Impfstoffe

Ein kleiner Pieks für die Menschheit

Von Peter-Philipp Schmitt, Daressalam
12.12.2012
, 17:06
Die auserwählten Neugeborenen warten schlafend auf den neuen Impfstoff
Erstmals werden in Tansania Kinder nun auch gegen Diarrhöe und Lungenentzündung geimpft. Schon bald sollen weitere Länder und Impfstoffe folgen.
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Noch schläft Rosemary friedlich im Arm ihrer Mutter Janeth. Und auch der älteste der Auserwählten, der schon drei Monate alte Nazri, zeigt wenig Interesse an den laut übertragenen Reden der Honoratioren und Exzellenzen, die nach Buguruni gekommen sind - unter ihnen die Botschafter aus Italien und den Vereinigten Staaten sowie eine Vertreterin des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie alle haben Großes zu verkünden, und das kann durchaus ermüdend sein, schon gar bei 35 Grad Hitze. So dauert es ein ganzes Weilchen, bis die glorreichen Sieben plötzlich hellwach sind. Nun stehen sie im Mittelpunkt des Interesses. Ihre Landesmutter persönlich, die First Lady von Tansania, Salma Kikwete, träufelt ihnen eine offensichtlich abscheulich schmeckende Flüssigkeit in den Mund. Was Kleinkinder eben tun, wenn sie geimpft werden: Nazri schreit lauthals los und wehrt sich mit Händen und Füßen, erst recht gegen die Spritze, die er obendrein noch bekommt.

Die Impfungen aber machen den Unterschied: Erstmals bekommen sieben Kinder in Tansania eine Immunisierung gegen zwei der schlimmsten Krankheiten des Kontinents - gegen Diarrhöe und Pneumonie. An Rota-Viren, Auslöser eines lebensbedrohenden Durchfalls, und Pneumokokken sterben in jedem Jahr mehr Kinder in weiten Teilen Afrikas als an Malaria, Aids und Tuberkulose zusammen. Ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren fallen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur diesen beiden Virusinfektionen zum Opfer. Dabei lassen sie sich durch Impfungen ganz leicht vermeiden; die Impfstoffe standen bislang aber in den ärmsten Ländern so gut wie nicht zur Verfügung.

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Impfzahlen auf der ganzen Welt sind rückläufig

Die Zahlen der WHO sind erschreckend: Täglich sterben fast 21 000 Kinder unter fünf Jahren, mindestens drei Viertel von ihnen an vermeidbaren Krankheiten, zum Beispiel auch an Malaria und Masern. Um die Situation gerade in den am schlimmsten betroffenen Regionen - in Afrika und Südostasien - zu verbessern, wurde im Jahr 2000 eine Partnerschaft mit dem Namen Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi Alliance) gegründet. Zuvor hatte es eine Dekade gegeben, in der die Impfraten auf der ganzen Welt stagnierten, zum Teil sogar rückläufig waren. Mitglieder der Allianz sind Regierungen von Industrie- und Entwicklungsländern, die WHO, Unicef, die Weltbank und die Bill & Melinda Gates Foundation, aber auch Nicht-Regierungsorganisationen, Impfstoffhersteller sowie Gesundheits- und Forschungseinrichtungen.

Die Gavi-Welt umfasst heute 73 Länder, in denen seit 2000 dank dieses Einsatzes 370 Millionen Kinder zusätzlich geimpft werden konnten. Bis 2015 sollen es weitere 245 Millionen sein. Mehr als 5,5 Millionen zu erwartende Todesfälle konnten vermieden werden, bis 2015 sollen vier Millionen weitere hinzukommen. „Erstmals in der Menschheitsgeschichte“, sagt Gavi-Geschäftsführer Seth Berkley, „sind wir in der Lage, Kinder in Entwicklungsländern fast zur selben Zeit mit lebensrettenden Impfstoffen zu versorgen wie Kinder in den Industrienationen.“

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Preise sinken, Produktion wird globaler

Gavi, als Fürsprecher der halben Welt und Vertreter von mehreren Milliarden Menschen, ist eine Macht, der sich selbst hartnäckige Verhandlungspartner nicht verschließen können. So konnte die Allianz die Impfstoffpreise für die Gavi-Länder erheblich drücken. Der Preis für den Impfstoff gegen Pneumokokken etwa ist um mehr als 90 Prozent gesunken und kostet in Tansania pro Dosis nur 3,50 Dollar. Das allein ist schon ein Erfolg. Zugleich hat Gavi aber auch die Produktionsstätten globalisiert: Vor zehn Jahren hatte die Allianz fünf Impfstoffhersteller, nur einer war in einem Schwellenland. 2011 erhöhte sich die Zahl auf insgesamt zehn, fünf von ihnen produzieren dort, wo Impfstoffe noch Mangelware sind - in Brasilien, Indien, Indonesien, Russland und Senegal.

Mütter warten: Erstmals in Tansania können sie ihre Kinder gegen Diarrhöe und Pneumonie impfen lassen
Mütter warten: Erstmals in Tansania können sie ihre Kinder gegen Diarrhöe und Pneumonie impfen lassen Bild: Sala Lewis/Gavi Alliance

Gavi hat dieses Jahrzehnt zur „Impf-Dekade“ erklärt. Die Ziele sind hoch gesteckt. Ein Kleinkind in einem Entwicklungsland benötigt nach WHO-Richtlinien elf lebenserhaltende Impfungen: gegen Diphtherie (Krupphusten), Tetanus (Wundstarrkrampf), Pertussis (Keuchhusten), Masern, Poliomyelitis (Kinderlähmung), Tuberkulose, Hepatitis B, Pneumonie (Lungenentzündung, ausgelöst durch Pneumokokken), HIB (Haemophilus influenzae Typ B), Diarrhöe (Durchfall, ausgelöst durch Rota-Virus) und Röteln. Besonders erfolgreich war Gavi bislang mit der Immunisierung gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis: Der sogenannte DTP-Impfstoff erreicht inzwischen 74 Prozent aller Kinder in den 73 Gavi-Ländern, in Afghanistan stieg zum Beispiel die Impfrate in den vergangenen zehn Jahren von knapp 25 auf fast 70 Prozent.

