Akkordeon-Dirigent

Klang und Knöpfe

Von Ronja Schlegel, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 15:39
Florian Pezzatti ist 21 Jahre alt und Dirigent eines Akkordeonorchesters. Das sei ein Charakterinstrument, findet der talentierte Schweizer.

Musik klingt durch den Mehrzweckraum in Hinwil. Das Akkordeon-Orchester Hinwil Wald probt ein Stück aus dem Film „Fluch der Karibik“, bevor Florian Pezzatti, der 21-jährige Dirigent, der Zivildienst macht, die Probe beendet. „Mit dem Akkordeon kann man alle Musikstile spielen“, sagt der ehemalige Schüler der Kantonsschule Zürcher Oberland. Er spiele am meisten Balkanmusik, Tango oder Klassik, grundsätzlich spiele er alles und improvisiere auch gerne. Als Abiturarbeit hat er eine Sinfonie zu den vier Elementen komponiert und mit einem Orchester aus Schülern und Ehemaligen aufgeführt. „Ich wusste immer, dass ich es aufführen möchte. Dass es eine Sinfonie wurde, ergab sich aus dem Gespräch mit meiner betreuenden Lehrperson.“ Er habe großen Respekt gehabt, das umzusetzen.

Relativ schnell etwas spielen, das gut klingt

Pezzatti hat als Kind Flöte gespielt und kam durch Zufall auf das Akkordeon. Nun spielt er es seit elf Jahren. „Das Akkordeon ist ein Charakterinstrument, aus dem man enorm viel herausholen kann und das für alles brauchbar ist. Es hat einfach einen unverwechselbaren Klang, womit man musikalisch so viel machen kann. Auch ein Anfänger kann relativ schnell etwas spielen, das gut klingt.“

An der Erfindung des Akkordeons waren mehrere Menschen beteiligt, immer wieder waren kleine Neuerungen notwendig, um es zu vervollständigen. Cyrill Demain patentierte es 1929, weil man mit nur einem Knopfdruck einen Akkord erklingen lassen konnte. Es war damals ein reines Begleitinstrument, das man nur mit der linken Hand spielte, außerdem war es wechseltönig, was bedeutet, dass der Ton von einem Knopf beim Ziehen ein anderer ist als beim Stoßen, ähnlich wie beim sogenannten Schwyzerörgeli. Verschiedene Länder bauten auf ihre eigene Art das Akkordeon nach. Das Bandoneon ist kleiner, bringt nur Einzeltöne hervor und hat eine andere Klangfarbe. Heutzutage gibt es das Knopf- und das Tastenakkordeon, das eine hat Knöpfe, das andere eine Klaviertastatur auf der rechten Seite. In der Schweiz ist das Knopfakkordeon verbreiteter, weltweit sieht es eher umgekehrt aus. „Die Schweiz war schon immer speziell“, sagt Rolf Bachmann, der seit 28 Jahren hauptberuflich Akkordeon unterrichtet. Er lacht. „In der Schweizer Volksmusik gibt es sehr viele Schwyzerörgeli, die in B gestimmt sind. Mit einem Knopfakkordeon ist das Transponieren in andere Tonarten einfacher.“ Der in Bauma lebende Familienvater spielt zwar öfter Tastenakkordeon, kann aber beides sowie Hammondorgel, Klavier und etwas Harfe. „Mein Großvater hat für mich eine Handorgel gekauft. Ich habe mit neun Jahren angefangen, spiele jetzt also seit 45 Jahren Akkordeon. Am Samstagmorgen spiele ich jeweils in einem schalldichten Raum, dann kann ich richtig die Sau rauslassen! Früher habe ich mit Klarinettenspielern Aufführungen gegeben, heute gebe ich sie allein. Mein nächstes Projekt ist ein Kirchenkonzert, der Klang in einer Kirche fasziniert mich.“

Der Musiklehrer sieht stilistisch keine Grenzen

Thomas Weber ist seit neun Jahren in verschiedenen Kantonsschulen Instrumentallehrer für Akkordeon und hat Florian längere Zeit begleitet. Er wollte bereits als Vierjähriger Akkordeon spielen, die vielen Knöpfe und den Klang fand er total faszinierend. „Schlussendlich habe ich zuerst den Bachelor of Arts gemacht, dann das Konzertdiplom und im Anschluss noch den Master of Arts“, sagt er. Auch Florian Pezzatti möchte Musiklehrer werden. Er hat den Vorkurs für Komposition gemacht und geht im Frühling an die Aufnahmeprüfung für Schulmusik. Danach muss er den Master Schulmusik II machen. Insgesamt warten auf ihn je drei Jahre Bachelor und Master. Die Aufnahmeprüfung sei ziemlich schwierig. Weber findet es nicht schlimm, wenn jemand das Akkordeon mit dem Schwyzerörgeli verwechselt, was oft vorkomme. „Wenn sich jemand nicht mit Musik auseinandersetzt, dann würde er auch ein Klavier und ein Cembalo nicht unterscheiden können“, sagt er schmunzelnd. Doch mit dem Akkordeon kann man eben nicht nur Volksmusik machen. „Meines Erachtens sind dem Instrument keine stilistischen Grenzen gesetzt, ich mag sehr gerne alte Musik, vor allem aus der Renaissance oder der Barockzeit, aber auch Jazz oder stilübergreifende Projekte.“ Vielseitigkeit ist für Florian Pezzatti ein Stichwort. „Ich bin Dirigent eines Orchesters, habe viele Auftritte allein, im Orchester oder als Solist mit einem Orchester, spiele im Balkanquartett, begleite einen Chor, begleite jedes Jahr den Kinderumzug vom Sechseläuten, spiele im Duett, gebe bald Unterricht und improvisiere oder spiele für mich“, zählt er auf. „Das Wichtigste ist, zu üben, zu genießen und Spaß zu haben und zwischendrin etwas anderes zu machen.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot