Simulation

Vogelgrippe: Lokal handeln, global stoppen

Von Volker Stollorz
10.08.2005
, 12:59
In Thailand hat sich 30 Tage nach dem ersten Fall ein lokaler Krankheitsherd gebildet.
Immer häufiger tauchen Vogelgrippe-Viren auch außerhalb Asiens, dem bisherigen Herd der Seuche, auf. Die diffuse Angst vor einer Pandemie wächst stetig. Doch ein weltweiter Ausbruch der Vogelgrippe könnte mit dem nötigen Willen verhindert werden.
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Wie in Zeitlupe rückt die Vogelgrippe näher. Mittlerweile klopft der Erreger schon an Europas Tore. Kürzlich ist er in den Geflügelbeständen einiger zentralsibirischer Regionen aufgetaucht. Womöglich haben infizierte Wildenten sogar schon Rußland und Kasachstan erreicht. Von dort aus könnten Zugvögel das Virus vom Typ H5N1 auch in Deutschlands Geflügelbestände einschleppen. Am Ende könnte die entscheidende Mutation, nach der das Virus von Mensch zu Mensch übertragen würde, sogar hierzulande stattfinden.

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Eine Pandemie, made in Germany? Vollkommen unmöglich ist das Szenario nicht. Vergangene Woche sorgte sich zumindest das Bundesverbraucherministerium derart um hiesige Geflügelbestände, daß es den Bundesländern empfahl, den Import von Vögeln oder unbehandelten Federn aus betroffenen Regionen zu stoppen.

112 Sprünge über die Artbarriere

Was Deutschland angeht, gibt es zwar keinen Grund für Panik. Die größere Gefahr lauert immer noch in Südostasien. Bis zum Juli 2005 ist H5N1 dort immerhin schon mindestens 112mal der Sprung über die Artbarriere von Tier zu Mensch gelungen. 57 Erkrankte starben.

Nach 60 Tagen ist der Vormarsch des Erregers selbst durch entschlossene Maßnahmen kaum noch zu stoppen
Nach 60 Tagen ist der Vormarsch des Erregers selbst durch entschlossene Maßnahmen kaum noch zu stoppen Bild: F.A.Z.

Was wohl passieren würde, wenn der Erreger den Trick lernte, von einer menschlichen Lunge zur nächsten zu reisen, haben jetzt zwei Forschergruppen simuliert. Die Untersuchungen wurden zeitgleich in den aktuellen Ausgaben von Science und Nature veröffentlicht. Ziel der Arbeiten war es, zu modellieren, ob der Mensch erstmals in seiner Geschichte eine Chance hätte, einen globalen Seuchenzug der Grippe im Keim zu ersticken.

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Ein Monat Zeit

Die Simulation wurde unter realistischen Annahmen durchgeführt. Das Ergebnis erstaunt: "Im ersten Monat einer beginnenden Pandemie kann man sie noch stoppen", sagt der Brite Neil Ferguson vom Imperial College London. Aber nur, wenn auch der politische Wille vorhanden ist. Neu auftretende Fälle müssen frühzeitig dokumentiert, lokale Maßnahmen sofort eingeleitet werden. Die müssen vor allem verhindern, daß sich die Epidemie weiter ausbreitet als über einen Radius von wenigen Kilometern. Nur wenn sich wenige Menschen zur gleichen Zeit infiziert haben, kommt ein Seuchenzug zum Stillstand. Dazu müßten aber schon Maßnahmen ergriffen werden, wenn weniger als 50 Menschen erkrankt sind.

Wichtig ist auch, daß Medikamente zum vorbeugenden Schutz, wie beispielsweise Tamiflu, in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Fehlen sie in der betroffenen Region, sollten sie innerhalb von 30 Tagen dorthin verschickt, und, was noch wichtiger ist, "auch an die Richtigen verteilt worden sein", sagt Ferguson.

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Medikamente, soziale Maßnahmen

Als äußerst wirksam erwies sich in den Simulationen auch die Strategie, 10000 bis 50000 potentielle Kontaktpersonen innerhalb eines 10-Kilometer-Rings möglichst rasch mit antiviralen Medikamenten zu behandeln. Außerdem müßten im Ernstfall die bereits Erkrankten umgehend isoliert, Schulen geschlossen und Massenversammlungen verhindert werden. Auch Reisebeschränkungen außerhalb des Rings um die ersten Krankheitsherde sind im Zweifelsfall sinnvoll.

