Interview mit Dermatologin

„Beim Sex übertrumpft die Haut das Hirn“

Von Denise Peikert
10.09.2016
, 10:35
„Das Gehirn nimmt die Empfindungen der Haut auf, verarbeitet sie und entwickelt Phantasien“, sagt Yael Adler.
Yael Adler liebt das Organ, dem sie sich widmet. Hier spricht die Dermatologin über zu viel Seife, die Schönheit von Talg, Botox gegen Zornesfalten und warum Pickelausdrücken okay ist.
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Frau Dr. Adler, wie oft riechen Sie an der Haut Ihrer Patienten?

Immer. Die Nase ist immer angeschaltet. Als Hautarzt muss man alle Sinne nutzen, sonst gehen viele Informationen verloren. Wir riechen, sehen, fühlen – nur schmecken tun wir nicht.

Und wonach riechen Hautkrankheiten?

Nicht nur Krankheiten riechen. Je nach Waschverhalten, Schwitzverhalten oder dem, was man so trägt, riecht jeder Mensch unterschiedlich. Wenn ich mir eine eitrige Hauterkrankung ansehe, nehme ich gleich einen typischen süßlichen Geruch wahr. Und jemand, der zu viel Talg produziert, hat eine bitterherbe Komponente im Geruch.

Als ich in Ihrem Buch gelesen habe, dass Sie an Haut riechen, habe ich mir vorgestellt, wie Sie sich da mit ihrer Nase über ein eitriges Etwas beugen.

Man riecht das auch, wenn man nicht ganz nah herangeht, es hilft eben bei der Diagnose. Wir reden hier aber nicht von einem furchtbaren Gestank, sondern eher von Duftnoten. Anders ist das in der Klinik. Da hat man es als Hautarzt natürlich auch mit absterbendem Gewebe, am Bein zum Beispiel, zu tun, das ist dann schon schlimmer Verwesungsgeruch.

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Hatten Sie da nie einen, nun ja, natürlichen Ekel?

Natürlich fasse ich nicht mit meiner bloßen Hand in den Eiter, weil es nicht hygienisch wäre und ich mich auch nicht anstecken sollte. Aber ich bin eher fasziniert als abgestoßen. Mein Opa war Hautarzt. Ich kannte ihn nicht, habe mir aber als Kind immer die gezeichneten Bilder von Hautkrankheiten in seinen alten Büchern angesehen. Ich habe mir dabei vorgestellt, wie sich das wohl anfühlen würde.

Stimmt es denn, dass jeder Arzt sich ein zum Charakter passendes Fachgebiet sucht?

Ja, ich würde zum Beispiel nie Magen-Darm-Chirurg werden wollen. In meiner Ausbildung stand ich natürlich auch mal im OP. Meine Arme lagen im Sud, und alles war durchfeuchtet von Flüssigkeiten aus dem gerade operierten Körper. Das fand ich schon schwieriger. Die Dermatologie passt sehr zu mir. Wir Hautärzte sind die sinnlichen Typen. Wir gehen auf Spurensuche und wollen wie Kriminalisten herausfinden, was hinter der Hülle steckt.

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Und das ist zum Beispiel?

Zum Beispiel macht eine kranke Darmflora kranke Haut. Deshalb nehme ich vielen meiner Patienten Stuhlproben ab. Oft heilt die Haut, wenn man die Darmflora saniert. Auch eine Schilddrüsenerkrankung oder Mangel an Mikronährstoffen wie Eisen, Vitamin D oder Omega-3-Fettsäuren wirkt sich an der Haut aus. Viele Leute denken, sie haben Neurodermitis und schmieren immer Kortison drauf. Dabei fehlt ihnen nur Zink, und wenn sie das einnehmen, ist die Haut nach spätestens drei Wochen wieder fit. Das ist der internistische Anteil an meinem Fachgebiet, einen psychischen gibt es auch. Stress spiegelt sich an der Haut, viele Leute bekommen Pickel, hektische Flecken oder fangen an, sich im Gesicht rumzufummeln, und kratzen sich selbst zugefügte Wunden mit Krusten immer wieder auf.

„Wer zu viel seift, der stinkt“, schreiben Sie. Wie muss man sich Ihre Körperhygiene vorstellen?

