Integration in Berlin

Die bärenstarke Klasse

Von Jörg Thomann
13.09.2010
, 18:53
Schulbeginn für die Schüler der „Deutsch-Garantie-Klasse” in Berlin
Neunzig Prozent Schüler „nichtdeutscher Herkunft“: Die Gustav-Falke-Grundschule ist eine Schule, wie sie nicht nur in Sarrazins Buche steht. Jetzt hat sie eine Klasse eingerichtet, deren Kinder gutes Deutsch sprechen müssen.
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So schön kann heute Schule sein. Weitläufig, doch voller Nischen ist das Hofgelände, von Bäumen umsäumte Wege führen zu mehreren Spielplätzen. Eine komplette Etage des imposanten, denkmalgeschützten Hauptgebäudes dient der Freizeit der Schüler, selbst an ein Tischtennis-Zimmer hat man gedacht. In der Mensa gibt es Bio-Essen. Ein kleiner Junge trägt an diesem Morgen eine Palette mit Halbliter-Milchtüten über den Hof, ein zweiter bringt Toilettenpapierrollen. Andere Kinder werfen Zeitungen und Prospekte in die Müllcontainer.

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Der für die Jüngsten reservierte „Pavillon“ ist zwar nur ein schlichter Plattenbau, leuchtet aber farbenfroh dank eines Wandgemäldes mit Blumen, Regenbogen und strahlenden Kindergesichtern, weißen Gesichtern, braunen, gelben. So bunt gemischt wie die Schüler der Klasse 1f, die sich vorm Unterricht in ihrem Freizeitraum an die Esstische gesetzt haben und ihre Brotdosen öffnen. Über den Köpfen der Kinder mit ihren Afro-Zöpfen, blonden Stoppeln, langen dunklen Mähnen baumeln kleine Schultütchen von einem blauen Netz an der Decke. Nach dem Frühstück gehen alle hinüber in ihren frisch gestrichenen Klassenraum, dessen Blickfang das Smartboard ist, eine computergestützte, interaktive Tafel, auf der die Kinder mit ihren Fingern Buchstaben hin- und herschieben können.

Die Gustav-Falke-Schule verliert stetig Schüler

Eine Musterschule, könnte man meinen. Doch etwas passt nicht ins Bild. Die Gustav-Falke-Grundschule in Berlin nämlich hat stetig Schüler verloren, von einst 620 ist ihre Zahl auf 344 gesunken. Wird der Trend nicht gestoppt, dann droht der Schule das Ende. Und deshalb sind die 24 Fünf- und Sechsjährigen, die die 1f bilden, keine ganz normale Klasse. Sie sind für die Gustav-Falke-Schule so etwas wie die letzte Hoffnung.

Die Falke-Schule liegt in Gesundbrunnen, einem Ortsteil des alten West-Berliner Bezirks Wedding, der heute zum Großbezirk Mitte zählt. Ein Wohngebiet im Herzen der Hauptstadt, das gleichzeitig von der Nachbarschaft abgeschottet ist. Im Osten der Brunnenstraße, der zentralen Nord-Süd-Verbindung, trennt der Mauerpark den Gesundbrunnen vom neobürgerlichen Prenzlauer Berg, im Süden bildet die Bernauer Straße, an der einst die Mauer verlief, eine nunmehr unsichtbare Grenze zum urbanen Alt-Mitte. Jenseits dieser Grenzen flaniert man zwischen schicken Cafés, Ateliers, Bio- und Designerläden. Diesseits, in der Brunnenstraße, starrt man durch manches Schaufenster ins Leere. In der „Brunnen-Bäckerei“ trinkt man den Kaffee für 50 Cent aus Plastikbechern. Ein Frisör bietet „Haarstyle und Kopftuchdesign“, im Fenster des Restaurants „Dalmacija“ hängt eine nach der WM vergessene Deutschlandfahne. An der Kreuzung zur Usedomer Straße wetteifert das „Vulkan-Casino“ mit dem „J.F. Casino“, das „City Casino“ wird demnächst eröffnet.

