Hochwasser

Sammelklage: Haben Behörden Überflutungsgefahr in Bitterfeld unterschätzt?

02.09.2002
, 15:18
Immer noch gefährlich hoch: Wasserstand im Goitzsche-See
Letzter Krisenherd der Jahrhundertflut ist Bitterfeld. Dort herrscht weiter Katastrophenalarm. Die Einwohner strengen eine Sammelklage an.
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Im Streit um die Folgen der Überschwemmung weiter Teile von Bitterfeld und den drastischen Anstieg des Grundwasserspiegels melden sich bei der Rechtsanwältin Anja Stolze in Halle immer mehr Betroffene. „Die Sammelklage habe sich um 20 auf derzeit 152 Opfer erweitert“, sagte Stolze am Montag. Die Juristin geht davon aus, dass sich noch weitere Opfer in der Kanzlei melden. Auch nach Abzug der Flut ist der Anstieg des Grundwassers ein gravierendes Problem. Deshalb besteht in der Stadt in Sachsen-Anhalt unverändert Katastrophenalarm.

„Viele Betroffene sind noch gar nicht erreichbar, weil sie auf Grund der Hochwasserschäden an ihren Häusern noch bei Verwandten oder Bekannten wohnen“, sagte Stolze. Von dem steigenden Grundwasser seien etwa 1.300 Grundstückseigentümer mit insgesamt über 5.000 Menschen unmittelbar betroffen. „Neben Opfern in Bitterfeld haben sich auch Betroffene aus Holzweißig gemeldet. Ebenso kamen Anfragen aus Pouch und Friedersdorf.“ Die juristische Prüfung einschließlich der Erarbeitung eines Gutachtens werde in etwa sechs bis acht Wochen abgeschlossen sein. „Dieser Teil kostet jeden Kläger 130 bis 150 Euro“, sagte Stolze.

Rasche Regulierung des Grundwasserspiegels

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Die Kläger fordern Schadensersatz und bauliche Veränderungen in Bitterfeld, damit künftige Schäden vermieden werden. „Dazu gehört die schnelle Regulierung des Grundwasserspiegels durch den Bau von etwa 30 Pumpen, verteilt auf das Stadtgebiet von Bitterfeld“, sagte die Juristen.

Zudem müsse der Wasserstand des Goitzsche-Sees bei maximal 71,5 Meter gehalten werden. Die Behörden gehen bislang von einer endgültigen Wassertiefe im Goitzsche-See von 75 Metern aus. Derzeit beträgt der Wasserstand noch über 77 Meter. Außerdem sei ein Sicherheitsdamm zu errichten, der eine Überflutung der Stadt bei Hochwasser verhindert. Ebenso müsse das durch die Stadt verlaufene Flüsschen Leine vertieft werden.

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Anwältin: Katastrophe absehbar

„Durch die Flut ist jetzt die Katastrophe eingetroffen, vor der wir schon jahrelang gewarnt haben, sagte Stolze. Ihren Angaben zufolge lagen den Behörden seit 1999 Gutachten und Empfehlungen vor, wie ein Flutungder alten Flussauegebiete von Mulde und Leine bei Hochwasser hätte verhindert werden können.

Die Umwandlung des Tagebaues in einen See sei 1999 vom Regierungspräsidium Dessau genehmigt worden, obwohl zum damaligen Zeitpunkt eine Umweltverträglichkeitsstudie gefehlt habe. In später nachgereichten Studien seien erhebliche Zweifel am Hochwasserschutz beschrieben, diese jedoch nicht ernst genommen worden. Beispielsweise habe die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau Verwaltungs GmbH (LMBV) das alte Flussbett der Mulde reaktiviert ohne die entsprechenden Hochwassersicherungsanlagen wieder herzustellen, sagte Stolze.

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Dagegen verwies ein Sprecher der LMBV auf die gültige Flutungsgenehmigung, die erst am 23. Mai 2002 durch ein Gerichtsurteil vom Landgericht Dessau bestätigt wurde.

Katastrophenalarm gilt weiterhin

Derzeit wird an der Bundesstraße 100 versucht, den Pegel des Goitzsche-Sees durch eine Vergrößerung des dortigen künstlichen Abflusskanalas auf 76,50 Meter abzusenken. Ein Expertenteam soll weitere Konzepte entwickeln, den dauerhaften Anstieg des Grundwassers wirksam aufzuhalten.

Neun bis zehn Straßenzüge in Bitterfeld gelten weiterhin als vom Hochwasser akut betroffen. Obwohl die Evakuierung für mehr als 17.000 Menschen inzwischen aufgehoben werden konnte, gilt weiterhin Katastrophenalarm. Zahllose Keller stehen unverändert unter Wasser. Elektro- und Wasserhauptleitungen sind somit weiterhin nicht zu erreichen. In vielen Häusern gibt es kein warmes Wasser oder keine funktionierenden Toiletten.

Quelle: @dho
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