Tuberkulose

Erreger hinter Stacheldraht

Von Peter-Philipp Schmitt, Port Elizabeth
13.04.2007
, 08:23
Douglas Moss (rechts) quält weniger seine Krankheit als die Langeweile
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Am Rande der Millionenmetropole Südafrikas Port Elizabeth leben Patienten mit extrem resistenter Tuberkulose strikt isoliert. Bis zu zwei Jahre dauert ihre Behandlung - eine Zeit, in der es um Leben und Tod geht, auch für die Schwestern und Ärzte.
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Douglas Moss wohnt in der Schule. Er ist 43 Jahre alt, trägt Schnurrbart, eine hübsche blaue Perlenkette und ein rotes Sweatshirt, auf dem „Indiana“ steht. Moss war Lastwagenfahrer. Dass er über die Straßen Südafrikas fuhr, ist schon Monate her, seit Februar 2006 lebt er hinter Stacheldraht am Rande der Millionenmetropole Port Elizabeth, die auch die „freundliche Stadt“ genannt wird.

Im November wurde er mit einigen anderen Patienten in der ehemaligen Schule eingeschlossen. Nun heißt die Abteilung „sunshine wards“. Und tatsächlich scheint die Sonne durch die Fenster des etwas heruntergekommenen Gebäudes und in seinen Innenhof.

Hinaus können sie nicht

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„Haben Sie nicht einen Fußball für uns?“, fragt Bongani Sikelwa. Trotz hochsommerlicher Temperaturen trägt der 42 Jahre alte Familienvater lange Jeans, einen weißen Mantel und eine Wollmütze. Kalt ist ihm eigentlich nicht, nur schrecklich langweilig. Tagsüber öffnen sich zwar die Türen, und die schwerkranken Männer dürfen hinaus auf den Spielplatz, auf dem einige einstmals farbenfrohe und nun überwiegend kaputte Schaukeln und Wippen stehen.

Das lange Warten: Die Kranken haben in ihren Gemeinschaftssälen nur wenig Abwechslung
Das lange Warten: Die Kranken haben in ihren Gemeinschaftssälen nur wenig Abwechslung Bild: Peter-Philipp Schmitt

Doch hinaus können sie nicht, und ihre Familienangehörigen können auch nicht so ohne weiteres zu ihnen hinein. Bis zu zwei Jahren dauert ihre Behandlung. Es geht um Leben und Tod, für die Männer in der Schule genauso wie für die Schwestern und Ärzte, die sich um sie kümmern. Douglas Moss und Bongani Sikelwa nähert man sich am besten nur in einem knöchellangen blauen Schutzkittel, der sogar die Arme bedeckt, mit einer Haube auf dem Kopf und einem Mundschutz im Gesicht.

Gefahr einer Ansteckung durch Tröpfcheninfektion

Die beiden Männer leiden an extrem resistenter Tuberkulose (XDR-TB). Das „Jose Pearson Santa Hospital“ bei Port Elizabeth im südafrikanischen Distrikt „Nelson Mandela Metropolitan Municipality“ ist eigentlich auf Patienten spezialisiert, die an multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) erkrankt sind. „Doch im November hatten wir plötzlich die ersten Fälle von XDR-TB, und seither werden es ständig mehr“, sagt der stellvertretende Krankenhausdirektor Richard Mufamadi.

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Ihm blieb nichts anderes übrig, als die zum Hospital gehörende Schule, in die die Kinder der Patienten bislang gingen, zu schließen und kurzerhand zur Isolierstation zu erklären. Die Gefahr einer Ansteckung durch Tröpfcheninfektion ist zu groß.

„Wir haben hier einfach keinen Platz mehr“

Doch auch die anderen Patienten mit MDR-TB leben weitestgehend von der Außenwelt abgeschlossen. Das Gelände des Krankenhauses mit seinen Baracken ist von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben. So soll den oft monatelang Eingesperrten die Flucht erschwert werden. „Am schlimmsten für sie ist die Langeweile“, sagt Bolekwa Nkosi von der Krankenhausleitung. Dagegen helfen selbst die Fernsehgeräte in den Zimmern nicht, in denen bis zu 40 Patienten untergebracht sind.

Der stellvertretende Krankenhausdirektor Richard Mufamadi führt genau Buch: Rund 450 Betten für MDR-TB-Patienten stehen zur Verfügung, zurzeit sind 304 davon belegt. Im „sunshine wards“, der XDR-TB-Station, gibt es 35 weitere Betten. „Bislang hatten wir 41 Fälle von extrem resistenter Tuberkulose“, sagt Mufamadi. „Sechs davon sind schon gestorben, drei von ihnen hatten Aids. Acht weitere Kranke mussten wir in ein Krankenhaus nach East London schicken. Wir haben hier einfach keinen Platz mehr.“ Darum sei schon eine zweite Isolierstation in Planung.