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Man versucht das Horrorbild der „Problemschule“ zu vertreiben

Der Gesundbrunnen hat sich im Laufe der Geschichte heftig gewandelt - vom beliebten Ausflugsziel, einer längst verschütteten Heilquelle wegen, zum mit Mietskasernen vollgepfropften Arbeiterviertel und Kampfplatz zwischen Nazis und Kommunisten als Teil des „Roten Wedding“. Heute wird hier nicht mehr gekämpft, aber auch dramatisch weniger gearbeitet. Die sozialen Probleme sind gewaltig. Mehr als zwei Drittel aller jungen Menschen unter 15 Jahren erhalten staatliche Hilfe. Es ist ein Viertel, in dem nicht nur Thilo Sarrazin ungern leben würde. Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg waren am 31. Dezember 2009 im Gesundbrunnen 28 882 Ausländer melderechtlich registriert. Das ist ein Anteil von 34,91 Prozent, höher als in Neukölln, höher als in Kreuzberg, höher als in jedem anderen Gebiet Berlins. Im Planungsraum Brunnenstraße haben von hundert Einwohnern unter 18 Jahren 87 einen Migrationshintergrund. Jeder kann sich ausmalen, was das für ein Wohngebiet bedeutet. Und für seine Schulen.

„Jedes Jahr“, erzählt Karin Müller, die Direktorin der Gustav-Falke-Schule, „haben wir ungefähr eine Klasse verloren.“ Die besser Gebildeten, um ihren Nachwuchs Besorgten zogen weg, und zwar nicht nur die Deutschen, sondern auch die bildungsbewussten Migranten. Und das, obwohl sich die Falke-Schule richtig ins Zeug legte. Leseförderung, ein Elterncafé im Schulgebäude, eine Sozialarbeiterin im Haus, die Teilnahme an Anti-Gewalt-Programmen, die Ausbildung von Schülern zu „Konfliktlotsen“, die liebevolle Begrünung des Schulhofs: Was sich tun lässt, um das Horrorbild der „Problemschule“ zu vertreiben, wurde getan. 2004 wurde die Schule zur gebundenen Ganztagsschule, mit Anwesenheitspflicht von 8 bis 16 Uhr und durchrhythmisiertem Alltag. Es half alles nichts. Die Leute wanderten ab, während nebenan in Alt-Mitte die Schulen aus den Nähten platzten. Der Versuch des Bezirksamts, die Probleme per Verwaltungsakt zu lösen, scheiterte vor drei Jahren kläglich: Die Eltern aus Mitte - Rechtsanwälte, Medienleute, Architekten - liefen Sturm gegen die geänderten Einschulungsbereiche, die ihre Kinder auf Weddinger Schulen beorderten. Der Bezirk ruderte zurück. Und die Falke-Schule verharrte auf ihrem Anteil von knapp 90 Prozent sogenannter ndH-Kinder: Kinder nichtdeutscher Herkunft.

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Der Deutschtest „Bärenstark“ gilt als Voraussetzung

„J wie Jacke, H wie Hut, B wie Baum, das geht echt gut.“ Schier mühelos turnt an diesem Morgen die Klasse 1f der Gustav-Falke-Schule über die an die Wand projizierten „Anlauttürme“. Beinahe alle Kinder rufen im Chor: „Z wie Zange, T wie Tasse, N wie Nadel - fertig - klasse!“ Das darf man unterschreiben, ist es für die Kleinen doch erst der siebte Schultag. „Die meisten sind deutlich lernfähiger als die Kinder, die ich sonst immer hatte“, freut sich Sabine Gryczke, die Klassenlehrerin. Sie weiß von Erstklässlern zu berichten, mit denen man erst ganz andere Dinge klären musste: Was genau ist ein Stift? Ist das rot oder gelb? Von den Sprachproblemen gar nicht zu reden. Frederik, Nalia, Berkan, Tatiana, Lea-Sophie, Rahel, Keno, Georg, Bela Aida und die anderen Schüler der 1f sprechen prima Deutsch. Sie haben es schon vor ihrer Einschulung bewiesen: im Deutschtest „Bärenstark“, der Voraussetzung war für die neue Modellklasse an der Schule. „Deutsch-Garantie-Klasse“ ist sie in Berliner Medien genannt worden, an der Schule spricht man lieber von der „NaWi-Klasse“. NaWi für Naturwissenschaften.

