Vogelgrippe

Enzyklopädisches zum Ernstfall

Von Christian Schwägerl
12.10.2005
, 18:15
Infizierte Vögel: Tragen sie die Vogelgrippe um die Welt?
Eine mögliche Vogelgrippe-Pandemie sorgt für Verunsicherung bei den Menschen: Wie groß ist die Gefahr? Wie kann ich vorbeugen? Gibt es Medikamente? Antworten auf Fragen zu einer realen, aber (noch) nicht akuten Gefahr.

Die Nachrichten von der sich ausbreitenden Vogelgrippe und das Szenario eines weltweit grassierenden „Supervirus“ machen vielen Menschen angst. Zu Recht, denn die weltweite Influenza von 1918/19 hat zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Menschen das Leben gekostet. Die Nachfrage nach der Grippeschutzimpfung ist in diesem Jahr besonders groß. Viele Arztpraxen erleben derzeit einen regelrechten Ansturm. Vieles aber geht in der öffentlichen Wahrnehmung offenbar durcheinander, was auch irrationale Ängste auslöst. Was also ist richtig, was falsch? Worin etwa liegt der Unterschied zwischen Erkältung, Grippe, Vogelgrippe und einem „Supervirus“?

Die allermeisten Menschen, die husten, niesen und mit etwas Fieber im Bett liegen, sind Opfer einer normalen Erkältung, des sogenannten „grippalen Infekts“. Dieser wird von mehr als zweihundert verschiedenen Virustypen ausgelöst und klingt nach einigen Tagen wieder ab. Wegen der Vielzahl der Viren gibt es keine Impfung. Anders ist das bei der echten Grippe. Die sogenannte saisonale Influenza, ausgelöst durch immer neue Stämme von Influenzaviren, tritt vor allem im Spätherbst und im Winter auf. Sie zeichnet sich unter anderem durch plötzlich einsetzendes hohes Fieber, extreme Schwäche und starke Kopf- und Gliederschmerzen aus. Sie kann besonders Babys, älteren Menschen und chronisch Kranken gefährlich werden. Jeden Winter erkranken in Deutschland Tausende Menschen an Influenza und viele sterben, obwohl man sich gegen die Viren impfen lassen kann.

Pandemie-Virus existiert bisher nicht

Davon grundlegend zu unterscheiden ist die Vogelgrippe. Sie ist in erster Linie eine Tierseuche und hat zunächst mit der für den Menschen gefährlichen Influenza nichts zu tun. Die meisten Erreger der Vogelgrippe oder auch der Schweinegrippe sind für den Menschen nicht bedrohlich. Doch grassiert in Asien ein spezieller Stamm von Vogelgrippeviren namens H5N1, der in den vergangenen Jahren mehr als 60 Menschen das Leben gekostet hat. Bei engem Kontakt mit Vögeln, etwa auf Bauernhöfen oder im Haushalt, kann H5N1 auch Menschen infizieren und töten.

Seuchen
Indonesien befürchtet Vogelgrippe-Epidemie
© Reuters, Reuters

Das Virus kann bisher aber nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Genau dies ist allerdings das Horrorszenario von Fachleuten: Sie fürchten, daß das Virus H5N1 oder ein anderes Vogelvirus in Zukunft auf gefährliche Weise genetisch mutiert oder sein Erbgut mit menschlichen Influenzaviren mischt. Es könnte möglicherweise ein „Supervirus“ entstehen, das zugleich äußerst aggressiv und ausbreitungsfreudig wäre. Bisher gibt es diesen Virus, der eine weltweite Epidemie - eine Pandemie - mit sich bringen könnte, aber nicht. Selbst wenn die Vogelgrippe nun in Europa auftauchen sollte, wäre sie in erster Linie für Vögel gefährlich und für die Menschen, die direkt mit infizierten Vögeln umgehen müssen. Allerdings wächst die Wahrscheinlichkeit, daß H5N1 auf gefährliche Weise mutiert, mit seinem Verbreitungsgebiet und mit der Zahl der infizierten Tiere.

Schutzimpfung gegen Vogelgrippe?

