Welt-Aidskonferenz

Pillen schneller zum Patienten

Von Peter-Philipp Schmitt, Wien
23.07.2010
, 22:20
Die Welt-Aidskonferenz in Wien war auch Plattform für viele Proteste
Die Welt-Aidskonferenz in Wien ist zu Ende. Ein Impfstoff gegen das HI-Virus ist noch nicht in Sicht. Dennoch gibt es Hoffnung, gerade für Infizierte in Entwicklungsländern. Die Ergebnisse des Gipfels im Überblick.
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Schon in seiner Begrüßungsrede ging der Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS), der Kanadier Julio Montaner, auf eines der Hauptthemen der Welt-Aidskonferenz in Wien ein: „Treatment is Prevention“. Wie Studien aus mehreren Ländern belegen, sinkt in einer Partnerschaft einer HIV-positiven und einer HIV-negativen Person das Risiko um mehr als 90 Prozent, sich mit dem Erreger zu infizieren, wenn der Virusträger sich einer hochaktiven antiretroviralen Therapie (Haart) unterzieht. Sie unterdrückt die Virusvermehrung derart, dass der Erreger im Blut kaum noch nachweisbar ist. Je mehr HIV-Infizierte also mit Aids-Medikamenten versorgt werden, desto schneller kommt die Ausbreitung der Epidemie zum Stillstand. Es wäre zwar teuer, womöglich gar allen 33 Millionen Infizierten eine Behandlung bezahlen zu müssen (nur 40 Prozent der Infizierten wissen überhaupt, dass sie infiziert sind). Langfristig aber würde viel Geld gespart.

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Therapie muss früher starten

In Wien hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Empfehlungen geändert, wann bei einem HIV-Infizierten in den Entwicklungsländern eine antiretrovirale Therapie beginnen sollte. Die Behandlung sollte demnach aufgenommen werden, bevor der Infizierte aufgrund seines geschwächten Immunsystems erkrankt. Das allein verursacht bislang enorme Kosten, weil die Kranken in Kliniken behandelt werden müssen, viel langsamer wieder auf die Beine kommen oder letztlich trotz Medikation doch sterben. Die WHO nimmt an, dass durch einen früheren Therapiestart in den nächsten fünf Jahren mindestens 20 Prozent weniger HIV-Infizierte vorzeitig sterben würden, weil sie gesünder leben. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist eine rechtzeitige Behandlung wichtig. Das zeigen gleich mehrere Studien. So entsprechen Gewicht und Größe bei einer früheren Medikation fast den Maßen gesunder Gleichaltriger. Bislang wurde eine Therapie empfohlen, wenn in einem Mikroliter Blut weniger als 200 CD4-Zellen waren, die entscheidend sind für die Immunabwehr. Nun liegt der Schwellenwert bei 350 der T-Helferzellen (normal sind bei einem Gesunden 1000 bis 1500). Damit bräuchten von jetzt an gut 15 Millionen Menschen auf der Welt die Aids-Medikamente, nach der bisherigen WHO-Empfehlung müssten rund zehn Millionen mit den Tabletten versorgt werden. Zur Zeit sind 5,2 Millionen HIV-Infizierte in Therapie – ein Erfolg, denn vor wenigen Jahren waren es nur ein paar tausend.

Weniger Schadstoffe in den Tabletten

Noch ein neues Schlagwort von WHO und UN-Aids: „Treatment 2.0“. Die zweite Stufe der laut UN-Aids-Direktor Michel Sidibé „vereinfachten“ Therapie soll etwa ein Drittel der Kosten einsparen und zehn Millionen Leben in 15 Jahren retten. Dafür sollen unter anderem die Tabletten besser werden, die noch immer zu viele Schadstoffe enthalten. Die Pillen sollen schneller zu den Patienten gelangen. Und statt aufwendig im Labor sollen sich die Aidskranken schon bald selbst zu Hause testen können. Die meisten Kosten, so die WHO, verursachen nicht die Medikamente. Teuer ist es vor allem, die Tabletten zu den Patienten zu bringen und sie bei der Therapie zu unterstützen – da sehen WHO und UN-Aids Einsparpotential.

