Hitze in Pakistan und Indien

47,5 Grad – und noch heißer

Von Andreas Frey
28.04.2022
, 16:51
Gegen die Hitze: In der pakistanischen Stadt Lahore kühlen sich Einwohner am Donnerstag in einem Schwimmbecken ab.
Seit Tagen hängt eine Hitzeglocke über Pakistan und Teilen Indiens. Sie könnte erst der Anfang einer historischen Heißzeit sein. Die Folgen zeichnen sich jetzt schon ab.
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Große Hitze ist in Südasien eigentlich nicht ungewöhnlich. Im Frühsommer, bevor der Monsun einsetzt, verwandelt sich die Großregion in einen veritablen Glutofen. Dieses Jahr allerdings suchen die extremen Temperaturen Südasien unerwartet früh heim, seit Tagen hängt eine gefährliche Hitzeglocke über weiten Teilen Pakistans und Indiens. Verbreitet werden 40 Grad und mehr erreicht, in der pakistanischen Stadt Nawabshah wurden am Mittwoch sogar 47,5 Grad gemessen. Bis Sonntag erwarten die Meteorologen vereinzelt Temperaturen von bis zu 50 Grad. Ein Ende der Hitze ist nicht absehbar.

Viele Meteorologen schauen mit großer Sorge auf die brutale Frühlingshitze. Vergleichbare Extremwetterlagen werden normalerweise erst im Juni oder Juli erreicht, weitere Hitzeeskalationen könnten also erst noch folgen. Zudem sind die rekordverdächtigen Werte nur der vorläufige Höhepunkt einer wochenlangen Periode viel zu hoher Temperaturen in Süd- und Ostasien, teilt Adrian Leyser vom Deutschen Wetterdienst mit. In Indien war der März der zweitwärmste seit Wetteraufzeichnungsbeginn vor 122 Jahren, besonders hohe Abweichungen gab es im Nordwesten des Landes.

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Überall fehlt Wasser

Die hohen Temperaturen sind auch eine Folge der anhaltenden Trockenheit seit dem Winter, ausgelöst durch ein stabiles Hochdruckgebiet über dem Nordwesten, das anrückende Regenwolken blockiert. In Neu Delhi hat es seit März fast gar nicht geregnet, im Rest des Landes fiel im März nicht einmal ein Drittel der üblichen Regenmengen, teilte der indische Wetterdienst IMD mit. Die ausgedörrten Böden verstärken die Hitze, fehlende Feuchte führt zu einer positiven Rückkopplung – die Luft flirrt. Die Folgen für die Landwirtschaft zeichnen sich schon jetzt ab. Die Weizenernte ist um zehn bis 35 Prozent zurückgegangen, überall fehlt Wasser. Da Indien nach China der zweitgrößte Weizenproduzent ist, drohen auf dem wegen des Ukrainekriegs ohnehin angespannten Markt weitere Verknappungen.

Bedrohlich ist die Lage aber auch für die Bauern selbst. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt von der Landwirtschaft, darunter viele ältere Menschen, die ihre Felder trotz der quälenden Bedingungen bestellen müssen. Nicht weniger belastend ist die Situation in den Städten, in denen nur die wenigsten Zugang zu klimatisierten Räumen haben. Gerade für Arme und Ältere werden Hitze und Luftverschmutzung zur lebensbedrohlichen Gefahr, denn auch nachts ist keine Erholung möglich. In den verdichteten Stadtvierteln sinken die Temperaturen nicht unter 30 Grad, an Schlaf ist kaum zu denken.

Ein Grund für die frühe Hitzewelle ist das Wetterphänomen La Niña, das unregelmäßig im Pazifik auftritt und jetzt schon anderthalb Jahre anhält. Die Gegenbewegung zu El Niño bringt weltweit das Wetter durcheinander und führt typischerweise zu trockenheißen Frühjahren in Südasien. Von Iran bis Westchina fielen März und April in diesem Jahr teilweise um mehr als drei Grad zu warm aus.

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Hinzu kommt der Klimawandel. Der menschengemachte Temperaturanstieg verschärft die quälende Frühjahrshitze und macht sie wahrscheinlicher. „Vor dem Anstieg der globalen Temperaturen hätten wir die Hitze, die Indien in diesem Monat erlebt hat, etwa einmal in 50 Jahren erlebt. Jetzt kommt so ein Ereignis viel häufiger vor – etwa alle vier Jahre“, sagt die Klimaforscherin Mariam Zachariah vom Imperial College London. Auch die indische Wetterbehörde berichtet, dass Hitzewellen immer häufiger auftreten. In den Jahren 2011 bis 2020 gab es 600 Tage mit Höchstwerten von mehr als 40 Grad, im Zeitraum von 1981 bis 1990 waren es nur 413 Tage.

Und das könnte erst der Anfang einer beispiellosen Heißzeit in der Region sein. Bis Mitte des Jahrhunderts wird sich die Durchschnittstemperatur um zwei Grad erhöhen, ein Grad ist bereits erreicht. Die Folgen: Hitzewellen werden häufiger und intensiver, der Monsun kommt unregelmäßiger, Dürren treten öfter auf. Im August 2021 sagte der Weltklimarat bei der Vorstellung seines Berichts eine „katastrophale Zukunft“ in großen Teilen Südasiens voraus. Hitze und Dürren häuften sich, wie auch Starkregen und Überschwemmungen. Eine weitere Verschärfung der Lage bis Ende des Jahrhunderts könne nur verhindert werden, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen schnell reduziert werde.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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