Suizidgedanken im Alter

Die letzte aller Türen

Von Yvonne Staat
30.04.2017
, 17:51
Der Sonne entgegen: Wie wird man im Alter glücklich?
Helene ist neunzig. Sie will den Tod so hinnehmen, wie er kommen wird. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da ertrug sie das Alter nicht. Da dachte sie jeden Tag daran, sich selbst zu töten.
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Die Zeit, in der Helene fast täglich an Selbstmord dachte, begann im Sommer vor fünfzehn Jahren. Helene war damals Mitte siebzig und lebte in derselben Wohnung mit den quadratischen Fenstern, in der sie auch heute noch lebt. Sie hatte oft Besuch. In der Wohnung herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Freundinnen aus alten Tagen, Enkel, Großnichten, alle schauten gern bei Helene vorbei, denn sie sagte nie: „Endlich zeigst du dich mal wieder!“ Sondern immer: „Wie schön, dass du da bist.“ Der Sohn kam einmal die Woche. An diesen Tagen kochte Helene Kalbsragout, weil er das so gerne aß.

Sie redeten und lachten. Schwiegen sie, blickte Helene zu dem gerahmten Foto ihrer Tochter, das im Regal zwischen den Kunstbänden und Büchern über Architektur stand. Immer noch steht. Die Tochter war einige Jahre zuvor an Krebs gestorben, und in jenem Sommer vor fünfzehn Jahren spürte Helene, dass der Schmerz über den Verlust endlich erträglicher geworden war. Sie hatte aufgehört, sich zu fragen: „Warum sie, warum nicht ich?“ Sie hatte wieder ins Leben zurückgefunden. Brachte der Sommer einen Tag voller Sonne, fuhr Helene mit dem Auto hinaus aufs Land. Sie fuhr gerne, gerne schnell, und an den Abenden nach solchen Ausflügen duftete die ganze Wohnung nach den Blumen, die sie auf den Wiesen und an den Feldrändern gepflückt hatte.

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Es begann damit, dass die Menschen, denen Helene auf der Straße begegnete, plötzlich leicht gekrümmt waren. Als hätte ihnen jemand auf Höhe des Brustkorbs eine Delle verpasst. Wenig später waren auch die Häuser gekrümmt, die Bäume, die Fugen zwischen den Fliesen, die Laternenpfähle, irgendwann sogar die Buchstaben. Helene ließ sich von einem Augenarzt untersuchen und erfuhr, dass ein winziger Teil ihrer Sehzellen abgestorben war und dass dieser Teil unaufhaltsam wuchs.

Sie würde im Laufe der Zeit immer schlechter sehen, womöglich erblinden. Schon auf dem Nachhauseweg vom Arzt war die Angst da. Helene erinnert sich, dass sie dachte: „Das halte ich nicht aus. Wenn es schlimmer wird, mache ich Schluss.“ Sie erinnert sich, dass der Gedanke ihr half, die Angst im Zaum zu halten.

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Es braucht Gewalt, um sich selbst auszulöschen

Helene spricht offen über ihre Selbstmordgedanken. Wie aber darüber schreiben? Oft verbirgt sich die Wahrheit hinter den Worten. Oft muss man die Worte bezweifeln, um an die Wahrheit heranzukommen. Aber gilt das auch, wenn jemand über den Wunsch spricht, sich selbst zu töten? Steht die letzte aller Türen, der Selbstmord, nicht an einem Ort, den nur derjenige kennt, der bis dorthin gegangen ist? Können andere überhaupt ahnen, welche Kräfte dort spielen, an einem zerren? Kurz: Ist es nicht anmaßend, Helenes Worte zu bezweifeln?

Helene sagt zum Beispiel: „Ich war nicht verzweifelt, sondern satt vom Leben. Es reichte mir. Ich wollte in Würde sterben.“ Gleichzeitig ist Helenes Not mit Händen zu greifen, wenn sie von damals erzählt. Die Angst vibriert in jedem Satz. Ist das keine Verzweiflung? Und was heißt Würde, in Würde sterben? Es klingt wie eine Floskel, hohl, ohne Inhalt. Der Inhalt hätte in Helenes Fall viel mit Gewalt zu tun. Mit Gewalt gegen sich selbst. Es braucht Gewalt, um sich selbst auszulöschen.

