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Vitamin-D-Mangel

Sonne statt Stoff

Von Denise Peikert
 - 15:04

Das Wichtigste gleich zu Beginn: Wer an einem schweren Vitamin-D-Mangel leidet, kann auf Dauer ernsthaft krank werden. Rachitis heißt die dann drohende Erweichung der Knochen bei Kindern, Osteomalazie bei Erwachsenen. Die Sache ist bloß: Die allermeisten Menschen in Deutschland haben keinen solchen Mangel. Bei vielen ist noch nicht einmal das Risiko erhöht, einen zu bekommen. Trotzdem zählen die Krankenkassen heute rund vier Millionen Vitamin-D-Tests im Jahr, die Menschen durchführen lassen; trotzdem werden jedes Jahr Pillen mit dem Vitamin für mehr als 70 Millionen Euro verkauft.

Denn Vitamin D hat einen goldenen Ruf. Ihm wird nicht nur nachgesagt, gut für die Knochen zu sein. Es soll auch gegen Müdigkeit helfen, Erkältungen, Depressionen, Diabetes, Herzinfarkte und sogar Krebs vorbeugen. Ein echter Tausendsassa also, dieses Vitamin D, was?

Alarmierende Online-Tests

Einer, der das sofort bejahen würde, ist Rafael Frenk. Er betreibt eine Seite im Netz, sie heißt „Vitamin D Portal“. Frenk bietet dort einen „Vitamin D Schnell-Test“ an. Nutzer sollen sieben Ja-Nein-Fragen beantworten, dann wird ihr Risiko eingeschätzt, an einem Vitamin-D-Mangel zu leiden. Ob man nördlich von Rom lebe, will Frenk wissen, oder im Sommer oft lange Kleidung trage – einen Großteil seines Vitamin D bildet der Organismus nämlich selbst, sobald wir in der Sonne sind. Aber die Antworten auf Frenks Fragen kann man sich eigentlich sparen. Denn das, nun ja, am wenigsten alarmistische Testergebnis, das man überhaupt erreichen kann, warnt in orangefarbener Schrift: „Sie haben ein latentes Vitamin-D-Mangel-Risiko.“

Überall auf Frenks Seite gibt es Links zur Lösung dieses Problems: ein hochdosiertes Vitamin-D-Präparat, knapp 30 Euro das Fläschchen. Warum quasi jeder, der den Schnelltest gemacht hat, dieses Präparat kaufen sollte, lässt Frenk auf Nachfrage unbeantwortet.

Wie hoch muss der Vitamin-D-Spiegel steigen?

Tobias Welte ist Chefarzt der Pneumologischen Universitätsklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover, und wenn man ihm von dem Schnelltest erzählt, weiß er gar nicht, wo er anfangen soll, die Dinge richtigzustellen. Vielleicht bei dem Wort Mangel. Was als normal gilt, sagt er, hat sich in den vergangenen Jahren verschoben. Wird der Vitamin-D-Spiegel im Blut gemessen, stehen die Grenzwerte nicht für einen Mangel – sondern höchstens für ein erhöhtes Risiko, künftig an einem Mangel zu leiden. „Es ist aber unklar“, sagt Welte, „ob es klinisch überhaupt etwas bringt, wenn man einen nicht als optimal geltenden Spiegel durch die Gabe von Vitamin D erhöht.“ Soll heißen: Natürlich steigt der Vitamin-D-Spiegel, wenn jemand Vitamin-D-Pillen nimmt. Fraglich ist aber nicht nur, wie hoch er steigen muss. Sondern auch, ob das dann tatsächlich gesünder macht.

Vitamin D wird ein positiver Einfluss auf viele Krankheiten nachgesagt, darunter Depressionen, Krebs und Erkältungen. Es gibt Studien, die das jeweils andeuten – allerdings halten sie genaueren oder auch nur wiederholten Überprüfungen nie stand. Nehmen wir zum Beispiel Atemwegsinfektionen. Dort gibt es zwei Untersuchungen, die nahelegen, dass Schulkinder sich seltener erkälten, wenn sie täglich Vitamin D einnehmen. Die eine stammt aus Afghanistan, die andere aus der Mongolei. In Ulan-Bator wurde die tägliche Schulmilch von 143 Kindern mit Vitamin D angereichert – in einer Stadt also, in der die jährliche Durchschnittstemperatur bei minus zwei Grad Celsius liegt. Die Eltern gaben an, dass ihre Spezialmilch trinkenden Kinder sich nur halb so oft erkälteten als die mit der normalen Milch. Ein immenser Effekt, der sich allerdings in größeren Studien an anderen Orten nie wiederholen ließ.

