Vogelgrippe

Großbestellung vom Werderschen Markt

Von Christian Schwägerl
23.09.2005
, 16:51
Risiko einer Grippepandemie
Das Auswärtige Amt nimmt die Warnungen der Weltgesundheitsorganisation vor der Ausbreitung eines gefährlichen Influenzavirus ernst. Botschaften in Asien haben bereits Medikamente erhalten.
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Noch kann niemand sagen, ob sich das in Asien grassierende Vogelgrippevirus in naher Zukunft zu einer Gefahr für die Menschheit entwickeln wird.

Die aktuellen Warnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Berliner Robert-Koch-Instituts vor einer solchen „Pandemie“, also vor der Ausbreitung eines gefährlichen Influenzavirus auf der ganzen Welt, werden von den Gesundheits- und Krisenfachleuten des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt in Berlin aber ausgesprochen ernst genommen.

Virenhemmende Medikamente

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Das Szenario einer Pandemie bringe ihn nicht um den Schlaf, aber es beschäftige ihn sehr stark während seiner Arbeitszeit, sagt Reinhard Krippner, Arzt und Medizinaldirektor im Auswärtigen Amt. Für sein Ministerium hat der Gesundheitsdienst zusammen mit dem Krisenreaktionszentrum einen Notfallplan erstellt. Dazu gehört die Anschaffung von einer sehr großen Zahl von Darreichungen eines virenhemmenden Medikaments.

Sie wurden zum Teil bereits an Botschaften in Asien verschickt. Der größere Teil der als „vertraulich“ eingestuften Stückzahl, dessen Lieferung noch aussteht, soll in Berlin bevorratet werden, um flexibel für mögliche andere Krisenregionen zur Verfügung zu stehen.

Über Hundert Menschen sind gestorben

Das Außenministerium verfüge über keine geheimen Alarmmeldungen, sondern auch nur über die öffentlich bekannten Erkenntnisse zum Risiko einer Grippepandemie, sagt Krippner. Demnach gebe es Anzeichen, daß das Vogelgrippevirus vom Stamm H5N1 in Zukunft für die Menschheit gefährlich werden könnte. Bisher sind an dem Virus 112 Menschen gestorben, die direkten Kontakt mit infizierten Vögeln gehabt hatten.

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Sollte das Virus aber so mutieren, daß es vom Menschen auf den Menschen übertragen werden kann, entstehe eine Situation wie 1918, 1957 und zuletzt 1968, als besonders aggressive Influenzaviren auf der ganzen Welt verbreitet worden seien. Im Gegensatz zu früher, sagt Krippner, sei heute in gewissem Maß aber eine Vorsorge möglich.

Über die Gefahr aufklären

Hauptziel des Pandemieplans sei es, daß deutsche Botschaften im Krisenfall weiter arbeitsfähig seien und sich um deutsche Staatsbürger in den jeweiligen Ländern kümmern könnten. Zugleich wolle man die im Ausland lebenden Deutschen rechtzeitig über die Influenzagefahr aufklären. Das Außenministerium habe sich zum Schutz seiner eigenen Mitarbeiter für ein vorbeugendes Vorgehen entschieden, da diese in Krisensituationen stets bis zuletzt ausharrten.

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Zudem sei damit zu rechnen, daß Influenzamedikamente bei Ausbruch einer Epidemie schnell nicht mehr käuflich oder nur unter extrem schwierigen Umständen zu besorgen sein würden. „Man muß davon ausgehen, daß im Ernstfall eine Versorgung in den einzelnen Regionen unmöglich wird“, sagt Krippner. Für jeden Mitarbeiter im asiatischen Raum samt Angehörigen solle deshalb die zur Behandlung einer Influenza notwendige Dosis zur Verfügung stehen.

Medikamente für zehn Prozent der Bevölkerung

Für deutsche Privatpersonen, Firmenvertreter und Angestellte von Kultur- und Entwicklungshilfe-Organisationen kann nach Angaben Krippners keine Bevorratung vorgenommen werden, da dies die finanziellen Möglichkeiten des Ministeriums sprengen würde. Doch sei der Gesundheitsdienst mit seinen regional tätigen Ärzten schon seit einiger Zeit bemüht, unter Auslandsdeutschen für Aufklärung zu sorgen und ihnen zum Kauf eines Influenzamedikaments auf eigene Kosten zu raten.

„Wer so etwas im Ernstfall im Kühlschrank hat, wird froh darüber sein“, sagt der Mediziner. Für eine staatliche Bevorratung auf deutschem Gebiet sind die Bundesländer zuständig. Sie haben nach derzeitigem Stand für zehn Prozent der Bevölkerung virenhemmende Medikamente bestellt.

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Asien ist der wahrscheinlichste Ort

Den höheren Aufwand des Außenministeriums rechtfertigt Krippner mit der besonderen Gefährdung der Mitarbeiter in Asien und ihren besonderen Aufgaben im Krisenfall. Die auf dem Markt verfügbaren Medikamente würden eine Influenza zwar nicht heilen, ihren Verlauf aber erheblich mildern. Man habe den Fokus für die Verteilung zunächst auf Asien gelegt, weil dort der wahrscheinlichste Ursprungsort eines neuartigen Virus sei.

Möglich sei aber, daß der Erreger an ganz anderer Stelle zuerst auftrete. In diesem Fall werde auf die strategische Reserve in Deutschland zurückgegriffen. Sie bestehe getrennt von jenen Vorräten, die das Bundesinnenministerium zum Schutz der Berliner Bediensteten der Bundesregierung anlege.

„Blogs“ aus den Seuchengebieten

Auch das Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amts sieht sich nach Auskunft seines stellvertretenden Leiters Jürgen Borsch auf eine Pandemie gut vorbereitet. In allen Botschaften seien Fachleute tätig, die im Ernstfall akkurate Informationen liefern könnten. Die Ausstattung mit Kommunikationsmitteln sei so verbessert worden, daß Lageberichte als „Blogs“ von jedem Ort aus verschickt werden könnten, also auch aus entlegenen Seuchengebieten.

Dem Krisenreaktionszentrum kommt bei einer Pandemie die Aufgabe zu, gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium über Ausreiseempfehlungen für deutsche Staatsbürger, Schutzmaßnahmen für deutsche Botschaften und Flugbeschränkungen zu entscheiden.

Quelle: F.A.Z., 24.09.2005, Nr. 223 / Seite 8
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