Havarie der Costa Concordia

Kapitän unter Hausarrest gestellt

Aktualisiert am 17.01.2012
 - 10:01
Das Wrack vor den Insel Gigliozur Bildergalerie
Taucher haben im überfluteten Heck der „Costa Concordia“ fünf Leichen entdeckt. Damit erhöht sich die Zahl der Toten auf elf. Ein Telefongespräch belastet den Kapitän, der nun unter Hausarrest gestellt wurde, schwer.

Italienische Marinetaucher haben am Dienstag fünf weitere Leichen im Wrack der „Costa Concordia“ entdeckt. Dies teilte die Küstenwache italienischen Medien mit. Demnach befanden sich die Opfer im hinteren Teil des überfluteten Hecks. Damit kamen bei dem Unglück mindestens elf Menschen ums Leben. Nach Angaben des italienischen Krisenstabs werden noch 24 Menschen vermisst.

Die Behörden haben allerdings einen der vermissten Deutschen aufgespürt. Das teilte der Leiter des Krisenstabes in Grosseto, Guiseppe Linardi, am Abend mit, wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Nähere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt.

Womöglich gibt es auch ein erstes deutsches Todesopfer. Einen entsprechenden Bericht des Rundfunksenders Rai bestätigten die deutschen und italienischen Behörden jedoch zunächst nicht. Das Auswärtige Amt hatte angegeben, dass zwölf der Vermissten Deutsche seien. Fünf stammen demnach aus Hessen, je zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen und eine Frau aus Bayern.

Mit Sprengstoff hatten sich die Rettungskräfte am Dienstag den Weg in die „Costa Concordia“ gebahnt, um die Bergungsarbeiten zu beschleunigen. Hoffnung, noch Überlebende aus dem Wrack zu retten, das seit Freitagabend im eiskalten Mittelmeer liegt, gab es kaum noch. Taucher der Marine sprengten vier Löcher in die Außenwand, um ins Innere zu gelangen.

In den kommenden Tagen, wenn die Bergungsarbeiten abgeschlossen worden sind, soll das Schweröl aus dem Schiff abgepumpt werden. Damit wurde das niederländische Unternehmen Smit beauftragt, das bis zu 2400 Tonnen Treibstoff und Schmierstoffe entsorgen soll. Naturschützer hatten zuvor vor einer Umweltkatastrophe gewarnt, falls das Öl ins Meer auslaufe. Das Schiff liege im wichtigsten Walschutzgebiet des Mittelmeers.

Die Vorwürfe gegen den „draufgängerischen“ Kapitän erhärten sich

Unterdessen erhärteten sich die Vorwürfe gegen den 52 Jahre alten Kapitän der „Costa Concordia“. Er wurde am Dienstag in Grosseto dem Untersuchungsrichter vorgeführt, anschließend wurde er unter Hausarrest gestellt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung vor, das Herbeiführen einer Havarie und das vorzeitige Verlassen des in Seenot geratenen Schiffs. Kapitän Francesco Schettino sagte dagegen nach Rundfunkberichten, er habe alles Menschenmögliche getan und das Schiff nach dem Aufprall auf den Felsen mit einer Kursänderung noch näher an die Küste gebracht, damit es dort auf Grund laufe und nicht sinke.

Schettino stammt aus Castellamare di Stabbia (Provinz Neapel), ist verheiratet und hat eine 15 Jahre alte Tochter. Fast die gesamte Familie war in der Seefahrt beschäftigt. Er absolvierte das renommierte Istituto nautico Nino Bixio in Pian di Sorrento und arbeitete für verschiedene Reedereien, seit 2002 als Sicherheitsoffizier bei der Reederei Costa, danach als zweiter Kapitän, seit 2006 als Kapitän. Schettino hatte nach Darstellung verschiedener italienischer Zeitungen den Ruf eines „Draufgängers“.