Gegen welche Erreger hilft die verfügbare Grippeschutzimpfung? Die Schutzimpfung, die nun in Arztpraxen angeboten wird, hilft in erster Linie gegen die saisonale Influenza und damit gegen die derzeit immer noch wahrscheinlichste Art, durch eine Grippe schweren Schaden zu nehmen. Die Impfung führt zur Produktion von Antikörpern gegen die saisonal grassierenden Virenstämme. Sie erlaubt dem Immunsystem eine schnelle Bekämpfung eindringender Erreger. Die genaue Zusammensetzung des Impfmittels wird der Pharmaindustrie in jedem Frühjahr neu von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Grundlage dafür sind die Analysen von weltweit rund hundert Speziallaboratorien. Die Hersteller von Impfmitteln haben dann ein halbes Jahr Zeit, bis zum Beginn der Grippesaison viele Millionen Impfdosen für den absehbaren Bedarf zu produzieren. Die Schutzimpfung wird von der zuständigen Ständigen Impfkommission derzeit besonders Menschen über sechzig Jahren und chronisch kranken und immungeschwächten Kindern und Erwachsenen empfohlen, aber auch jedem, der Kontakt mit vielen Menschen hat. Die Impfung wird in der Regel sehr gut vertragen. Zusätzlich zur Grippeimpfung ist eine Impfung gegen Pneumokokken zu erwägen, da diese vor einer gefährlichen bakteriellen Infektion im Gefolge einer Influenza schützt.

Hilft die Schutzimpfung auch gegen Vogelgrippe? Gegen das Vogelgrippevirus H5N1 böte die aktuell angebotene Impfung höchstwahrscheinlich keinen Schutz. Da das Virus in Europa derzeit nicht als direkte Gefahr für den Menschen gesehen wird, ist es nämlich auch nicht Teil der Impfstofformulierung. Allerdings gibt es angesichts des Gefahrenpotentials weltweit bereits konkrete Forschungsarbeiten an einem Impfstoff gegen das Vogelgrippevirus für den Menschen. Die Schutzwirkung des aktuell beim Arzt verfügbaren Impfmittels gegen ein mögliches zukünftiges Supervirus ist unbekannt, da niemand weiß, wie ein solches Virus genau aussehen würde. Amerikanische Experten haben aber nun herausgefunden, daß die gängigen Impfmittel wohl einen gewissen Schutz gegen das Supervirus von 1918/19 geboten hätten. Die Impfung bietet indes einen indirekten Schutz: Breitet sich die Vogelgrippe tatsächlich in Europa aus, kämen die Erreger um so seltener mit menschlichen Influenzaviren in Kontakt, je mehr Menschen gegen die saisonale Grippe geimpft sind.

Wer sich impfen läßt, hilft mit

Wie kann sich die Menschheit gegen ein zukünftiges Supervirus schützen? Viele Maßnahmen sind dazu notwendig. Erstens können Regierungen in die Impfforschung investieren und die Produktion eines maßgeschneiderten Impfstoffs gegen ein neuartiges Virus vorbereiten lassen. Ein tieferes Verständnis von Influenzaviren hilft, im Fall einer Pandemie schneller und besser reagieren zu können. Neue Produktionstechniken können dazu beitragen, daß es nicht wie bisher ein halbes Jahr dauert, bis das erste paßgenaue Impfmittel zur Verfügung steht. Dazu gehört, daß das Virenmaterial für den Impfstoff in Zukunft nicht mehr in Eiern vermehrt wird, sondern in unempfindlicheren Zellkulturen.

Zweitens kann die Bevölkerung dazu beitragen, daß die Produktionskapazitäten der Impfstoffhersteller größer werden, indem sich besonders Personen der genannten Risikogruppen gegen die saisonale Grippe impfen lassen. Im Notfall stünden dann mehr Fabriken mit mehr Personal bereit, um im Eiltempo möglichst viele Millionen Menschen schnell mit einem Impfstoff zu versorgen. Drittens können Regierungen - und theoretisch auch Privatpersonen oder Firmen - Vorräte eines Akutmedikaments gegen Influenza anlegen. Präparate wie Tamiflu verhindern eine Influenza zwar nicht, mildern aber ihren Verlauf und beugen schwerwiegenden Komplikationen vor. Sie bieten den besten verfügbaren Schutz. Gesunde Privatpersonen können sich das Mittel auf Privatrezept verschreiben lassen und müssen, sofern noch Packungen verfügbar sind, für eine Behandlungsdosis rund 33 Euro bezahlen. Die Haltbarkeit liegt bei rund fünf Jahren. Viertens müssen Regierungen organisatorische Vorkehrungen für den Fall einer Pandemie treffen. Die Vergabe von Medikamenten und verfügbaren Impfmitteln an prioritäre Gruppen wie ärztliches Personal und Polizei muß ebenso vorbereitet sein wie die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.

Quelle: F.A.Z., 13.10.2005, Nr. 238 / Seite 34
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot