Plastische Chirurgie in Argentinien

Tödlicher Schönheitswahn

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
21.10.2008
, 22:56
Will immer jungmädchenhaft-frisch aussehen: Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner
Der Traum von größeren Brüsten endete für eine Argentinierin tödlich. Nun streiten Ärzte und Politiker des Landes über Schönheitseingriffe. Denn der Wunsch nach besserem Aussehen hat in Argentinien Hochkonjunktur - auch bei der Präsidentin.
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Einige argentinische Provinzen wollen Verlosungen verbieten, bei denen Schönheitsoperationen zu gewinnen sind. Anlass ist der Fall einer 35 Jahre alten Argentinierin, die in Spanien lebte und in ihr Heimatland zurückgekehrt war, um sich die Brüste vergrößern zu lassen. Sie ist in der argentinischen Stadt Córdoba während des Eingriffs unter Vollnarkose gestorben.

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In dem zweiten zuletzt bekanntgewordenen Fall einer missglückten Schönheitsoperation gleichfalls in Córdoba ist eine Zweiundzwanzigjährige nach einer Nasenkorrektur nicht mehr aus der Narkose aufgewacht. Sie liegt seit drei Monaten im Koma. Gegen die in beiden Fällen verantwortlichen Mediziner wird ermittelt.

Brustimplantate statt Autos und Motorrädern

Ausgerechnet in Córdoba hatte eine Diskothek als Vorreiterin einer absonderlichen Art der Kundenwerbung einen Wettbewerb organisiert, bei dem als Hauptpreis ein Brustimplantat zu gewinnen war. Die Betreiber der Diskothek behaupteten, derlei „originelle“ Gewinne würden von den Besuchern gewünscht, weil andere Preise wie Autos oder Motorräder nicht mehr zögen. Das Beispiel machte Schule. Bei einer Tombola im exquisiten Golfclub der sonst armen Provinz La Rioja, der Heimatregion des früheren Präsidenten Carlos Menem, gewann ein Mann das Anrecht auf einen Plastikbusen. Er überließ den Operationsgutschein seiner Freundin.

In Argentinien wurden im vergangenen Jahr Körper „vervollkommnet“. Seine Anziehungskraft als Dorado des Liftings verdankt das Land den vergleichweise günstigen Preisen. Weniger komplizierte Korrekturen sind schon für 1000 Dollar zu haben. Der vorteilhafte Peso-Wechselkurs bringt zusätzlich viele Ausländerinnen ins Land. Die Zahl der auf plastische Chirurgie spezialisierten Mediziner hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht.

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Schon 15-jährige lassen sich operieren

Der mit Abstand am häufigsten ausgeführte Eingriff ist die Brustvergrößerung. Genährt wird bei Frauen der Wunsch nach einem möglichst großen Busen vor allem vom Fernsehen, das suggeriert, üppige Brüste seien Voraussetzung für Erfolg. „Der kolumbianische Film ,Ohne Busen gibt es kein Paradies' hat uns sehr geholfen“, sagt der PR-Mann einer argentinischen Diskothek, die Schönheitsoperationen verlost. Die plastische Chirurgie hat im Land der Tango-Erotik und der eleganten Gesellschaftsdamen allerdings von jeher Kultstatus. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich schon fünfzehnjährige Mädchen Eingriffen unterziehen.

Die Zwischenfälle in Córdoba haben zu einer Kontroverse zwischen den Organisatoren von Tombolas und verantwortungsbewussten Ärzten geführt. Es sei sehr wohl ein Unterschied, ob eine Brustoperation oder ein Haushaltsgerät verlost werde, sagte der Sprecher der argentinischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie, Francisco Famá. Der Arzt müsse eine Beziehung zum Patienten herstellen und entscheiden, ob überhaupt die Voraussetzungen für eine Operation gegeben seien. „Der Körperkult ist für viele zum Lebensinhalt geworden“, sagt Héctor Lanza, Chefarzt für Plastische Chirurgie am Hospital Eva Perón. Von 100 Operationen dienten 50 dazu, die Fehler früherer Eingriffe auszubügeln, sagte ein anderer Fachmann der Zeitung „Clarín“.

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In Argentinien demonstrieren gerade staatstragende Persönlichkeiten ihren Landsleuten immer wieder, für wie wichtig sie einen „vollkommenen Körper“ halten. Ein Regionalpolitiker aus der Menem-Provinz La Rioja hatte vor dem Todesfall in Córdoba eine Brustoperation als Belohnung für finanzielle Unterstützung im Wahlkampf ausgesetzt. Die 55 Jahre alte Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner macht kein Hehl aus ihrer Manie, stets jungmädchenhaft frisch auftreten zu wollen. Und in Erinnerung ist noch, wie ihr Vorgänger Menem nach einer Schönheitsoperation mit geschwollenem Gesicht auftrat. Auf Fragen, was mit ihm geschehen sei, hatte er eine entwaffnende Antwort, die in Argentinien zu einem geflügelten Wort geworden ist: Ihn habe eine Wespe gestochen.

Quelle: F.A.Z.
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