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Verbitterung

Sie sollen ruhig sehen, wie schlecht es mir geht

Von Julia Lauer
 - 11:19

Offenbar gibt es ein neues Volksleiden. Wer infiziert ist, wird feststellen, zeit seines Lebens hinter den eigenen Möglichkeiten geblieben zu sein, wird erkennen müssen, dass andere es trotz vergleichbarer Leistungen bedeutend weiter bringen. Er wird sich darum sorgen, das Niveau seines Wohlstands nicht zu halten, womöglich auch fürchten, dass ihm andere etwas wegnehmen könnten.

Die Rede ist von der Verbitterung, jener ätzenden Kombination aus Gefühlen, die mit der Überzeugung einhergeht, zu kurz gekommen zu sein, nicht das bekommen zu haben, was man für angemessen hielte. Zuletzt waren es Soziologen oder Migrationsforscher, die sie diagnostizierten. In Zeitungen, im Radio und im Fernsehen kommen sie zu Wort. Vor allem aus dem Erfolg populistischer Gruppen meinen sie ableiten zu können, dass die Verbitterung kein Schattendasein am Rande der Gesellschaft friste. Stattdessen, so argumentieren sie, mache sie sich längst unter Teilen der Mittelschicht breit. Auch wer als gefährdet gilt, wird bei diesen Gelegenheiten ausgemacht: Leute, die gut ausgebildet sind und merken, dass sie trotzdem abgehängt werden. Ingenieure zum Beispiel, die sich mit Nachhilfe über Wasser halten, bewährte Firmenangestellte, die einen Jahrzehnte jüngeren Chef vor die Nase gesetzt bekommen, oder auch Taxifahrer mit Doktortitel. Arbeit und Arbeitsverhältnisse scheinen bei alledem eine große Rolle zu spielen.

„Betroffen sind immer die Guten“

Ist denn überhaupt irgendwer vor der Verbitterung sicher? Anruf bei Michael Linden, Arzt, Seelenforscher und Verbitterungsexperte. Als Psychiater hat er erreicht, wovon die meisten seiner Kollegen nur träumen, er ist Professor und leitet eine Arbeitsgruppe an der Berliner Charité. Er ist beruflich ausgelastet und versteht sich zudem darauf, auch andere für seine Themen zu interessieren, vor allem für die „Verbitterungsstörung“, in der er eine eigenständige Krankheit sieht. Als Referent ist er auf Symposien gefragt, als Interviewpartner sowieso. Die Festanstellung, akademische Freiheiten, die Aufmerksamkeit und sein Erfolg – einer wie er muss doch vor der Verbitterung geschützt sein? „Leider nicht“, antwortet Linden. „Im Gegenteil: Wir sind da verletzlich, wo wir stark sind.“

Bei seinen Patienten hat er das oft genug erlebt. Frauen und Männer saßen schon vor ihm, Familienmenschen und Singles, Leute mit glanzvoller Karriere und solche ohne. Sie alle hatte irgendeine Kränkung zu Fall gebracht. „Betroffen sind immer die Guten“, resümiert er, um im nächsten Atemzug zu erklären, wen er damit meint: Menschen, die an Verlässlichkeit glauben, an Solidarität und Gerechtigkeit und die in diesen Grundannahmen erschüttert werden. Beinahe jeder, meint er, habe einen wunden Punkt – sofern es etwas gibt, das ihm am Herzen liegt. Frauen verbittern eher, weil Beziehungen scheitern, Männer eher wegen geplatzter Karrieren. Letztlich, glaubt Linden, sei kaum einer davor gefeit. Am ehesten noch der Gleichgültige, dem sowieso alles egal ist.