Ich dusche mit Wasser und rubbele mich mit einem Handtuch ab. Und nur die sozusagen stinkigen Stellen, wo man stärker schwitzt, die Achselhöhlen oder Füße, behandele ich mit einer ganz milden Waschsubstanz. Also mit einem synthetischen, rückfettenden Mittel, das nicht schäumt, keine Farb- und Duftstoffe enthält. Bisher hat sich noch keiner beschwert, dass ich unangenehm riechen würde.

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Noch nicht mal eincremen?

Das dürfen Sie, wenn Sie trockene Haut haben. Aber die meisten trockenen Häute, die ich sehe, sind selbstgemacht. Uns wird suggeriert, wir brauchten eine Augencreme, eine Tagescreme und eine Nachtcreme und ein Peeling und ein Tonikum. Eigentlich brauchen wir nichts davon. Wer alle zwei Tage in einen klaren See springt und sich den groben Schmutz runterspült, wird zeitlebens hautgesünder sein – im Vergleich zu denen, die sich täglich zweimal abseifen.

Warum genau ist das falsch?

Ein Duschgel, das schäumt, duftet und bunt ist, zerstört alle unserer drei Hautschutzmechanismen. Der Säureschutzmantel zum Beispiel hat einen sauren ph-Wert, alle normalen Seifen aber sind alkalisch und erhöhen den pH-Wert der geseiften Haut stark. Die Haut braucht dann ein paar Stunden, um sich nach dem Duschen wieder auf einen normalen Zustand herunterzusäuern. In dieser Zeit können sich unerwünschte Bakterien vermehren. Sogar welche, die einen eher stinken lassen. Zweitens laugen wir jedes Mal unsere natürliche Fettbarriereschicht aus, sie wird ganz löchrig. Dabei dauert der Aufbau dieser wichtigen Schicht vier Wochen. Die Haut wird also trocken und kann Ekzeme und Allergien entwickeln. Und drittens wird das Mikrobiom der Haut angegriffen. Darin leben aber gute und wichtige Bakterienfamilien, unsere Türsteher gegen Krankheitserreger.

Dr, Yael Adler: „Die meisten trockenen Häute, die ich sehe, sind selbstgemacht. Uns wird suggeriert, wir brauchten eine Augencreme, eine Tagescreme und eine Nachtcreme und ein Peeling und ein Tonikum.“
Dr, Yael Adler: „Die meisten trockenen Häute, die ich sehe, sind selbstgemacht. Uns wird suggeriert, wir brauchten eine Augencreme, eine Tagescreme und eine Nachtcreme und ein Peeling und ein Tonikum.“ Bild: Privat

Sie verabscheuen die Wendung „porentiefe Reinigung“.

Das klingt natürlich total hygienisch. Aber es funktioniert nicht, und es ist auch nicht erwünscht, dass es funktioniert. Es ist Quatsch, dass man mit irgendwelchen Wässerchen tief in die Haut hineinkommt. Und die aggressiven Methoden, mit denen in manchen Kosmetikstudios der Talg aus den Poren gesaugt wird, schaden nur. Die Leute haben danach oft erst recht Pickel. Wir brauchen unsere Poren voll mit Talg, er ist ein schönes antibakterielles Mittel gegen unerwünschte Erreger. Die Poren an unserer Nase zum Beispiel liefern unsere körpereigene Hautcreme. Unsere Ohren bilden einen bitteren Talg. Der verhindert, dass sich in dieser gemütlichen Höhle Insekten einnisten.

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Aber verstopfte Poren gibt es doch wirklich?

Ja, die gibt es. Wenn zu viel Talg fließt und Akne auftritt, dann ist das ein Zeichen, dass das behandelt werden sollte. Menschen, deren Poren zur Verhornung neigen, bilden eine Art Pfropf obendrauf, und dann kann der Talg nicht mehr ablaufen. Diese Pfropfen darf man natürlich mit einem mechanischen Peeling abrubbeln oder mit speziellen Säuren aufweichen.

Es hat mich überrascht, dass Sie in Ihrem Buch Tipps zum Pickelausdrücken geben.

Es ist ja Quatsch zu glauben, dass die Menschen nie wieder Pickel ausdrücken, wenn ich sage, sie sollen sie nie wieder ausdrücken. Wenn man morgens vorm Spiegel so einen Eiterpickel entdeckt, kann da fast keiner die Finger von lassen. Und dann sollte das wenigstens einigermaßen hygienisch ablaufen.

Erzählen Sie mal.

Beim Pickelausdrücken ist die Gefahr immer, dass man sich den Inhalt in die Tiefe der Haut drückt und dann dort eine Fremdkörper-Reaktion des Immunsystems provoziert, die Wochen und Monate anhält. Ich empfehle: die Nägel kurz zu halten, Pickel und Finger zu desinfizieren und dann oberflächlich den Ausgang der Pore zu öffnen – und zwar, indem man versucht, die Haut zu spreizen. Dann sanft drücken und wieder spreizen, aber auf keinen Fall massiv drücken. Sonst implodiert alles, und dann gibt es häufig eine Narbe.

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Thema Botox: Sie arbeiten in Ihrer Praxis damit, das Gift kommt in Ihrem Buch aber gar nicht so gut weg.

Da habe ich ein differenziertes Verhältnis. Botox ist in diesen ganz kleinen, hochverdünnten Dosen nicht besonders giftig – für den Körper ist das weniger gefährlich als Tattoos. Tattoofarben sind oft hochgiftig und bleiben ewig im Körper, während sich Botox wieder abbaut. Ich bin oft fasziniert von den Ergebnissen, die man erreichen kann, wenn man Botulinumtoxin, so heißt das korrekt, sehr dezent einsetzt. Leute, die den ganzen Tag angespannt vorm Bildschirm sitzen und eine tiefe Zornesfalte haben, dadurch vielleicht sogar Kopfschmerzen entwickeln – wenn man denen diese Falte entspannt, dann merkt das die Umwelt kaum. Aber der Betroffene wird entspannter. Psychiater nutzen das sogar als Antidepressivum. Wenn man böse guckt, dann denkt das Gehirn: Es geht mir schlecht. Und wenn man nicht mehr böse guckt, dann denkt das Gehirn: alles super.

Aber?

Manche Menschen glauben, dass sie hübsch sind, wenn sie ihr ganzes Gesicht totbotoxen und sich nur noch die Augen in den Höhlen bewegen und der Mund auf und zu klappt. Dabei sehen sie grotesk aus. Die Signale, die die Leute dann an die Umwelt senden, sind falsch. Wer in der Kommunikation nicht mehr mit der Mimik arbeiten kann, wird missverstanden, weckt Antipathien und Aggressionen. Es gibt sogar Anhaltspunkte dafür, dass man in der Zeit nach einer ausgedehnten Botox-Behandlung teilweise verlernt, emphatisch zu sein. Denn das, was man selbst nicht mehr empfinden und ausdrücken kann, das kann man bei anderen auch nicht mehr erkennen.

Und solche Leute gibt es bei Ihnen nicht?

Ich arbeite regelmäßig mit Botox und Hyaluronsäure, aber das sind jeweils kleine Mengen mit dezenten Effekten. Wenn meine Patienten mehr wollen, erkläre ich ihnen, welche Folgen das haben kann.

Verwenden Sie Botox bei sich selbst?

Ich nutze Botox hin und wieder, um meine Zornesfalte zu glätten. Auch das nur ganz dezent. Ein schöner Effekt davon ist, dass man sich die Falte auch abtrainieren und das Grimmiggucken abgewöhnen kann.

Und zwar wie?

Wenn der Muskel entspannt ist und eine Weile nicht mehr aktiviert werden kann, wird er dünner, so wie der Bizeps eines Kraftsportlers, der nicht mehr trainiert wird. Die Folge ist: Die Falte gräbt sich nicht mehr so tief ein. Dieser Effekt ist auch dann noch eine Weile sichtbar, wenn der Muskel längst wieder angesteuert werden kann. Niemals aber würde ich jemanden aktiv auf seine Falten hinweisen und gar raten, sie behandeln zu lassen. Wenn es aber jemand ausdrücklich wünscht, bevorzuge ich immer ein fine tuning statt radikaler Veränderungen.

„Wer zu viel seift, der stinkt“, schreibt Yael Adler.
„Wer zu viel seift, der stinkt“, schreibt Yael Adler. Bild: dpa

Sie schreiben im Buch, man könne sich darüber streiten, ob das Gehirn oder die Haut das größte Sexualorgan des Menschen sei. Wie lautet Ihre Antwort?

