Vogelgrippe

„Wir stecken mitten in einer Psychose“

Von Peter-Philipp Schmitt
14.10.2005
, 16:36
Geflügelzüchtern bereitet die Vogelgrippe wohl zurecht Kopfzerbrechen
Der Vogelgrippe-Virus grassiert flächendeckend und ist anpassungsfähig. Die Gefahr liegt darin, daß das Virus mutieren und von Mensch zu Mensch übertragbar werden könnte. Die Furcht vor einer Pandemie ist nach Einschätzung des Leiters der Weltorganisation für Tiergesundheit völlig überzogen.

Die Furcht vor einer weltweiten Vogelgrippe-Pandemie ist nach Einschätzung der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) völlig überzogen. „Wir stecken mitten in einer Psychose“, sagte der OIE-Chef Bernard Vallat der Pariser Wirtschaftszeitung „Les Echos“. „Die Erklärungen zum Bevorstehen einer Pandemie entsprechen nicht der wissenschaftlichen Realität.“

Die verschiedenen Grippefamilien existierten bereits seit Jahrhunderten, sagte Vallat. „Alle können sich mit dem Austausch von Erbmaterial verändern und eine weltweite Pandemie auslösen. Das potentielle Risiko ist also ständig da und war immer vorhanden.“ Die Wahrscheinlichkeit sei möglicherweise derzeit etwas höher. Doch die Zahl von rund 100 Ansteckungen in Asien sei gering angesichts der Menschendichte dort.

Das Influenzavirus H5N1, das am Donnerstag in verendeten Vögeln in Rumänien und der Türkei nachgewiesen wurde und schon seit einigen Monaten vor allem in Vietnam, China, Thailand und Indonesien grassiert, ist für den Menschen nicht besonders gefährlich. Es überträgt sich nicht von Mensch zu Mensch, und es überträgt sich, obwohl vermutlich Tausende Asiaten bereits direkten Kontakt mit erkrankten Vögeln hatten, nur in Einzelfällen von Tieren auf den Menschen.

Bild: dpa

Auch die Weltgesundheits-Organisation (WHO) hat vor überzogenen Ängsten vor einem Übergreifen der Vogelgrippe auf Menschen gewarnt. „Wir stehen absolut nicht am Beginn einer Vogelgrippe-Pandemie für den Menschen“, sagte der für Europa zuständige WHO-Experte Roberto Bertollini am Donnerstag abend in Rom. Auch der Nachweis des gefährlichen Vogelvirus-Typs H5N1 in Geflügel in der Türkei machen „keine Änderung der Strategie (zur Bekämpfung) notwendig“, fügte er hinzu.

Falscher Alarm ist wahrscheinlich

An ihrem Hauptsitz in Genf verwies die WHO darauf, daß die Ausbreitung des Virus zwar Besorgnis erregend sei. „Jedoch zeigen alle bisherigen zur Verfügung stehenden Daten, daß der H5N1-Virus nicht einfach von Vögeln auf Menschen zu übertragen ist“, heißt es in einer am Donnerstag abend veröffentlichten Erklärung. Grippeerscheinungen sollten beobachtet werden, da erste Symptome einer H5N1-Infektion der einer normalen Grippe ähnelten. „Falscher Alarm ist wahrscheinlich.“ Die Warnstufe der WHO für eine Pandemie bleibe unverändert. Reisende sollten Kontakt mit lebenden Vögeln vermeiden.

Gefährlicher sind die Grippewellen, die Europa erreichen. Bei der letzten Anfang 2005 kamen bis zu 20.000 Menschen allein in Deutschland ums Leben, wie das Robert-Koch-Institut mit Sitz in Berlin Ende September mitteilte. Ungewöhnlich ist die hohe Todesrate: Die Influenza-Welle 2004/2005 gehörte zu den schwersten, die Deutschland seit etwa einer Dekade erlebt hat. Auch in diesem Jahr steht Deutschland wieder eine Grippewelle bevor. Wie schwer sie wird, läßt sich nicht vorhersagen. Im Durchschnitt sterben aber in Deutschland 5000 bis 8000 Personen pro Jahr an der Grippe.

Virus springt von Vögeln auf Menschen

Influenzaviren kommen nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Schweinen, Pferden und besonders bei Vögeln vor. Bei letzteren unterscheiden Mediziner zwischen „niedrig pathogenen Vogel-Influenzaviren“, die weniger krankmachend (pathogen) sind, und „hochpathogenen“ Viren. Ein solches Virus führte in Mitteleuropa zuletzt 2003 zu einer Geflügelpest, die ihren Ursprung in den Niederlanden hatte, aber auch auf Höfe in Belgien und Deutschland übergriff.

Das Vogel-Influenzavirus, das nun auch in der Türkei und in Rumänien bei Geflügel identifiziert wurde, ist ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H5N1. Die „normale“ Grippe hingegen geht auf Influenzaviren zurück, die bereits in der menschlichen Bevölkerung zirkulieren: Diese sind entweder vom Typ A (Subtyp H1N1 oder Subtyp H3N2), oder es sind Influenza-B-Viren, bei denen keine Subtypen unterschieden werden. Dann handelt es sich also um ein Virus, das bisher nicht in der menschlichen Bevölkerung zirkulierte.

Eine direkte Übertragung von Vogel-Influenzaviren von Vögeln auf den Menschen ist erst seit 1997 eindeutig belegt, auch wenn sie schon früher vermutet wurde. Im November/Dezember 1997 grassierte eine Geflügelpest in Hongkong, 18 Personen erkrankten durch ein A/H5N1-Virus, sechs starben. Zwei Jahre später gab es - wieder in Hongkong - zwei Fälle, dieses Mal handelte es sich um ein A/H9N2-Virus. Auch 2003, während der Geflügelpest in den Niederlanden, erkrankten 83 Personen, ein Tierarzt starb. Nachgewiesen wurde ein A/H7N7-Virus. Seit Ende 2003 gab es dann in Südostasien drei Erkrankungswellen, mit zunächst 24 (in Thailand und Vietnam), dann acht (abermals in Thailand und Vietnam) sowie zuletzt 25 Todesfällen - in Vietnam, Kambodscha und Indonesien.

Ansteckungsgefahr durch direkten Kontakt mit dem Geflügel

Alle Erkrankten hatten direkten Kontakt mit Geflügel, das das Virus mit dem Kot ausscheidet. Die hauptsächlichen Übertragungswege, die vom Robert-Koch-Institut genannt werden, sind demnach auch „die Inhalation kontaminierter Staubpartikel oder mangelnde Händehygiene“. Deswegen fordern Wissenschaftler und Politiker auch immer wieder, lebende Vögel, Tierteile oder Federn aus Asien nicht nach Deutschland mitzubringen. Der Import von Geflügel, Geflügelfleisch, Geflügelfleischerzeugnissen (sofern nicht durcherhitzt) und Eiern aus den betroffenen Ländern wurde in der EU vorsorglich verboten. Das Virus kann allerdings nicht durch zum Beispiel den Verzehr von gebratenem Hühnerfleisch übertragen werden.

Der Ausbruch der Geflügelpest durch den Erreger H5N1 in Südasien vor nunmehr zwei Jahren hat mittlerweile zu einer Situation geführt, die bislang so noch nicht vorgekommen ist. Nicht nur die Ausbreitung über nunmehr fast einen ganzen Kontinent bis nach Europa ist besorgniserregend. Auch die Verbreiterung des Wirtsspektrums stellt die Wissenschaft vor neue Herausforderungen. Offenbar gelingt es dem Vogelgrippevirus, sich immer besser an andere Arten (und zuletzt wohl auch an den Menschen) anzupassen. Neben Hühnern wurde das Virus in toten Zugvögeln - etwa in China - nachgewiesen. Gerade Zugvögel dürften inzwischen für die flächendeckende Ausbreitung des Virus sorgen. Wie sich zeigte, können vor allem Enten, ohne irgendwelche Symptome zu zeigen, große Mengen von pathogenen Influenzaviren ausscheiden. Der Subtyp H5N1 wurde darüber hinaus bei verendeten Wildkatzen in einem Zoo in Thailand nachgewiesen. Die Übertragung erfolgte wohl durch die Verfütterung von infiziertem Geflügel.

