Verblendschalen für die Zähne

Nicht zum Lachen

Von Lucia Schmidt
27.02.2016
, 18:00
Fast wie bei „Dracula“: Auch die Ecken von Veneers können brechen.
Veneers sind aus zahnmedizinischen Gründen oft angebracht – aus ästhetischen nicht unbedingt. Denn mit den Verblendschalen kann man nicht immer strahlen.
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Sara Münzler war Mitte zwanzig, als die Kanten ihrer Schneidezähne leicht anfingen zu bröseln. Schuld daran war ihr Zähneknirschen. Nacht für Nacht reibt sie auch heute noch unbewusst Oberkiefer gegen Unterkiefer. Woher die nächtliche Unruhe in ihrem Mund kommt, weiß Sara Münzler (die eigentlich anders heißt) nicht. Da sie aber weder Schmerzen hatte noch das Gefühl, dass man optisch die minimalen unscharfen Ränder sah, machte sie sich damals kaum Gedanken über die bröselnden Zähne, aß und lachte unbeschwert weiter.

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Erst als ihr ein Zahnarzt nicht nur zu einer Beißschiene riet, die sie nachts beim Knirschen und gegen den Abrieb tragen sollte, sondern ihr auch empfahl, über die unscharfen Schneidezähne Veneers, sogenannte Verblendschalen, setzen zu lassen, damit die Zähne wieder optisch gerade Kanten bekommen, kam sie ins Grübeln. Aber nicht lange genug, wie sie heute sagt. Ihr Zahnarzt hatte ihr ein Angebot für vier Veneers gemacht, das weit unter dem üblichen Preis lag. Daher stimmte sie schnell zu, ohne sich weiter zu informieren oder zur Sicherheit eine zweite Meinung einzuholen.

Heute, rund fünf Jahre später, weiß sie genau, was sie alles hätte fragen sollen, damals auf dem Behandlungsstuhl: Sind Veneers beim Zähneknirschen sinnvoll? Kann man das Aufsetzen rückgängig machen? Wie viele Kosten kommen bei Folgebehandlungen auf einen zu?

Zahnschmelz irreversibel zerstört

Der erste Behandlungstermin ging schnell vorüber, ganz ohne schmerzliche Eingriffe. Sara Münzlers Zähne strahlten, die junge Frau war zufrieden. Sechs Monate lang. Dann brach ihr die erste Ecke eines Veneers am Schneidezahn ab, und damit begann die Odyssee. Das Entfernen der alten Veneers war schmerzhaft, das Provisorium, das sie über Wochen tragen musste, drückte nicht nur beim Essen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass das Befestigen der Veneers auf Kosten ihres Zahnschmelzes ging. Der war nämlich zerstört, und zwar irreversibel.

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Professor Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, weiß sofort, was bei Sara Münzler schiefgelaufen ist: „Bei Zähneknirschern sollte man hinsichtlich des Einsatzes von Veneers sehr zurückhaltend sein und vorher genau in Erfahrung bringen, wie stark, wann und auf welche Weise der Patient knirscht oder mit den Zähnen presst.“ Sonst könne passieren, was Sara Münzler erfahren musste: Die Keramik hält dem weit über der normalen Kaubelastung liegenden Druck des Knirschens nicht stand. Richtige Indikationen für Veneers seien von der Karies stark zerstörte Zähne, die durch eine normale Füllung nicht mehr behandelt werden könnten, aber noch zu gesund für eine Vollkrone seien. Das Gleiche gelte für Zähne, sagt Oesterreich, die durch einen Sturz oder ein Trauma beschädigt wurden.

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Zahnärzte sind heute aus wissenschaftlicher Sicht dazu angehalten, sogenannte minimalinvasive Verfahren einzusetzen. Das heißt, bei der Behandlung von Defekten sollen sie so viel wie möglich patienteneigene Zahnhartsubstanz erhalten. „Moderne Klebetechniken, Kunststofffüllungen, Veneers oder Teilkronen sind Bestandteil dieses Konzepts und Ergebnis der zahnmedizinischen Forschung“, sagt Oesterreich. „Das war vor 30 Jahren noch ganz anders.“

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Wünsche der Patienten zweitrangig

Veneers – ein Trend im Sinn der zahnmedizinischen Forschung. Ein Trend allerdings, betont der Zahnarzt, bei dem klar zwischen medizinischen und ästhetischen Gründen unterschieden werden müsse. Oesterreich hat eine unmissverständliche Meinung zu übertriebenen ästhetischen Wünschen seiner Patienten. „Wenn Patienten ein gesundes Gebiss haben und beispielsweise nur aus kosmetischen Gründen auf weißere Zähne aus sind, sollte man dem Patienten dringend raten, durch regelmäßige Zahnpflege, professionelle Zahnreinigung oder Bleaching-Verfahren für mehr Weiß zu sorgen, bevor zu invasiven Verfahren gegriffen wird.“ Oesterreich selbst lehnt Patienten, die das nicht akzeptieren, auch mal ab, um sie nicht unverhältnismäßigen Risiken auszusetzen. „Kein Zahnarzt kann trotz aller moderner Zahnmedizin eine intakte Zahnoberfläche eines Zahns so wieder herstellen, wie es die Natur vorgegeben hat.“ Zahnmedizin sei nicht dazu da, die Wünsche der Patienten zu erfüllen.

Sara Münzler hätte sich gewünscht, dass ihr Zahnarzt ihr so etwas erklärt hätte, ihr gesagt hätte, dass Veneers, müssen sie im Schnitt alle zehn Jahre erneuert werden, je nach Aufwand und Technik zwischen 400 und 1000 Euro pro Zahn kosten können. Oesterreich gibt den Tipp, dass man als Patient immer auf einen Kostenvoranschlag bestehen sollte, damit man sicher weiß, auf was man sich einlässt. Nur in Ausnahmefällen zahlt die Krankenkasse Zuschüsse zu Veneers oder Teilkronen. Voraussetzung: Es handelt sich um eine medizinische Indikation, bei der eine Vollkrone nicht sinnvoll oder noch nicht notwendig ist.

Verblendschalen aus Keramik hochwertiger

Außer auf die Kosten sollten Patienten auch darauf achten, dass die Verblendschalen, die ihnen eingesetzt werden, aus Keramik sind. „Veneers aus Kunststoff sind in Qualität, Verfärbung und Haltbarkeit schlechter zu bewerten als jene aus Keramik“, sagt Oesterreich, der eine Praxis in Mecklenburg-Vorpommern betreibt. Auch sollten Patienten bei der Behandlung angeben, ob sie allergisch auf Kunststoffkleber reagieren, denn damit werden Keramik-Veneers am Zahnschmelz befestigt.

Nicht nur was Allergien betrifft, appelliert Oesterreich an die Ehrlichkeit der Patienten: „Erzählen Sie auch Ihrem Zahnarzt vom Knirschen, von psychischen Problemen oder körperlichen Erkrankungen. Vieles davon hat Einfluss auf die Zahngesundheit. Nur wenn der Zahnarzt ein vollständiges Bild von Ihnen hat, kann er Sie optimal behandeln.“ Sara Münzler war ja ehrlich, nur ihr Zahnarzt nicht. Mittlerweile hat sie sich mit der Situation arrangiert, trägt konsequent nachts eine Beißschiene, um die verblendeten Zähne zu schonen, lässt sich regelmäßig die Zähne reinigen, um Verfärbungen zu beseitigen, und legt Geld für Behandlungen beiseite. Auch wenn es nicht strahlend perfekt sein mag: Ihr Lächeln hat sie trotz allem nicht verloren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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