Heino Ferch

Der Coolste auf dem Pausenhof

Von Julia Schaaf
11.02.2012
, 19:24
Im Fernsehen ist Heino Ferch allgegenwärtig: als Standardbesetzung für den Alphamann, den unbeschädigten wie den gebrochenen. Aber man weiß wenig über ihn. Eine Annäherung an einen bekannten Unbekannten.

Kürzlich hat er einen Kollegen gerettet, und das kam so: Ein Januarabend in Berlin, Heino Ferch sitzt im Szene-Restaurant "Borchardt". Ein paar Tische weiter hat ein Kollege Platz genommen, ein langgedienter Großer seines Fachs. Man kennt einander, man grüßt. Später sind Hilferufe aus der Herrentoilette zu hören. Der Schauspielveteran bekommt das Schloss seiner Kabine nicht mehr auf und gerät zunehmend in Panik. Ihm wäre jetzt schon geholfen, wenn einer beruhigende Worte fände und das Personal verständigte. Aber zufällig anwesend ist: Ferch. "Ich bin's, Heino", soll er von draußen gerufen haben, "ich hol' dich da raus!" Ferch versucht, die Tür einzurennen. Wieder und wieder wirft er sich mit der Schulter gegen das Holz, bestimmt zehnmal. Die Tür allerdings hält. Als sich das Schloss am Ende doch von innen öffnen lässt, jubelt der Befreite vor Publikum: "Heino hat mir das Leben gerettet!"

Ein Selbstporträt
Ein Selbstporträt Bild: Heino Ferch

Man hat diesen Mann den deutschen Bruce Willis genannt, bis der Vergleich sich abnutzte: ein kahlschädeliger Kraftbolzen, der mit Herzensbrecherlächeln den Helden spielt. Aber man dachte immer, das sei nur Image.

Jeden Monat eine andere tragende Rolle

Heino Ferch ist ein Schauspieler, mit dem die Deutschen ihre Fernsehabende verbringen, schon seit Jahren, in Produktionen wie "Der Tunnel" oder "Die Luftbrücke"; zum Auftakt des Jahres 2012 ist der Neunundvierzigjährige jeden Monat in einer anderen tragenden Rolle im ZDF zu sehen. Auch im Kino lässt Ferch sich regelmäßig blicken, spielt in "Comedian Harmonists" oder "Der Untergang". Er wirkt wie ein alter Bekannter, seit Ewigkeiten vertraut. Aber über ihn selbst weiß man nicht viel. In Interviews fachsimpelt er über seine und andere Filme. Die Klatschpresse lässt ihn in Ruhe.

Von März an ist Ferch nun in der Kehlmann-Verfilmung "Ruhm" zu sehen und gibt dort einen sehr populären, quasi omnipräsenten Schauspieler. Man schaut und hofft: Vielleicht spielt er jetzt ja sich selbst. Aber der Star im Kino ist eine Mischung aus Scheusal und armer Haut. Er residiert in einem abgeschmackten Luxusbungalow mit Butler und Schwimmbad, schließlich schlüpft er in die Rolle eines Doppelgängers, um der Berühmtheit zu entfliehen. "Das Einzige, was meins wär, ist der Pool", wird Ferch, der das alles mit Selbstironie auf die Leinwand bringt, später im Gespräch erläutern. Der Star Ferch lebt auf einem Gutshof am Ammersee, wo die Verwandtschaft seiner Frau seit 500 Jahren zu Hause ist: Vater, Mutter, Kind, viel Landschaft und noch mehr Pferde. Für ihn, sagt er, sei sein Beruf nur mit einer einzigen Einschränkung verbunden: "Ich würde gerne nicht so viel weg sein von der Familie."

