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Mangelernährung in Deutschland

„Vegan geht nicht ohne Pharma“

Von Erik Hecht
 - 06:50
Pillen: gesunde Ernährung, bewusstes Essen oder umweltschonendes Denken?

Fünf Ärzte stehen um den betäubten Säugling und überwachen den Eingriff. Auch wenn das Kleinkind nichts mitbekommt, findet alles leise statt und sehr vorsichtig. Holger Lode erklärt flüsternd, dass besonders schmale Geräte eingesetzt werden, wenn bei Kleinkindern Magen-Darm-Spiegelungen vorgenommen würden. Das Kind leidet an Mukoviszidose, einer Erkrankung, die oft mit Mangelernährung einhergeht. Holger Lode ist Leiter der Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Greifswald. Er geht oft durch die Station, redet viel mit seinen kleinen Patienten: „Wie geht es dir heute?“, fragt er dann. Aber auch: „Hast du Appetit?“ Nährstoffe können zwar intravenös zugeführt werden, aber es ist besser, die Versorgung erfolgt auf natürlichem Weg.

Unterversorgung komme immer häufiger vor, sagt der Mediziner. Lode muss sich mit den Folgen beschäftigen, auch in lebensbedrohlichen Fällen. Einem seiner Kollegen fiel zu Beginn des Jahres auf, dass ein Säugling nicht recht gedeihen wollte. Gespräche und Bluttests ergaben, dass keine Erkrankung die Ursache war, sondern die mütterliche Fehlernährung. Der Säugling bekam durch die Muttermilch zu wenig Nährstoffe. Das Neugeborene hatte keinerlei Antikörper, sein Hirn war verkleinert, manche lebenswichtigen Nährstoffe waren im Blut nicht messbar.

Mangelernährung erhöht Gefahr auf Diabetes

Als „Stunting“, zu Deutsch Verkümmerung oder Verkrüppelung, wird es bezeichnet, wenn die Größe eines Kindes aufgrund von Mangelernährung zu gering ist. In armen Ländern wie Sambia sind fast die Hälfte aller Kinder betroffen. In Deutschland liegen keine Daten vor. Laut Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wäre die Sammlung der Daten kein Problem, etwa beim Schuleintritt. Ärzte wie auch Krankenkassen wären dazu bereit, sagt BVKJ-Sprecher Hermann Josef Kahl. Das Problem sei, dass ein solches Programm in ganz Deutschland initiiert werden müsste. Mit dem 2015 erlassenen Präventionsgesetz wurde sogar eine rechtliche Grundlage dafür geschaffen. Engagement auf bundespolitischer Ebene erwartet der Verbandssprecher jedoch nicht. Das Thema Ernährung ist ein politisches Minenfeld, wie 2013 die Diskussion um den Veggie-Tag gezeigt habe.

Viele Krankheiten, die in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten häufiger wurden, werden durch Mangelernährung begünstigt, etwa Bluthochdruck und Knochenschwund. Menschen, die zu wenig Vitamin D aufnehmen, erkranken öfter an Diabetes Typ 2. Das beobachtet Holger Lode auch immer häufiger bei Kindern. Nährstoffmangel bei Kindern kann unterschiedliche Ursachen haben. Gespräche mit Eltern helfen den Ärzten nur bedingt bei der Diagnose, besonders wenn die Kinder übergewichtig sind. Für Mediziner ist Übergewicht ein Hinweis auf Fehlernährung. Aber trotz adipösem Kind sagen manche Eltern: „Das Kind isst ja nichts und wenn, dann nur Salat!“ In solchen Fällen müssen die Ärzte viel Fleißarbeit erbringen, sowohl in Gesprächen als auch bei Untersuchungen. Softdrinks sind eine häufige Ursache, Kinder lieben süße Getränke mit viel Zucker und wenig Nährstoffen.