In Pillenform schwächelt der Stoff

Als sicher nachgewiesen gilt, dass Vitamin D gut für die Knochen ist. Aber auch in dieser Disziplin schwächelt der Stoff in Pillenform inzwischen. Einer britischen Überblickstudie vom vergangenen Jahr zufolge verbessert Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel weder generell die Knochendichte noch verhindert es Stürze oder Brüche. Die einzigen, die von der Gabe des Vitamins profitieren, sind demzufolge ältere Frauen in Pflegeheimen.

Chefarzt Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover gibt seinen Patienten Vitamin D nur streng nach den ärztlichen Leitlinien. Nur dann also, wenn sie bereits an Osteoporose leiden oder ein Medikament mit Cortison einnehmen. Bei allem anderen, insbesondere zur Vorsorge gegen irgendwas bei gesunden Menschen, fehlen ihm Beweise, dass zusätzliches Vitamin D hilft. „Zum jetzigen Zeitpunkt steht da schlicht eine Industrie dahinter, die Vitamin D verkauft“, sagt er. „Das ist nicht der erste Hype um ein Vitamin, den es gibt. Dasselbe gab es mit C vor zwanzig und mit E vor zehn Jahren.“

Vitamin D als Aufsteiger unter den Präparaten

Bei beiden Vitaminen weiß man inzwischen, dass die jeweilige Aufregung übertrieben war. Gewirkt hat sie trotzdem. Gut ein Drittel der Deutschen nimmt Nahrungsergänzungsmittel und gibt dafür im Jahr insgesamt 1,1 Milliarden Euro aus. Das hat IMS Health errechnet, ein auf Gesundheit spezialisiertes Marktforschungsunternehmen, das die Pharmabranche berät. Der Aufsteiger unter den Präparaten ist demnach Vitamin D, zusammen mit seinem Bruder A. Der Umsatz von Tabletten oder Tropfen mit diesen Stoffen ist zuletzt innerhalb eines Jahres um fast 27 Prozent gestiegen.

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So weit, so sehr normale Marktwirtschaft. Vor einigen Monaten, im Januar, hat Anke Ehlers vom Bundesinstitut für Risikobewertung auf der Grünen Woche einen Vortrag gehalten, und man muss sich nur die Folien dazu im Netz ansehen, um zu begreifen: Ganz so einfach ist es nicht. Nahrungsergänzungsmittel werden nicht behördlich geprüft, bevor sie in den Handel gehen. Frei verkäufliche Vitamin-D-Präparate sind oft hochdosiert, die Hersteller empfehlen zum Teil, täglich 50 Mikrogramm Vitamin D einzunehmen. Eine Dosis, die offizielle Zufuhrempfehlungen weit übersteigt. Das ist erlaubt, weil es keine gesetzlichen Höchstmengen für Vitamin-Präparate gibt. „Die sind aber unbedingt notwendig, um das Risiko einer Überversorgung zu vermeiden“, sagt Ehlers vom Bundesinstitut, wo man an Empfehlungen für solche Grenzwerte arbeitet.

Das Schein-Vitamin

Vitamin D ist dabei ein Sonderling. Es ist nur versehentlich als Vitamin deklariert und eigentlich ein Prohormon. Der Körper braucht es, um Calcium nutzen zu können – und kann es im Unterschied zu anderen Vitaminen nur bedingt durch die Nahrung aufnehmen. Zu 90 Prozent wird D durch In-der-Sonne-Sein vom Körper selbst synthetisiert.