Beim dritten Treffen taut er auf

ür eine Annäherung an Heino Ferch braucht es einen langen Atem. Man besucht Kinopremieren, bei denen Ferch als Letzter auf die Bühne gerufen wird, wenn der Applaus so richtig tost. Man geht zu Pressekonferenzen, auf denen derselbe Film präsentiert wird und Ferch sich beiläufig im Hintergrund hält. "Ist nicht meins, aufn dicken Molli zu hauen", sagt er. Bei der ersten Begegnung wirkt der Schauspieler fast scheu. Beim zweiten Treffen ist er zurückhaltend, aber verbindlich. Beim dritten taut er auf. Beim fünften Wiedersehen gibt es zur Begrüßung Wangenküsschen. Und trotzdem hat das Kennenlernen Grenzen, die der Pressemanager vorher abgesteckt hat. "Sagen wir es so", sagt Ferch: "Ich mag es professionell."

Ein Septembernachmittag in Nürnberg. Am Schloss Faber-Castell rankt Plastik-Efeu empor, solange hier der zweite Teil von "Hanni & Nanni" gedreht wird. Ferch spielt den Vater der Zwillinge. Ein paar Journalisten warten auf ihn seit Stunden. Plötzlich steht er im Schlosshof, T-Shirt, Turnschuhe und ein Fisherman's zwischen den Zähnen. Es gibt keinen Auftritt. Ferch ist einfach da. Dreimal erklärt er in wechselnde Mikrofone, seine dreijährige Tochter sei noch zu jung für die Internatsserie, werde später aber bestimmt zum Fan, allein schon, weil der Papa mitspiele. Als eine Fernsehreporterin sich nach Ferchs elfjähriger Tochter aus einer früheren Beziehung erkundigen will, bescheidet er sie knapp: "Das lassen wir so stehen." Die Fernsehfrau seufzt: Man wisse es ja. Der möge keine privaten Fragen.

Den Ruf des Vollprofi

Dann läuft die Kamera. Ferch hat gebeten, eine Einstellung zu wiederholen, die sein Gesicht in Großaufnahme zeigt. Der Filmpapa steckt in einer Ehekrise und flirtet mit Barbara Schöneberger. Als er merkt, dass ein Zwilling das mitbekommen hat, fühlt er sich ertappt, will seiner Filmtochter aber auch die Sorge nehmen.

Beim Dreh der Szene eine Woche zuvor waren die Kinderdarsteller schon weg, Ferch fehlte ein Gegenüber, er war nicht zufrieden mit seiner Performance. Jetzt schaut er das Mädchen an, während die Kamera ihn fokussiert. Sein Blick erstarrt. Er lächelt, wie angeknipst. In einem Ausdruck von Zuneigung und Zuversicht schürzt er die Lippen. Als Nächstes dreht er den Kopf zur Seite. Der Schreck steht ihm in den Augen. Noch einmal, das Ganze von vorne. Dann holt Ferch sich eine Handvoll Gummibärchen vom Buffet - "am besten aus dem Kühlschrank" - und verschwindet, um für die nächste Szene das T-Shirt zu wechseln.

In der Branche gilt Ferch als Vollprofi. Einer, der ein gutes Gespür für seine Rollen besitzt und dabei den Film als Ganzen im Blick behält, bestens vorbereitet, stets darauf bedacht, dass es läuft. Wer ihn kennt, beschreibt ihn als humorvoll und kollegial, gradlinig und angenehm. Dabei gibt es durchaus Stimmen, die Ferch nicht für einen besonders guten Schauspieler halten. Seine Kritiker mäkeln, er bestreite mit einem einzigen Gesichtsausdruck ganze Filme und spiele immer nur sich selbst. Seine Fans empfinden gerade das als männlich und authentisch. Am Rande von Dreharbeiten wagt sich ein Fahrlehrer aus Sachsen heran, um ihm die Hand zu schütteln. Der Mann schwärmt: "Er hat so eine Ausstrahlung. Er passt in jede Rolle rein. Wenn es heißt, der Ferch ist dabei, dann gucken wir den Film."

