Vogelgrippe

Robert-Koch-Institut: „Wir bereiten uns auf den Ernstfall vor"

01.02.2004
, 16:47
Die Vogelgrippe ist möglicherweise erstmals zwischen Menschen übertragen worden. Das teilte die WHO am Sonntag in Hanoi mit. Auch Deutschland wappnet sich gegen mögliche Gefahren. Ein Interview.
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Die Vogelgrippe in Asien ist möglicherweise erstmals zwischen Menschen übertragen worden. Das teilte die Weltgesundheitsorganisation am Sonntag in Hanoi mit. Zwei in Vietnam an der Viruskrankheit gestorbene Schwestern seien nicht mit Federvieh in Kontakt gewesen; sie könnten sich bei ihrem Bruder infiziert haben, der zuvor möglicherweise ebenfalls an der Krankheit gestorben war.

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Nun rüstet sich auch Deutschland gegen die Bedrohung durch Grippeviren. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ sprach darüber mit Reinhard Kurth, dem Direktor des Berliner Robert-Koch-Instituts, der Bundesbehörde für Seuchenangelegenheiten.

Im Fernsehen sagten Sie kürzlich, Deutschland sei vorbereitet, wenn das in Asien grassierende Vogelgrippevirus sich von Mensch zu Mensch überträgt und die WHO eine Pandemie ausruft. Ist der Plan, von dem Sie reden, geheim?

Nein, der Pandemieplan für Deutschland wird nicht geheim sein. Die Folgen betreffen ja alle Bundesbürger. Wir sind zur Zeit in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe in der Endabstimmung. Danach geht der Plan an alle Bundesländer. Anschließend stellen wir ihn selbstverständlich ins Internet.

Im Ernstfall würde ein Impfstoff, wenn es denn gelingt, einen herzustellen, extrem knapp sein. Gibt es von Ihrer Seite Verträge mit den Herstellern, sich im Falle einer Pandemie genügend Impfstoff zu sichern?

Das Problem ist, daß die Impfstoffhersteller nicht nur für den deutschen Markt produzieren. Das Virus macht ja auch nicht vor Ländergrenzen halt. Im Grunde brauchen wir ein gemeinsames europäisches Vorgehen.

Ein frommer Wunsch. Schon heute bieten einige Hersteller wie Baxter Versicherungsverträge an, mit denen sich Regierungen bei jährlicher Zahlung einer fixen Summe das Recht sichern können, im Ernstfall Impfstoff geliefert zu bekommen. Gibt es solche Verträge auch in Deutschland?

Nein, die gibt es noch nicht. Hier müssen aber auf der Grundlage des nationalen Pandemieplans Entscheidungen fallen.

Gibt es ein Problembewußtsein unter den Politikern für diese Art der Vorsorge?

Bei vielen, vor allem seit dem 11. September, nach den Milzbrandattacken, der Veröffentlichung des Pockenalarmplans und jetzt eben auch durch die Geflügelpest. Die Folgen einer weltweiten Impfstoffknappheit müssen wir aufzeigen. Aber eines ist klar: Vorsorge kostet Geld und ist daher unbeliebt. Vor allem die Finanzpolitiker sollten dabei erkennen, daß Vorsorge ökonomische Folgekosten, die dann um ein Vielfaches höher liegen, verhindern hilft - wie man ja im Falle der raschen Reaktion auf Sars im vergangenen Jahr sehen konnte. Da konnte in Deutschland eine Vor-Ort-Übertragung des Erregers verhindert werden.

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Die Impfstoffhersteller verlangen eine finanzielle Unterstützung für die Bereitstellung weiterer Kapazitäten, weil die vielleicht nur einmal in 30 Jahren gebraucht werden.

Wir müssen über Anreize für die Hersteller nachdenken, damit sie die Kapazität erhöhen. Im Moment liefern die Firmen in Deutschland 15 Millionen Impfdosen aus. Das ist weit mehr als noch vor zehn Jahren, da waren es nur vier Millionen. Im Pandemiefall aber brauchen wir deutlich mehr.

Falls sich die Vogelgrippe schon bald in einen für Menschen hochansteckenden Erreger verwandelt, würde es keinen Impfstoff geben.

Dieses Problem kann niemand wegdiskutieren. Aber genau deshalb hat ja die WHO kürzlich erklärt, daß sie gemeinsam mit den Herstellern unter Hochdruck ein Impfvirus auf der Basis des Typs H5N1 entwickeln will. Ich hoffe sehr, daß dieser Impfstoff kommt. Und zwar noch vor dem nächsten Winter.

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Was kann, abgesehen von einer Impfung, noch zur Sicherheit der Bevölkerung im Pandemiefall geschehen?

Eine ganze Menge. Zum Beispiel Einschränkungen des Reiseverkehrs, um Zeit zu gewinnen, oder andere Quarantänemaßnahmen. Außerdem werden unter anderem die Bevorratung von antiviralen Medikamenten und Schutzmaßnahmen in Kliniken und im ambulanten Bereich diskutiert.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Im Moment gibt es zum Glück trotz intensiver Beobachtung keine Hinweise auf eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Aber mit einer Ausbreitung der Geflügelpest und der Massenschlachtung des Geflügels ohne die nötigen Sicherheitsmaßnahmen steigt die Wahrscheinlichkeit, daß der Erreger der Geflügelpest mutiert. Wir bereiten uns also besser auf den Ernstfall vor.

Die Fragen stellte Volker Stollorz.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.02.2004, Nr. 5 / Seite 58
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