Warten auf Organspenden

Die Zentrale der Hoffnung steht in Leiden

Von Eva Schläfer
30.08.2020
, 21:30
In Deutschland warten mehr als 9000 Menschen auf ein Spenderorgan. Bei Eurotransplant entscheidet sich, wer ein Angebot bekommt. Ein Besuch in den Niederlanden.

Exakt um 17 Uhr poppt auf dem großen Bildschirm an der Wand eine Nachricht auf: „New donor“ steht in der Betreffzeile. Vor einer Stunde hat die Abendschicht im Allokationszentrum von Eurotransplant den Dienst angetreten. In dem länglichen Raum, in dem sich sechs Arbeitsplätze aneinanderreihen, sitzen vier Mitarbeiter vor Doppelbildschirmen. Die elektronische Meldung über einen neuen Organspender erreicht das Team im niederländischen Leiden, 25 Autominuten südwestlich des Amsterdamer Flughafens Schiphol gelegen, aus der Klinik einer westdeutschen Großstadt. Der erste Blick auf die sich auf dem Bildschirm öffnende Maske zeigt, dass alle Organe des Verstorbenen zur Spende freigegeben sind: Herz, Lunge, Leber, Pankreas, Nieren, Dünndarm. Und dass die Klinik, in der der Hirntote liegt, den Beginn der Entnahme der Organe für 23 Uhr angesetzt hat.

Ab nun tickt im Allokationszentrum die Uhr. Denn den dortigen Mitarbeitern fällt die Aufgabe zu, die Organe zu vermitteln: an die Patienten in den acht Eurotransplant-Mitgliedsländern, zu denen sie immunologisch am besten passen, die sie am dringlichsten benötigen und die gleichzeitig die besten Chancen für ein erfolgreiches Weiterleben haben. Den ersten Schritt in diesem Prozess übernimmt eine der Mitarbeiterinnen durch einen Klick auf ihre Computermaus. Die Mission „perfect match“, der perfekten Übereinstimmung, beginnt.

Eurotransplant ist für die Organverteilung innerhalb der acht Mitgliedstaaten verantwortlich. Letzter Neuzugang war 2013 Ungarn. Zuvor kamen 2007 Kroatien und 1999 Slowenien zu den fünf Ursprungsmitgliedern hinzu, die sich bereits 1967 zusammengefunden hatten: Luxemburg, Österreich, Belgien, die Niederlande und Deutschland. Eurotransplant sitzt in Leiden, da die Stiftung auf den holländischen Mediziner Jon van Rood zurückgeht, der an der dortigen Uniklinik forschte und lehrte. Als einer der ersten Wissenschaftler entzifferte der Immunologe das sogenannte HLA-System.

Großer Pool an Spendern und Empfängern benötigt

HLA-Antigene sind Bestandteile des menschlichen Immunsystems, die sich auf den weißen Blutkörperchen befinden. Sie können zwischen körpereigenen und körperfremden Substanzen unterscheiden und sind mit dafür verantwortlich, ob ein Transplantat angenommen oder abgestoßen wird. Speziell für den Erfolg von Nierentransplantationen spielen sie eine bedeutende Rolle. Um seine wissenschaftlichen Annahmen in der Praxis zu testen, benötigte der Mediziner einen größeren Pool an Spendern und Empfängern. Er kontaktierte zwölf Kliniken, auch in Deutschland, und startete mit ihrer Unterstützung seine HLA-Testreihen. Diese Kooperation institutionalisierte sich 1969 in der Gründung der Stiftung Eurotransplant. In ihren Mitgliedsländern leben heute rund 137 Millionen Einwohner. Diese Masse an Menschen vergrößert für Patienten die Chance, ein passendes Organ zu bekommen oder – in dringenden Fällen – möglichst schnell transplantiert zu werden.

Im Allokationsraum wirft der Computer nach vier Minuten mehrere Match-Listen aus. Für jedes Organ sind durchnummeriert ein gutes Dutzend Patienten aufgeführt, für die der deutsche Spender zum Lebensretter werden könnte. Der erste Anruf geht gegen 17.10 Uhr an das Zentrum, in dem der Patient gemeldet ist, der ganz oben auf der Match-Liste für das Herz steht. „Hallo, hier ist Eurotransplant. Wir haben für Sie ein Primärangebot eines Herzens.“ Primärangebot bedeutet, dass dieses Zentrum das Herz auf jeden Fall für den über eine Nummer anonymisierten Patienten bekäme, sollte es das Angebot akzeptieren. Da die Beurteilung, ob das Organ für die spezifische Person tatsächlich geeignet ist, aber dem jeweiligen Zentrum obliegt und auch negativ beschieden werden kann, geht direkt danach auch ein zweiter Anruf an das nächste Zentrum auf der Liste. Sollte die erste Klinik ablehnen, könnte die zweite zugreifen. Unmittelbar danach passiert das gleiche Prozedere für die Lunge.

