Erreger aus Westafrika

Reicht der Affenpocken-Impfstoff für alle?

Von Kim Björn Becker
04.08.2022
, 18:09
240.000 Dosen Affenpocken-Impfstoff hat die Regierung bislang bestellt. Fachleute halten diese Menge für nicht ausreichend.
Die Gefährdung der breiten Bevölkerung schätzt das RKI zwar als gering ein, Risikopersonen sollen sich trotzdem gegen das Virus schützen. 240.000 Dosen hat die Regierung bislang bestellt – zu wenig, sagen Fachleute.
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Die Zahl der neuen Meldungen geht langsam zurück, seit drei Wochen schon. Das ist die gute Nachricht. In der vergangenen Woche wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) in ganz Deutschland 314 neue Fälle von Affenpocken gemeldet, wesentlich weniger als auf dem vorläufigen Höhepunkt der Ansteckungswelle in Deutschland Anfang Juli, da waren es 418 Fälle. Doch insgesamt ist die Ausbreitung des in Afrika beheimateten Erregers in Europa äußerst ungewöhnlich, seit dem Beginn der Welle im Mai wurden an das RKI mehr als 2700 Fälle berichtet.

Die Gefährdung der breiten Bevölkerung durch die Affenpocken, die eng mit dem als ausgerottet geltenden Pockener­reger verwandt sind, schätzt das RKI zwar als „gering“ ein – auch weil Infizierte zumeist nicht schwer erkranken und die Symptome nach einer Zeit meist von selbst wieder verschwinden. Doch weil sich das Virus seit Mai mit einem Mal ungewöhnlich stark außerhalb Afrikas verbreitet, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ende Juli eine Warnung ausgegeben und eine gesundheitliche Notlage ausgerufen. Vereinzelt geht eine Ansteckung mit einer schwerwiegenden Erkrankung einher, in Spanien starben unlängst zwei Infizierte. Bei einer Person führte eine Entzündung des Gehirns zum Tod.

Nach allem, was Fachleute bisher wissen, stecken sich Betroffene vor allem bei engem körperlichen Kontakt an – sexuelle Kontakte zwischen Männern dürften dabei laut den amtlichen Zahlen eine wesent­liche Rolle spielen. Fast alle der mehr als 2700 Personen, die sich mit Affenpocken infiziert haben und hierzulande zum Arzt gegangen sind, sodass die Meldungen das RKI erreicht haben, sind Männer. Laut der Statistik waren bis einschließlich Mittwoch nur fünf Betroffene Frauen, eine Person gab ihr Geschlecht als „divers“ an, und bei einer weiteren Person war die Geschlechtsangabe nicht bekannt. Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass sich grundsätzlich jeder mit dem Virus infizieren kann, der engen körperlichen Kontakt zu einer anderen Person hat. Es kann schon genügen, mit einer infizierten Person im selben Haushalt zu leben. Dass das Risiko einer Ansteckung für jene erhöht ist, die häufig Sex mit wechselnden Partnern haben, liegt auf der Hand. Schon früh mahnte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, dass es keine Stigmatisierung schwuler Männer geben dürfe. Der Sozialdemokrat brachte es auf die Formel: „Es kann jeden treffen.“

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Zwei ­Impfungen im Abstand von 28 Tagen

Damit es nun möglichst wenige trifft, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) seit Ende Juni eine Impfung gegen die Affenpocken. Der einzige in Deutschland gegen die Pocken zugelassene Impfstoff Imvanex ist zwar nicht zugleich für die Affenpocken zugelassen, doch nach Auffassung der Fachleute schützt er trotzdem vor dem afrikanischen Erreger – er wird nun abseits der eigentlichen Zu­lassung eingesetzt, Fachleute sprechen von einer Verwendung „off label“.

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Die Impfkommission rät einerseits allen Erwachsenen zur Impfung, die engen ­Kontakt mit einer infizierten Person gehabt haben, sei es im privaten Umfeld oder zum Beispiel in einer Arztpraxis. Andererseits sind jene zur Impfung aufgerufen, deren Ansteckungs­risiko die STIKO als „erhöht“ betrachtet – das sind erstens erwachsene Männer, „die Sex mit Männern haben und dabei häufig die Partner wechseln“, sowie zweitens das zahlenmäßig wohl eher überschaubare Personal in medizinischen Laboren, in denen mit infektiösen Proben gearbeitet wird. Ältere, die noch gegen die Pocken geimpft sind – laut WHO sind die Pocken seit 1980 ausgerottet, die verpflichtende Impfung gegen das Virus wurde schon 1976 in Westdeutschland beendet und 1982 im Osten –, be­nötigen für einen wirksamen Schutz gegen die Affenpocken nur noch eine Impfung. Allen anderen rät die STIKO zu zwei ­Impfungen im Abstand von ­mindestens 28 Tagen. Laut den RKI-Daten haben sich in Deutschland vor allem Jüngere angesteckt, Männer Anfang bis Mitte 30 sind am häufigsten betroffen.