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Medikamentös kaum noch zu behandeln

Der Ausbruch von XDR-TB in Südafrika ist besorgniserregend. Inzwischen sind schon einige hundert Fälle bekannt. Erschreckend daran ist vor allem, dass rund fünf Millionen der etwa 45 Millionen Südafrikaner HIV-positiv sind. Die hochresistente Tuberkulose ist medikamentös sowieso kaum noch zu behandeln, bei Patienten mit einer HIV-Infektion führt sie indes fast unweigerlich zum Tod.

Das zeigte sich gleich zu Beginn des Ausbruchs, als Anfang 2005 in der Provinz KwaZulu-Natal von 53 Erkrankten 52 innerhalb weniger Wochen - durchschnittlich 16 Tage nach der Erstdiagnose - starben. Sollten sich die extrem resistenten Tuberkulosestämme in Südafrika weiter ausbreiten - schon Mitte Februar hatten alle neun Provinzen des Landes XDR-TB-Fälle gemeldet -, dann könnten Tausende, wenn nicht Zehntausende Aidskranke in kürzester Zeit sterben. Sie sind besonders anfällig für Infektionskrankheiten wie TB.

In Mitteleuropa jährlich Tausende Fälle

Tuberkulose, früher auch Schwindsucht genannt und in Deutschland fast nur noch aus den Opern von Verdi („La Traviata“) oder Puccini („La Bohème“) bekannt, ist eine heilbare Krankheit - und das schon seit gut 60 Jahren. Trotzdem ist Tuberkulose noch immer die tödlichste bakterielle Infektionskrankheit auf der ganzen Welt und zugleich eine der häufigsten Begleiterkrankungen von Aids.

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TB wird durch aerobe, unbewegliche, langsam wachsende, stäbchenförmige Bakterien der Familie Mycobacteriacea verursacht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass pro Jahr acht bis neun Millionen Menschen neu an Tuberkulose erkranken - Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken sind besonders betroffen. Doch selbst in Mitteleuropa treten jährlich Tausende Fälle auf: Nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts hat es 2005 in Deutschland 6045 Tuberkulose-Fälle gegeben (2004 waren es noch 6542 gewesen).

Gut 80 Prozent aller an die WHO gemeldeten neuen Fälle werden indes in nur 23 Ländern der Welt nachgewiesen. Täglich sterben gut 4400 Menschen an TB. Allerdings konnte, wie die WHO Ende März mitteilte, die ungehinderte Ausbreitung der Krankheit im Jahr 2005 erstmals seit langem zum Stillstand gebracht werden.

„Ich habe die Tabletten immer genommen“

Xolisani Mayinje ist ein typischer MDR-TB-Fall: Der 26 Jahre alte Mann, der wie so viele der anderen Patienten in dem Krankenhaus bei Port Elizabeth auch eine wollene Pudelmütze trägt, erkrankte 2004 an Tuberkulose. „Ich musste ständig husten, habe Blut gespuckt, nachts viel geschwitzt und hatte überhaupt keinen Hunger mehr.“

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Schnell stand die Diagnose fest. Ein Onkel, mit dem Mayinje zusammenlebte, litt ebenfalls unter TB. Der Neffe bekam Tabletten, und nach ein paar Monaten schien er geheilt. Doch im vergangenen Oktober erschien er plötzlich im „Jose Pearson Santa Hospital“. Der gut 1,80 Meter große Mann wog nur noch knapp 50 Kilogramm, sein Onkel war inzwischen gestorben. Nun lautete Mayinjes Diagnose MDR-TB. „Ich habe die Tabletten immer genommen“, versichert er. „Und auch so lange, wie der Arzt es gesagt hat.“

„Einige Kranke verweigern sich uns“

Bolekwa Nkosi von der Krankenhausleitung ist sich aber sicher: „Er hat die Tabletten bestimmt nicht regelmäßig genommen - oder er hat sie nicht lange genug genommen.“ Zwar kann man sich auch direkt mit multiresistenten Tuberkulosebakterien infizieren - die WHO schätzt, dass eine Person mit MDR-TB-Erregern durchschnittlich 20 weitere Menschen ansteckt. Oft aber entwickeln Tuberkulosepatienten Resistenzen, weil sie ihre Medikamente nicht vorschriftsgemäß einnehmen.

Die Behandlung, die vom Staat bezahlt wird und etwa 30.000 Rand (rund 3150 Euro) pro Monat kostet, ist langwierig, die bis zu 13 Tabletten am Tag lassen sich nicht ohne weiteres schlucken, schon gar nicht, wenn es kein sauberes Wasser gibt. Zudem haben einige der Medikamente unangenehme Nebenwirkungen. „Wir haben drei Hauptursachen für ,Noncompliance' festgestellt“, sagt Bolekwa Nkosi und meint damit mangelnde Therapietreue. „Die TB-Patienten neigen dazu, die Medikamente abzusetzen, sobald sie sich besser fühlen. Zweitens haben viele von ihnen nicht genug zu essen, darum vertragen sie die starken Tabletten nicht.“

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Ein wenig peinlich ist ihr die dritte Ursache: „Einige Kranke verweigern sich uns, weil wir mit ihnen, wie sie sagen, dauernd schimpfen.“ Dass die Ärzte und Schwestern es nur gut meinen, wenn sie Druck ausüben und Therapietreue einfordern, können viele der aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Patienten nicht verstehen. Immerhin, sagt Bolekwa Nkosi, seien gut 95 Prozent ihrer MDR-TB-Patienten vorher schon an Tuberkulose erkrankt gewesen.