Das Fazit der Studien lautet: Erst die Kombination aller medikamentösen und sozialen Maßnahmen zusammen könnte eine Pandemie mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit verhindern und die Seuche regional eindämmen, wo sie dann ausstirbt. Sind die Maßnahmen nur zum Teil von Erfolg gekrönt, können sie immer noch dazu beitragen, einen globalen Seuchenzug zu verzögern. Es bliebe dann mehr Zeit für die Impfstoffproduktion. Alle Berechnungen setzen allerdings voraus, daß sich der Grippe-Erreger in etwa so verhält wie bei den vergangenen Pandemiewellen im 20. Jahrhundert. Vor allem darf das neue Virus nicht zu schnell Resistenzen gegen die verfügbaren Grippemittel entwickeln.

Westliche Hilfe für Asien entscheidend

Entscheidend dürfte nach Auskunft Fergusons im Ernstfall die Frage sein, ob die westlichen Länder antivirale Medikamente weiterhin nur für ihren eigenen Bedarf bunkern oder statt dessen wenigstens einen Teil der dafür eingesetzten Mittel asiatischen Ländern zur Verfügung stellen. "Das ist eine riesige Chance, die weniger Geld als politischen Willen erfordert", sagt Ferguson.

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Fergusons Simulationen führen eindrucksvoll vor Augen, was passieren könnte, wenn die internationale Staatengemeinschaft keine Vorbereitungen trifft. Ein hochansteckendes Vogelgrippe-Virus breitet sich ohne Kontrolle in atemberaubender Geschwindigkeit aus (siehe Grafik). Weil aktuelle demographische Daten aus Thailand vorlagen, hat Ferguson für 85 Millionen Thailänder und deren Nachbarn berechnet, wie schnell sich das Virus verbreitet, wenn jeder Infizierte rund drei Tage hochinfektiös bleibt und dabei im Durchschnitt 1,5 Kontaktpersonen ansteckt. In die Modellberechnungen gingen auch Statistiken über die Einwohnerdichte, die Zahl der Personen pro Haushalt in den Dörfern und Städten sowie die Häufigkeit mutmaßlicher Kontakte auf der Straße, bei der Arbeit oder in der Schule ein. Selbst die Gewohnheit der Landbevölkerung, ihre Verwandten in den größeren Städten zu besuchen, wurde in diesem Modell berücksichtigt.

Pandemie: Ausgangspunkt in einer Metropole?

Schon innerhalb von 150 Tagen nach dem Auftreten der ersten Fälle hatte sich das Siechtum über das ganze Land verbreitet. "Ein Ausbruch würde Bangkok selbst dann mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen, wenn nur rund 500 Menschen in einer ländlichen Region erkrankt sind", warnt Ferguson. Die Seuche wäre dann nur noch ein paar Flugstunden vom Rest der Welt entfernt.

Trotzdem hält es der Experte selbst beim Ausbruch einer Vogelgrippewelle in einer Millionenstadt wie Bangkok nicht für gänzlich unmöglich, den Beginn einer weltweiten Pandemie noch zu stoppen. Dann müßten allerdings schon beim Auftreten der ersten zehn Krankheitsfälle "alle Alarmglocken läuten".

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Wird ein Ausbruch in einer großen Stadt dagegen erst entdeckt, wenn schon 50 Menschen dahinsiechen, werde es, so Ferguson, "sehr hart", den weiteren Vormarsch des Erregers zu kontrollieren. Dann würden unerhörte Ressourcen in Form ohnehin knapper Medikamente benötigt.

Vorsorge für eigene Bevölkerung reicht nicht

Aus solchen Simulationen könnten auch Länder wie Deutschland lernen, hofft Walter Haas vom Robert-Koch-Institut. Denn es reiche keinesfalls aus, die eigene Bevölkerung nur durch das Einlagern antiviraler Medikamente zu schützen. Der inzwischen vorliegende Pandemieplan verlange ein hohes Maß an regionaler und internationaler Zusammenarbeit. Die vorgelegte Simulation mache mehr als deutlich, warum die Vogelgrippe keine Ländergrenzen kennt. Daß einzelne Bundesländer antivirale Medikamente derzeit je nach Kassenlage ordern, anstatt sie, wie von Experten empfohlen, für rund 20 Prozent der Bevölkerung beiseite zu legen, erscheint vor diesem Hintergrund als fahrlässig.

Fergusons Modellrechnungen sind im übrigen nicht auf die Vogelgrippe beschränkt. Er bastelt längst an einem Modell, das Seuchenausbreitungen für ganz Europa simulieren soll. Der Londoner Experte will damit auch prüfen, wie man sich am besten vor Attacken von Bioterroristen schützen könnte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite 56
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