Bestellte Menge sei viel zu gering

Wie viel Impfstoff ist also nötig, um die Risikogruppen wirksam vor den Affen­pocken zu schützen? Das Bundesgesundheitsministerium hat insgesamt 240.000 Einheiten Imvanex bestellt, Mitte Juni sind die ersten 40.000 Dosen im Zentrallager des Bundes eingetroffen. „Die restlichen 200.000 Impfstoffdosen gegen Affen­pocken aus nationaler Beschaffung werden im September 2022 erwartet“, sagte eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums am Donnerstag der F.A.Z. Darüber hinaus erhalte Deutschland über einen europäischen Verteilmechanismus weitere Einheiten. Anfang Juli sei eine erste Tranche von 5300 Dosen geliefert worden. „Die weltweite Nachfrage nach dem Impfstoff übersteigt aktuell das Angebot, daher kommt es temporär zur begrenzten Lieferfähigkeit seitens des Herstellers“, sagte die Sprecherin. Der Hersteller, das ist der dänische Pharmakonzern Bavarian Nordic mit Sitz in Hellerup.

Fachleute halten die von Lauterbachs Ministerium bestellte Menge für viel zu gering. Der Epidemiologe Axel Jeremias Schmidt, Referent für Medizin und Gesundheitspolitik der Deutschen Aidshilfe, schätzt die Zahl der homo- und bisexuellen Männer, die Sex mit wechselnden Partnern haben, auf etwa 500.000. Er sagt: „Wir brauchen in Deutschland rund eine Million Impfdosen, um einer halben Million Menschen einen dauerhaften Impfschutz zu bieten.“ Es dürfe nicht dazu kommen, dass „impfmotivierten schwulen Männern die Impfung verweigert“ werde, so Schmidt. „Der Bund sollte so schnell wie möglich bestellen, denn kurzfristige Käufe werden in nächster Zeit kaum möglich sein.“ Im Regierungsviertel sieht man das anders. Das Gesundheitsministerium verweist auf eine Schätzung des RKI vom Mai, der zufolge insgesamt nur etwa 230.000 Einheiten benötigt werden. Zudem müsse man davon ausgehen, dass nicht alle Personen, für die eine Impfung empfohlen wird, sich auch impfen ließen, sagte die Ministeriumssprecherin.

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„Eine gezielte Kampagne wäre jetzt angebracht“

Alfonso Pantisano, Mitglied im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands, nannte es am Donnerstag „unfassbar“, dass Bundesregierung und die Länder die Community „im Stich“ ließen. „Statt eine klare Impfstrategie vorzulegen und für eine bedarfsgerechte Beschaffung von Impf­dosen zu sorgen, reagieren das Bundes­gesundheitsministerium und die Gesundheitsministerien der Länder nur zögerlich“, sagte Pantisano. Und es geht nicht nur um Betroffene in Deutschland. Anlässlich der internationalen Aids-Konferenz, die am Mittwoch in Montreal zu Ende gegangen ist, nannte die Deutsche Aidshilfe es eine „Schande“, dass erst jetzt über die Affenpocken-Epidemie gesprochen werde, obwohl es schon seit Jahrzehnten immer wieder Ausbrüche in Afrika gebe. Nach Angaben der STIKO wurden Affenpocken beim Menschen erstmals 1970 in der Demokratischen Republik Kongo dokumentiert.

Mit einem Steckbrief will die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Risikogruppen sensibilisieren. „Wir raten jedem Menschen, der Symptome einer möglichen Erkrankung bei sich bemerkt oder befürchtet, sich infiziert zu haben, sich sofort telefonisch an seine ­Ärztin oder seinen Arzt zu wenden“, sagte Martin Dietrich, der kommissarische Direktor der Bundeszentrale. An­zeichen einer Ansteckung können Fieber sowie Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten sein. Teilweise bilden die Betroffenen Flecken und Pusteln auf der Haut aus. Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Andrew Ullmann, mahnte noch mehr Aufklärung an. „Eine gezielte Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wäre jetzt angebracht“, sagte er.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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