Wieder einmal Mittelpunkt der Proteste

Welt-Aidskonferenzen sind stets auch Protestveranstaltungen: Irgend jemand demonstriert immer irgendwo auf dem Konferenzgelände. Mal am deutschen Pavillon, weil die Bundesregierung angeblich die Gelder für den Globalen Fonds zusammenstreichen will, mal im Medienzentrum mit Blaulicht und einem angeblich Todkranken, dem die lebensrettenden Aids-Medikamente vorenthalten werden. Eric Goosby, der Aids-Koordinator der Vereinigten Staaten, wurde in dieser Woche von der Gruppe „Star Whore III“ so bedrängt, dass er durch den Hinterausgang der Wiener Messe flüchtete. Goosby, zuständig für den präsidialen Nothilfeplan (Pepfar), sah sich Prostituierten gegenüber, die rote Schirme schwenkten und „Pepfar kills sex workers“ riefen. Der von Präsident George W. Bush initiierte Nothilfeplan unterstützt Projekte für Prostituierte ausdrücklich nicht.

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31 Länder weisen HIV-Infizierte noch immer aus

Die Deutsche Aids-Hilfe hat wieder gemeinsam mit „Human Rights Watch“ eine Liste der Länder vorgestellt, die noch immer Ausländer mit HIV ausweisen, sobald ihr Status bekannt wird. Es sind 31 Staaten, darunter tatsächlich auch ein Mitglied der EU: Ägypten, Äquatorial-Guinea, Armenien, Bahrain, Bangladesh, Brunei, Indien, Irak, Jemen, Jordanien, Kasachstan, Nord- und Südkorea, Kuwait, Malaysia, Moldau, Mongolei, Oman, Panama, Qatar, Russland, Saudi Arabien, Singapur, die Salomon-Inseln, Sri Lanka, Syrien, Taiwan, Turkmenistan, Ungarn, Usbekistan und die Vereinigten Arabischen Emirate.

In fünf Jahren alle infizierten Schwangeren behandeln

Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria will bis zum Jahr 2015 eine HIV-freie Generation auf die Welt bringen – mit der Kampagne „Born HIV Free“. In Europa und Nordamerika bekommen HIV-positive Frauen inzwischen problemlos gesunde Kinder, weil sie gut versorgt und mit Aids-Medikamenten behandelt werden. In Entwicklungsländern werden jedes Jahr noch mindestens 430.000 HIV-infizierte Kinder geboren, weit mehr als 1000 jeden Tag, weil sie nicht therapiert werden. Mit viel Geld und gutem Willen will der Globale Fonds in fünf Jahren alle infizierten Schwangeren mit einer Aids-Behandlung erreichen können. Und das mit prominenter Unterstützung – von Carla Bruni-Sarkozy.

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Nur wenige lassen sich beschneiden - obwohl es schützt

Männer die beschnitten sind, haben ein bis zu 60 Prozent geringeres Risiko, das HI-Virus zu übertragen. Vor zwei Jahren, bei der Welt-Aidskonferenz in Mexiko, war dieser HIV-Schutz das große Thema. In Wien wurde darüber eher am Rande gesprochen. Kim Eva Dickson von der WHO hat herausgefunden, dass, wenn sich 80 Prozent der Jungen und Männer in 14 afrikanischen Ländern bis 2015 beschneiden ließen, vier Millionen HIV-Übertragungen unter Erwachsenen in den Jahren 2009 bis 2025 verhindert werden könnten. Insgesamt könnten so mehr als 20,2 Milliarden Dollar eingespart werden, zugleich entstünden Kosten in Höhe von vier Milliarden Dollar. Dafür müssten aber allein im Jahr 2012 zwölf Millionen Beschneidungen vorgenommen werden. Seit der Konferenz 2008 haben vor allem Kenia, Lesotho, Namibia, Südafrika, Swaziland, Uganda und Zimbabwe erste Schritte unternommen, die Beschneidung im Land einzuführen. Bill Gates nannte jedoch eher frustrierende Zahlen: Von 41 Millionen Männern im südlichen Afrika, die von dem Schnitt profitieren könnten, haben sich bislang nur 150.000 unters Messer begeben.