Herz und Lunge sind die sensibelsten Organe, da sie die kürzeste Ischämiezeit aufweisen. So nennt man die Zeitspanne, die ein zu transplantierendes Organ überstehen kann, ohne mit Blut und damit mit Sauerstoff versorgt zu werden. Für das Herz liegt die Zeitspanne zwischen der Explantation aus dem Körper des Spenders bis zur Implantation des Organs in den Körper des Empfängers bei fünf Stunden, für die Lunge bei sechs Stunden. Die Operationen im Entnahmekrankenhaus und der Transport des Organs in das jeweilige Transplantationszentrum müssen also komplett organisiert sein, bevor der erste Schnitt gesetzt wird. Für die anderen Organe liegen die Zeitspannen etwas höher. Innerhalb von zwölf Stunden, bei Nieren kann es auch noch ein wenig länger dauern, sollten aber alle Organe transplantiert sein.

Im Mittel acht Jahre Wartezeit

Insgesamt stehen zurzeit fast 14.000 Patienten aus den acht Mitgliedsländern auf der Warteliste, gute 9000 davon aus Deutschland. Mehr als drei Viertel von ihnen warten auf eine neue Niere, im Mittel mehr als acht Jahre. Auf die Warteliste werden Patienten aufgenommen, denen auf Dauer medizinisch nur die Übertragung eines fremden Organs helfen kann. Gleichzeitig müssen sie aber auch eine realistische Chance haben, die Operation und ihre Folgen zu überstehen und sich durch die Transplantation körperlich so zu erholen, dass sie danach ein wieder selbstbestimmtes Leben führen können. Regelmäßig werden Patienten von der Warteliste gestrichen, da sich ihr Gesundheitszustand zu stark verschlechtert hat. Rund 800 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland, bevor sie transplantiert werden können.

Um auf die Warteliste zu kommen, müssen Patienten bei einem der rund 50 deutschen Transplantationszentren gemeldet sein. Auf Basis von Richtlinien der Bundesärztekammer zur Aufnahme in die Warteliste beurteilt das Zentrum, ob diese vom Patienten erfüllt werden. Interdisziplinäre Transplantationskonferenzen entscheiden unter Einbeziehung einer medizinischen Fachrichtung, die keine Verbindung zur Transplantationsmedizin hat, über die Aufnahme. Bei Zustimmung werden alle relevanten Daten der Wartelisten-Patienten, unter anderem Parameter wie Blutgruppe, Gewebemerkmale, Körpergröße an Eurotransplant übermittelt und dort gespeichert. In einer lebensbedrohlichen Situation, beispielsweise bei einem akuten Organversagen, kann ein Patient „high urgent“ gelistet werden. Dann rückt er an die Spitze der Warteliste.

Doch wie funktioniert der Abgleich zwischen diesen Daten und denen eines Spenders? In heutigen Zeiten natürlich über Algorithmen. Algorithmen, die in der IT-Abteilung von Eurotransplant programmiert werden und die auf medizinischen und organisatorischen Kriterien beruhen. Sie berücksichtigen zum einen die genannten Merkmale wie die Blutgruppe, aber auch Festlegungen wie den erwarteten Erfolg nach der Transplantation, die durch Experten beurteilte Dringlichkeit sowie die Wartezeit. Und auch ein Konstrukt, das sich nationale Organaustauschbilanz nennt. Diese ist notwendig, da der Großteil der Organe zwar im jeweiligen Spenderland verteilt wird, Deutschland seit Jahren jedoch „Importland“ ist und von der höheren Spenderbereitschaft in den Nachbarländern profitiert. Für Länder mit hohem Exportanteil gibt es daher per Algorithmus Bonuspunkte. 2019 überquerten 23,6 Prozent der 7401 durch Eurotransplant vermittelten Organe Ländergrenzen.

Sind die Algorithmen manipulierbar?

Auf die Frage, ob die Algorithmen unbestechlich sind, sagt Wouter Zanen, Leiter der Abteilung Datenservice, der schon die Abschlussarbeit seines Medizininformatikstudiums vor 18 Jahren bei Eurotransplant schrieb: „Der Matching-Prozess kann nicht beeinflusst werden. Er läuft rein technisch im Hintergrund ab. An ihm ist keine Person beteiligt, so dass auch niemand Einfluss nehmen kann.“ Auf die Wartelisten-Manipulationen in Deutschland vor einigen Jahren anspielend stellt er fest: „Die Kette kann korrumpiert werden, aber nicht unsere internen Arbeitsschritte.“ So werde die Arbeit des Eurotransplant-Mitarbeiters, der Änderungen an den Algorithmen vornehme, zum Beispiel wegen neuer medizinischer Erkenntnisse, über definierte Prozesse von einem Kollegen überprüft. Ein Dritter wiederum teste dann, ob die Anpassung der Algorithmen funktioniere.

