Vogelgrippe

Wer zahlt für den Influenza-Impfstoff?

Von Christian Schwägerl
18.08.2005
, 16:43
Diffuse Angst: Kommt die Vogelgrippe?
Agrarministerin Künast nimmt „das schlimmste“ an, Gesundheitsminister, Infektionsexperten und Bürger sind alarmiert. Gleichwohl zögert Finanzminister Eichel, nötiges Geld für die Vorsorge gegen die Vogelgrippe freizugeben.
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Man müsse beim Thema Vogelgrippe „mit dem Schlimmsten“ rechnen, sagte Bundesverbraucherministerin Renate Künast (Grüne) am Donnerstag in Berlin.

Doch das gilt vorerst hauptsächlich für Geflügelbestände. Noch ist das Vogelgrippevirus H5N1, das in Zugvögeln von China nach Rußland gelangt ist und von dort möglicherweise nach Mitteleuropa vordringt, für den Menschen nur in Ausnahmefällen gefährlich.

Dunkle Szenarien

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Das Virus wütet seit 1997 in asiatischen Geflügelbeständen und hat seither auch 112 Menschen infiziert, von denen 57 gestorben sind. Fast ausschließlich handelte es sich aber um Menschen, die als Bauern oder Fabrikarbeiter sehr engen Kontakt mit infizierten Vögeln hatte.

Eichel sieht keine Priorität für Impfstoffproduktion
Eichel sieht keine Priorität für Impfstoffproduktion Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Je mehr Tiere das Virus indes befällt und je größer sein Verbreitungsgebiet ist, desto wahrscheinlicher wird das schwärzeste Szenario von Fachleuten der Weltgesundheitsorganisation WHO und des deutschen Robert-Koch-Instituts: Das Erbgut des Virus H5N1 könnte so mutieren, daß der Erreger nicht nur von Vögeln auf andere Vögel und vereinzelt auf Menschen überspringt, sondern auch unmittelbar vom Menschen auf den Menschen übertragbar ist und damit der gesamten Menschheit gefährlich wird.

Experten in Alarmstimmung

Diese Gefahr versetzt Gesundheitsminister, Infektionsexperten und besorgte Bürger derzeit in Alarmstimmung, aber einen offenbar nicht: Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) sieht keine Priorität darin, zwanzig Millionen Euro in die Verbesserung der Impfstoffproduktion zu investieren, die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) für nötig hält.

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Kommt es zu einer zufälligen gefährlichen Veränderung des Erbguts von H5N1, stünde eine neuerliche „Pandemie“ bevor, die weltweite Ausbreitung eines besonders aggressiven und tödlichen Influenzavirus. Sie würde sich deutlich von jener saisonalen Grippe unterscheiden, die jeden Winter auftritt und schon in dieser Ausprägung auch in Deutschland immer wieder Tausende tötet. Der größten dokumentierten Pandemie fielen 1918/19 dagegen weltweit viele Millionen Menschen zum Opfer, die Schätzungen variieren zwischen zwanzig und sechzig Millionen.

Zwei Herausforderungen

Die Gefahr einer Pandemie stellt Politiker und Fachleute in Deutschland und Europa aktuell vor zwei Herausforderungen: Erstens gilt es, die hiesigen Tierbestände vor dem realen Virus H5N1 zu beschützen - der Tiere und ihres ökonomischen Wertes wegen, aber auch, um dem Virus kein neues biologisches Reservoir zu geben.

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Zweitens müssen für das gefürchtete, aber glücklicherweise hypothetische Auftreten eines Pandemie-Virus Vorkehrungen getroffen werden. Sollte die WHO ein für die Menschheit gefährliches Virus detektieren und Alarm auslösen, wäre es für eine geordnete Vorbereitung viel zu spät.

Künast: Grund zur Sorge

Verbraucherministerin Künast sagte am Donnerstag, das Auftreten der Vogelgrippe im Ural sei Grund zur Sorge, auch wenn noch nicht geklärt sei, ob es sich wirklich um den gefährlichen Stamm H5N1 handle. Fest steht, daß H5N1 mit Zugvögeln von China bereits nach Sibirien vorgedrungen ist. Nach Europa eingeschleppt werden könnte das Virus ebenfalls durch Zugvögel, aber auch durch kommerziell oder von Touristen importierte Vögel und Vogelteile.

Am Donnerstag trafen sich in Bonn Fachleute für Tiergesundheit, um über neue vorbeugende Maßnahmen zu beraten. An der Expertenrunde nahmen auch Fachleute des Bauernverband, der Geflügelwirtschaft und des Zolls teil. Ihre Ergebnisse will Künast am Freitag in Berlin vorstellen.