Durch nichts zu kompromittieren

Dass dieser Appeal Quote bringt, weiß auch Reinhold Elschot, der als Fernsehspielchef und stellvertretender Programmdirektor beim ZDF ein mächtiger Mann im Fernsehen ist. Elschot ist zudem ein erklärter Freund und Fan von Ferch. Er sagt: "Der Heino ist ein Protagonist, der durch seine Präsenz und sein Charisma einen Film wirklich tragen kann. Wir haben viele starke Frauen in Deutschland. Aber bei den Männern sage ich oft ,Heino Ferch - und dann?' In seiner Körperlichkeit ist er fast ein stand-alone."

Spätestens seit Ferch sich 2001 im Dienste der Freiheit unter der deutsch-deutschen Grenze hindurchgrub und mit "Der Tunnel" der zeitgeschichtliche Event-Zweiteiler erfunden war, gilt er als Standardbesetzung für Helden: ein Macher, stark, sympathisch und durch nichts zu kompromittieren. Tatsächlich scheint Ferch diese Alphamänner weniger zu spielen als zu verkörpern. "Der ist so", sagt der Regisseur Andreas Senn, der mit Ferch den Fernsehzweiteiler "Verschollen am Kap" gedreht hat. Um die Anziehungskraft seines Hauptdarstellers zu beschreiben, vergleicht Senn ihn mit dem coolsten Typen auf dem Pausenhof, der es nicht nötig hatte, sich umzudrehen, wenn jemand rief. Alle Jungen wollten mit ihm befreundet sein; die Mädchen schmachteten ihn an. "Heino ist auf dem Bildschirm - und alles wird gut", sagt Senn. Dafür liebten ihn die Deutschen.

Ferchs Figuren komplexer als sein Image

Eine Anekdote von den Dreharbeiten am Flughafen Tegel: Mitten im Weihnachtsbetrieb spielt Ferch einen Manager, der nach Südafrika reisen will, um seine entführte Tochter zu suchen. Klirrende Kälte, keine Absperrungen, das Filmteam blockiert den Verkehr. Die Klappe ist schon geschlagen, als ein Taxifahrer brüllt, die Filmleute sollten endlich abhauen, er müsse hier arbeiten. Regisseur Senn hält den Atem an. Das sind Momente, in denen Stars einem die unwürdigen Arbeitsbedingungen unter die Nase reiben und die Produktion zu kippen droht. Aber Ferch dreht sich einfach um und brüllt zurück: Was er hier tue, sei auch Arbeit. Dann wendet er sich der laufenden Kamera zu und spricht seinen Text, als wäre nichts gewesen.

Bei der Kinopremiere des Zweiteilers dann will nach der Pause niemand so recht zurück in den Saal. Als Zentrum einer Traube von Menschen steht Ferch mit seiner Frau im Foyer, einer großen, hübschen ehemaligen Profireiterin mit kurzem dunklen Pferdeschwanz und Flokatimantel. Man trinkt Weißwein, die Stimmung ist ausgelassen. Das Paar schätzt solche Anlässe, um gemeinsam auszugehen. Plötzlich gellt ein Pfiff. Ferch lässt den Arm über dem Kopf kreisen, als schwinge er ein Lasso. Schon strömt das Publikum zurück auf seine Plätze.

Ferchs Figuren unterdessen sind vielschichtiger geworden und längst komplexer als sein Image. Nächstes Jahr wird der Schauspieler fünfzig, an seinen Augenwinkeln haben sich Krähenfüße eingegraben. Im Moment, sagt er, bereite ihm das Älterwerden noch keine Sorgen, "aber das wird wahrscheinlich kommen". Ferch weiß selbst, dass er nicht mehr "diese Jungs" spielen kann, "die vorne stehen und das ganze Schiff schaukeln. Jetzt sind das mehr Dramen und kompliziertere Männer." Er glaubt, dass diese Entwicklung nicht nur mit dem Alter zusammenhängt. "Das liegt an allem, an deinem Leben, das liegt an Verantwortung, das liegt an Kindern. Mit Kindern entdeckt man Ängste, die man vorher nicht hatte."

