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Schule

Die Illusion mit der Inklusion

Von Katrin Hummel
 - 12:28

Als es am zweiten Schultag zur ersten Stunde klingelte, blieb Yasar* auf dem Schulhof stehen. Martin Lebert*, sein Klassenlehrer, ging hinaus, um ihn zu holen. Doch Yasar lief weg. Als Lebert hinterherlief, bewarf der Siebenjährige ihn mit kleinen Steinen. Auch am dritten, vierten und fünften Schultag wiederholte sich das. Irgendwann ging Lebert morgens nicht mehr auf den Schulhof, um ihn zu holen. Fortan kam Yasar nach einiger Zeit von selbst in die Klasse gelaufen, mitten hinein in den Unterricht. Er blieb vier oder fünf Minuten, dann lief er wieder raus. Wenn Martin Lebert ihn aufforderte, dazubleiben, sagte er: „Halt die Fresse.“ Oder: „Ich kauf mir ’ne Pistole und bring euch alle um.“

Manchmal blieb Yasar auch im Unterricht. Dann spuckte er mit Schnipseln von Arbeitsblättern, die er zuvor in den Mund gesteckt hatte, um sich. Ab und zu biss er seine Mitschüler in den Hinterkopf, machte ihnen blaue Flecken oder schlug sie ins Gesicht. Einmal schüttete er eine Flasche Apfelsaft auf seinem Tisch aus, legte seinen Kopf in die Lache und wischte dann mit den Händen drin herum. Anschließend rannte er durch die Klasse und schmierte alle Kinder an. Fing Lebert ihn ein, trat Yasar ihm gegen das Schienbein, schlug um sich und rief: „Ich hasse die Schule, die Lehrer, alles hier!“ Ruhig war der Junge nur, wenn er in einen Nebenraum geführt und in ein Gespräch über Star Wars oder Ninja Turtles verwickelt wurde.

Die Entscheidung treffen vor allem die Eltern

Yasar ist ein Kind mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen und emotional-soziale Entwicklung. Seit März ist er nicht mehr in der Klasse von Lebert, sondern geht auf eine Förderschule. Vor 2009, als Deutschland noch nicht der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beigetreten und der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung noch nicht das erklärte Ziel der Bildungspolitik war, sind Kinder wie Yasar vom Kindergarten direkt auf eine Förderschule gegangen. Jetzt aber wechseln sie im Namen der „Inklusion“ vom Kindergarten in die Grundschule, wenn ihre Eltern es so wollen. Und sie verlassen die Grundschule auch nur wieder in Richtung Förderschule, wenn ihre Eltern einwilligen.

Während zum Beispiel in Bayern die Lehrer bestimmen, welche Schüler nach der Grundschule aufs Gymnasium gehen dürfen, ist bei Förderkindern, die in die erste Klasse kommen, allein der Elternwille ausschlaggebend für die Wahl der Schulform. Gut ein Viertel aller Förderschüler wird inzwischen in Regelschulen unterrichtet, meist gehen sie nach der Grundschulzeit auf eine Hauptschule.

In den vergangenen Wochen sorgte allerdings der Fall eines Elfjährigen mit Downsyndrom aus Baden-Württemberg für Aufregung, den seine Eltern aufs Gymnasium schicken wollten, obwohl ihnen klar ist, dass er niemals das Abitur machen wird. Vier Jahre lang war Henri auf eine Grundschule gegangen, ohne dort richtig Lesen zu lernen. Im Sommer wechseln seine Freunde aufs Gymnasium, und Henri sollte mit. Die Schule weigerte sich indes mit Erfolg, ihn aufzunehmen.

Diese Woche stellte sich heraus, dass auch die Realschule Henri nicht unterrichten möchte. Ihm blieben jetzt noch eine Gemeinschaftsschule, eine Hauptschule und eine Förderschule. Ist das richtig oder falsch? Darüber ist ein erbitterter Streit entbrannt, aus dem sich höchstens diejenigen heraushalten, die weder Lehrer sind noch Schulkinder haben.

Wissenschaftliche Belege gibt es für Pro und Contra

Ganz grob lässt sich sagen: Wer politisch links steht, ist oft für Inklusion und für die Abschaffung der Förderschulen - weil unterschiedliche Lern-Niveaus als positiv für die Entwicklung der Schüler angesehen werden. Wer politisch rechts steht, ist nicht unbedingt gegen Inklusion, aber oft dafür, die Förderschulen trotz Inklusion beizubehalten - weil unterschiedliche Lern-Niveaus als hinderlich für die Entwicklung der Schüler angesehen werden. Wissenschaftliche Belege gibt es für beide Haltungen - je nachdem, wie man die entsprechenden Vergleichs- und Längsschnittstudien interpretieren will und ob man dabei eher soziale oder kognitive Aspekte berücksichtigt.

