Hochwasser

Deiche zerstört: Staatsanwaltschaft ermittelt

04.09.2002
, 17:49
Die Flut ist gegangen, und mit ihr geht auch die Solidarität unter den Betroffenen. Diese hatte aber bereits während der Krisentage ernste Risse, wie sich zeigt.
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Die Jahrhundertflut entlang der Elbe hat nicht nur zerstörte Häuser und zerbrochene Existenzen hinterlassen. Es gibt Streit, ob und wie ein Großteil der Milliardenschäden hätte verhindert werden können, und inzwischen ermittelt vielerorts sogar die Staatsanwaltschaft wegen mutwilliger Zerstörung von Hochwasserschutzanlagen.

„Ich bin bereits von der Polizei vernommen worden“, berichtet Holger Hövelmann, Landrat des sachsen-anhaltinischen Landkreises Anhalt-Zerbst. Um angeblich zerstörte Deiche sei es gegangen, darum, ob kleine Orte den Fluten geopfert wurden, um große Städte zu schützen.

Hauptstreitpunkt in Anhalt-Zerbst ist der Deichbruch bei Seegrehna im benachbarten Landkreis Wittenberg. Acht Tage lang floss hier das Wasser mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kubikmeter pro Sekunde - hinein in den 11.000 Hektar großen Wörlitzer Winkel mit zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Dessau-Wörlitzer Gartenreich. „Das Wasser nahm sich immer mehr Land“, schildert Hövelmann. Die 300-Seelen-Gemeinde Rehsen wurde als eine der ersten von den Fluten eingeschlossen.

Deich wurde gesprengt

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„Wir wollten unser bisschen Zeug verteidigen, bauten aus Sandsäcken Dämme rund um den Ort“, erinnert sich Roland Schütt, einer der Dorfbewohner an den verzweifelten Überlebenskampf. Technisches Hilfswerk, Bundeswehr und ungezählte freiwillige Helfer seien dabei gewesen und hätten geschuftet bis zum Umfallen. Dann seien alle abgezogen und für das Dorf die Evakuierung ausgerufen worden. „Ständig kreisten Hubschrauber über den Ort, es war wie im Krieg“, erklärt Astrid Barthel, die das Landgasthaus der Gemeinde betreibt. Für alle, die heute in der Gaststätte sitzen, ist klar: Der Deichbruch bei Seegrehna wurde künstlich, mit einer Sprengung herbeigeführt. Innenminister Klaus Jeziorsky bestreitet das.

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Blankes Entsetzen

Am Abend des 19. August kam im Zerbster Landkreisamt die Meldung aus Rehsen, die Bürger würden den Deich zwischen ihrem Ort und dem benachbarten Gohrau zerstören. „Meine erste Reaktion war blankes Entsetzen“, sagt der Landrat. Inzwischen habe er „auch ein Maß an Verständnis“. Das Wasser habe zwischen dem Deich und den Sandsackwällen rund um die Gemeinde gestanden, zwei Meter höher als der Ort selbst. Das sei schon „eine konkrete Bedrohung“ gewesen. „Wir wollten nicht absaufen“, verteidigt Klaus Scheffler, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr von Rehsen, die Nacht- und Nebelaktion. Die Bewohner hätten ein Loch in den Deich gebuddelt, und das Wasser sei in die Auen gelaufen. „Wir haben nicht nur unseren Ort gerettet, sondern auch die Nachbargemeinden Riesigk und Gohrau und nicht zuletzt Wörlitz mit dem wunderschönen Gartenreich“, ist sich der Feuerwehrchef sicher.

Es habe auch Opfer gegeben, räumt er ein: zehn Gehöfte und drei Betriebe in Rehsen selbst sowie sieben Höfe im benachbarten Schönitz. Die Schönitzer stehen jetzt noch unter Wasser und werden per Boot versorgt. Wenn die Fluten hier verschwunden sind, wollen die Rehsener beim Wiederaufbau helfen.

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Ob Polizei und Staatsanwaltschaft jetzt gegen die Dorfbewohner ermitteln, weiß Klaus Scheffler nicht. Die sollten sich doch die Leute in Wittenberg vornehmen, die acht ganze Tage brauchten, um das 40 Meter große Loch im Deich bei Seegrehna zu stopfen. Und dann verweist Scheffler noch auf die Deiche, die an vielen Stellen bislang nur notdürftig geflickt seien: „Das nächste Hochwasser kommt bestimmt eher, als die Schutzanlagen wieder in Ordnung gebracht werden. Und was wird dann aus uns?“

Quelle: AP
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