„Was machen sie? Geben sie die Rettung auf?“

Der Staatsanwalt wirft ihm vor, das Schiff mit mehr als 4200 Personen an Bord zu nahe an die kleine Insel Giglio vor der toskanischen Küste gelenkt zu haben. In Zeitungsberichten hieß es am Dienstag auch, der Kapitän habe nach dem Unglück mehr als eine Stunde lang die Passagiere mit der Durchsage beruhigen wollen, es gebe nur eine Strompanne. Viel zu spät habe er den Ernst der Lage erkannt. Der „Corriere della Sera“ schrieb, als der Kapitän keine Vorbereitungen zur Evakuierung treffen wollte, habe die Besatzung in einer Art Meuterei die Initiative ergriffen und die Rettungsboote klargemacht.

Italienische Zeitungen gaben am Dienstag auf ihren Internetseiten auch den Wortlaut eines Telefonats des Kapitäns mit der Kommandantur des Festlandhafens Livorno wider. Die Umstände des um 1.46 Uhr geführten Gesprächs legen nahe, dass der Kapitän das Schiff noch während der Rettung der Passagiere verlassen hatte, gegen 23 Uhr. „Sie gehen jetzt zum Bug, klettern die Strickleiter hoch und leiten die Evakuierung ihres Schiffs“, wird der Offizier in den Zeitungen zitiert. Er habe den Kapitän aufgefordert: „Sie müssen uns sagen, wie viele Leute da noch sind, Kinder, Frauen, Männer, die genauen Zahlen in jeder Gruppe!“ Schettino habe keine Informationen geben können. Darauf der Offizier: „Was machen sie? Geben sie die Rettung auf?“ Schettino: „Nein, nein, ich bin da, ich koordiniere die Rettung.“ Doch zu diesem Zeitpunkt war der Kapitän demnach längst von Bord.

Passagiere wollen Kreuzfahrt-Veranstalter verklagen

Auf die Frage vom Hafen, ob es Tote gebe, habe Schettino zurückgefragt: „Wie viele?“ Der Offizier darauf: „Das müssen doch sie mir sagen! Was machen Sie? Gehen sie jetzt endlich an Bord zurück und sagen Sie uns, was wir machen können!“ Bei einer ersten Anhörung am Samstag hatte der Kapitän noch ausgesagt: „Wir waren die letzten, die das Schiff verlassen haben.“ Der Felsen sei auf den Seekarten nicht verzeichnet gewesen. Dieser Darstellung widersprachen der Staatsanwalt und die Reederei schon am Montag. Der Felsen sei eingezeichnet, das Unglück sei auf menschliches Versagen, auf Fehlentscheidungen des Kapitäns zurückzuführen. Mit Kreuzfahrtschiffen die Passage zwischen der Insel Giglio und dem Festland zu wählen – statt einer Route über die offene See – ist offenbar üblich, damit die Passagiere den Anblick genießen können.

Während es zunächst durchgängig hieß, die Besatzung habe chaotisch reagiert und sei von dem Unglück überfordert worden, gibt es mittlerweile auch andere Stimmen. So sagte die Stewardess der Concordia Marie Bulgarini aus Wien: „Wie sich manche Passagiere verhalten haben, war eine Katastrophe. Anweisungen der Mitarbeiter wurden einfach nicht befolgt.“ Die Besatzung habe gut zusammengearbeitet, die Passagiere seien schnell vom Schiff in Sicherheit gebracht worden. Die Passagiere seien in mehreren Sprachen über die Lage unterrichtet worden.

Der Chef des Verbraucherschutzverbands Codacons, Carlo Rienzi, gab am Dienstag bekannt, dass sich schon mehr als 70 Passagiere der „Costa Concordia“ an einer Sammelklage gegen die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere beteiligen würden. „Unser Ziel ist es, jedem Passagier eine Entschädigung von mindestens 10.000 Euro für den entstandenen materiellen Schaden, die ausgestandene Angst, die ruinierten Ferien und die ernsthaften Risiken zukommen zu lassen“, erklärte Rienzi. Sein Verband hatte die Klage angestoßen.

Quelle: FAZ.NET mit dpa/AFP/AP
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