Gegen Hackerangriffe, die durchaus vorkommen, sieht Zanen Eurotransplant gut geschützt. Und auch auf einen kompletten Systemausfall sei Eurotransplant vorbereitet. Maßnahmen stellten sicher, dass das System innerhalb von 24 Stunden komplett wieder verfügbar sei, die elektronisch gestützte Organvermittlung innerhalb von acht Stunden. Zusätzlich würden aber auch täglich alle Wartelisten ausgedruckt, da die Kollegen geschult seien, die Organvermittlung auch ohne elektronische Hilfsmittel vorzunehmen. Am Flughafen Schiphol habe Eurotransplant zudem ein Back-up-Office, das jederzeit bezogen werden könnte, wenn es in Leiden zu einem Shutdown käme.

Mittlerweile ist es 17.40 Uhr. Im Allokationsraum hat eine der Mitarbeiterinnen ein Transplantationszentrum gerade über die Verfügbarkeit der Leber informiert. Währenddessen klingelt ein anderes Telefon. Das Zentrum, das das Primärangebot für das Herz erhalten hatte, lehnt ab. Es hat sich in der vergangenen halben Stunde die Informationen des Krankenhauses, in dem der Spender liegt, durchgelesen, um sich ein Bild vom Zustand des an einer Hirnblutung Verstorbenen zu machen. Dieser litt unter anderem an deutlichem Übergewicht. Ein weiterer Allokationsmitarbeiter, der für diese Aufgabe wie jeder aus dem Team ein halbes Jahr lang geschult wurde, bevor er das erste Mal einen vollwertigen Dienst absolvieren durfte, ruft erneut das Zentrum an, das an zweiter Stelle über das Herz informiert worden war, und teilt mit, dass aus dem Ersatzangebot nun ein Primärangebot geworden ist. Nun haben auch die dortigen Ärzte etwa eine halbe Stunde Zeit, um sich zurückzumelden.

Wissen war nie wertvoller

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich mit F+ 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

Durch die offenstehende Tür betritt Serge Vogelaar das Allokationszentrum. Er arbeitet seit 2008 für Eurotransplant, zunächst verantwortlich für das Verteilungsmanagement, seit Februar steht er als Medizinischer Direktor an der operativen Spitze der Stiftung. Vogelaar, der dem deutschen Klischee des lockeren Holländers entspricht, klönt ein wenig mit seinen Kollegen und beantwortet Fragen. Sein Büro liegt nur wenige Schritte entfernt auf der anderen Seite des Flurs im von Eurotransplant kurz vor Weihnachten neu bezogenen Zweckgebäude am Stadtrand von Leiden. Auf drei luftigen Etagen haben sich die gut 100 Mitarbeiter in heller, freundlicher Atmosphäre eingerichtet. Bis zum Ausbruch der Pandemie reiste der Mediziner viel durch die Eurotransplant-Länder. Aber auch vom Bürotisch in Leiden aus ist er im ständigen Austausch mit den verantwortlichen Stellen der Länder, über viele Hierarchieebenen hinweg. „Wir sind alle sehr eng vernetzt, kommunizieren informell, können schnell reagieren.“ Über seine Kollegen in der Allokation sagt er: „Wir sind flexibel wie die Feuerwehr. Es gibt Tage mit maximal zwei Spendern, aber auch Tage mit zwölf.“ Durchschnittlich erhält Eurotransplant fünf bis sechs Spendermeldungen täglich. Kommen diese kurz nacheinander rein, kann es auch mal hektischer zugehen. An diesem Tag im März jedoch herrscht entspannte Konzentration.

Kurz nach 18 Uhr wird als erstes Organ die Leber akzeptiert und später auch tatsächlich transplantiert. Das deutsche Zentrum, das das Herz an zweiter Position angeboten bekommen hatte, nimmt an. Während der nächtlichen Explantation wird sich jedoch herausstellen, dass es aufgrund einer zuvor nicht erkannten Erkrankung nicht verwendet werden kann. Auch Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm finden aufgrund ihrer mangelnden Qualität keine Abnehmer. Die Nieren jedoch werden zwei unterschiedlichen Wartelisten-Patienten transplantiert. Dass sie gut genug in Schuss sind, um den Empfängern ein nun wieder freieres Leben ohne Dialyse zu ermöglichen, entscheidet sich nachts um drei während ihrer Entnahme. Die Abendschicht in Leiden hat da schon längst an die Nachtschicht übergeben.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot