Interview

„Die Gefahr wird unterschätzt“

05.01.2006
, 13:53
Besorgt: RKI-Präsident Reinhard Kurth
Die Vogelgrippe rückt näher. Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts, spricht in der F.A.Z. über die reale Gefahr einer weltweiten Pandemie, mangelnde Vorbeugung in Deutschland und noch nicht erprobte Impfstoffe.
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Reinhard Kurth hat als Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) die Aufgabe, die Deutschen vor Infektionskrankheiten zu beschützen. Die Möglichkeit einer weltweiten Influenzawelle, einer Pandemie, macht ihm derzeit große Sorgen. Er hält die Krisenplanung von Bund und Ländern für nicht ausreichend.

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Herr Kurth, wie groß ist das Risiko einer Pandemie?

Behauptungen, denen zufolge der Erreger der Vogelgrippe noch in diesem Jahr in der Lage sein wird, Millionen von Menschen zu infizieren, sind nichts als unverantwortlicher Alarmismus. Niemand weiß, wann und wo der Erreger die entscheidenden Mutationen vollziehen könnte. Auf der anderen Seite sind Einwände, daß mit der Angst nur den Gesundheitsbehörden und der pharmazeutischen Industrie noch mehr Steuermittel zugeschustert werden sollen, ebenfalls grober Unfug. Die Gefahr einer Pandemie ist real und das Risiko derzeit so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Seuchen
Indonesien befürchtet Vogelgrippe-Epidemie
© Reuters, Reuters

Gibt es überhaupt noch Skeptiker in der Wissenschaft, die den Ausbruch einer Pandemie für eher unwahrscheinlich halten?

Nur eine Minderheit der Fachleute bleibt angesichts der Entwicklungen bei der Auffassung, daß eine neuerliche Pandemie unwahrscheinlich ist. Das Argument, das Vogelgrippevirus H5N1 versuche seit 1997 vergeblich, die Artgrenze zum Menschen einzureißen, lasse ich nicht gelten. Das Massenexperiment läuft vor unseren Augen ab. In Asien breitet sich H5N1 in wilden wie in domestizierten Vogelbeständen aus. Immer wieder infiziert es Menschen. Um zum Pandemievirus zu werden, fehlt aber noch die Fähigkeit, vom Menschen auf den Menschen überzuspringen.

Die schlimmste dokumentierte Pandemie fand 1918/19 mit vielen Millionen Opfern statt. Könnte es so schlimm werden?

Das kann niemand sagen. Wir wissen noch viel zuwenig darüber, welche Teile des Erbguts das Virus so gefährlich machen und welche für eine Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch mutieren müßten. Der Stamm H5N1 ist in den vergangenen Jahren eindeutig gefährlicher geworden. Es bedarf immer geringerer Dosen, um Versuchstiere zu töten, immer häufiger greift das Virus auch das Gehirn seiner Wirte an. Zugleich vergrößert es sein Territorium. Mit Zugvögeln gelangte es nun aus dem Gebiet des Tschinghai-Sees von China nach Rußland. Das Virus infiziert eine Vielzahl von Vogelarten und bisher acht Säugetierarten. Enten sind zu chronischen Trägern geworden, die das Virus selbst tolerieren, es aber verbreiten. Das ist die Situation, die wir aus epidemiologischer Sicht fürchten.

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Werden infizierte Zugvögel nach Mitteleuropa gelangen?

Das Risiko ist gegeben. Das für Tiergesundheit zuständige Friedrich-Löffler-Institut der Bundesregierung wird nun Zugvögel genau auf das H5N1-Virus und spezifische Antikörper untersuchen. Wir müssen uns darauf vorbereiten, daß einzelne infizierte Vögel aus Rußland auch in Europa auftauchen, zunächst in Osteuropa.

Am Friedrich-Löffler-Institut wurde nun ein Impfstoff für Vögel gegen H5N1 entwickelt. Wäre es sinnvoll, die europäischen Geflügelbestände vorbeugend zu impfen?

Wir haben das diskutiert. Eine vorbeugende Impfung aller Bestände ist nach übereinstimmender Einschätzung der führenden Bundesforschungsinstitute aber derzeit nicht anzustreben. Eine Impfung schützt Geflügel zwar vor der Krankheit, nicht aber vor der Infektion. Die Tiere werden zu Virusträgern und können damit das Virus weiter übertragen.

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Entsteht ein Virus, das von Mensch zu Mensch übertragbar ist, stellt sich die Frage, wie schnell es sich ausbreitet. In "Science" und "Nature" wurden Modellrechnungen veröffentlicht, denen zufolge Behörden eine Influenzawelle eindämmen könnten durch sofortige Medikation der Betroffenen und die Absage sämtlicher Veranstaltungen. Was halten Sie davon?