Nun ist Linden Psychiater und nicht Soziologe, und er will vor allem die individuelle Psyche erkunden. Das gesellschaftliche Drumherum ist für die Verbitterung allerdings sehr bedeutend. „In der jüngeren Geschichte hat sich mehrfach gezeigt, dass Verbitterung ansteckend sein kann, dann wird sie zur kollektiven Angelegenheit“, meint Linden. Die heutigen Debatten über Milieus, in denen die Verbitterung um sich greift, hält er deshalb für gar nicht so abwegig: „Gewisse Parallelen zu den Neunzigerjahren könnte es schon geben.“ Damals wurde auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine komplette Gesellschaft umgekrempelt, Unsicherheit machte sich breit. Nachdem die anfängliche Euphorie verflogen war, rollte eine Welle der Verbitterung übers Land. Mit dem Gipfel dieser Entwicklung bekam es Linden schließlich in der Klinik zu tun. Diese Menschen waren nicht mehr nur alltagsverbittert, sondern regelrecht krank.

Diagnose: posttraumatische Verbitterungsstörung

In den neunziger Jahren arbeitete Linden in einer Reha-Einrichtung am Stadtrand von Berlin. Menschen, die sich von einer seelischen Verletzung nicht wieder erholten, hatte er als Psychiater natürlich auch vorher schon kennengelernt, vor dem Mauerfall und vor dem Ende der DDR. Aber nach der Wende, mit all ihren Verlierern, waren das auf einmal keine Einzelfälle mehr.

Linden begegnete immer häufiger Leuten wie jenem Mann, der in Ostdeutschland jahrelang in einem Kinderheim gearbeitet hatte. Das Heim stand der Kirche nah, und der Mann wollte es vor dem Untergang retten. Mit all seiner Kraft setzte er sich dafür ein, es einer kirchennahen Organisation aus Westdeutschland anzugliedern – was ihm auch gelang. Kaum war das geschafft, begann die Mutterorganisation aber auch schon damit, es umzustrukturieren. Als ältester Mitarbeiter war der Mann der Erste, der an die Luft gesetzt wurde. Von diesem Moment an war nichts wie zuvor. Der Mann zog sich zurück, aus der Kirche und überhaupt – er gab sein Sozialleben auf. Er saß zu Hause, warf sich vor, sich mit all seiner Energie um das Heim bemüht zu haben, und fühlte sich als Idiot. Sogar Selbstmord zog er in Betracht.

Viele erholen sich von einer Kränkung, andere nicht. Im Lauf seines Berufslebens traf Linden viele Patienten wie diesen Mann, für die es monate-, manchmal sogar jahrelang nicht mehr bergauf ging. Wann das Unglück seinen Lauf nahm, können sie exakt benennen. Ob nun eine Kündigung, eine Trennung oder eine Demütigung der Auslöser war – in dem einen Moment war ihre Welt noch in Ordnung, im nächsten lag sie in Trümmern. Manche dieser Patienten haben bereits verschiedene Therapien hinter sich, die ihnen keine Hilfe brachten, meist gelten sie dann als depressiv – was sie Lindens Ansicht nach aber nicht sind: „Mit Depressiven kann man reden, aber diese Patienten sind bissig und teilen permanent aus. Und dass sie die Ursache des Problems kennen, passt auch nicht zu einer Depression.“ Aber auch in andere Schubladen scheinen diese Patienten nicht so recht zu gehören: Mit gekränkten Narzissten haben sie nichts gemein, sagt Linden, und auch ein lebensbedrohliches Szenario wie bei der Posttraumatischen Belastungsstörung haben sie nicht erlebt. Für den Psychiater Gründe genug, die posttraumatische Verbitterungsstörung zu diagnostizieren, die seiner Meinung nach von anderen Krankheiten klar abzugrenzen ist. Ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung seien von ihr betroffen, schätzt er.

Das rettende Gegengift: Weisheit.

Jede Diagnose braucht ihren Platz. Linden hat die Krankheit nicht nur näher beschrieben, er plädiert auch seit ein paar Jahren dafür, sie in das Klassifikationssystem ICD-10 aufzunehmen, den Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation. Zum Beispiel unter den Anpassungsstörungen, wo auch die Posttraumatische Belastungsstörung einsortiert ist. Gerade sie zeigt jedoch, dass sich die Akzeptanz einer neuen Krankheit nicht von heute auf morgen vollzieht. Denn obwohl dieses Krankheitsbild spätestens nach der Rückkehr von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg bekannt war, ging noch mehr als ein halbes Jahrhundert ins Land, bis es in den Katalog aufgenommen wurde. Bis die Verbitterungsstörung vielleicht irgendwann einmal Aufnahme findet, muss sich Linden also wahrscheinlich noch etwas gedulden.

Aber muss das eigentlich sein – für jede schwierige Situation im Leben eine neue Diagnose zu erfinden? Schließlich kennt jeder Mensch das Gefühl der Bitterkeit in einem bestimmten Ausmaß. Wird da nicht etwas pathologisiert, das zur normalen Palette menschlicher Empfindungen und Verhaltensweisen gehört? Und profitiert eigentlich, abgesehen von den Therapeuten, noch jemand von neuen Störungsbildern wie diesem?

Linden überlegt nicht lange, für ihn liegen die Vorteile der Diagnose klar auf der Hand. „Durch die Abgrenzung der Verbitterungsstörung von anderen Krankheiten würde auch kein einziger Gesunder zum Kranken erklärt“, ist er überzeugt. „Aber wenn wir die Verbitterten aus der Schublade der Depressiven oder derer mit Posttraumatischer Belastungsstörung holen, können wir ihnen besser helfen.“ Hier kommt das Etikett ins Spiel. Denn in der Klinik, berichtet er, hätten er und seine Kollegen Patienten gesehen, die zigfach in Therapie waren, aber es sei einfach nicht besser geworden, und auch Antidepressiva hätten bei ihnen keinerlei Wirkung gezeigt. Nachdem die Therapeuten aber wüssten, was mit ihnen los sei, könnten sie heute mit einer speziellen Behandlungsmethode zumindest der Verbitterung eines jeden zweiten Patienten erfolgreich zu Leibe rücken. Das rettende Gegengift: Weisheit.

Depression und Verbitterung verwandt

„Wenn die Weisheit in dein Herz kommen wird und die Erkenntnis deiner Seele gefällt, dann wird Besonnenheit dich beschirmen, Einsicht wird dich behüten“, heißt es schon im Alten Testament, und so könnte auch die Maxime von Lindens Therapieansatz lauten. Linden hat die Weisheitspsychologie nicht erfunden, aber sie in eine Therapieform übertragen. Diese Methode aus dem Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie soll dem Patienten zu Kompetenzen verhelfen, mit denen er wieder Herr der Lage wird und mit dem schmerzhaften Erlebnis abschließen kann – indem er sich etwa in die Rolle des Aggressors (des kündigenden Chefs, des betrügenden Partners) begibt, indem er seine Emotionen zu kontrollieren lernt, oder etwa, indem er Geschehenes vergibt. Wie schnell all das Früchte trägt, hängt vom Einzelfall ab. „Manchmal haben wir nach hundert Stunden noch nichts erreicht, manchmal sind wir nach wenigen Stunden schon deutlich weiter“, erzählt Linden.

So einleuchtend das auch alles klingen mag – Lindens Konzept der Verbitterungsstörung hat noch nicht all seine Kollegen überzeugt. Hansjörg Znoj forscht als Professor für Klinische Psychologie an der Universität Bern, auch er hat sich mit der Verbitterung befasst. Wie Linden unterscheidet Znoj ebenfalls zwischen depressiven und verbitterten Zuständen: „Wenn ich hoffnungslos bin und denke, dass ich an meinem Zustand selbst schuld bin, bin ich depressiv. Wenn ich hoffnungslos bin und denke, dass andere daran schuld sind und mir ein Unrecht widerfahren ist, dann bin ich verbittert“, fasst er sein Verständnis der Dinge zusammen.

Und dennoch sagt er: „Ich glaube nicht, dass man die Verbitterung als eigenständige psychische Störung einführen sollte.“ Mit Fragebögen hat er untersucht, ob Patienten verbittert oder depressiv sind. Die Auswertung zeigte, dass sich beide Zustände praktisch kaum voneinander trennen lassen. „Verbitterung und Depression korrelieren stark“, sagt Znoj. Bei seiner Tätigkeit in der psychologischen Praxisstelle seiner Universität, die allen Menschen offensteht, habe er die Diagnose der Verbitterungsstörung deshalb auch nur ein einziges Mal in Erwägung gezogen. Bei einem Mann, der Manager war und seine Stelle verloren hatte. Obwohl er längst in einem neuen Job Fuß gefasst hatte, ließ ihn die Kränkung auch nach Jahren nicht los.

Mit der eigenen Waffe schlagen

Vielleicht herrschen in Bern andere Verhältnisse als in Berlin, in einer Ambulanz andere Zustände als in einer Reha-Klinik? Dieser Eindruck verfestigt sich spätestens nach dem Gespräch mit Beate Muschalla, psychologische Psychotherapeutin, die an der Reha-Klinik Seehof auch schon mit Michael Linden zusammengearbeitet hat. Sie sagt: „Wenn ein Mensch nicht nur angebittert ist, sondern tatsächlich eine Verbitterungsstörung hat, dann ist die Affektqualität so eindrücklich, dass sie kaum mit der Depression zu verwechseln ist.“ Das soll heißen, dass bei den Verbitterten besonders komplexe Emotionen am Werk sind. Anders als Patienten mit Depressionen sind sie nicht nur antriebslos, sondern auch ausgeprägt wachsam, bisweilen argwöhnisch, sie leiden unter wiederkehrenden Erinnerungen an die erlebte Kränkung, und sie werden von Rachegedanken geplagt. Letztere treten selten offen zutage, häufig sind sie nicht einmal den Patienten bewusst. Zum Beispiel, wenn sie sich gehen lassen und denken: „Die anderen sollen ruhig sehen, wie schlecht es mir geht.“

Aber auch, wenn die Rachegedanken weniger subtil sind, lassen sie sich oft nicht so ohne weiteres offenlegen, hier lassen sich die Patienten verständlicherweise nicht so gerne in die Karten schauen. Therapeuten versuchen dennoch dahinterzukommen. Muschalla spricht diese Dinge meist vorsichtig an: „Sie hätten sicher nichts dagegen, wenn Ihr ehemaliger Chef mal auf einer Bananenschale ausrutschen würde?“ Wenn der Patient dann grinst, weiß sie, er sitzt mit im Boot, sie hat ihn emotional abgeholt. Dann kann sie weiter fragen. Sie will wissen, ob ihr Patient gefährlich ist, ihm aber gleichzeitig auch zu verstehen geben, dass ein offenes Gespräch in der Therapie möglich ist.

Auch Linden hatte schon mit Patienten zu tun, die phantasierten, ihre Frau umzubringen, oder die tatsächlich ein Feuer im Arbeitsamt legten. Aber so gefährlich die Rachegedanken werden können, haben sie doch auch hin und wieder etwas Gutes. Einem seiner Patienten, der von der Therapie zunächst nicht viel wissen wollte, schlug Linden die Heilung aus Rache vor: „Ihr Arbeitgeber hat Ihnen schon den Job weggenommen, soll er Ihnen jetzt noch den Schlaf rauben?“ Lindens Plan ging auf, der Mann ließ sich ein. Bald ging es ihm besser, und er konnte wieder schlafen. Manchmal geht es eben nur so: Dann ist die Verbitterung nur mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Quelle: F.A.S.
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