymnastik-Terminen gehen nach Schätzungen verschiedener Hebammen und Gynäkologinnen zwischen 40 und 60 Prozent der Frauen. Nach dem ersten Kind kommen noch viele, beim vierten schafft es kaum noch eine. Aber auch wer nur seinen Kurs ableiste, tue zu wenig, so die häufige Meinung der Hebammen. „Zwei Kurse wären ideal“, sagt die eine. „Zweimal pro Woche sollten die Frauen zu Hause turnen“, eine andere. „Besser fünfmal.“ Gleich nach dem Aufstehen sei dafür die beste Zeit. Oder direkt nach dem Stillen, wenn das Kleine schläft. „Und überall gelbe Zettelchen hinkleben“, sagt eine Dritte, „um dran zu denken, beim Zähneputzen, Telefonieren, Kaffeetrinken die Sitzhöcker zusammenzuziehen und mit dem Po zu blinzeln.“ Oder, meint eine Vierte, medizinisch anerkannte Beckenbodentrainingshilfen - kleine Gewichte, sogenannte Vaginalkonen - in sich herumtragen.

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Beckenbodenübungen in den Alltag integrieren

Ein schlaffer Beckenboden galt früher als Schicksal der Frauen. Heute weiß man, was schadet und was nützt. „Den Frauen fehlt oft Disziplin“, konstatiert so mancher Frauenarzt, so manche Ärztin. Also ist jede selbst schuld? Oder sind, wenn die üblichen Beckenbodenübungstipps nicht ins Leben vieler junger Mütter passen, vielleicht die Tipps und die Übungen schuld - und nicht die Mütter?

„Ein aktiver Beckenboden ist weniger eine Frage regelmäßiger Gymnastikportionen als eine der Haltungs- und Bewegungsgewohnheit“, sagt die Therapeutin Irene Lang-Reeves. Der aktive Beckenboden richtet den Körper auf und umgekehrt aktiviert ein aufgerichteter Körper den Beckenboden. „Wer sich angewöhnt, beim Niesen oder Husten den Rücken gerade zu halten, statt eingekrümmt die Beine zusammenzupressen, wird kaum mehr tröpfeln.“ Lang-Reeves steigt in ihren Kursen mit den Frauen Treppen, mit Büchern auf dem Kopf. Sie übt mit ihnen den Ausfallschritt, das richtet den Körper automatisch auf und weckt den Beckenboden. Die Frauen saugen Staub und sammeln Legosteine ein - mit Beckenbodeneinsatz. Lang-Reeves Erfahrung: „Die meistgehassten Hausarbeiten werden so nicht nur erträglich - weil der Beckenboden aktiviert und nicht überlastet wird -, sondern sogar zur Trainingseinheit.“ „Viel gehen, sich bewegen“, empfiehlt sie noch dazu. Barfuß laufen auf holprigem Untergrund, Balancieren, das sei besonders gut, denn da brauche man automatisch den Beckenboden, um das Gleichgewicht zu halten. Dann ist der Beckenboden fit, wenn es drauf ankommt: beim Lachen, Heben, Schleppen und Treppablaufen.

Gebären ist der Auslöser Nummer eins

Allerdings: Für diese „Alltagsintegration“, wie sie es nennt, brauchen die meisten Frauen ein paar Übungseinheiten. Denn um den Beckenboden zu benutzen und zu kräftigen, muss man ihn erst einmal spüren. Und das haben die meisten Erwachsenen verlernt. Sie bemerken ihren Beckenboden erst, wenn er Probleme macht. Und das ist nicht nur bei jungen Müttern so. Es gibt junge, kinderlose und inkontinente Frauen, Ordensschwestern mit Gebärmuttervorfall. „Veranlagung, schwere körperliche Arbeit, chronischer Husten oder chronische Verstopfung sind ebenfalls Risikofaktoren“, sagt Ursula Peschers. Bandscheibenvorfälle, Senkspreizfüße und krumme Rücken sind Volkskrankheiten. Und Männer mit einem fitten Beckenboden seien potenter, heißt es, und - das steht fest - nach einer Prostataoperation gar nicht oder weniger oder kürzer inkontinent.