Auch in Frankfurt weiß man davon zu berichten. Kay Latta, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin des Clementine Kinderhospitals, bestätigt, dass Fehl- und Mangelernährung zunehmen. Wenn Eisen, Folsäure oder Vitamine fehlten, seien die Menschen aber nicht abgemagert, meist sind sie sogar zu dick. Jungen Männern rät der Arzt regelmäßig zu weniger Fleischkonsum, bei jungen Frauen sei es komplizierter. Frauen haben einen höheren Bedarf an Eisen, das besonders in Fleisch vorhanden ist. Mit einer vegetarischen Ernährung könnten noch die meisten wichtigen Nährstoffe aufgenommen werden, sagt er. Zum gänzlichen Verzicht auf Tierprodukte fällt das Urteil des Mediziners anders aus: „Vegan ist extrem unnatürlich.“

Unwissende und einkommensschwache Menschen besonders betroffen

Das liege daran, dass Fisch und Fleisch zwei natürliche Nährstofflieferanten sind. Makro-Nährstoffe wie Eiweiße und Proteine können pflanzlich gedeckt werden, Mikro-Nährstoffe wie Eisen und Vitamin D jedoch schwerlich – und nur, wenn die Ernährung darauf ausgerichtet ist und Nahrungsergänzungsmittel genommen werden. Das lebenswichtige Vitamin B12 kann durch pflanzliche Nahrung überhaupt nicht ausreichend aufgenommen werden. „Weniger Fleisch wäre absolut gut, aber vegan geht nicht ohne Pharma“, sagt Kay Latta.

Die Zahl der vegan lebenden Deutschen steigt, wird aber sehr unterschiedlich hoch geschätzt. Die Angaben schwanken zwischen 400.000 und 1,3 Millionen Veganern. Veganer und auch Vegetarier müssten trotz ihres Verzichts nicht mangelernährt sein, sagt Latta. Die meisten Mangelernährten würden nicht auf gesunde Ernährung verzichten, sondern hätten keinen Zugang dazu. Dies umfasse einkommensschwache Haushalte, besonders aber Mangelernährung durch Unwissenheit.

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„Sie essen draußen rohe Instantnudeln“

Und manche Fälle von Mangelernährung seien sogar im Glauben begründet. Damit meint der Mediziner keinesfalls religiöse Eßvorschriften, sondern den „Glauben an Allergien“. Wie Studien belegen, verordnen manche Eltern ihren Kindern Diäten, ohne dass eine medizinische Begründung dafür vorliegt. Dadurch können Nährstoffmängel und Essstörungen entstehen. Hinzu kommt ein Widerspruch: Auch bei denen, die um ihr ungesundes Essverhalten wissen, ist die Bereitschaft nur gering, sich gesünder zu ernähren. „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“, nennt Latta das. Anders seien Patienten, die aufgrund einer Krankheit an Unterversorgungen leiden. Diese Menschen seien wesentlich offener für ärztliche Ratschläge und Ergänzungsmittel.

Ernährung ist oft vom sozialen Status abhängig

Eisenmangel ist am weitesten verbreitet und betrifft neben Kindern besonders Frauen. Nach Angaben der Bundesärztekammer sind die Hälfte aller Frauen in Deutschland unterversorgt. In der Schwangerschaft steigt der Bedarf an Eisen zusätzlich. Wenn zu wenig aufgenommen wird, führt das zu Blässe und Müdigkeit, in akuten Fällen zu Blutarmut und Haarausfall. Welche Lebensmittel für die Versorgung mit Eisen ideal sind, wird diskutiert. Erbsen und Nüsse enthalten Eisen, aber viel weniger als etwa Leber- und Blutwurst.