„Auf eine Problemschule schicke ich mein Kind nicht“: Das hatte Schulleiterin Müller zu hören bekommen, als sie in einer Mitte-Kita eruieren wollte, ob die Eltern ihre Kinder vielleicht freiwillig nach Wedding schicken würden. Dann aber setzte man sich zusammen. Treibende Kraft war die Wohnungsbaugesellschaft Degewo, der - unter anderem wegen des schlechten Zustandes der Schulen - im Viertel die Mieter davonliefen. Mit den örtlichen Schulen initiierte sie den „Bildungsverbund Brunnenviertel“ und schickte als Projektkoordinator den einstigen Senatssprecher Eduard Heußen zur Elterninitiative aus Mitte. Was, so sein Auftrag, konnten die Schulen tun, um die Eltern von sich zu überzeugen? Und so wurde ein Wunschzettel erstellt: Eine Klasse, wie die Eltern sie sich vorstellten, sollte zur Hälfte aus Kindern ohne Migrationshintergrund bestehen, auch die andere Hälfte aber sollte gut Deutsch sprechen. Die höchstens 21 Kinder sollten sofort Englisch lernen und naturwissenschaftlichen Unterricht erhalten. Das alles, befand die Schule, sollte zu machen sein. Es war die Geburtsstunde der Klasse 1f.

„Eine zukunftsweisende Initiative“

Das Echo war enorm. Prominente wie die Publizistin Necla Kelek oder „Super-Nanny“ Katharina Saalfrank lobten das Modell, Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, sprach von einer „zukunftsweisenden Initiative“. Auch Kritiker meldeten sich, sprachen von der „Eliteklasse“, von „Auslese“ und „Segregation“. Die „taz“ berichtete unter der Überschrift: „Migranten müssen draußen bleiben“. Prompt wurde der Schule von Sprayern das Etikett „Nazi“ an die Wand gesprüht. In der Senatsverwaltung für Bildung hegte man andere Bedenken: War so eine Klasse mit Berlins Schulgesetz zu vereinbaren? Unter dem Titel „Differenzierte Sprachförderkonzepte“ wurde das Vorhaben schließlich „unter Vorbehalt und Auflagen“ genehmigt - als „Schulversuch“ bis zum Schuljahr 2013/14. Tunlichst wird dabei der Eindruck vermieden, einer Elite besondere Privilegien zu bieten: Statt 21 sind in der 1f nun, wie in den anderen Klassen auch, 24 Schüler. Regelmäßig soll die 1f mit anderen Klassen zusammen unterrichtet werden, und auch die frühen Englischstunden werden für alle Schüler als AG angeboten. Was bleibt, sind die Extrastunden Naturforschung. Und der sprachliche Vorsprung.

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Die ersten zwei Stunden an diesem Morgen sind vorüber, die 1f zieht um, zur Sozialkundestunde. Im Klassenraum findet sich jetzt ein knappes Dutzend Zweit- und Drittklässler mit dunklen Schöpfen ein - Schüler mit LRS, mit Lese-Rechtschreib-Schwäche. Ein Junge, dessen Unterlagen fehlen, wird von Sabine Gryczke ins Amtszimmer geschickt. „Können Sie mir das bitte kopieren“, soll er sagen. „Kannst du mir das kopieren“, sagt der Junge. „Können Sie mir das bitte kopieren“, korrigiert die Lehrerin. „Können Sie mir bitte das kopieren“, sagt der Junge.

Kinder werden zu „Fremden ihres Geburtslandes erzogen“

Als Ausgleich für die NaWi-Stunden der 1f erhalten die anderen Klassen Sprachförderung. Es ist bitter nötig. Sabine Gryczke ist 53, seit 1987 an der Falke-Schule und im Wedding geboren. Sie hat den Niedergang der Gegend und ihrer Schulen miterlebt. Bei vielen Kindern, sagt sie, erlebe sie heute „eine ganz merkwürdige Teilnahmslosigkeit. Es gibt kaum noch ein Neugierverhalten.“ Die Kinder selbst jener Migranten, die hier in zweiter oder dritter Generation lebten, würden oft „zu Fremden ihres Geburtslandes erzogen“.