In der Rolle der „abwesenden Väter“

Gerade ist Ferch für einen Fernsehkrimi mit Lob überhäuft worden, in dem er einen verstörenden Polizeipsychologen spielt. An diesem Montag hat er im ZDF in "Vater, Mutter, Mörder" eine ähnlich eindrucksvolle Rolle. Ferchs Figur verzweifelt daran, dass sein halbwüchsiger Sohn die Eltern einer Freundin umgebracht hat. Er zerfleischt sich mit Vorwürfen, wendet sich von dem Jungen ab, bald zerbricht die Ehe. Es gibt keine Szene, in der man vermuten würde, dass sich der echte Heino Ferch grundlegend anders verhalten würde. "Die fatale Hilflosigkeit, dass man keinen Grund findet, das ist, glaube ich, das Schlimmste", sagt Ferch.

Auch seine gebrochenen Helden sind allesamt Macher. Wenn Ferch im Knast seinen Sprössling zusammenschreit, er solle verdammt noch mal Verantwortung übernehmen, scheint der Bildschirm zu bersten. Steht er im Krankenhaus vor dem leblosen Körper des Jungen, fließt keine Träne. Regisseure wissen: Mit diesem Schauspieler müssen sie ringen, um seine Gefühle an die Oberfläche zu holen.

Mal abgesehen von dem Hanni-und-Nanni-Papa: Ferch gibt inzwischen regelmäßig Väter, die emotional eher zurückgenommen sind und wenig präsent im Leben ihrer Kinder. "Die abwesenden Väter . . .", sinniert Ferch, "das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Aber natürlich ist das ein Thema meiner Jugend." Ferchs Vater war Kapitän und zwei Drittel des Jahres unterwegs; acht von zehn Weihnachten feierten Mutter und Sohn allein. Ferch sagt, er könne sich nicht erinnern, ob er seinen Vater sehr vermisst habe. Aber die Übergänge seien hart gewesen, die Umstellung von einem Alltag ohne zu einem Alltag mit Vater.

Windelnwechseln fand er „total entzückend“

Er selbst legt Wert darauf, Zeit für seine Töchter zu haben. Schon Windelnwechseln fand er "total entzückend, von einer riesigen Zärtlichkeit und Unmittelbarkeit". Er weiß, dass frische Zwiebel bei Wespenstichen hilft. Und er kennt Tricks, um kleine Mädchen zum Fingernägelschneiden zu überreden - Nagellack. Unvorstellbar, dass einer wie Ferch sich öffentlich über den Zusammenhang zwischen Kindheitserfahrungen, Lebensentscheidungen und seiner Rollenauswahl ausbreiten würde. Aber er sagt immerhin: "Vielleicht suche ich mir diese ganzen Vaterfiguren aus, um viel mehr zu erfahren, wie man sich den perfekten Vater zusammenbaut."

Die Maskenbildnerin ist mit dem Pudern fertig, Ferch sieht aus wie das perfekte Abbild seiner selbst. "Möchtest du noch was?", fragt die Frau. "Locken", witzelt Ferch und verlässt den Wohnwagen: Auf einem verlassenen Flugplatz in Brandenburg haben Szenenbildner die DDR-Grenze der sechziger Jahre neu errichtet. Ferch trägt den Kunstfaseranzug eines Stasi-Offiziers, der im Drehbuch auf seinen Wunsch hin zum Doppelagenten geworden ist, mit Liebesgeschichte und Humphrey-Bogart-Zügen. Ein Heino Ferch übernimmt keine Nebenrolle ohne Extra-Charme. Aber er mag diese zeithistorischen deutschen Stoffe, genauso, wie er Politik- und Wirtschaftsthemen schätzt, die zugänglich werden, wenn die Protagonisten unter Druck geraten. Dann ist ihm egal, ob Leute ihn warnen, er drehe zu viel, auch ein beliebtes Gesicht könne an Reiz verlieren. Er bremst nur, damit "die Hauptsache die Hauptsache" bleibt, die Familie. "Schöne Rollen muss man spielen", sagt Ferch. Scheu vor massengängigen Formaten kennt er nicht. "Ich will ja, dass die Filme gesehen werden. Je mehr Publikum, desto besser."

