Tuberkulose

Bakterien rüsten auf

Von Lucia Schmidt
24.03.2014
, 16:34
Diagnostik: Röntgenbild von der Lunge eines Tuberkulose-Erkrankten.
Tuberkulose galt bei uns lange als besiegte Krankheit, nun schlagen Experten Alarm: Die Erkrankung tritt wieder häufiger auf. Besondere Risikofaktoren sind Armut und Obdachlosigkeit.
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In Deutschland sind im Jahr 2012 rund 4220 Menschen an Tuberkulose erkrankt. 146 Menschen sind an der Infektionskrankheit gestorben. Angesichts der 80 Millionen Einwohner, die die Bundesrepublik aufzuweisen hat, nicht besorgniserregend viele, denkt sich zumindest der Laie beim Blick auf diese Zahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI), der Hüter über die Infektionskrankheiten in Deutschland, Anfang dieser Woche veröffentlicht hat.

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Aber die Schlagzeilen, die diesem Bericht folgten, lassen doch aufhorchen: „Ärzte warnen vor Tuberkulose-Gefahr“, „Experten besorgt über Tuberkulose-Entwicklung“, heißt es da. Und tatsächlich, der Blick auf die Statistiken zeigt: Seit rund vier Jahren geht die Zahl der Tuberkulose-Fälle in Deutschland nicht mehr zurück. Bis 2008 hingegen waren die Neuerkrankungen in jedem Jahr kontinuierlich und deutlich weniger geworden, nach rund 7800 Fällen im Jahr 2001 waren es etwa 450o im Jahr 2008.

Danach nähern sich die Zahlen einem Plateau. Auf der Internetseite „SurvStat@RKI“, wo die Meldedaten des Robert-Koch-Instituts zu finden sind, kann man schon die Tuberkulose-Zahlen für das Jahr 2013 sehen, wenn auch noch nicht im Detail ausgewertet. Für das vergangene Jahr steht dort vorläufig die Zahl 4307, ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr um knapp 100. Der Trend bleibt also bestehen, die Tuberkulose-Fälle in Deutschland steigen eher, als dass sie fallen.

Risikofaktor Gemeinschaftsunterkunft

Zwar leben 85 Prozent der weltweit Neuerkrankten in Afrika, Südostasien und der westlichen Pazifikregion, aber für die Infektionskrankheit gibt es auch in unseren Breiten keine Entwarnung, stellen Experten klar. Und die von Bakterien übertragene Krankheit ist bedrohlich: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erkranken jährlich fast neun Millionen Menschen daran, und etwa 1,4 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an ihren Folgen. Damit ist die Tuberkulose heute noch diejenige behandelbare bakterielle Infektionskrankheit, die am häufigsten zum Tod führt.

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Aber was genau ist nun dran an den „Warnungen der Ärzte“ und den „Sorgen der Experten“? Wie wahrscheinlich ist es, sich in Deutschland mit dem Erreger der Tuberkulose zu infizieren und zu erkranken? Anruf in Berlin beim Robert-Koch-Institut. „Schwierig zu sagen“, meint Susanne Glasmacher vom RKI. „Das Risiko in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland ist gering, aber es lässt sich nicht quantifizieren. Bei bestimmten Gruppen aber ist das Risiko deutlich erhöht.“

Markrophage verschlingt Tuberkulose-Impfstoff: Die Bacille-Calmette-Guérin-Impfung (kurz: BCG) besteht aus lebenden, abgeschwächten Mykobakterien, speziell aus Mycobacterium bovis.
Markrophage verschlingt Tuberkulose-Impfstoff: Die Bacille-Calmette-Guérin-Impfung (kurz: BCG) besteht aus lebenden, abgeschwächten Mykobakterien, speziell aus Mycobacterium bovis. Bild: SPL / Agentur Focus

Zu diesen Risikogruppen gehören beispielsweise Häftlinge in Justizvollzugsanstalten. Je nach Datengrundlage zeigt sich bei ihnen ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung mindestens zehnfach höheres Risiko, an einer Tuberkulose zu erkranken. Ein weiterer „Hot Spot“ für Tuberkulose-Erkrankungen, wie mancher Experte sich ausdrückt, sind Gemeinschaftsunterkünfte wie Asylbewerberheime oder Flüchtlingsquartiere; zu den Risikofaktoren, an Tuberkulose zu erkranken, zählen Obdachlosigkeit und Armut.