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Etwas muss ja kaputtgehen im Körper, damit das Leben den Körper verlässt. Wie passt diese Gewalt zur Würde? Helene weicht den Fragen nicht aus. „Ich war nie einsam“, sagt sie. „Habe mich immer geliebt gefühlt. Deshalb war ich auch nie verzweifelt.“ Und: „Warum soll ich gegen mich selbst nicht Gewalt anwenden dürfen? Würde ist für mich auch, selbst zu bestimmen, was ich mit mir mache.“ Darf man die Sätze so stehenlassen – als Sätze, in denen es um Selbstmord geht, die aber nach Freiheit und Autonomie klingen?

Eines Tages erkannte Helene ihr Gesicht nicht mehr

Ein Nachmittag in Helenes Wohnung: Helene ist heute tatsächlich fast ganz erblindet. Licht und Dunkel kann sie noch erkennen, und wenn sie einen Gegenstand ganz nah an eines ihrer Augen hält, sieht sie schwach die Umrisse, wie durch dichten Nebel. In der Wohnung macht sie nur noch Licht, wenn Besuch da ist. An diesem Nachmittag hat Helene türkischen Kaffee gekocht, der nun dampfend auf dem Wohnzimmertisch steht. Sie raucht eine ihrer langen Zigaretten, erzählt. Dann tastet sie nach der Zuckerdose.

Ihre knochige Hand wandert über den Wohnzimmertisch, über die Kaffeekanne, die Mokkatassen, den Aschenbecher. Man kann nicht lange zuschauen. Es fühlt sich an, als schaute man bei etwas zu, das nicht für einen bestimmt ist. Schnell schiebt man Helene die Zuckerdose hin, führt die knochige Hand zum Deckel. Helene sagt danke, und dann sagt sie noch, dass ihr dieses Danke sehr schwer falle, dass sie viel lieber schreien würde: „Lassen Sie mir doch bitte Zeit!“ Und in diesem Moment ahnt man, was sie meinen könnte, wenn sie von Würde spricht.

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Nach dem Besuch beim Arzt gab Helene als Erstes den Führerschein ab und verschenkte das Auto. Der Arzt hatte ihr eine Leselupe mit eingebauter Lampe verschrieben. Damit konnte sie einzelne Wörter erkennen. Wort um Wort kämpfte sie sich durch ihre Bücher. Eines Abends jedoch waren die Wörter unter der Lupe nur noch graue Flecken. Einige Tage später blickte Helene in den Spiegel und erkannte ihr Gesicht nicht mehr. Es hatte sich in eine milchig trübe Fläche verwandelt. Wo Augen und Mund sein sollten, lagen Schatten.

Kurz darauf geschah dasselbe mit dem lachenden Gesicht der Tochter auf dem Foto, mit dem Gesicht des Sohnes. Dann waren plötzlich alle Gesichter weg. Es passierte auch immer öfter, dass Helene nach einem Gegenstand greifen wollte und stattdessen ins Leere griff. Sie wurde unsicher, vertraute ihren Sinnen nicht mehr. Beim Gehen glaubte sie zu schwanken, zu fallen. Trotzdem ging sie noch raus, ging einkaufen oder ins Museum, traf sich mit Freundinnen im Café.

Irgendwann ertrug sie die Menschen nicht mehr

Manchmal bat sie ihren Sohn oder eine Freundin, sie mitzunehmen auf eine Fahrt hinaus aufs Land. Im Frühling fuhren sie einmal zu einem Waldstück, an dessen Rand Schlehdornbüsche wuchsen. Helene war früher, als sie noch selbst fahren konnte, oft dort gewesen. Jetzt stieg sie aus und rief ihrer Freundin zu: „Schau, wie herrlich der Schlehdorn blüht!“ Eigentlich sah sie in jener Zeit schon sehr schlecht. Trotzdem war ihr so, als sähe sie die Büsche vor sich, von oben bis unten mit weißen Blüten überzogen. Die Freundin meinte: „Aber Helene, das kannst du doch gar nicht mehr erkennen.“