Zur Ernährung und deren Auswirkungen forscht seit 40 Jahren der Biochemiker und Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski. „Junge Frauen, die sich vegan oder unausgewogen vegetarisch ernähren, gehen im Falle einer Schwangerschaft ein hohes Risiko ein.“ Wenn schon vor der Schwangerschaft eine Unterversorgung mit Eisen, Zink, Selen, Folsäure und Vitamin A, Biotin und Vitamin B12 besteht, gehe diese auf das Kind über. „Die Folgen müssen bei der Geburt des Kindes nicht unbedingt offensichtlich sein, sie können sich sehr viel später einstellen.“ Eisen und Zink sind in den ersten Lebensjahren für das Wachstum wichtig, Vitamine besonders für die Gehirnentwicklung. Wenn in den ersten Lebensjahren Mängel auftreten, kann der Säugling sein natürliches Potential nicht ausschöpfen, weder physisch noch psychisch. Bei gravierenden Mängeln können die Schäden irreparabel sein. Häufigster Grund für Mängel seien aber nicht diätische Ernährungsweisen der Eltern, sagt Biesalski, sondern der soziale Status.

Männer und Frauen aus den unteren sozialen Schichten essen weniger Lebensmittel mit „günstiger Nährstoffzusammensetzung“, wie Daten des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden belegen. Gegenüber Gemüse und Fisch landen wesentlich häufiger kalorienreiche Lebensmittel auf den Tellern, auch weil diese wesentlich preiswerter sind. Männer und Frauen aus den unteren sozialen Schichten sind dreimal so oft übergewichtig wie der Rest der Bevölkerung, ebenso ihre Kinder. Die Auswirkungen sind nicht nur körperlich sichtbar: Kinder mit niedrigem sozialen Status weisen fast doppelt so oft Merkmale von Essstörungen auf wie Kinder mit hohem sozialen Status, zeigt eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Biesalski weiß von Schülern, die sich als Mahlzeit in der Mittagspause im Discounter einen Tortenboden kaufen. Die Mittagsangebote in Schulen würden besonders von „finanziell belasteten Familien“ nicht wahrgenommen.

In der Politik wird geschwiegen

Kinder aus einkommensschwachen Familien sind nicht nur dicker und zeigen häufiger Anzeichen von Essstörungen: Sie sind im Schnitt auch kleiner. Die Verbindung von Arbeitslosigkeit der Eltern und geringerem Wachstum ihrer Kindern wurde schon vor Jahren nachgewiesen. Zwei Forscher machten sich die Mühe, die Daten von mehr als 250.000 Grundschülern aus Brandenburg zu vergleichen. Besonders ein Zusammenhang hat die Wissenschaftler überrascht: Kinder waren mehr als einen Zentimeter kleiner, wenn mindestens ein Elternteil arbeitslos war. Auch vorangegangene Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien kleiner sind, unabhängig von der Größe ihrer Eltern. Die Ursache dafür kann Nährstoffmangel in der kindlichen Entwicklung sein.

Auf die Frage, warum Mangelernährung nicht längst bundespolitisch diskutiert wird, sagt Biesalski: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Ein Programm gegen gesellschaftliche Mängel würde signalisieren, dass ein flächendeckendes Problem besteht. „Wer will das anfassen und erklären, hier haben wir Fehler gemacht und die Gesundheit unserer Kinder aufs Spiel gesetzt?“ Die Argumentation, es sei allein Aufgabe der Eltern, lässt er nicht gelten: „Mit Hartz IV kann eine alleinerziehende Mutter ein Kind nicht altersgerecht und gesund ernähren. Das Problem der Mangelernährung von Kindern, vor allem von solchen, die in Armut leben, ist in Deutschland nicht neu.“

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Der durchschnittliche Preis für ein Schulessen beträgt 2,60 Euro. Das entspricht fast dem gesamten Tagessatz für das Essen eines Kindes, dessen Eltern Hartz IV beziehen. Nach Angaben Biesalskis ist gesunde Ernährung damit unmöglich. Die Linke fordert seit Jahren die Subventionierung von Schulessen im Wert von 4,50 Euro. Nur so sei die „nährstoffliche Vollverpflegung“ möglich. Bis jetzt wurden alle Anträge abgelehnt. Die Argumente der anderen Parteien: Es sei zu teuer, Aufgabe der Länder. Und es sei alles nur Schwarzmalerei.
Quelle: F.A.Z.
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