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Aufklärung in 22 Fremdsprachen

Deutschland steht somit aktuell vor allem vor der Aufgabe, spezielle Bevölkerungsgruppen mit der Tuberkuloseprävention und Versorgung zu erreichen. Dazu zählen auch Migranten. Der Bericht des RKI zeigt nämlich: Jeder zweite Tuberkulose-Patient in Deutschland ist im Ausland geboren. Die meisten von ihnen kommen aus der Türkei, Rumänien und Russland. Dabei handelt es sich nicht nur um Menschen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind. Auch viele Jahre nach der Einwanderung kann die Tuberkulose ausbrechen, in den meisten Fällen als Folge einer früher im Heimatland erworbenen Infektion.

Mit dieser Patientengruppe ist eine weitere Schwierigkeit verbunden: Häufig verstehen sie schlecht Deutsch. Eine Aufklärung und Erläuterung der Behandlung durch einen Arzt sind nur schwierig möglich. Nun soll eine App die Kommunikation erleichtern. Verschiedene Forschungseinrichtungen haben gemeinsam für das Smartphone die App „Explain Tb“ entwickelt. Sie informiert in Russisch, Usbekisch und in über zwanzig anderen Sprachen über die Gefahren und den Verlauf der Tuberkulose. Mit Filmen und bilingualem Material können sich Erkrankte auf dem Smartphone informieren, Ärzte das digitale Gerät für Gespräche nutzen.

Viele der Migranten leben in Großstädten. Auch bei einem Anruf im Frankfurter Gesundheitsamt kommt man auf sie zu sprechen. In der hessischen Stadt wurden im Jahr 2013 insgesamt 102 Neuerkrankte mit Tuberkulose gemeldet. 13 davon waren Deutsche, 22 stammten aus Osteuropa, rund acht mehr als im Jahr 2012. 23 stammen ursprünglich aus Südostasien und 24 aus Afrika, die übrigen verteilen sich auf zahlreiche Länder.

Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis, aufgenommen unter dem Elektronenmikroskop.
Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis, aufgenommen unter dem Elektronenmikroskop. Bild: dpa

Mit 14,7 Tuberkulose-Neuerkrankungen auf 100 000 Einwohner liegt Frankfurt deutlich über dem Bundesdurchschnitt mit 5,3 Erkrankungen pro 100 000 Einwohner. Typisch für eine Großstadt: Die Tuberkulose konzentriert sich auf die Metropolen. Berlin, Hamburg und Bremen sind die Bundesländer mit den meisten Neuerkrankungen pro Einwohner. Unter europäischen Großstädten gilt London als die Hauptstadt der Tuberkulose. Die Zahl der bekannten Fälle soll sich dort von 1999 bis 2009 um 50 Prozent erhöht haben. Ist Tuberkulose also doch präsenter in unserem Alltag als gedacht?

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„Tuberkulose gehört zu den schwer übertragbaren Erkrankungen. Ein flüchtiger Kontakt in der U-Bahn zu einem Tuberkulosepatienten reicht in der Regel nicht aus, um sich zu infizieren“, sagt der Arzt Udo Götsch, der die Tuberkuloseberatung des Gesundheitsamts in Frankfurt leitet. Für eine Infektion müsse ein „haushaltsähnlicher Kontakt“ bestehen, also ein engerer zwischenmenschlicher Umgang im geschlossenen Raum über mehrere Stunden oder ein zwar kurzer, aber intensiver Kontakt wie beim Anhusten aus kurzer Distanz.

