Studie

Austausch von Amalgam meist unnötig

05.04.2008
, 10:25
Amalgam ist umstritten, die Zahl der Füllungen geht seit Jahren zurück
Der Austausch von Amalgam-Füllungen ist in den meisten Fällen unnötig. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler nach einer breit angelegten Studie. Eine eindeutige Diagnose für Gesundheitsbeschwerden durch die Legierung gibt es demnach nicht.
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Die Entfernung von Amalgamfüllungen bei Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit ist nach einer großen Studie meist unnötig. Solche Symptome könnten auch durch ein spezielles Gesundheitstraining und eine gesunde Lebensweise verschwinden. Zu diesem Ergebnis kommt ein fächerübergreifendes, insgesamt zwölf Jahre dauerndes Forschungsprojekt. „Die Empfehlung aus dieser Studie ist: Eine Entfernung des Amalgams ist nicht die einzige Option gegen die Beschwerden“, sagte Dieter Melchart vom Münchner Klinikum am Freitag. Amalgam-Legierungen für die Zähne enthalten Quecksilber und andere Metalle.

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Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass eindeutige Aussagen über die Schädlichkeit von Amalgam nicht gemacht werden können. „Mit Sicherheit besteht kein Zusammenhang mit viel Amalgam im Mund und hohen Beschwerden“, sagte Melchart. Prof. Reinhard Hickel von der Zahnpoliklinik der Münchner Ludwig Maximilians-Universität erklärte: „Allgemein schadet Amalgam nicht.“

Erhöhte Quecksilberwerte

Die Patienten hatten in Fragebögen mehr als 300 Symptome wie Konzentrationsstörungen mit ihren Amalgam-Füllungen in Verbindung gebracht. Die Forscher fanden allerdings heraus, dass die anorganischen Quecksilberwerte im Blut von Patienten mit Amalgamfüllungen viermal höher waren als bei Menschen ohne diese Füllungen. Doch lagen diese Werte weit unterhalb der kritischen Belastungsgrenze, sagte der Toxikologe Prof. Stefan Halbach vom Helmholtz-Forschungszentrum in Neuherberg bei München. „Hier befinden wir uns im Dosis-Keller.“

Ein Zahnarzt ersetzt eine Amalgam- durch eine plastische Keramikfüllung
Ein Zahnarzt ersetzt eine Amalgam- durch eine plastische Keramikfüllung Bild: picture-alliance / dpa

Halbach wies darauf hin, dass das anorganische Quecksilber im Amalgam weit weniger giftig sei als das organische Quecksilber, das die Menschen durch den Verzehr von Fischen zu sich nehmen. Bei der Entfernung des Amalgams reduzierten sich die anorganischen Quecksilberwerte bei den Patienten, die organischen Quecksilberbestandteile im Blut blieben davon unberührt.

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4700 Fragebögen

Nach Angaben der Wissenschaftler gibt es kein Verfahren, um Amalgamschäden eindeutig festzustellen. In einer Kontrollstudie hatten die Forscher die Messung elektrischer Hautwiderstände, die medikamentöse Ausleitung des im Amalgam enthaltenen Quecksilbers und einen immunologischen Sensibilisierungstest an gesunden und amalgambelasteten Patienten untersucht. Ergebnis: Keine der Methoden sei in der Lage, zwischen gesunden und subjektiv amalgamgeschädigten Menschen zu unterscheiden.

Die Auswertung von mehr als 4700 Fragebögen aus deutschen Zahnpraxen zu Beschwerden und Zahnstatus ergab keine Unterschiede von Patienten mit und ohne Amalgamfüllungen hinsichtlich der subjektiv genannten Beschwerden. In der Studie heißt es: „Es gab keine signifikante Korrelation zwischen dem Auftreten und der Intensität bestimmter Symptome und der Anzahl von Amalgamfüllungen.“

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Aufklärung beim Zahnarzt

Der Zahnarzt müsse die Patienten über Materialien und Behandlungsmethoden aufklären, sagte Hickel. Der Patient habe dann das Recht, die Auswahl zu treffen, ob er Amalgam, Gold oder Kunststofffüllungen will. Andere Füllungen müssen von Patienten zum großen Teil aus eigener Tasche gezahlt werden.

An dem Langzeitprojekt hatten sich mehrere universitäre Einrichtungen beteiligt. Die Leitung hatte das Zentrum für naturheilkundliche Forschung am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Umstrittener Zahnfüllstoff

Amalgame sind Legierungen aus Quecksilber und anderen Metallen. Sie werden als Material für Zahnfüllungen verwendet, weil sie gut formbar sind und danach rasch hart werden. Während des Härtens wird das Quecksilber fest in die Legierung eingebunden. Dennoch können geringe Mengen des giftigen Metalls aus den Zahnfüllungen frei werden. Das Ausmaß dieser Abgabe und seine Folgen sind allerdings umstritten. Amalgam-Gegner führen Kopfschmerzen, Nervosität und andere Leiden auf ihre Zahnfüllungen zurück. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte stellen ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen keine Gesundheitsgefährdung dar. Trotz vieler Millionen solcher Füllungen seien weltweit nur rund 100 Fälle sicher als Amalgam-Allergie beschrieben worden. Einschränkungen der Anwendung bei Schwangeren oder Kleinkindern seien lediglich aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes erfolgt. Vor der breiten Diskussion über mögliche Gesundheitsschäden wurden in Deutschland jährlich etwa 60 Millionen Amalgamfüllungen gelegt. Diese Zahl geht seit Jahren zurück. Alternativen in der Zahnmedizin sind Gold oder Keramik. Diese Füllungen sind aber teurer und müssen von den Patienten zum großen Teil aus eigener Tasche gezahlt werden.

Quelle: Reuters
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