„Damit stigmatisiere ich die Kranken“

Lydia Zinto beobachtet mit Sorge, dass sich längst nicht mehr nur die Ärmsten der Armen infizieren. Die Krankenhausmitarbeiterin würde einem Patienten nie mit einem Mundschutz gegenübertreten. „Damit stigmatisiere ich die Kranken“, sagt die 56 Jahre alte Erzieherin, die seit 1985 in dem Krankenhaus arbeitet und noch nie an TB erkrankt ist. Ihre Aufgabe ist es, Patientinnen, die keinerlei berufliche Ausbildung genossen haben, auf die Zeit nach ihrer Heilung vorzubereiten.

Bei ihr lernen sie, Schürzen zu nähen oder Kissenbezüge zu besticken. „Früher hatten ich nie Studentinnen in meinen Kursen“, sagt Lydia Zinto. „Das hat sich inzwischen geändert.“ Sogar eine Ärztin gehört zu den MDR-TB-Patientinnen. Zanele Amoateng ist privilegiert, die Medizinerin hat ein Zimmer für sich allein. Seit sechs Monaten hat sie sich in dem kleinen Raum verkrochen.

Sie weiß genau, wie schwierig MDR-TB zu behandeln ist und dass sie bis zu 24 Monate hinter dem Stacheldrahtzaun ihres neuen Zuhauses leben und täglich 13 Tabletten schlucken muss. Wie es um ihre „Compliance“ bestellt ist? „Bestens“, sagt Bolekwa Nkosi. „Mit ihr haben wir noch nie schimpfen müssen.“

Medikamente gegen die extrem resistente Tuberkulose

Mindestens zwei Drittel der Südafrikaner leben mit dem TB-Erreger, genauso wie ein Drittel der Weltbevölkerung - rund zwei Milliarden Menschen. Nur bei etwa fünf bis zehn Prozent von ihnen bricht die Krankheit aus. Meist werden die Bakterien aktiv, wenn der Körper besonders geschwächt ist, zum Beispiel durch Krebs, Aids oder wenn jemand alt und hinfällig geworden ist. Multiresistente Tuberkulose (MDR-TB) ist schon seit Jahrzehnten bekannt, und auch Fälle von extrem resistenter TB (XDR-TB) wurden inzwischen in vielen Ländern - unter anderem in Deutschland - nachgewiesen. Dabei handelt es sich allerdings meist um Einzelphänomene.

Von MDR-TB spricht man, wenn Mycobacterium-tuberculosis-Stämme nicht nur gegen die sogenannten Erstrangmedikamente Rifampicin und Isoniazid resistent sind, sondern auch gegen Zweitrangmedikamente aus der Klasse der Fluoroquinolone und mindestens gegen eines der injizierbaren Antibiotika Capreomycin, Kanamycin oder Amikacin. Schon die Behandlung von MDR-TB ist wesentlich erschwert gegenüber der einfachen TB: Der Einsatz der Zweitrangmedikamente ist weniger effektiv, oft mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden und vor allem auch teurer. Und die XDR-TB lässt sich mit den zur Zeit verfügbaren Antibiotika fast nicht mehr behandeln.

Zudem sind Zweitrangmedikamente in Ländern der Dritten Welt kaum zu haben: Weil sie in Europa und Amerika so gut wie nicht gebraucht werden, besteht kein großes Interesse, sie in großen Mengen herzustellen. Aus diesem Grund hat das Pharmaunternehmen Eli Lilly eine globale TB-Partnerschaft begründet. Eli Lilly hat bereits vor Jahren zwei Antibiotika entwickelt, die bei Resistenzen gegen andere Tuberkulosemedikamente eingesetzt werden können.

Das in Indianapolis beheimatete Unternehmen sorgt nun dafür, dass Capreomycin und Cycloserin als Generika auf den Markt kommen können. Unter anderem der südafrikanische Hersteller Aspen stellt inzwischen die beiden Zweitrangmedikamente für einen Bruchteil der üblichen Kosten her - und das vor allem in Port Elizabeth, wo zur Zeit eine weitere Produktionsstätte aufgebaut wird. Seit 2003 hat Eli Lilly 70 Millionen Dollar in die TB-Partnerschaft investiert und Ende März den Betrag noch einmal um 50 Millionen Dollar aufgestockt. Neben Südafrika profitieren China, Indien und Russland von der Unterstützung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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