Ein intaktes Immunsystem kann die Infektion in Schach halten

Außerdem führe eine Infektion nicht zwangsläufig zur Erkrankung, sagt Götsch. Vielmehr seien die meisten Menschen mit intaktem Immunsystem in der Lage, eine Infektion in Schach zu halten. Nur rund fünf bis zehn Prozent aller Infizierten erkranken im Laufe ihres Lebens auch wirklich und bilden Symptome aus. Oft schlummern die Erreger Wochen, Monate oder gar Jahre im Körper. Besonders gefährdet, nach Infektion an Tuberkulose auch zu erkranken, sind chronisch Kranke, HIV-Patienten, Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Kinder.

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Laut dem Bericht des RKI erkrankten 2012 bei uns 178 Kinder unter 15 Jahren an Tuberkulose. Damit hat sich laut dem Institut der seit 2009 registrierte Anstieg der Fallzahlen bei Kindern 2012 nicht fortgesetzt - allerdings war auch kein Rückgang zu verzeichnen.

Eine Entwicklung macht Götsch und den anderen Experten allerdings ernsthaft Sorgen: Laut RKI ist die Zahl multiresistenter Erkrankungen 2012 leicht gestiegen. Solche Bakterienstämme, die als Folge einer unzureichenden Behandlung auftreten, sind mit den zwei wirksamsten Medikamenten, die in der Tuberkulosebehandlung zur Verfügung stehen, nicht zu therapieren. Manche Bakterienstämme entwickeln eine simultane Resistenz gleich gegen zahlreiche Medikamente. Bei der Behandlung der resistenten Tuberkulose müssen zurzeit weniger gut wirksame Medikamente eingesetzt werden, die den Zeitraum der Therapie verlängern und das Risiko von Nebenwirkungen erhöhen.

Diese Fälle in den Griff zu bekommen gehört zu den vorrangigen Aufgaben von Forschung und Medizin. Immer wieder klingt Kritik an, dass man sich nach der Entdeckung wirksamer Medikamente zu lange in Sicherheit geglaubt hat. Innovationen in der Arzneimittel- und Impfstoffentwicklung blieben aus. Damit, so der Vorwurf, sind wichtige Jahre verlorengegangen, in denen das Bakterium im Kampf mit den Menschen aufgeholt hat. Fast unbemerkt hat es aufgerüstet - auch in unseren Breiten.

Tuberkulose unter der Lupe

Der Erreger der Tuberkulose stammt aus der Familie der Mycobacteriaceae. Es sind aerobe, unbewegliche, langsam wachsende, stäbchenförmige Bakterien.

Eine Infektion erfolgt meist über Tröpfchen in der ausgeatmeten Luft von erkrankten Personen, insbesondere beim Husten und Niesen. Dazu müssen die Personen an einer sogenannten „offenen Tuberkulose“ erkrankt sein, der Infektionsherd in der Lunge muss also Anschluss an die Luftwege haben, damit Bakterien an die Umwelt abgegeben werden können. Von Tuberkulosen, die Organe außerhalb der Atemwege betreffen, geht normalerweise kein Infektionsrisiko im Alltag aus.

Die Symptome sind unspezifisch. Husten mit oder ohne Auswurf ist meist typisch für eine Lungentuberkulose. Längeren Husten deshalb vom Arzt abklären lassen. Hinzu kommen Appetitmangel, Gewichtsabnahme, Fieber, Schwitzen und Müdigkeit. Über Blut- und Lymphweg kann es zu einer Ausbreitung der Bakterien in andere Organe und zur Entwicklung spezifischer Symptome kommen.

Die Standardtherapie der Tuberkulose findet immer mit einer Kombination aus mehreren Medikamenten statt und dauert mindestens sechs Monate.

Eine Impfung wird aufgrund ihrer unzuverlässigen Wirkung seit 1998 nicht mehr empfohlen.

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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