Die Modellrechnungen sind nützlich, die vorgeschlagenen Maßnahmen richtig. Aber die Grundannahmen des Modells halte ich für reichlich optimistisch. Die Autoren haben nämlich angenommen, daß jeder Infizierte durchschnittlich 1,6 andere anstecke. Das ist zu niedrig angesetzt.

Nach längerem Zögern, wesentlich später als etwa Amerika, treffen Bund und Länder nun konkrete Vorbereitungen für den Pandemie-Fall. Wie beurteilen Sie diese?

Die Länder haben sich noch nicht ausreichend vorbereitet. Die Gefahr wird unterschätzt: Abgesehen davon, daß einem Pandemievirus Zehntausende Deutsche zum Opfer fallen könnten, muß auch bedacht werden, daß die Wirtschaft weitgehend zum Stillstand kommen könnte und schnell Schäden von mehreren Milliarden Euro entstünden. Die Bundesländer haben aber bisher nur für rund zehn Prozent ihrer Bevölkerung virenhemmende Medikamente, die Neuraminidase-Hemmer, bestellt, mit denen kurz nach Ausbruch einer Influenza der Verlauf abgemildert werden kann. Das RKI empfiehlt, für mindestens zwanzig Prozent zu bevorraten.

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Die Bundesländer wollen ihren Medikamentenvorrat gemeinschaftlich in Form von zwei „Pools2 einrichten und die Mittel im Notfall teilen. Eine gute Strategie?

Diese Pools werden vermutlich eingerichtet, um Geld zu sparen. Die Bestellung an sich begrüße ich natürlich. Doch ich habe erhebliche Zweifel, daß das Konzept funktionieren würde: Wenn es plötzlich überall in Deutschland „brennt“, welcher Ministerpräsident gibt dann etwas ab? Es könnte zum plötzlichen Auftreten an den verschiedensten Orten kommen, etwa gleichzeitig an den Flughäfen München, Frankfurt und Düsseldorf. Man denke auch daran, wie mobil die Bürger seit der vergleichsweise glimpflich verlaufenen Pandemie von 1968 geworden sind und wie sehr dies einer schnellen Ausbreitung des Virus Vorschub leisten würde.

Wirklichen Schutz gegen das Pandemievirus kann nur ein maßgeschneiderter Impfstoff bieten. Wie kann die schnelle Produktion im Krisenfall gewährleistet werden?

Einen Impfstoff gegen das Pandemievirus gibt es bisher nicht, weil wir es ja noch gar nicht kennen. Der einzelne Bürger kann sich also derzeit noch nicht impfen lassen. Zum Aufbau ausreichender Produktionskapazitäten für einen Pandemie-Impfstoff kann der Einzelne höchstens beitragen, indem er sich gegen die saisonale Influenza impfen läßt. Das wird aus medizinischen Gründen besonders Risikogruppen, das heißt Menschen über sechzig Jahre und Menschen mit chronischen Erkrankungen empfohlen. Im vergangenen Jahr haben sich zwanzig Millionen Menschen gegen die jedes Jahr saisonal auftretende Influenza impfen lassen. Die Durchimpfungsrate ist aber noch viel zu niedrig.

Die Bundesregierung hat sich gegenüber den Gesundheitsministern der Länder verpflichtet, in die Schaffung eines Pandemie-Impfstoffs zu investieren. Was ist geplant?

In der Bundesregierung gibt es derzeit Bemühungen, Fördermittel für die Erzeugung des Prototyps eines maßgeschneiderten Vogelgrippe-Impfstoffs für den Stamm H5N1 zur Verfügung zu stellen. Das Pandemievirus wird zwar höchstwahrscheinlich etwas anders aussehen als das heute zirkulierende Vogelgrippevirus. Doch ich rechne damit, daß ein heute produzierter Impfstoff zumindest einen ersten teilweisen Schutz geben würde. Mit einem solchen Prototyp-Impfstoff könnte im Ernstfall das medizinische Personal in Deutschland vorbeugend geimpft werden, damit nicht ähnliches passiert wie in China während der Sars-Epidemie, als viele aus Angst vor Ansteckung nicht zur Arbeit erschienen sind.

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Bei einer Pandemie wird die Nachfrage nach Impfmitteln groß sein. Was passiert dann?

Unter den gegebenen Umständen wird es nicht zu vermeiden sein, daß bei einer Pandemie eine Mangelsituation auftritt. Weltweit werden jährlich dreihundert Millionen Dosen Impfstoff gegen die saisonale Influenza produziert. Eine Influenzapandemie bedroht aber potentiell alle sechs Milliarden Menschen, bei einer wahrscheinlichen Ansteckungsrate von dreißig Prozent. Besonders ärmere Länder sind der Gefahr ausgesetzt, nicht beliefert zu werden. Doch auch Deutschland muß durch Lieferverträge vorbeugen. Wir haben zwar gleich zwei Produktionsstandorte für Influenza-Impfmittel. Die Firmen haben aber Lieferverpflichtungen in viele andere Länder.

Das Gespräch führte Christian Schwägerl

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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