Die Werbung der Vitamin-D-Industrie zielt deshalb auf den durchschnittlichen Büroarbeiter ab, der eh schon mit einem schlechten Gefühl acht, neun oder zehn Stunden am Tag sitzend und drinnen verbringt. Genau aber dieser Büroarbeiter hat aller Wahrscheinlichkeit nach gerade kein erhöhtes Risiko für einen Vitamin-D-Mangel. Nach vom Bundesinstitut für Risikobewertung ausgewerteten Studien gibt es nur eine Gruppe in der Bevölkerung, deren Vitamin-Spiegel mehrheitlich deutlich zu niedrig ist: Senioren, die in Pflegeheimen leben und so gut wie nie in der Sonne sind. Außerdem schauen die Risikoexperten noch auf Säuglinge, die besser nicht in der Sonne herumliegen sollten. Für beide Gruppen ist gesorgt. Kinderärzte geben Eltern von Säuglingen standardmäßig Vitamin-D-Tabletten für das Kind mit. Bei Bewohnern von Pflegeheimen empfehlen Hausärzte die Pillen.

Die Leute, die bei Gerd Appel in seiner Kasseler Hausarztpraxis sitzen und einen Vitamin-D-Test verlangen, sind aber nur selten Säuglinge und Senioren. Seit etwa zwei, drei Jahren wird der Mediziner oft nach einem Test und nach Vitamin-Präparaten gefragt, und fast immer, so sagt er, von jungen, gesundheitsbewussten Menschen, hauptsächlich Frauen. „Vitamin D ist in den Augen einiger Patienten für alles verantwortlich“, sagt Appel. „Dabei gibt es keine Evidenz dafür, dass es einem Patienten etwas nützt, wenn sein Vitamin-D-Spiegel erhöht wird.“

„Das sind keine Smarties“

Appel ist dann in einer Zwickmühle: Er will seine Patienten nicht enttäuschen – findet aber auch keine Studien, die beweisen, dass zusätzliches Vitamin D ihnen etwas nutzen würde. Und dann ist da noch das Problem mit den Nebenwirkungen – die man Vitaminen zwar nicht zutraut, die es aber trotzdem gibt. Vitamin D zum Beispiel kann, gerade hochdosiert als Medikament, Nierensteine verursachen und Koliken auslösen. Im schlimmsten Fall, bei einer sogenannten Hyperkalzämie, treten Psychosen auf und Patienten können ins Koma fallen. „Das sind ja keine Smarties“, sagt Appel über Vitamin-D-Tabletten.

Der Allgemeinmediziner ist nicht der einzige, der von seinen Patienten inzwischen häufig nach Vitamin-D-Tests gefragt wird. Aktuell bezahlen die Krankenkassen nach den Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK etwa eine Million Vitamin-D-Tests im Quartal. 2010 waren es noch etwa 250 000 Tests. Eine Vervierfachung also, die die Kassen im Jahr mindestens 73 Millionen Euro kostet. Rasant angestiegen sind die Zahlen nach 2012 – und zwar wegen eines Missverständnisses.

Damals hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ihre Vitamin-D-Referenzwerte erhöht. Statt bislang fünf Mikrogramm am Tag galten fortan zwanzig Mikrogramm als wünschenswert. Eine „drastische Erhöhung“ sei das, berichtete seinerzeit Stiftung Warentest. Der Deutschlandfunk und sogar das „Deutsche Ärzteblatt“ sprachen von einer Vervierfachung des Wertes. Dabei stimmt das nicht: Mit ihren Werten hat die DGE nämlich auch die Berechnungsgrundlage geändert. Der alte Wert, also eine zusätzliche Aufnahme von fünf Milligramm am Tag, galt ganz allgemein. Die zwanzig Mikrogramm, der neue Wert, gilt dagegen nur unter der Annahme, dass überhaupt kein Vitamin D per Sonnenlicht produziert wird. Laborbedingungen sozusagen – weit weg vom normalen menschlichen Alltag.

Frischluft statt Tabletten

Die neuen Zahlen haben zu einem regelrechten Vitamin-D-Alarm geführt. Dabei sagt auch die DGE: Der Großteil der Deutschen leidet nicht an einem Mangel. Und für die, deren Spiegel im Blut zu niedrig ist, empfiehlt sie keine Tabletten, sondern Rausgehen. Je nach Hauttyp reichen der DGE zufolge nämlich auch in Deutschland im Sommer schon fünf bis 25 Minuten Sonne am Tag, um ausreichend mit Vitamin D versorgt zu sein. Im Winter fällt der Spiegel zwar tatsächlich bei vielen. An Mangel leiden die allermeisten Menschen dann trotzdem nicht. Sie kommen mit dem im Fett und Muskeln gespeicherten Vitamin D locker über die dunklen Monate des Jahres.

Quelle: F.A.S.
Denise Peikert
Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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