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Medizinische Unterversorgung in vielen Regionen

Inzwischen werden vier von fünf Kindern immunisiert. Doch 22 Millionen bleiben noch immer Jahr für Jahr ohne Schutz, ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Genau das sei die Schwierigkeit, sagt Berkley. Denn diese Kinder haben auch sonst weniger Chancen im Leben. Sie leben oft weit entfernt von jeder medizinischen Versorgung, viele werden in Kriegs- und Krisenregionen groß, können nicht zur Schule gehen, haben nicht einmal sauberes Wasser zur Verfügung. „Wie können wir das fünfte Kind erreichen?“ fragt Berkley. „Darauf müssen wir eine Antwort finden.“

In einem Land wie Tansania, das ein vergleichsweise gut ausgestattetes Gesundheitssystem hat, liegt die DTP-Impfrate sogar bei 92 Prozent. Jedes zehnte Kind wird aber nicht erreicht, das sind ungefähr 200 000 Kinder. Nur wenige Autostunden von der Hauptstadt Daressalam entfernt werden die Probleme offensichtlich. Morogoro ist mit 73 000 Quadratkilometern die zweitgrößte Region des Landes. Tansania ist mit knapp 950 000 Quadratkilometern fast drei Mal so groß wie Deutschland, hat aber 48 Millionen Einwohner, gut 30 Millionen weniger als wir. Die Region, eine von 20 auf dem Festland, ist in sechs Distrikte und in 181 Bezirke aufgeteilt und hat 613 Dörfer. Idealerweise hätte jeder Distrikt ein Krankenhaus, jeder Bezirk ein Gesundheitszentrum, und jedes Dorf zumindest einen kleinen medizinischen Außenposten, bei dem Mütter ihre Kindern regelmäßig auch mit Impfungen schützen lassen können. In Morogoro aber gibt es nur in vier Distrikten ein Krankenhaus, in 48 Bezirken ein Gesundheitszentrum, und nur 315 Dörfer sind überhaupt medizinisch versorgt.

Gemeinsam zum Impfen

Im kleinen Gesundheitszentrum Melela, etwa 35 Kilometer von der Hauptstadt Morogoro der gleichnamigen Region entfernt, wird von Montag bis Freitag geimpft, zwei Mal im Monat auch gegen Masern und Tuberkulose. Was an Perlen für eine Halskette erinnert, sind kleine „Vitamin-Impfungen“, deren flüssiger Inhalt in den Mund der Kinder geträufelt wird: Die blauen Perlen sind für Kinder im Alter von sechs bis neun Monaten, die roten für Ein- bis Fünfjährige. An diesem Tag bekommen die kleinen Patienten, die mit ihren Müttern zum Teil Wegstrecken von 25 Kilometern zurückgelegt haben, auch einen oralen Schutz vor Kinderlähmung und eine Injektion in den Oberschenkel - gegen gleich fünf Krankheiten: Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B und Haemophilus influenzae Typ B.

Bild: F.A.Z.

Die jungen Mütter haben eine Impfkarte ihrer Kinder dabei, die sie bei der Geburt bekommen haben. Während manche Erwachsene nicht einmal genau wissen, wann sie geboren wurden, ist bei der jungen Generation nun nicht nur genau verzeichnet, wie groß und wie schwer das Neugeborene war, sondern eben auch, wann es zuletzt entwurmt und gegen Tuberkulose geimpft wurde. Die Mütter aus einem Gebiet kommen meist zusammen zum Impfen, das vereinfacht die Anreise. „Sie wissen inzwischen auch, wie wichtig der Infektionsschutz für ihre Kinder ist“, sagt Godfrey Mtey, der medizinisch Verantwortliche für Morogoro. Trotzdem ist es nicht leicht, alle Patienten zu erreichen. Zum Teil machen sich Krankenschwestern mit Kühltaschen mit den Impfstoffen auf, um die letzten der oft zu den Massai gehörenden Menschen zu erreichen.

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Gavi verschafft Zugang zu Impfung

“Wie sie zu den Patienten kommen, darum muss sich die Regierung eines Gavi-Landes weitestgehend selbst kümmern“, sagt Seth Berkley. Das Geld der Gavi-Geber diene hauptsächlich dazu, den Zugang zu Impfstoffen überhaupt zu ermöglichen. Rund 7,35 Milliarden Dollar sind für fünf Jahre bis 2015 zugesagt, die zehn größten Geldgeber sind Großbritannien (2,551 Milliarden), die Bill & Melinda Gates Stiftung (1,330), Norwegen (0,8), die Vereinigten Staaten (0,54), Frankreich (0,495) und Italien (0,438) sowie Australien, die Niederlande, Schweden und Kanada (zwischen 0,141 und 0,243). Deutschland gehört nicht dazu.

Schon von Januar an wird Tansania dank ihrer Hilfe zu den 24 Gavi-Ländern gehören, die in den vergangenen drei Jahren Zugang zur Pneumokokken-Impfung bekommen haben, und zu den zwölf Ländern, die dank der Impfallianz ihre Kinder nun auch gegen Rota-Viren schützen lassen können. Rosemary und Nazri waren in ihrem Heimatland hoffentlich nur zwei von schon bald einigen Millionen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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