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Robert-Koch-Institut warnt

Weniger zügig kommen dagegen die Vorbereitungen auf eine mögliche Pandemie voran. Es geschehe viel zu wenig, sagte Reinhard Kurth, der Präsident des dem Bund unterstehenden Robert-Koch-Instituts, in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die für Infektionsschutz originär zuständigen Länder haben im Juli beschlossen, Vorräte virenhemmender Medikamente, sogenannter Neuraminidase-Hemmer, anzulegen. Im Gegensatz zu Impfstoffen verhindern diese eine Influenza zwar nicht, mildern aber ihren Verlauf ab. Doch um Geld zu sparen, wollen die Länder bisher nur für zehn Prozent der Bevölkerung vorsorgen, statt für mindestens zwanzig Prozent, wie es Kurth fordert. Der Gesundheitswächter hält dies für ein so eklatantes Versäumnis, daß er am Donnerstag im ZDF sogar eine Grundgesetzänderung nahelegte, um die Aufgabe zentral beim Bund anzusiedeln.

Bemühen um „einheitliche Impfstrategie“

Doch erledigt der Bund seine Aufgaben besser? „Wirksamste Maßnahme zur Bewältigung einer Influenza-Pandemie ist die Impfung mit einem gegen das Pandemievirus gerichteten Impfstoff.“ So steht es in einem Beschluß, den die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am 1. Juli bei ihrer Sitzung in Erlangen gefaßt haben.

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Damals verpflichtete sich Bundesgesundheitsministerin Schmidt im Namen des Bundes, sich für eine „einheitliche Impfstrategie einschließlich der Sicherung der erforderlichen Produktionskapazitäten einzusetzen und die Finanzierung der Vorbereitungskosten zu übernehmen.“

Gelegenheit zum Handeln

Ein maßgeschneiderter Impfstoff gegen ein Pandemie-Virus würde das Immunsystem auf den Erreger vorbereiten. Kommt es zu einer Infektion, würde der Betroffene bereits über Antikörper verfügen, die das Virus ausschalten und den Ausbruch der Krankheit verhindern können. Ein solcher Impfstoff kann aber konkret erst hergestellt werden, wenn das Pandemie-Virus bekannt ist.

Dennoch bietet sich schon jetzt die Gelegenheit zum Handeln: Staat und Wirtschaft könnten, wie in Amerika und Großbritannien, auch in Deutschland kurzfristig in die Produktion eines Impfstoffs gegen das grassierende Virus H5N1 investieren. Da damit gerechnet wird, daß sich ein Pandemievirus aus diesem Stamm entwickelt, könnte dieser Impfstoff zumindest besser schützen als jeder heute verfügbare.

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Er stünde, vorab produziert, rasch zur Verfügung, während ein paßgenaues Designer-Impfmittel mehrere Monate Vorlauf hätte. Durch rasche Investitionen würden zudem die Produktionskapazitäten in den Pharmafabriken vergrößert, die bisher nur für die saisonale Influenza ausgelegt sind, nicht für eine globale Epidemie.

Schmidt und Eichel streiten sich

Zudem sind Verbesserungen in der Impfstoffproduktion nötig: Noch immer werden Influenza-Impfmittel in Hühnereiern hergestellt. Im Pandemiefall könnte es schwierig sein, kurzfristig viele Millionen der aus Spezialbeständen stammenden Eier zusätzlich zu beschaffen. Ein Pandemievirus könnte so tödlich sein, daß es auch die Eier abtötet. Experten fordern daher, vom Ei auf leichter verfügbare und weniger empfindliche Zellkulturen umzusteigen.

Solche Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen wollte Ministerin Schmidt bezahlen. Doch ihre Zusage an die Länder vom 1. Juli hat sie bisher nicht eingelöst. Statt zu handeln, streiten sich Schmidt und Finanzminister Eichel derzeit um das Geld. Zwanzig Millionen Euro kosten die ersten Schritte zu einer wirksamen Impfstrategie. Hans Eichel sagt aber, nicht der Bund, sondern die Länder sollten dafür bezahlen, allerhöchstens könne Schmidt die Ausgaben aus ihrem laufenden Haushalt bestreiten, was diese für unmöglich hält. Die Gespräche „laufen noch“, betonte die Sprecherin des Gesundheitsministeriums am Donnerstag.

Quelle: F.A.Z.
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