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Das Gehirn nimmt die Empfindungen der Haut auf, verarbeitet sie und entwickelt Phantasien. Aber die Haut hat so unheimlich viele Funktionen, die man beim Sex braucht. Der Duft der Haut beeinflusst die Partnerwahl, die erogenen Zonen werden aktiviert, und das auch nur im Zusammenhang mit echter Lust. Wenn man keine Lust hat, kann man im Laborversuch über das Gehirn die erogenen Zonen zwar künstlich stimulieren, aber dann kribbelt es da nur ein bisschen, ganz ohne jede Erotik. Die Sexualorgane, die wir haben – Mund, Vagina, Anus und Penis – sind alle von Haut überzogen. Ich finde, dass die Haut das Gehirn noch übertrumpft. Aber zu sagen, „Sex ist Teamwork beider Organe“, wäre für mich auch okay.

Das Buch „Darm mit Charme“ war ein Erfolg, Ihr Hautbuch könnte einer werden. Kommt es nur mir so vor, oder ist das etwas Neues: Körperteile nicht über Krankheiten zu problematisieren, sondern ihnen zu huldigen?

Ich bin jetzt 19 Jahre Ärztin – für mich ist die Haut ein tolles und faszinierendes Organ, aber auch mit vielen Tabus besetzt. Ich sehe jeden Tag in meiner Sprechstunde, wie viel Aufklärungsbedarf und Unsicherheiten bestehen. Wenn man versteht, wie die Haut funktioniert, kann man sie auch besser schützen. Genau hier will ich mit meinem Buch ansetzen, aufklären und informieren. Sie nennen es „huldigen“, ich sage: Wir sollten uns und unseren Körper in der Tat mehr lieben und uns nicht ständig leidvoll mit den oft nur vermeintlichen Makeln beschäftigen.

Ihre Praxis ist eine Privatpraxis. Warum?

Weil ich ganz viel und lange reden muss und möchte. Ich gucke meine Patienten von Kopf bis Fuß an, wir reden über Pflege, Ernährung, Seele, Mikronährstoffe, Darmbakterien, Therapieoptionen. Ich versuche meine Patienten mündig zu machen und ihnen ganz viel Handwerkszeug mitzugeben, damit sie sich gut um sich selbst kümmern können. Ich habe früher in einer Kassenpraxis gearbeitet und hatte immer das Gefühl, ich kann gar nicht ausreichend erklären, was wichtig wäre, um mit der eigenen Hautkrankheit umzugehen.

Weil von der gesetzlichen Kasse nicht so viel Zeit bezahlt wird?

Ja. Man muss viel mehr Patienten pro Zeiteinheit unterbringen. Und dann guckt man eben nur auf eine Stelle, zum Beispiel auf den Fuß, und verordnet eine Creme. Wenn da aber ein hartnäckiger Fußpilz ist, muss man eigentlich immer auch die Beine mit anschauen und etwa nach versteckten Krampfadern suchen. Die sorgen nämlich dafür, dass der Stoffwechsel und das Immunsystem im Fuß ungünstig beeinflusst werden und Krankheiten sich festsetzen können. An die Wurzel zu gehen und ganzheitlich zu arbeiten, das klappt in einer Kassenpraxis zumindest für mich nicht. Ich habe neben den Privatversicherten auch selbstzahlende Kassenpatienten. Für sie versuche ich eine Art medizinischer Lotse zu sein und kläre mit ihnen: Nach welchen Behandlungsmöglichkeiten sollten sie ihre Kassenärzte fragen? Was zahlt die Kasse? Was ist sinnvoll und was nicht?

Und das erfahren sie in Kassenpraxen nicht?

Es gibt viele tolle Ärzte, die ihren Beruf sehr ernst nehmen und die in der kurzen Zeit in der Kassenmedizin vielen Menschen helfen. Aber ich merke, dass die Patienten immer noch ein großes Informationsbedürfnis haben. Dafür scheint im gesetzlichen System oft keine Zeit zu sein. Das ärztliche Gespräch ist einfach total unterbewertet – nicht nur in der Kassen-, sondern auch in der Privatmedizin.

Dr. Yael Adler

Yael Adler leitet seit 2007 eine dermatologische Praxis in Berlin. Ihr Buch „Haut nah“ ist Anfang September im Verlag Droemer Knaur erschienen, hat 336 Seiten und kostet 16,99 Euro.

Quelle: F.A.S.
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