Die Familien seien zugleich immer ärmer geworden: „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es Kinder gibt, die zwischendurch zu Hause nichts mehr zu essen kriegen“, sagt Gryczke. Geburtstage würden kaum mehr gefeiert, und während die Kinder früher Spielzeug bekamen, präsentierten sie heute stolz ihre Jeans von Woolworth. Urlaubsreisen seien den meisten unbekannt, nur alle paar Jahre besuche man die Großeltern in der Türkei, selbst Schwimmbadbesuche seien nicht mehr selbstverständlich. Das Highlight bestehe heute darin, ins Einkaufszentrum zu gehen. „Es wird immer schwieriger, diese Kinder zum Erfolg zu führen“, sagt die Lehrerin. „Als ich ein junges Mädchen war, da war die schlechteste Variante, die man mitbringen konnte, katholisches Landmädchen zu sein. Jetzt ist es der türkische oder arabische Junge aus der Großstadt. Aber der hat's noch schwerer, der muss noch über mehr Hürden.“

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Der Glaube an die Integration ist stark

So ist ihre Arbeit mit der 1f, wie sie sagt, für die Lehrerin Gryczke zur Reise in die Vergangenheit geworden: Wenn sie in die Runde frage, was die Kinder am Wochenende getan hätten, komme nicht die übliche Antwort - Fernsehen -, sondern Berichte über Ausflüge und Ausstellungen. Das Engagement der Eltern nennt Gryczke „überwältigend“. Gemeinsam haben sie den Klassenraum gestrichen, ein türkischer Vater spendierte die Farbe. Und zur Einschulungsfeier, für viele Familien längst kein Pflichttermin mehr, seien „so viele Eltern gekommen, das hat mir wirklich die Sprache verschlagen“.

Die Eltern wiederum hat nicht zuletzt der Einsatz der Lehrer überzeugt. 35 Anmeldungen gab es für die Klasse. „Wir haben den Eindruck, dass unser Kind hier bessere Lernumstände vorfindet als an andren Schulen“, sagt eine Mutter aus Alt-Mitte. Ihr Sohn hatte einen Platz an einer Privatschule sicher, doch sie gaben der Falke-Schule den Vorzug. „Ein bisschen enttäuscht“ ist sie, weil viele Eltern sich letztlich doch für eine der überfüllten Schulen in Mitte entschieden: „Denen war das Risiko dann doch zu groß.“ Für ein integrationspolitisches Experiment gibt man das eigene Kind eben nicht so leicht her. Die Mitte-Mutter aber glaubt an das Projekt: „Ich glaube, sie sind zum Erfolg verdammt, auch weil es in der Politik schon so viel Staub aufgewirbelt hat.“

„Doch je mehr du Deutscher bist, brennt's in deinen Eingeweiden, das Gedächtnis unserer Leiden“: Das sind Zeilen aus „An die Jugend“, dem letzten Gedicht Gustav Falkes. Der Schriftsteller (1853 bis 1916) ist ein seltsamer Patron für gerade diese Schule, wandelte er sich im Ersten Weltkrieg doch vom bürgerlich-volkstümlichen Dichter zum nationalistischen Propagandisten. In „An die Jugend“ findet sich auch der Satz: „Deutschland darf nicht untergehen“. Es klingt wie Thilo Sarrazin. An der Gustav-Falke-Schule aber glaubt man an die Integration. Es sei kein „Gutmenschentum“, sagt Sabine Gryczke: „Man muss es einfach tun.“ Wie kompliziert der Weg sein kann, zeigt ein Zettel, den die Lehrerin neben die Tür zum Klassenraum der 1f geklebt hat: Der erste Elternsprechtag muss leider verschoben werden. Der ursprünglich avisierte Termin kollidierte mit dem muslimischen Zuckerfest.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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