Tuberkulose

Neuer Kampf mit einem alten Leiden

Von Peter-Philipp Schmitt, Kapstadt
13.11.2007
, 06:00
Tausende Menschen demonstrierten anlässlich der „Union World Conference on Lung Health”
Vier Jahrzehnte lang wurde wenig in die Tuberkuloseforschung investiert. In Afrika geht die Infektionskrankheit meist mit Aids einher. Nun gibt es vielversprechende Ansätze, wie eine Konferenz in Kapstadt zeigt. Von Peter-Philipp Schmitt.
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Wohl mehr als 750.000 HIV-Kranke im südlichen Afrika werden sich in diesem Jahr mit Tuberkulose infizieren. Die seit mehr als einem Jahrhundert heilbare Infektionskrankheit, früher als Schwindsucht oder Morbus Koch (nach ihrem Entdecker Robert Koch) bekannt, ist noch immer Todesursache Nummer eins von HIV-Infizierten.

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Während sich in Osteuropa und in einigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, unabhängig von Aids, die multiresistente Form der Tuberkulose (MDR-TB) massiv ausbreitet, tritt auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara die Tuberkulose überwiegend in Verbindung mit einer HIV-Infektion auf. Der Erreger Mycobacterium tuberculosis hat bei den in ihrer Immunabwehr geschwächten Patienten leichtes Spiel. Gut 200 Aidskranke sterben täglich auf der ganzen Welt an der durch Tröpfchen übertragenen Krankheit.

Tuberkulose und Aids

Darum wurde schon im Untertitel der am Montag zu Ende gegangenen 38. „Union World Conference on Lung Health“ in Kapstadt auf den engen Zusammenhang zwischen HIV und Tuberkulose verwiesen. Aids und TB, so waren sich die mehr als 3000 Delegierten einig, können nicht mehr als zwei unterschiedliche Erkrankungen angesehen werden - zumindest nicht im Süden Afrikas, wo fast 80 Prozent der TB-Patienten HIV-positiv sind. Erst Aids hat seit den achtziger Jahren eine massive und noch immer ungehinderte Ausbreitung der Tuberkulose bewirkt.

Wichtigster Tuberkulose-Erreger: Mycobakterium tuberculosis
Wichtigster Tuberkulose-Erreger: Mycobakterium tuberculosis Bild: Brinkmann/Schaible, MPI für Infektionsbiologie

Inzwischen sterben fast zwei Millionen Menschen im Jahr an TB, im Laufe der nächsten zehn Jahre könnten es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zu 30 Millionen sein. Dabei ist die Krankheit heilbar, allerdings sind sowohl die Diagnose als auch die Therapie der TB veraltet. Schon der Nachweis der Krankheit ist zeitaufwendig: Es dauert mindestens sechs bis acht Wochen, um eine Bakterienkultur anzulegen und unter dem Mikroskop den Erreger zu entdecken. In bis zu 50 Prozent der Fälle ist das Ergebnis dann noch nicht eindeutig. Schuld daran ist die oft dürftige Ausstattung der Laboratorien in Entwicklungsländern.

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15 Jahre auf Medikamente warten

Bis vor etwa sieben Jahren hat zudem kein großes Pharmaunternehmen mehr auf dem Gebiet der Tuberkulose geforscht. Sämtliche Antibiotika stammen aus den vierziger bis sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der 1921 von den beiden französischen Forschern Albert Calmette und Camille Guérin entwickelte Impfstoff bleibt bei der Lungentuberkulose wirkungslos und wird in Deutschland seit 1998 nicht mehr eingesetzt.

Auf der Konferenz in Kapstadt, die von der Internationalen Union gegen Tuberkulose und Lungenkrankheiten (IUATLD) mit Sitz in Paris jährlich organisiert wird, war gleich von 30 möglichen Antibiotika-Kandidaten die Rede. Die meisten befinden sich aber noch in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung. Bis ein neues Medikament Marktreife erlangt, vergehen zumeist mindestens acht bis zwölf oder sogar 15 Jahre. Die gemeinnützige TB Alliance (“The Global Alliance for TB Drug Development“), die vor acht Jahren in Kapstadt gegründet wurde und sich massiv für die Entwicklung neuer TB-Medikamente einsetzt, stellte gleich zwei vielversprechende Kandidaten vor.

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Vielversprechende Studien

Das schon auf dem Markt befindliche Moxifloxacin, ein Antibiotikum aus der Gruppe der Fluorchinolone (Gyrasehemmer), erreicht demnach in wenigen Wochen die Phase III seiner klinischen Studien, das heißt, sein Wirkungsmechanismus wird schon bald an Tausenden Patienten an sechs verschiedenen Orten in Kenia, Südafrika, Tansania und Sambia unter dem Programmtitel REMoxTB getestet. In Deutschland wird Moxifloxacin (Bayer AG) unter den Handelsnamen Avalox und Actimax therapeutisch bei Bronchitis, Lungenentzündungen und akuten Entzündungen der Nasennebenhöhlen verabreicht. Auch gegen Chlamydien, Mycoplasmen und Legionellen wirkt das Präparat gut. Nun soll gezeigt werden, dass es in Kombination mit drei weiteren TB-Antibiotika die Behandlungsdauer um mindestens zwei Monate verringern kann. Bislang dauert die Therapie der TB sechs Monate. Moxifloxacin soll dabei eines der Standardantibiotika (Ethambutol oder Isoniazid) ersetzen. Vielversprechend scheint der Einsatz auch, weil Moxifloxacin nach Angaben von Maria C. Freire, der Vorsitzenden der TB Alliance, problemlos zusammen mit den antiretroviralen Medikamenten von Aidspatienten eingenommen werden kann. Freire hofft, dass das Antibiotikum als TB-Medikament bis 2011 seine Marktreife erlangt.