Keine Schutzimpfung

Schon 2003 entdeckten Wissenschaftler das Virus in chinesischen Schweinen, in diesem Jahr auch in indonesischen. Schweine gelten als die klassischen „Mischgefäße“, da sie sich mit Influenzaviren der Vögel und des Menschen anstecken können. Die gleichzeitige Infektion könnte durch ein sogenanntes Reassortment (Mischung) von Abschnitten der viralen Gene zu Viren mit neuen Eigenschaften führen - etwa einer leichten Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch. Mit unguten Gefühlen beobachten daher Mediziner die in Südchina typische Haltung von Schweinen und Geflügeln auf engstem Raum.

Eine Schutzimpfung gegen die Vogelgrippe gibt es derzeit für den Menschen noch nicht. Da eine direkte Gefahr von der Tierseuche nicht zu erwarten war, ist das Virus auch nicht Teil der Impfstofformulierung, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits im Februar für die Saison 2005/2006 empfohlen wurde. Alljährlich wird ein Grippeimpfstoff anhand der zur Zeit zirkulierenden Viren zusammen- und dann auf der ganzen Welt vor Beginn der Influenzawelle hergestellt. In Deutschland sind es in diesem Jahr 20 Millionen Dosen.

Allerdings gibt es nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts momentan noch eine Verzögerung bei der Produktion: Die Anzucht eines der Virusstämme bereitete größere Schwierigkeiten. So kann es in den nächsten Wochen zu Engpässen kommen. Besonders dann, wenn die Angst vor der Vogelgrippe dafür sorgt, daß sich wesentlich mehr Menschen in diesem Herbst gegen die „normale“ Grippe impfen lassen wollen. Im vergangenen Jahr hatten sich 18 Millionen Personen in Deutschland impfen lassen, 23 Millionen sollten es allerdings sein. Denn mehr als ein Viertel der Deutschen gehört zu einer der Risikogruppen: Dazu gehören Menschen, die älter als 60 sind, chronisch erkrankt (zum Beispiel an Asthma), chronisch geschwächt (kein intaktes Immunsystem) oder viel Kontakt mit anderen Personen haben.

Nur wenig Impfstoff vorhanden

Gerade in diesem Jahr also sind die Impfstoffvoräte begrenzt. Mehr als 20 Millionen Dosen lassen sich wegen der erschwerten Produktion nicht herstellen. Dabei hat eine Impfung gegen die saisonale Grippe durchaus auch eine positive Nebenwirkung gegen eine mögliche Pandemie, die zum Beispiel auf den Erreger H5N1 zurückginge: Denn Produktionskapazitäten können nicht binnen weniger Wochen um ein Vielfaches steigen. Falls tatsächlich eine Pandemie, wie sie etwa 1918/19, 1957/58 und 1968/69 um die Welt zog, Europa wieder erreichen sollte, könnte zwar in kurzer Zeit ein Impfstoff entwickelt werden.

Die beiden deutschen Pharmaunternehmen mit Sitz in Dresden und Marburg, die auch sonst Jahr für Jahr den saisonalen Grippeimpfstoff herstellen, könnten dann aber nicht mehr als die üblichen 20 Millionen Dosen produzieren. Eine Impfung nutzt also in jedem Fall. Auch weil so Erreger wie das H5N1 seltener mit menschlichen Influenzaviren in Kontakt kämen. Und das wiederum verringert die Chance, das aus der gefährlichen Mischung zweier bekannter Viren ein unbekanntes „Supervirus“ wird.

Quelle: F.A.Z., dpa , 14.10.2005, Nr. 239 / Seite 4
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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