Am Anfang stand der Zirkus

Es ist ein ungewöhnlich milder Herbsttag. Ferch hat das Jackett seines Stasi-Anzugs auf eine Bierbank gelegt und redet - vom Zirkus. Dort hat seine Karriere gewissermaßen angefangen, dort liegt der Schlüssel zu seinem Erfolg, dort wird es persönlich. Ferch schwärmt davon, wie seine jüngere Tochter schon als Zweijährige stundenlang gebannt in einer Zirkusloge stand. Kommt er auf die eingestellte Fernsehsendung "Stars in der Manege" zu sprechen, eine Charity-Show mit Gastauftritten von Prominenten, lodert er vor Begeisterung. "Ich habe immer Sachen gemacht, auf die ich mich zwei Monate vorbereiten musste", sagt Ferch. Das Kunststück "Ungarische Post" zum Beispiel: Auf zwei galoppierenden Pferden stand er, ein Bein rechts, das andere links, und mittendurch galoppierten weitere Pferde, bis Ferch vor sich sechs Rösser dirigierte. Oder eine Drahtseilnummer, für die der Schauspieler sich von Dreharbeiten mit Dennis Hopper wegstahl, um im "Roncalli"-Winterlager mit französischen Artisten zu trainieren. "Ich mach dir immer noch 'n Flic Flac", sagt Ferch. Es klingt stolz.

Schon als Kind hat er im Elefantenzelt geschlafen und Eimer geschleppt, wenn in seiner Heimatstadt Bremerhaven ein Wanderzirkus gastierte. Der Auftritt, die Spannung, der Erfolg - Ferch hat das früh fasziniert. "Zirkus ist das Unmittelbarste überhaupt", sagt er, "dieses Jonglieren mit Leben und Tod. Artisten, die zweimal am Tag in eine Arena treten und immer höchste Konzentration haben müssen. Diese Leistung. Ich denke immer, das kann jetzt sofort danebengehen. Und das tut dann auch weh. Diese Spannung überträgt sich aufs Publikum. Der Moment, wo's dann klappt, wenn das Publikum euphorisch und erleichtert applaudiert - das ist eine Entladung von Glück."

Vom Turnverein zum Theater

Seine Leidenschaft für den Kick, für diese Mischung aus Können und Risiko, hat Ferch im Sport systematisch mit Ausdauer und Disziplin unterfüttert. "Das ist immer Teil meines Lebens gewesen", sagt Ferch. Schon als Zehnjähriger fand er seinen Platz im Turnverein. "Turnen ist nicht Fußballspielen. Beim Fußball sind elf auf dem Platz. Turnen ist: Da steht einer. Der hat sich etwas vorgenommen. Du hast oft monate-, jahrelang etwas aufgebaut, und jetzt heißt es, sechzig Sekunden, hopp oder top." Das ist das Zirkusprinzip. Und das ist bis heute das Prinzip Heino Ferch.

Nur weil das Stadttheater Bremerhaven sich an den Turnverein wandte auf der Suche nach Jungs, die unfallfrei Frauen durch die Luft wirbeln konnten, landete Ferch mit 15 Jahren auf der Bühne. "Das war einfach Glück", sagt er rückblickend, "das hätte ich vielleicht in Hamburg oder München nicht gehabt." Die Eltern freuten sich, dass der Junge einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachging und nebenbei sein Geld für die Sommerferien verdiente. Ferch entwickelte aus seiner neuen Leidenschaft einen Berufswunsch. Bis zum Abitur trat er in mehr als zwanzig Provinztheaterproduktionen auf. Anschließend wurde er am Mozarteum in Salzburg als Schauspielschüler angenommen.

Zum Mittagessen bestellt Ferch Seezunge - "ein Stück Heimat" - und Grünen Veltliner. Es ist die letzte einer Reihe von Begegnungen, und es fühlt sich an, als habe man den coolen Typen vom Pausenhof fast erobert. Ferch ist herzlich und blödelt herum, zupackend fürsorglich rührt er einem den Zucker in den Espresso. Noch vor wenigen Monaten trug er einen merkwürdigen Plastikarmreifen mit Hologrammen, die verpuffende Energien zurückspiegeln und ihn stärker machen sollten. Der ist jetzt weg.

