Patienten in der Notaufnahme

Was zum Teufel wollen Sie denn hier?

Von Denise Peikert
13.12.2016
, 10:47
Zu viele Zipperlein? Die Klinik-Ambulanzen haben immer mehr mit Notfällen zu tun, die nicht wirklich welche sind: Patienten in der Leipziger Notaufnahme.
Bei Fachärzten muss man oft ewig auf einen Termin warten. Notaufnahmen gelten auch deswegen als chronisch überlastet. Darf deshalb der, dem seit drei Wochen schwindelig ist, nicht kommen?
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Stellen wir uns für einen Moment vor, wir wären Ärzte und würden in einer Notaufnahme arbeiten. Zum Beispiel in der im Universitätsklinikum Leipzig, an einem Mittwoch, es ist kurz vor 15 Uhr. Drinnen sind alle Pritschen belegt, Betten stehen im Flur. Draußen im Wartebereich sind noch Stühle frei. Der Herr mit der Platzwunde am Kopf (an der Betonmischmaschine gestoßen) wartet seit anderthalb Stunden. Die Frau mit trockenem Blut an der Hand (mit dem Fahrrad gestürzt) ist länger da und fragt jetzt am Aufnahmeschalter, ob sie vielleicht schon aufgerufen worden sei und es verpasst habe. Hat sie nicht.

Außerdem sind gekommen:

Herr B. Er ist 67 Jahre alt und ihm ist seit drei Wochen schwindelig. Gegen Mittag ist er in die Notaufnahme gelaufen und hat gesagt: „Ich kann kaum noch laufen.“

Frau D., 53, hat seit vier Tagen Bauchschmerzen und Angst, dass das von der Galle kommt.

Und: Frau H., die 82 Jahre alt ist, seit zwei Jahren bei keinem Arzt mehr war und die sich heute Morgen plötzlich „schwach auf den Beinen“ gefühlt hat.

Was würden wir tun? Um wen kümmern wir uns zuerst? Und bei wem denken wir, heimlich (und an noch stressigeren Tagen als heute vielleicht sogar laut): Was zum Teufel wollen Sie denn hier?

Patienten häufiger aggressiv und gewalttätig

Seit Jahren heißt es, die Notaufnahmen in Deutschland seien mit Bagatellfällen überlastet. Vor allem am Wochenende und unter der Woche immer dann, wenn die Arztpraxen geschlossen haben, also am Mittwoch- und am Freitagnachmittag. Von einem „Ansturm“ war da zum Beispiel kürzlich bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg wieder die Rede, der gefährlich sei, weil Patienten in Lebensgefahr so vielleicht zu lange warten müssten.

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Eine Studie im Auftrag des Verbands der Ersatzkassen hat im Herbst ergeben: Jahr für Jahr kommen zwischen vier und neun Prozent mehr Menschen in die Ambulanzen, rund 20 Millionen sind es demnach derzeit. Und der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, machte Anfang November die „absolute Überlastung“ der Notaufnahmen als Ursache dafür aus, dass Patienten häufiger aggressiv und gewalttätig würden im Krankenhaus.

Erst mal Ruhe bewahren

Bei André Gries ist an der richtigen Adresse, wer jetzt einmal kurz durchatmen will und sich fragen: Was ist da eigentlich los und warum? Gries ist Arzt und leitet die Notaufnahme am Uniklinikum in Leipzig. Er muss also wirklich darüber entscheiden, was mit Herrn B., Frau D. und Frau H. an diesem Mittwochnachmittag passieren soll und in welcher Reihenfolge. Er tut das so: Hand in der Kitteltasche, erst mal Ruhe bewahren. Auf Herrn B., dem seit drei Wochen schwindelig ist, wird Gries am Nachmittag in der Konferenz mit seinem Ärzte-Team aufmerksam. „Und zu einem niedergelassenen Neurologen wollte er wohl nicht?“, fragt Gries die Kollegin, die sich schon um Herrn B. gekümmert hat. „Na ja, er läuft schon wirklich schlecht, und er sieht auch schlecht“, antwortet die junge Ärztin. Gries zweifelt: „Seit drei Wochen, ja?“

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Herr B. liegt auf einer Pritsche, auf dem Monitor über seinem Kopf zeigt eine Kurve stetig an, dass sein Blutdruck etwas niedriger sein könnte.

„Waren Sie denn schon bei Ihrem Arzt?“

„Ich habe immer so einen Druck im Kopf, seit drei Wochen etwa, schwindelig ist mir, und dann war die Schwester da, die hat gesagt, dass das vielleicht was Ernstes ist“, erzählt Herr B.

„Welche Schwester?“, fragt André Gries.

„Na, die Gabriele“, antwortet Herr B.

Gries sagt: „Die kenn ich doch nicht mit Namen, ist das Ihre Schwester?“

„Ja, aus Brandenburg.“

„Waren Sie denn schon bei Ihrem Arzt?“, will Gries jetzt wissen.

„Ja, der hat mir vor ein paar Wochen was verschrieben, aber das hilft nicht. Heute war es ja dann schon nach zwölf, und außerdem war da eine Vertretung vom Arzt am Telefon, da bin ich dann hierher.“

Jeder Patient soll nach spätestens zehn Minuten das erste Mal untersucht werden.
Jeder Patient soll nach spätestens zehn Minuten das erste Mal untersucht werden. Bild: Daniel Pilar

Jeder hat Anspruch auf Behandlung

Der leicht erhöhte Blutdruck wird das Einzige sein, was die Ärzte bei Herrn B. feststellen. Hat der Mann also etwas falsch gemacht? Sind Leute wie er daran schuld, das die Notaufnahmen überfüllt sind? „Jeder, der hierherkommt, hat Anspruch auf eine Behandlung“, sagt André Gries. In anderen Ländern aber müsste jemand wie Herr B. eine Gebühr zahlen in der Notaufnahme, wie das die Kassenärztliche Vereinigung im Oktober auch für Deutschland gefordert hat. „Da muss dann aber auch gesellschaftlich vereinbart sein, dass man sich um Leute wie Herrn B. nicht kümmert“, sagt Gries, wenn dieser nicht zahlen kann. Daran würde Herr B. nicht sterben. Aber vielleicht hätte er tagelang Angst davor.

Kürzlich hat Gries einem Radiosender in einem Interview gesagt, was man seiner Meinung nach mit Menschen wie Herrn B. tun müsste und wie die Notaufnahmen wieder ordentlich arbeiten könnten. Gries erzählt, er habe ausführlich geantwortet, aber das Einzige, was dann gesendet worden sei, sei gewesen, dass er für eine Notaufnahme-Gebühr ist: 20 Euro vielleicht, und wer wirklich ein Notfall ist, bekommt das Geld zurück. Weil es aber nicht so einfach ist, sagt Gries jetzt: Er sei nicht unbedingt für eine Gebühr. „Aber die Schwelle, Krankenhausinfrastruktur in Anspruch zu nehmen, ist zu niedrig.“ Daran, sagt er, müsse man arbeiten.

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Kaum einer kennt den Notdienst

Einer der Gründe dafür, dass Notfallmediziner oft nicht mit Notfällen befasst sind, steht auf einem grünen Pappschild am Aufnahmeschalter der Notaufnahme in Leipzig. „Kassenärztlicher Notdienst 116 117“ hat jemand auf das Bild geschrieben, doppelt unterstrichen und rot umrandet. Wer außerhalb der Sprechzeiten niedergelassener Ärzte ein akutes, aber nicht lebensbedrohliches Problem hat, sollte diese Telefonnummer wählen, so ist das gedacht. Der Patient wird dann an einen Notdienst in einer Praxis vermittelt. Das funktioniert aber nicht gut. Weil kaum einer die Nummer kennt und weil die Verzahnung zwischen diesen ambulanten Notdiensten und denen in den Kliniken schlecht ist.

Warum das so ist, das ist Ansichtssache. So könnten die Notaufnahmen Patienten an die Notdienste verweisen, tun es aber nach Ansicht der Hausärzte zu selten. Die Kliniken sagen, sie könnten auch nichts dafür, wenn die Patienten zu ihnen kämen, wo es doch oft Wochen dauere, bis man bei einem Facharzt einen Termin bekomme. Die Patienten wiederum, das zumindest ist die Ansicht der Stiftung Patientenschutz, blicken in diesem Wirrwarr gleich gar nicht durch: Bin ich ein Notfall oder nur ein Akutfall? Und was, so die Stiftung, sollten Patienten denn tun, wenn Hausärzte immer weniger Hausbesuche machten?

Gebühr für Notaufnahmen

Was es auch ist, und wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen: In der Konsequenz müssen auf ursprünglich weniger Patienten ausgelegte Notaufnahmen immer mehr Kranke versorgen. In manchen Kliniken sind es doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren, während der Anteil der Notfälle, die stationär aufgenommen werden müssen, bei weitem nicht so stark gestiegen ist. In Leipzig geben sie in der Notaufnahme für jeden Patienten, den sie nach einer Behandlung wieder nach Hause schicken, etwa 120 Euro aus - bekommen aber von den Kassen nur rund 50 Euro. Bei 30 Prozent der Patienten ist das so. Im Jahr macht das einen Verlust von etwa einer Million Euro.