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Allerdings: Gebären ist der Auslöser Nummer eins, das ist die einhellige Meinung. Übrigens schützen auch Kaiserschnittentbindungen nicht vor Beckenbodenschwäche, besonders die große, dritte Schicht kann dabei Schaden nehmen. Frisch entbunden ist deshalb das Wichtigste, das Wochenbett wortwörtlich ernst zu nehmen. Es heißt nicht Tagebett. Plazentawunde und eventuelle Risse und Schnitte und Nähte heilt die Zeit, und auch die eigentliche Rückbildung braucht Geduld und Schonung und geht meist von allein: Die medizinballgroße Gebärmutter zieht sich innerhalb einiger Tage bis weniger Wochen zusammen und verschwindet wieder hinter dem Schambein; Bindegewebe und Bänder brauchen länger.

Wer massiv leidet, sollte eine Einzeltherapie machen

Ein Rückbildungskurs ist erst nach einigen Wochen sinnvoll, wenn Mutter, Vater, Kind ihren Rhythmus gefunden haben. Die Krankenkassen zahlen zehn Termine à 6,50 für Frauen, die bis zum vierten Monat nach der Geburt mit der Gymnastik beginnen. Das ist ein finanzieller Aspekt, gesundheitlich aber nicht entscheidend. Keine Studie benennt einen bestimmten Zeitpunkt, ab dem es zu spät sein könnte. Je mehr Beschwerden eine Frau hat, je länger sie wartet, je seltener sie Zeit findet, desto langwieriger das Training, das wohl. Aber immer möglich. Wer schon vor der Schwangerschaft Probleme mit Inkontinenz und Senkungen hatte oder nach der Entbindung massiv darunter leidet, sollte sich ohnehin eine gezielte Einzeltherapie verschreiben lassen.

Was ist ein guter Kurs? Es muss nicht unbedingt Cantienica sein, nicht Bebo-Konzept, Beckenboden im Alltag nach Lang-Reeves, nicht Yoga, Feldenkrais oder spezielles Rückbildungsschwimmen. Danach fragen können Frauen schon - und sei es, um herauszufinden, ob die Kursleiterin kompetent erklären kann, aus welchen Gründen sie welche Übungen nach welchem Prinzip verwendet. Traumreisen und Massagen sind schön, aber keine Gymnastik. Und Stepaerobic, Krafttraining oder Bauch-Beine-Po-Programme sind für junge Mütter ungeeignet. Das Stillhormon Oxytoxcin macht alle Muskeln, auch den Beckenboden, weich und locker. Fenster putzen oder Laub harken sind erst wieder frühestens sechs Monate nach dem Abstillen erlaubt - natürlich nur mit Beckenbodeneinsatz, weswegen ein guter Teil des Kurses sich mit „Alltagsintegration“ beschäftigen sollte. Wie oft? Ideal wären zwei Termine pro Woche.

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Ein guter Kurs hebt Busen und Stimmung

Gymnastik ohne Babys ist gut für die Konzentration. Aber schlecht für die Gruppendynamik, weil die Frauen hinterher nach Hause stieben, zum Kind. Austausch, Kontakte und Freundschaften ergeben sich so selten, sind aber gerade für Mütter mit dem ersten Kind sehr wichtig für die emotionale Gesundheit. Mit Babys sollte die Stunde allerdings möglichst 90 Minuten dauern, damit abzüglich Stillen und Wickeln genug Zeit für die Gymnastik bleibt.

Ein guter Kurs erfüllt den medizinischen Auftrag der Frauengesundheit - und die Wünsche junger Mütter. Denn richtiges Beckenbodentraining strafft den Bauch, entspannt Rücken und Nacken, hebt den Busen und die Stimmung. Ganz wie vorher werden sich die Frauen auch danach nicht fühlen. Aber anders kann ja auch besser sein.

Literatur: Irene Lang-Reeves, „Beckenboden - wie Sie den Alltag zum Training nutzen“, GU 2007. Yvonne Keller, Judith Krucker, Marita Segler „Entdeckungsreise zur weiblichen Mitte“, Bebo Verlag 2005 (über www.beckenboden.com). Benita Cantieni, „Rückbildungsgymnastik“, Südwest Verlag 2006. Sigrid Tinz' Serie „Die lieben Kleinen“ ist soeben als Fischer-Taschenbuch erschienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.09.2007
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