Auch das Mittel PA-824 wird schon an Patienten getestet, in einer Phase-II-Studie an zwei Kliniken in Kapstadt. Bei PA-824 handelt es sich um ein völlig neues Medikament: Es ist nach Angaben der Ärztin Maria C. Freire „das erste vielversprechende TB-Antibiotikum seit mehr als 40 Jahren“. PA-824 gehört zu den Nitroimidazolen. Im ersten Teil der klinischen Studie (Phase IIa) bekommt eine Gruppe TB-Patienten 14 Tage lang nur PA-824, eine andere Gruppe erhält die standardisierte, Vierfachkombination (Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid). Im zweiten Teil (Phase IIb) soll das neue Antibiotikum dann ebenfalls eines der herkömmlichen Medikamente als Teil einer Kombinationstherapie ersetzen.

Zu wenig Laboratorien

Entwickelt wurde PA-824 von der amerikanischen Firma Chiron, die heute zur Novartis AG gehört. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Forschung jedoch eingestellt. Vor gut fünf Jahren erwarb die TB Alliance die Rechte an dem Mittel. Damit kann das Antibiotikum, sollte es tatsächlich wirken, in besonders betroffenen Entwicklungsländern preiswert, weil ohne Lizenzgebühren zum Einsatz kommen. Marcos Espinal verwies nicht ohne Stolz auf der Konferenz in Kapstadt auf die Erfolge der vergangenen fast sieben Jahre. Unter den 30 TB-Medikamentenkandidaten befänden sich sicherlich einige vielversprechende, sagte der Direktor von „Stop TB Partnership“, einer Kampagne, der sich 500 Organisationen angeschlossen haben. Doch könne es durchaus sein, dass letztlich nur ein einziges davon wirkt und auf den Markt gelangt.

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Nicht erst seit den epidemischen Ausbrüchen der extrem resistenten Tuberkulose (XDR-TB) - zum Beispiel im vergangenen Jahr im südafrikanischen Kwazulu Natal -, bei denen die Patienten starben, bevor eine exakte Diagnose ihrer Erkrankung vorlag, fordern Mediziner einen Schnelltest, mit dem das Mycobacterium nachgewiesen werden kann. Bei Patienten mit einer XDR-TB wirken weder die beiden Antibiotika erster Wahl, Rifampicin and Isoniazid (zugleich die Definition von MDR-TB), noch die Fluorchinolone (Ofloxacin, Ciprofloxacin und Levofloxazin) sowie mindestens eines der folgenden Medikamente zweiter Wahl: Kanamycin, Kapreomycin oder Amikacin. Trotz der Dringlichkeit sind die Wissenschaftler von der Entwicklung eines überall einsetzbaren Schnelltests wohl noch Jahre entfernt. Wie die „Foundation for Innovative New Diagnostics“ (Find) auf der Konferenz in Kapstadt feststellte, sind in den am meisten von der Tuberkulose betroffenen 22 Ländern (mit 85 Prozent aller TB-Fälle) bei weitem nicht genügend Laboratorien vorhanden. Weniger als die Hälfte der Länder besitzen mehr als drei Laboratorien, in denen Tuberkulosetests überhaupt vorgenommen werden können.

Tests zum halben Preis

Im Nationalen TB-Referenzlabor in Kapstadt werden seit kurzem Kulturen in flüssiger Lösung angelegt - eine Entwicklung des amerikanischen Herstellers Becton, Dickinson and Company. „Statt mehrerer Wochen dauert die Vermehrung der Bakterien so nur noch 14 Tage“, sagt Detlef S. Siewert von BD Diagnostics aus Heidelberg. Zugleich gaben Find und BD bekannt, dass der Test künftig für die Hälfte des Preises, der in Europa und Nordamerika für eine Kultur in flüssiger Lösung gezahlt werden muss, in Entwicklungsländern zu haben sein wird - für etwa zwei Euro.

Geld fehlt in der TB-Forschung ganz besonders, wie die Treatment Action Group (Tag) aus New York auf der Konferenz vorrechnete. Zwar gaben die 40 wichtigsten Geldgeber 2006 insgesamt 20 Millionen Dollar mehr aus als im Jahr zuvor. Der Löwenanteil indes stammt aus den Vereinigten Staaten - unter anderem von der Bill & Melinda Gates Foundation. Sie steigerte die Mittel um fast 50 Prozent auf knapp 85 Millionen Dollar. Das Geld für das deutsche Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin wurde indes nach Angaben von Tag stark gekürzt - um fast 25 Prozent. „Es scheint“, sagt Jonathan Baum von Tag, „dass viele Länder der Meinung sind, solange die Gates Foundation mehr gibt, können wir unsere Mittel weiter reduzieren.“

Quelle: F.A.Z., 13.11.2007, Nr. 264 / Seite 9
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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