Sicher ist nur: Drei Viertel aller Lehrer sehen bei der Inklusion „größere Probleme“. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem vergangenen Jahr. Die meisten finden, die Pädagogen seien einfach zu schlecht ausgebildet, um die Inklusion umzusetzen. Und das ist noch eine Untertreibung. Viele sind gar nicht ausgebildet, sondern werden einfach ins kalte Wasser geworfen. So wie der achtunddreißigjährige Martin Lebert, der seit zehn Jahren Grundschullehrer ist. Von heute auf morgen wurde er Klassenlehrer einer Inklusionsklasse. Sechs von 24 Kindern hatten eine Behinderung - körperlich, geistig oder emotional-sozial wie Yasar.

Lebert hatte allerdings das Glück, dass ihm eine ausgebildete Förderschulpädagogin zur Seite gestellt wurde. Und da zwei Inklusionskinder eigene Inklusionshelfer hatten, waren meist sogar vier Erwachsene in der Klasse. Eine traumhafte Quote, zumindest auf dem Papier. Weniger in der Praxis: „Einer von uns war immer damit beschäftigt, Yasar in den Griff zu kriegen“, sagt Lebert, „es ging über Tische und Bänke. Wir waren an der Grenze, unsere ganze Energie floss nur noch dort hinein. Der Junge konnte maximal zehn Minuten am Tag stillsitzen.“

Die Leistungsstarken kommen zu kurz

Was in Klassen geschieht, in denen Lehrer mit Kindern wie Yasar ganz alleingelassen werden, kann Monika Meltzer*, eine 54 Jahre alte Grundschullehrerin aus Niedersachsen, erzählen. Sie ist Klassenlehrerin einer ersten Klasse mit 24 Kindern, von denen eins neben seiner Lernbehinderung genau wie Yasar emotional-sozialen Förderbedarf hat. Der Siebenjährige redet ununterbrochen, läuft rum, macht Geräusche und beansprucht gemeinsam mit einem anderen auffälligen Jungen neunzig Prozent ihrer Energie. Die restlichen 22 Kinder müssen sich die verbleibenden zehn Prozent teilen. „Dabei sind auch unter ihnen etliche, die Unterstützung brauchten: liebe, schwache Kinder, die eine halbe Stunde vor ihren Aufgaben sitzen und nicht weiterkommen.“

Doch Meltzer hat meist keine Zeit, denen mal kurz über die Schulter zu schauen und Tipps zu geben. „Es ist haarsträubend, dass das so schiefläuft und dadurch so viele brave Kinder hinten runterfallen! Das darf man deren Eltern gar nicht sagen, die würden sonst sofort zum Schulamt gehen“, glaubt sie.

Ebenso wenig kümmern kann sie sich um die besonders leistungsstarken, die daher ebenfalls zu kurz kommen. Sie hat beobachtet: „An Tagen, an denen die beiden auffälligen Kinder nicht da sind, kann ich den übrigen Kindern dreimal so viel Stoff vermitteln wie sonst. Wir wären im Mathebuch zwanzig Seiten weiter, wenn diese Jungen nicht wären.“ Kaum hat sie das ausgesprochen, tut es ihr leid, weil sie findet, dass man so nicht rechnen sollte. Oder doch? Denn Fakt ist auch: „Das, was es diesen beiden Förderkindern bringt, dass sie in der Klasse sind, steht nicht im richtigen Verhältnis zu dem Schaden, der den anderen neunzehn Kindern dadurch zugefügt wird.“

Wie lässt sich der Erfolg von Inklusion messen?

In der Tat gibt es bisher keine Studie, die belegt, dass Förderkinder, die Inklusionsklassen besuchen, öfter einen Schulabschluss schaffen als Förderkinder, die eine Förderschule besuchen. Aber sollte man den Erfolg von Inklusion allein daran messen?