Noch immer kein Impfstoff, aber auf dem richtigen Weg

Ein Impfstoff gegen HIV ist weiterhin nicht in Sicht – und wird es wohl auch in den nächsten zehn Jahren nicht geben. Der amerikanische Forscher Anthony Fauci weist aber auf zwei vielversprechende Studien hin. Bei einem klinischen Test mit 16 402 Menschen in Thailand hat das Kombinationspräparat (Alvac-HIV und Aidsvax) die Ansteckungsgefahr nur begrenzt gesenkt (um im Schnitt 31,2 Prozent). Doch sei dadurch klar geworden, dass ein Impfstoff denkbar ist. Echte Wirksamkeit beweisen die Ergebnisse nicht. In der Placebo-Gruppe infizierten sich in drei Jahren 74 Teilnehmer, in der Impfstoff-Gruppe 51. Ohne weitere Studien sind die Daten wenig aussagekräftig. Die zweite Schlüssel-Erkenntnis, die Fauci nennt, ist die Anfang des Monats publizierte Entdeckung zweier Antikörper, die 90 Prozent aller bekannten HI-Viren-Stämme ausschalten können: VRC01 und VRC02. Sie halten den Laborversuchen zufolge die meisten HIV-Stämme davon ab, menschliche Zellen zu infizieren. Damit kann die Stelle an der Oberfläche des Virus bestimmt werden, an der ein Impfstoff angreifen muss, um den Virus zu zerstören. Die Suche nach einem Impfstoff ist so schwierig, weil es viele verschiedene Subtypen des Aidsvirus gibt und sich der Erreger ständig verändert. Die beiden Antikörper heften sich aber an einen praktisch unveränderlichen Teil der HI-Viren an, wie die Forscher um John Mascola von den amerikanischen Gesundheitsinstituten (NIH) feststellen. Das erklärt, warum sie eine so große Zahl von HIV-Stämmen neutralisieren können – und das ist tatsächlich eine gute Nachricht auf dem Weg zu einem Aids-Impfstoff.

Pharmakonzerne sollen Patente frei geben

Jeder Dollar, den man verschwende, setze ein Leben aufs Spiel, sagte der andere Bill auf der Welt-Aidskonferenz. Der frühere amerikanische Präsident Clinton, der nach seiner Zeit als Politiker unter anderem die sich auf HIV und Aids konzentrierende „Clinton Health Access Initiative“ (CHAI) gegründet hat, fordert einen sorgfältigeren Umgang mit Spendengeldern. Er sprach sich für eine Politik der kleinen Beträge aus: „Warum schlagen wir nicht 50 Cent auf Tickets für Sportveranstaltungen auf?“ Auch Zuschläge beim Kauf von Flugzeugtickets könnten die medizinische Versorgung in den am schlimmsten betroffenen Regionen Afrikas, Osteuropas und Asiens sicherstellen. Die Leute seien bereit, Geld zu geben. „Sie müssen nur wissen, wofür.“ Von Zuschlägen auf Flugtickets in einigen Ländern finanziert sich bereits die Organisation Unitaid, die eng mit Clintons Chai zusammenarbeitet. Im vergangenen Jahr wurde schon ein Patentpool ins Leben gerufen. Die Idee: lebensnotwendige Aids-Medikamente besonders in Entwicklungsländern bezahlbar machen. Neue und effektivere Medikamente sind teuer. Darum sollen Pharmafirmen ihre Patente in den Pool geben. Überall auf der Welt können dann Generikafirmen mit diesen Patenten günstigere Medikamente herstellen – gegen eine Lizenzgebühr, die sie an die Pharmaunternehmen zahlen müssen. Die Medikamente wären dadurch nicht nur überall zu haben, durch die größere Konkurrenz der vielen beteiligten Produzenten würden die Medikamente auch immer preiswerter, hofft die Patentpool-Beauftragte Ellen ’t Hoen. Die Gespräche laufen, noch in der zweiten Hälfte dieses Jahres könnten erste Verträge unterschrieben werden, glaubt die Niederländerin.

Mehr zum Thema im Internet auf unseren Seiten www.faz.net/aidskonferenz

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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