Windpocken-Impfung

Eine windige Geschichte

Von Martina Lenzen-Schulte
07.10.2004
, 00:39
Nicht unumstritten: Windpocken-Impfung
Im Impfkalender wird für Babys eine Injektion mit Windpockenviren ab dem 11. Monat empfohlen. Doch Mediziner streiten immer noch darüber, ob Kinder grundsätzlich gegen die Krankheit geimpft werden sollten.
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"Wollt ihr nicht zum Spielen rüberkommen? Meine Kinder haben die Windpocken!" So ähnlich lauten die Anrufe guter Freundinnen, die anderen Müttern die Gelegenheit zur Ansteckung bieten möchten. Zwei bis drei Wochen nach dem erfolgreichen Kontakt breiten sich stark juckende Papeln auf der Haut aus, werden zu Bläschen, verkrusten und fallen ab.

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Die generationenlang begrüßte frühe Ansteckung mit Windpocken - man wußte, daß die Infektion um so schlimmer verläuft, je älter die Kinder sind - dürfte indes bald ein Ende haben. Seit Juli empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), alle Kinder gegen Windpocken zu impfen. Zwei Impfstoffe stehen hierfür zur Verfügung - Varivax und Varilrix. Beide enthalten Windpockenviren, die unschädlich gemacht wurden, so daß sie nur in seltenen Fällen selbst Windpocken hervorrufen. In dem jetzt gültigen Impfkalender soll zwischen dem 11. und dem 14. Lebensmonat geimpft werden.

150 Millionen Euro durch die Impfung gespart

Windpocken seien gefährlicher, als bislang angenommen, heißt es in der Begründung. Bei rund 750.000 Windpockenfällen im Jahr in Deutschland ließen sich nach einer Hochrechnung 150 Millionen Euro durch die Impfung einsparen. Nicht nur die medizinische Behandlung, auch der Zeitaufwand der Eltern, die nicht zur Arbeit gehen, sondern bei ihren kranken Kindern bleiben müssen, schlagen dabei zu Buche.

Gelänge es, das Windpockenvirus einzudämmen, so würden schließlich auch jene davon profitieren, denen etwa wegen schlechter Immunabwehr besonders schwerwiegende Verläufe drohen. Man verweist nicht zuletzt auf die guten Erfahrungen in den Vereinigten Staaten, wo es schon seit 1995 ein Impfprogramm gegen Windpocken gibt. Dort haben die Erkankungen bis zum Jahr 2000 - je nach Region - um 70 bis 85 Prozent abgenommen.

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Weniger Komplikationen als angenommen

Da mag es verwundern, daß sich trotzdem Widerstand regt. Die Gegner halten die derzeit verbreiteten Nachrichten über schwerwiegende Verläufe von Windpocken für überzogen. Tatsächlich gesteht auch die Stiko ein, es gebe dazu widersprüchliche Angaben. Aus einer Umfrage unter Ärzten, die von einem Impfstoffhersteller gesponsert wurde, errechnet sich etwa die sehr hohe Rate von sechs Prozent Komplikationen bei Windpocken. Die unabhängige Erhebungseinheit für seltene Kinderkrankheiten kommt indes nur auf 0,85 Komplikationen unter 100.000 Kindern. Zu den Komplikationen der Windpocken zählen bakterielle Hautinfektionen oder Reizungen zentralnervöser Strukturen des Gehirns, die wie so oft im Kindesalter gutartig verlaufen. Gefährliche Lungenentzündungen bedrohen am ehesten Erwachsene, die noch keine Windpocken durchgemacht haben.

Auch die Einschätzung des Spareffektes ist womöglich zu optimistisch. Eine im Juni veröffentlichte Analyse stellt unmißverständlich fest, es gebe derzeit keinerlei Beweise dafür, daß die Impfstrategie bislang die Zahl der Krankenhauseinweisungen oder die Todesfälle infolge Windpockeninfektionen verringert habe. Zudem gibt es immer mehr Berichte über "Durchbruchinfektionen". Das sind Windpockenerkrankungen unter geimpften Kindern in Schulen oder Kindergärten. Zeugten frühere Beobachtungen noch von einem vergleichsweise umfassenden Schutz, so läßt eine der jüngsten Studien erkennen, daß die Impfung nur in gut der Hälfte der Fälle vor einer echten Windpockeninfektion bewahrte. Zwar verlief die Krankheit dann in der Regel weniger schwer, aber bei immerhin einem Zehntel der geimpften Kinder kam es dennoch zu beträchtlichen Beschwerden.

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Schutzwirkung läßt nach

Mit den Jahren scheint die Schutzwirkung deutlich nachzulassen. Sind anfangs noch 97 von 100 Kindern geschützt, sind es nach einem Jahr nur noch 84. Faktoren, die die Impfwirkung von vorneherein schmälern, sind vermutlich Asthma, eine Behandlung mit Kortison, eine Masern-Mumps-Röteln-Impfung unmittelbar zuvor und ein frühes Impfen vor dem 15. Monat. Um so unverständlicher ist, warum schon eine komplette Vierfachimpfung - Masern-Mumps-Röteln-Windpocken zusammen - getestet wird und warum hierzulande die Empfehlung lautet, weit vor dem 15. Lebensmonat zu impfen.

Nicht nur auf das einzelne Kind bezogen, auch im Hinblick auf die gesamte Bevölkerung wird der Sinn einer umfassenden Windpockenimpfung in Zweifel gezogen. So besteht die Gefahr, daß es zunehmend Kinder geben wird, die einerseits nicht geimpft sind, aber andererseits wegen mangelnder Ansteckungsmöglichkeiten auch nicht mehr dem Wildvirus rechtzeitig begegnen. Ihnen drohen als Jugendlichen oder Erwachsenen tatsächlich schwerwiegende Komplikationen bei einer Windpockeninfektion. Ob man hierzulande die erstrebten Durchimpfungsraten von 85 bis 90 Prozent erzielt, scheint fraglich. Abgesehen von der Fraktion der ohnehin nicht Impfwilligen, gibt es in Deutschland (richtigerweise) keinen Impfzwang - wie etwa in den Vereinigten Staaten, wo einem Kind nur dann in Gemeinschaftseinrichtungen Zulaß gewährt wird, wenn es gegen Windpocken geimpft ist. Aber selbst dort erreicht man nur Impfraten von 60 bis 80 Prozent.

Zweitinfektion Gürtelrose

Zudem erstatten die gesetzlichen Krankenkassen die Windpockenimpfung in den meisten Bundesländern nicht, Ausnahme ist zum Beispiel Baden-Württemberg. Ein noch weitgehend ungeklärtes Risiko betrifft die Zweitinfektion als Gürtelrose. Jeder, der einmal Windpocken durchgemacht hat, beherbergt die Viren als stille Gäste in Nervenknotenpunkten entlang der Wirbelsäule. Bei manchen alten Menschen erwachen sie zu neuer Aktivität und befallen gürtelförmig Hautareale - daher der Name. Offenbar schützt ein steter Kontakt mit Windpockenviren der Umgebung vor einer Gürtelrose. Man weiß, daß Kinderärzte oder Erwachsene, die eng mit kleinen Kindern zusammenleben, selten eine Gürtelrose entwickeln.

Wenn wegen der Impfungen die Wildviren als natürlicher Reiz für das Abwehrsystem entfallen, könnte die Zahl der Gürtelrosefälle zunehmen. Genau das hat man in den Vereinigten Staaten bei nicht geimpften Kindern beobachtet, in deren Umgebung wegen der Impfungen die Wildviren selten geworden waren. Niemand weiß derzeit, wie lange der Impfschutz anhält und wie viele Auffrischungsimpfungen womöglich im Laufe eines Lebens noch notwendig werden, um jenen lebenslangen Effekt zu erzielen, den eine natürliche Windpockeninfektion bietet. Eltern stehen folglich vor der Frage, ob sie impfen lassen, dann aber befürchten müssen, daß der Schutz mit der Zeit nachläßt, daß es trotzdem zur Infektion kommt oder daß immer wieder nachgeimpft werden muß. Lassen sie nicht impfen, müßten sie dringend nach Ansteckungsquellen fahnden, damit ihr Kind nur ja in frühen Jahren Windpocken bekommt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2004, Nr. 234 / Seite 9
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