Inklusion bedeutet in erster Linie, dass Kinder mit unterschiedlichen Stärken gemeinsam gefördert werden. Sie bedeutet nicht, dass alle das Gleiche lernen sollen. Aber eine gute Lernatmosphäre in der Klasse, die sollte es schon geben. Die Heiligenstockschule im hessischen Hofheim macht seit Jahren vor, dass Inklusion auch unter schwierigen Bedingungen kein Ding der Unmöglichkeit ist. In der Grundschule mit angeschlossener weiterführender Schule, die - eine hessische Besonderheit - bis zur sechsten Klasse führt, werden 400 Kinder unterrichtet, davon 32 diagnostizierte Förderkinder und 16 Erst- und Zweitklässler, die demnächst zu Förderkindern werden könnten. Insgesamt gibt es dafür sechs Förderlehrerstellen und 27 Regellehrer. Noch nie hat die Schule ein Kind an eine Förderschule verwiesen, im Gegenteil melden sich manchmal sogar Förderschüler von anderen Grundschulen an, die auf die Heiligenstockschule wechseln möchten. Aber was, wenn ein Kind wie Yasar unter den Schülern ist?

„Bei ganz extremen Fällen reduzieren wir für eine gewisse Zeit den Unterricht des Schülers, er kommt dann jeden Tag nur wenige Stunden und wird in dieser Zeit rund um die Uhr individuell betreut“, erzählt Schulleiter Steffen Nagel. Außerdem hole man sich Hilfe von außen: Das Schulamt, der Schulpsychologische Dienst, das Jugendamt, aber auch Förderlehrer von einem externen Zentrum und die Ärzte der Kinder würden mit einbezogen. Besonders wichtig sei die Zusammenarbeit mit den Eltern, die man regelmäßig treffe und denen man Erziehungshilfe vermittle, sofern dies nötig sei. Die Situation bessere sich irgendwann immer. Am Ende der Grundschulzeit könnten diese Kinder meist auf eine weiterführende Regelschule wechseln.

Immer mehr Kinder werden als förderbedürftig eingestuft

Liegt es also nur an der Expertise der Lehrer? Flächendeckend ist die jedenfalls nicht zu bezahlen. Denn immer mehr Kinder werden als förderbedürftig eingestuft - zur Zeit 66 von 1000, was ein Plus von zehn Prozent in den vergangenen fünf Jahren bedeutet. Um für all diese Kinder ein gutes Umfeld in Regelschulen zu schaffen, müssten bundesweit 9300 zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden, was jährlich 660 Millionen Euro kosten würde, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Sollten die Förderschulen nicht abgeschafft werden, sondern trotz Inklusion weiterbestehen und den Regelschulen von ihrem Etat nichts abgeben, stiegen die Kosten um weitere 3,3 Milliarden Euro.

So sind viele Regelschullehrer von ihrem Inklusionsjob, für den sie keinerlei Ausbildung haben, zu Recht überfordert. „Wir sollen das alles so nebenbei machen, es kommt den Kindern nicht zugute“ klagt Martin Lebert, der Lehrer von Yasar. Seine niedersächsische Kollegin Monika Meltzer sagt: „Es ist eine Fehlplanung an allen Ecken und Enden. Ich würde ja gern allen diesen Förderkindern ganz individuell helfen, aber das geht nicht, weil ich allein in der Klasse bin und die Lehrpläne im Nacken habe und auch die anderen Kinder dahin bringen muss, wo sie sich am besten entwickeln können.“

Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, zweifelt ebenfalls daran, dass Regelschulen in jedem Fall der geeignete Ort für Förderkinder sein sollen: „Warum es die hochdifferenzierten, höchst individuell fördernden und von hochprofessionellem Lehrpersonal geführten Förderschulen wegen der UN-Konvention zukünftig nicht mehr oder kaum noch geben soll, erschließt sich keiner nüchternen Betrachtung.“

Das Dilemma bleibt

Es gibt Eltern von Förderkindern, die das genauso sehen, zum Beispiel die „Landeselternschaft der Förderschulen mit Schwerpunkt geistige Entwicklung NRW“. Längst nicht alle wollen von ihrer neuen Wahlfreiheit Gebrauch machen und ihre Kinder auf Regelschulen schicken. Man würde sie aber dazu zwingen, wenn man die Förderschulen abschaffen würde - was man tun müsste, damit die Inklusion bezahlbar wird.

Ein wohl unlösbares Dilemma. Denn klar ist: Es gibt Kinder mit schweren Beeinträchtigungen, die an Regelschulen immer die Letzten sind und dort nur frustrierende Erfahrungen machen. Wenn man immer mehr Lehrer von Förderschulen abzieht oder diese gar schließt, stehen diese Kinder am Ende völlig im Regen. So wie jener motorisch und sprachlich behinderte und in seiner Entwicklung verzögerte Junge aus Hamburg, der auf Wunsch seiner Eltern in die erste Klasse einer Sprachheilschule aufgenommen werden sollte. Noch bevor es dazu kam, wurde die Schule geschlossen und alle Schüler an Regelschulen eingeschult - ob sie wollten oder nicht.

Quelle: F.A.S.
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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