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Ein andermal wollte sie mit ein paar Freundinnen im See schwimmen gehen. Sie standen am Ufer, da sagte eine der Freundinnen: „Ich glaube, es ist besser, wenn du nicht reingehst. Hier ist es ziemlich glitschig, du könntest ausrutschen.“ Irgendwann ertrug Helene die Menschen nicht mehr. Sie ertrug nicht, was die Menschen in ihr sahen. Sie ertrug es nicht einmal mehr, wenn jemand ihr sagte: „Achtung, Stufe!“

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Damals konnte sie die Schreie, die nach solchen Bemerkungen in ihr aufsteigen wollten, noch nicht so gut unterdrücken wie heute. Sie ließ die Schreie raus, und sobald sie draußen waren, tat es ihr leid. Sie spürte, wie sie die Menschen mit ihren Wutausbrüchen vor den Kopf stieß, und verabscheute sich dafür. Sie wollte nicht so sein. In jener Zeit ertrug Helene sich selbst am allerwenigsten.

Nachts spielte sie die Möglichkeiten durch, sich das Leben zu nehmen

Fast jede Nacht hatte sie nun Albträume. Oft träumte sie, dass sie auf der Flucht war. Um sich zu retten, musste sie von Dach zu Dach springen, zwischen den Dächern ein bodenloser Abgrund. Die Dächer waren nass und steil. Sie krallte sich an den Ziegeln fest, bis die Finger bluteten und irgendwann brachen und ihr nicht mehr gehorchten. Da wachte sie schreiend auf. Wegen der Träume ging sie oft gar nicht mehr ins Bett. Rauchend blieb sie im Sessel sitzen und wartete auf den Morgen. Der Angst entkam sie trotzdem nicht. „Es war eine unendliche Angst“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl, dass alles, alles, alles wegbrach.“

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Das Vertraute brach weg, und das Neue, das kam, vor allem die Hilfe und Fürsorge durch andere Menschen, kränkte sie zutiefst. Noch heute betont Helene, wie unabhängig und widerspenstig sie das ganze Leben lang war. Man sieht, wie viel Kraft ihr dieser Satz verleiht. Sie ballt die Faust, und lange bleibt die Faust so in ihrem Schoß liegen. Wie ein sprungbereites Tier. Damals, in ihrer Kränkung, konnte sich Helene unter Hilfe und Fürsorge nur Kontrolle vorstellen, Belehrung, Besserwisserei. Die Angst davor erstickte alles, machte es unmöglich, sich eine Zukunft auszumalen.

War sie allein, vor allem nachts, spielte sie alle Möglichkeiten durch, sich das Leben zu nehmen. Vor ein Auto oder einen Zug zu springen, kam nicht in Frage. Sie wollte niemandem ihren Tod aufbürden. Am Ende kehrten ihre Gedanken immer zu dem einen Bild zurück: Sie läuft mehrere Stunden über unbekannte Pfade in einen Wald hinein. Der Schnee bedeckt alles. Es ist Abend, dunkel und trotzdem hell wegen des Schnees. Sie stolpert oft, weil sie fast nichts sieht, gibt aber nicht auf. Sie läuft, bis sie sicher ist, dass sie den Weg zurück nicht mehr schafft und nicht mehr findet. Dann legt sie sich auf den Boden. Die ersten Stunden vergehen quälend schwer. Sie spürt die Kälte. Aber irgendwann nimmt sie die Zeit nicht mehr wahr, und eine große Ruhe ergreift sie.

Beistand in den letzten Stunden

So stellte sich Helene ihren Selbstmord vor. Sie wusste noch nicht, welcher Wald es sein und wann sie sich auf den Weg machen würde. Sie spürte nur eine tiefe Sehnsucht, es zu tun. In Gedanken tat sie es fast jede Nacht. Sie sagt, es sei beruhigend und befreiend gewesen, darüber nachzudenken. Vor allem: Es war ihr vertraut, wie ein Déjà-vu.

