Zahnspangen

Wenn das mal gutgeht

Von Georg Rüschemeyer
27.07.2007
, 17:51
Tänzerin bei den Europameisterschaften im Schautanz
Das ohnehin noch im Umbau befindliche und von Hautunreinheiten aller Art geplagte Gesicht mit Schneeketten verschandelt zu bekommen, war für Generationen von Teenagern ein wahrer Albtraum. Jetzt aber sind Zahnspangen zum modischen Accessoire geworden.
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Die Aussicht, das ohnehin noch im Umbau befindliche und von Hautunreinheiten aller Art geplagte Gesicht mit Schneeketten verschandelt zu bekommen, war für Generationen von Teenagern ein wahrer Albtraum. Für rund zwei Drittel aller Jugendlichen wird er wahr. Doch seit einigen Jahren beobachtet Günter Herre, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO), eine Trendwende in der Akzeptanz von festsitzenden Zahnspangen, den sogenannten Multibrackets: „Immer mehr meiner jugendlichen Patienten finden die regelrecht cool“, sagt der seit rund 30 Jahren in Hamburg praktizierende Arzt.

Obwohl es heute kaum sichtbare, elfenbeinfarbene Modelle gebe, wünschten sich Jugendliche oft das andere Extrem: sogenannte „Fun-Brackets“, deren auf die Zähne geklebten Halteelemente in allen Farben kommen - auf Wunsch auch im Schwarz-Rot der Eintracht Frankfurt.

Die neuentdeckte Liebe zum „Bahngleis“ im Gesicht zeitigt aber auch seltsame Blüten: So sah sich die thailändische Regierung Anfang des Jahres gezwungen, den Handel mit falschen Zahnspangen mit Geld- und Freiheitsentzug unter Strafe zu stellen. Grund ist die Mode unter jungen Thailändern, sich ganz ohne kieferorthopädischen Bedarf das Gebiss mit bunten Brackets zu verschönern. Das eigenmächtige Anbringen des ungewöhnlichen Accessoires berge aber die Gefahr von Verletzungen im Mundbereich und Zahnfehlstellungen bis hin zum Ersticken, sollten sich nicht fachgerecht angeklebte Teile lösen.

Die Hauptdarstellerin in dem Fernsehfilm „Alles Betty”
Die Hauptdarstellerin in dem Fernsehfilm „Alles Betty” Bild: Buena Vista International Television

Dass das freiwillige Tragen von Zahnspangen nicht nur eine dieser seltsamen Sitten Asiens ist, zeigt eine Suche im Internet: Dort tauscht sich eine offenbar gar nicht so kleine Community über die Reize verschiedener Modelle aus und organisiert Treffen von Spangenbegeisterten. Manche tragen sogar freiwillig, was eigentlich als ultimative Höchststrafe für die geplagte Teenagerseele gilt: den Kopfhaubennackenbandzugbalkenapparat, für den sich auch in Deutschland längst der englische Ausdruck „Headgear“ durchgesetzt hat.

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Dass nur seine um den Kopf reichenden Stützvorrichtungen den nötigen Druck liefern, um auch die dicken Backenzähne zu bewegen, macht die „Überrollbügel“ oder „Keuschheitsdrähte“ für die Betroffenen normalerweise kaum erträglicher. Spangenfans im Grenzbereich zwischen seltsamem Hobby und Fetischismus kommt es dagegen gerade auf die geballte öffentliche Aufmerksamkeit an. Woher die neue Liebe zur Zahnspange kommt, ist wie so vieles aus der Welt der 10- bis 19-Jährigen kaum nachzuvollziehen.

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Ein Faktor dürfte die zunehmende Sichtung von Gebissregulatoren in der nicht minder schwer verständlichen Welt der Stars sein, für die ein perfektes Lächeln karriereentscheidend ist. Offenbar reicht dafür das simple Bleichen der Beißer mit Wasserstoffperoxid oder das Aufkleben von „Veneers“, strahlend weißen Zahnfassaden aus hauchdünnem Kunststoff, nicht mehr aus. Jedenfalls gehören Strahlemann Tom Cruise, Altersschönheit Faye Dunaway und Topmodel Cindy Crawford zu der wachsenden Schar von Prominenten, die sich in den letzten Jahren mit gut sichtbarem Metall im Mund ablichten ließen.

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„Gerade in den Vereinigten Staaten ist die Entwicklung zur rein kosmetisch motivierten Kieferorthopädie sehr ausgeprägt“, sagt Günter Herre. Er sehe den Trend zum „flachen Gesicht“ mit Besorgnis, weil eine nicht an medizinischen Maßgaben orientierte Behandlung oft erst gesundheitliche Probleme erzeuge. „Zu steil stehende Zähne oder das Ziehen vermeintlich überzähliger Zähne kann sehr leicht zu Problemen im Kiefergelenk bis hin zu Haltungsschäden, Nacken- und Kopfschmerzen oder sogar Tinnitus führen.“ Probleme, die die Kieferorthopädie neben der erhöhten Gefahr von Karies und Zahnfleischproblemen durch fehlstehende Zähne eigentlich bekämpfen soll.

Doch auch zu deutschen Kieferorthopäden kommen vermehrt Erwachsene, die sich ihr Gebiss aus rein ästhetischen Gründen richten lassen wollen. Einer Emnid-Umfrage von 2003 zufolge sehen rund 80 Prozent der Deutschen in einem schönen Lächeln einen entscheidenden Faktor für ein gewinnendes Äußeres, ein Drittel der Befragten wäre bereit, dafür deutlich mehr Geld auszugeben - und tut dies auch. Doch auch im Falle einer medizinischen Indikation ist das optimale Behandlungsschema umstritten, so etwa der ideale Zeitpunkt für den Beginn einer Behandlung im Falle der häufigsten Gebissfehlstellung, dem Überbiss.

Oft beginnt man mit der Intervention schon im Kindesalter zwischen sieben und elf Jahren, wenn das Gebiss sowohl aus Milch- als auch aus permanenten Zähnen besteht, gefolgt von einer zweiten Therapiephase im Alter von zwölf bis sechzehn Jahren. Alternativ warten viele Ärzte mit der Behandlung bis zum Jugendalter, wenn das bleibende Gebiss vollständig ist.

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Für neuen Gesprächsstoff dürfte jetzt die Cochrane Collaboration sorgen, eine internationale Medizinerorganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, aus dem Wust medizinischer Studien praxisnahe Ergebnisse zu extrahieren. Für eine gerade erschienene Metastudie werteten Ärzte der Zahnklinik der Universität Liverpool die verfügbare Literatur zur Effektivität verschiedener Behandlungsformen bei der Therapie des Überbisses aus. „Vorstehende obere Frontzähne können leichter beschädigt werden, aber offenbar gibt es keine Nachteile, wenn man mit einer Behandlung bis zum frühen Jugendalter wartet“, fassen die britischen Ärzte die Ergebnisse zusammen, die auf acht relevanten Studien mit knapp 600 Teilnehmern beruhen.

„Ich glaube nicht, dass die Ergebnisse auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind“, sagt Günter Herre. „Meine Erfahrungen und die meiner Kollegen zeigen ganz eindeutig, dass in bestimmten Fällen ein früher Behandlungsbeginn durchaus sinnvoll ist.“ Auch seine Kollegin Bärbel Kahl-Nieke, Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, zweifelt an der Aussagekraft der Cochrane-Ergebnisse: „Deutsche Kieferorthopäden sind bei einem frühen Behandlungsbeginn ohnehin zurückhaltend. Aber wenn der Abstand zwischen oberen und unteren Frontzähnen mehr als neun Millimeter beträgt, muss sofort korrigiert werden, sonst ist das Risiko zu groß, dass es beim Spielen zum Zahntrauma kommt.“

Prinzipiell müsse man nach der Ursache der Fehlstellung unterscheiden: Zu weit zurückliegende Unterkiefer seien meist angeboren und würden am besten in der jugendlichen Wachstumsphase behandelt. Schiefe Zähne seien dagegen meist die erworbene Folge von Daumenlutschen. „Hier muss früh eingeschritten werden, aber meist reicht es, die schlechte Gewohnheit abzustellen.“ Richtig schädlich wird der Daumen im Mund gerade in Kombination mit einer herausnehmbaren Zahnspange für die Nacht: Während der Finger die Frontzähne tags nach vorne zieht, drückt die Spange sie nachts zurück, das resultierende Hin und Her kann zu erheblichen Wurzelschäden führen, warnt Kahl-Nieke. Bei der Nuckelentwöhnung kann etwa die Daumengarage aus zwei auf den Finger gebundenen Zungenspatelhölzern helfen, von selbstgebrauten Vergällungsmitteln aus allem, was die Küche so hergibt, ist dagegen abzuraten.

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Angesichts nur weniger wissenschaftlich genauer Vergleichsstudien muss sich der Kieferorthopäde auch auf seine Erfahrungen verlassen, wenn es um die Wahl seiner Arbeitsgeräte geht. Deren kaum überschaubare Typenvielfalt lässt sich grob in zwei große Gruppen unterteilen: fest installierte Apparaturen dienen primär dem Ausrichten wirrer Zahnreihen. Im Falle der weit verbreiteten Multibrackets werden auf jeden einzelnen Zahn kleine Halterungen, die Brackets, geklebt, durch die dann ein an den Backenzähnen verankerter Draht gefädelt wird. Seine regulierbare Zugkraft zieht die Zähne nach und nach in eine gerade Reihe.

Auf der anderen Seite stehen herausnehmbare Modelle aus einem Plastikkorpus und Führungsbügeln aus Draht, die primär der Korrektur von Kieferfehlstellungen dienen. Deren Vorteil ist aber auch ihr großer Haken, denn viele Jugendliche tragen die oft mundfüllenden Apparaturen nicht so oft, wie es der Doktor gern hätte. Damit riskieren sie nicht nur den Behandlungserfolg, sondern auch die Rückzahlung des Eigenanteils von der gesetzlichen Krankenkasse, die die Kosten (je nach Spangentyp zwischen 4000 und 15.000 Euro) in der Regel ohnehin nur bis zum 18. Lebensjahr und meist nur für einfache Modelle übernimmt. Dann kommen „Non Compliance“-Geräte zum Einsatz, die so heißen, weil sie nicht der aktiven Mitarbeit des Patienten bedürfen.

Ein Beispiel ist das sogenannte Herbst-Scharnier, eine feste Zahnspange, bei der Ober- und Unterkiefer durch teleskopartige Gestänge miteinander verbunden und in Position gebracht werden. Häufige Nebenwirkungen sind neben Schleimhautschäden allerdings Schwierigkeiten beim Sprechen und Kauen, was „den Herbst“ bei Jugendlichen äußerst unbeliebt macht. Der kommt aber ohnehin meist nur bei älteren Jugendlichen zum Einsatz, bei denen das verbliebene Restwachstum des Kiefers maximal genutzt werden soll. Wenn sich der gegenwärtige Imagewandel der Zahnspange unter Jugendlichen aber in eine bessere Mitarbeit der jungen Patienten übersetzt, dürften derart brachiale Methoden nur noch in Ausnahmefällen notwendig sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.07.2007, Nr. 29 / Seite 53
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