Schichtwechsel: André Gries (ganz vorne links) bespricht sich mit seinen Kollegen.
Schichtwechsel: André Gries (ganz vorne links) bespricht sich mit seinen Kollegen. Bild: Daniel Pilar

Was tun? Die Gebühr für Notaufnahmen ist seit Jahren immer wieder im Gespräch, bislang aber nicht mehrheitsfähig. Kliniken helfen sich teilweise selbst und nehmen während der Sprechzeiten niedergelassener Ärzte gar keine Notfälle mehr auf, die nicht vom Rettungsdienst gebracht werden. Der Verband der Ersatzkassen fordert für jede Klinik eine Portalpraxis, die rund um die Uhr geöffnet haben soll und die Notfälle verteilen: auf die Hausärzte, Kliniken, den kassenärztlichen Notdienst.

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Fast alles kann gefährlich sein

Im Universitätsklinikum Leipzig haben sie im Mai dieses Jahres eine Notfallpraxis eingerichtet. Formal ist das ein Kassensitz, der mit dem Krankenhaus wirtschaftlich nichts zu tun hat. Organisatorisch soll die Praxis die Notaufnahme entlasten.

Werner Graf ist der Allgemeinmediziner, der in dieser Praxis behandelt. Obwohl es sein Job ist, den Notfallmedizinern in der Klinik Arbeit abzunehmen, hält er nicht viel von der Diagnose, dass die Notaufnahmen mit Bagatellfällen überlastet seien. „Ob jemand ein Bagatellfall ist, das kann ich immer erst dann feststellen, wenn ich jemanden behandelt habe“, sagt Graf. Drei Tage Kopfweh? Da habe er schon Malaria festgestellt. Ein bisschen Bauchweh? Kann ein gefährlicher Hinterwandinfarkt sein.

Verständnis bei Patienten

Frau D., die seit vier Tagen Bauchschmerzen hat, hält sich selbst für einen Bagatellfall. Heute morgen war sie bei ihrer Hausärztin. Die sagte, es müsse ein Ultraschall von ihrem Bauch gemacht werden, um die Ursache für die Schmerzen zu finden. „Ich habe in ganz Leipzig herumtelefoniert“, sagt D. „Aber alle Fachärzte hatten erst in vier, fünf Wochen Termine.“

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Deswegen ist Frau D. im Uniklinikum gelandet. Den ganzen Vormittag hat sie hier zugebracht: Untersuchung, Blutabnahme, Ultraschall. Am Ende schrieb ihr Allgemeinmediziner Graf ein Schmerzmittel auf - an ihrer Galle wurde nichts Auffälliges entdeckt, vermutlich kommen ihre Schmerzen vom Rücken. D. ist froh, so schnell und gut behandelt worden zu sein. Sie findet es aber nicht richtig, dass das in der Notaufnahme passiert, und kann verstehen, dass sie lange warten musste. „Ist doch klar, dass das Herz vor der Galle drankommt“, sagt sie.

„Unter drei Stunden schaffen wir es nicht“

In der Notfallambulanz humpelt jetzt ein junger Mann zum Schalter. Er habe sich beim Sport gestern etwas am Fuß getan, sagt er. „Es kann bis zu vier Stunden dauern, bis Sie fertig sind hier“, sagt eine Schwester. Zwar wird der Mann, wenn alles nach Plan läuft, innerhalb von zehn Minuten erstmals untersucht werden. Aber dann wird er im System der Notaufnahme wohl zu einem grünen oder gar blauen Fall werden. Was das bedeutet, ist auf einer Infotafel im Warteraum erklärt: Rot steht dort dafür, dass jemand sofort weiterbehandelt werden muss. Die Skala geht dann über Orange und Gelb, was immer noch dringend ist, zu Grün (normal) und schließlich Blau: nicht dringend.

Der humpelnde junge Mann setzt sich. Neben ihm sitzen immer noch die Frau mit dem Fahrradunfall und der Mann mit der Platzwunde am Kopf, beide über ihre Handys gebeugt. Es ist jetzt früher Abend, und die Patienten sind jetzt laut dem System von André Gries zwischen 20 Minuten und vier Stunden in der Notaufnahme. „Unter drei Stunden schaffen wir es nicht, die Leute von der Aufnahme über die Diagnostik auf die Station oder wieder nach Hause zu bringen“, sagt Gries. Heute sind in seinem System viele Patienten rot eingefärbt, was bedeutet, ihre Behandlung ist sehr dringend. Frau H. zum Beispiel, die 82 Jahre alte Frau, die sich heute morgen schwach auf den Beinen fühlte, wird stationär aufgenommen werden - sie hat viel zu wenig getrunken in den vergangenen Tagen. Herr B. wird dagegen heute wieder nach Hause gehen können – mit einem blutdrucksenkenden Medikament in der Hand.

Quelle: F.A.S.
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