Sie war Anfang siebzig, da erkrankte eine ihrer Freundinnen unheilbar an Darmkrebs. Die Freundin war gleich alt, sie kannten sich schon von der Schule und standen sich sehr nah. Die Freundin fasste den Entschluss, sich zu töten, solange sie noch dazu in der Lage sein würde. Sie fragte Helene, ob diese sich vorstellen könne, ihr beizustehen. „Da habe ich genickt.“ Helene versuchte nie, die Freundin aufzuhalten. Vielleicht hätte sie es versucht, wenn die Freundin Kinder und Enkel gehabt hätte. Aber da war niemand. Helene sagt: „Sie war frei.“ Und, nach einer Pause: „Sie war privilegiert.“

Helene arbeitete früher, nach dem Krieg, als Krankenschwester, bevor sie Lehrerin wurde. Sie sah junge Männer sterben, kleine Kinder dahinsiechen. Sie hätte so gerne mit jemandem über den Tod und die Todesqualen gesprochen, mit jemandem alle Fragen erörtert, auch die letzte Frage, die, warum die Gequälten nicht durch Menschenhand erlöst werden können. Aber zu jener Zeit, sagt Helene, seien solche Themen tabu gewesen. Mit ihrer Freundin konnte sie endlich über all das reden.

Helene schildert die Gespräche als schön, innig, voll schwarzem Humor. Die Freundin sammelte über einen längeren Zeitraum hinweg Schlaftabletten. Als sie genügend beisammen hatte, bestimmte sie den Tag ihres Todes. Für den Abend jenes Tages bat sie Helene zu sich. Als Helene die Wohnung betrat, lag die Freundin auf dem Bett, neben sich auf dem Nachttisch ein Glas Wein und die Tabletten. Sie rauchten nicht, sie redeten kaum. Helene sagt, sie sei an jenem Abend ganz ruhig gewesen. Die Freundin nahm die Tabletten zusammen mit dem Wein ein. Dann sagte sie: „Bitte keine Tränen. Gib mir einfach die Hand und geh.“ So tat es Helene auch.

Das Alter sei ein schwieriger, langer Lernprozess

Will nicht jeder Mensch, egal, wer er ist, zuallererst leben? Natürlich will er. Aber. Für Menschen, die sich selbst töten wollen, wiegt dieses Aber schwerer als alles, was sie waren, sind und sein werden. Für alle anderen Menschen wiegt es nichts, nicht einmal ein Gramm Ahnung. Das macht das Reden über dieses Aber so schwer. Ständig ist man versucht, Helenes Aber kleinzureden, zurückzuholen in eine Dimension, die man versteht. Natürlich wehrt sich Helene dagegen. Sie fühlt sich missverstanden, schweigt. Das kleingeredete Aber ist nicht mehr ihr Aber. Wahrscheinlich fühlt sich in so einem Gespräch immer einer von beiden einsam.

Helene sagt, sie habe sich in den Gesprächen mit ihrer Freundin nie einsam gefühlt. Sondern erkannt, aufgehoben. Als sie ein paar Jahre später über ihren eigenen Selbstmord nachdachte, kehrte das Gefühl zurück. Hätte sie keinen Sohn, keine Enkel gehabt, hätte sie es womöglich getan, vermutet Helene. Sicher ist sie sich nicht.

Sicher ist sie sich nur, dass sie es jetzt nicht mehr tun wird. Jetzt, da alles eingetroffen ist, wovor sie sich in jenen schlaflosen Nächten fürchtete: die fast vollständige Blindheit, die Abhängigkeit von anderen Menschen. Während des letzten Treffens legt Helene ihre offene Hand vor sich auf den Wohnzimmertisch. Lange betrachtet sie die Innenfläche. Die Linien sind Furchen, die Haut ist fast durchscheinend.

Früher muss es eine große, kräftige Hand gewesen sein. Helene spricht, ohne den Blick zu heben. Das Alter passiere nicht einfach so, sondern sei ein schwieriger, langer Lernprozess. Sie zum Beispiel habe lernen müssen, die Hand zu öffnen für das Wunder. Sie sucht nach Worten. „Für das Wunder, dass die Menschen mir Gutes wollen.“ Vielleicht, fragt sie sich zum Schluss, sei die Ruhe, die sie jetzt spüre, dieselbe Ruhe, die im kalten, verschneiten Wald über sie gekommen wäre. Sie weiß es nicht. Sie ist nie in den Wald gegangen.

Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222. Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis. Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin. Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

Quelle: F.A.S.
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