Eine alte Verbundenheit mit Werder Bremen

Ferch plaudert über seine norddeutsche Heimat und den sinnlichen Süden, über seine alte Verbundenheit mit Werder Bremen und die Leidenschaft seiner Frau für den FC Bayern, weil die Münchner früher ihre Sommertrainingslager auf dem Familiengut veranstalteten. Wenn es Bier sein muss, trinkt Ferch Jever. Aber er fühlt sich auch in Bayern wohl, wohin er nach zwei Jahrzehnten Berlin gezogen ist, der Liebe wegen. "Es macht großen Spaß", sagt er über das Landleben mit Pferden. Die Ferchs spielen gemeinsam Polo. Im Herbst sind sie auf dem Oktoberfest. Im Winter gehen sie in den Zirkus. Sein Ehering ist fingerbreit.

"Männer sind Männer, und Frauen sind Frauen", sagt Ferch und erzählt von Dreharbeiten in Russland. "Ich war so erleichtert über die Selbstverständlichkeit, wie die Männer da sind und nicht versuchen, alles zu verstehen und für alles so wahnsinnig offen zu sein. Die Frauen waren genauso. Das waren richtige Weiber. Wenn sie tolle Beine hatten, hatten sie Kleider an oder tolle Hosen, die die Beine zeigen." Ferch ist in den frühen Achtzigern erwachsen geworden, Latzhosen und XXL-Shirts gefielen ihm nie. Offenbar sind Generationen männlicher Verunsicherung spurlos an ihm vorbeigeschrammt. Nur zur Erinnerung: Natürlich ist er nachts aufgestanden, um dem Kind die Flasche zu machen. Er kann auch Waschmaschinen beladen. Aber Klarheit, findet Ferch, müsse trotzdem sein. "Ich bin ein Mann, und ich steh dazu. Und ich bin nun mal der, der ich bin."

Kapitänssohn, Turner, Großschaupieler

Heino Ferch, 1963 als Sohn eines Kapitäns in Bremerhaven geboren, stand im Alter von 15 Jahren das erste Mal auf einer Bühne: Das Stadttheater hatte sich für ein Musical beim örtlichen Turnverein, wo Ferch schon seit Jahren trainierte, um Unterstützung bemüht. Nach dem Abitur absolvierte Ferch eine Schauspielausbildung am renommierten Salzburger Mozarteum.

Das erste Jahrzehnt seiner Karriere blieb Ferch vor allem am Theater: Von der Freien Volksbühne in Berlin unter Hans Neuenfels wechselte er ans Schillertheater und weiter zu Claus Peymann an die Burg nach Wien. Sein Durchbruch als Film- und Fernsehschauspieler kam 1997 mit den „Comedian Harmonists“ und Tom Tykwers „Winterschläfer“. Mit seiner Hauptrolle in „Der Tunnel“ von Roland Suso Richter erreichte Ferch 2000 ein Millionenpublikum und etablierte sich als gefragtes Gesicht in Fernsehmehrteilern und zeithistorischen Event-Filmen wie „Das Wunder von Lengede“ und „Die Luftbrücke“. Im Kino reüssierte Ferch zuletzt in „Vincent will Meer“ als Vater eines jungen Mannes mit Tourettesyndrom.

Inzwischen wird die Liste seiner Fernsehdramen immer länger. Für Aufsehen sorgte zu Jahresbeginn der Krimi „Auf den Spuren des Bösen“ mit Ferch als Verhörspezialist, zu dem inzwischen eine Fortsetzung abgedreht ist. Morgen läuft im ZDF „Vater, Mutter, Mörder“. Ferch ist vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Seit 2005 ist er mit einer ehemaligen Profi-Military-Reiterin verheiratet, 2008 kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Die Familie lebt am Ammersee. Aus einer früheren Beziehung hat Heino Ferch eine elfjährige Tochter in Berlin.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot