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Altenpflegeheim

So wird es nie mehr werden

Von Elena Schulze, Gymnasium Kenzingen
 - 16:27

Der Klang von „Oh du Fröhliche“ erfüllt den festlich geschmückten Raum. Am Heiligabend sitzen alle Bewohner zusammen im großen Speiseraum, teils an kleinen separaten Tischen, teils an einer großen Tafel. An deren Stirnseite fährt eine Frau im Takt der Musik in ihrem Rollstuhl hin und her, völlig versunken in die Darbietung des Musikvereins. Nach und nach fallen mehr Bewohner in die altbekannte Melodie mit ein, bis schließlich jeder, so gut er kann, in den Refrain einstimmt.

In den Pausen zwischen den Liedern finden kurze Gespräche statt, Rückblicke auf das vergangene Jahr mit all seinen Facetten werden zum Besten gegeben. Mitarbeiter und Ehrenamtliche sind unentwegt damit beschäftigt, Kaffee, Tee und Kuchen zu servieren, nicht ohne mit jedem ein paar Worte zu wechseln.

Das Altenpflegeheim St. Katharina in Endingen am Kaiserstuhl, ein ehemaliges Krankenhaus, verfügt über 130 Pflegeplätze. In den drei Wohnbereichen sind neben 151 Festangestellten auch über 60 Ehrenamtliche beschäftigt. Schon vor dem Gebäude wird man von einem prächtigen Tannenbaum begrüßt, Tannenreisig schmückt die Geländer der rollstuhlgerechte Wege. Im Eingangsbereich steht eine große Krippe, der Geruch von Moos liegt in der Luft. Auch Flure und Büros sind mit Liebe zum Detail dekoriert. Zuständig dafür ist Inge Griebel, eine langjährige Mitarbeiterin des Hauses. Obwohl sie in erster Linie in der Pflege beschäftigt ist, hat sie es sich ehrenamtlich zur Aufgabe gemacht, für das weihnachtliche Flair zu sorgen. „Auch mit kleinen Geschenken kann man viel erreichen“, erklärt die Altenpflegerin. Seit ihre eigene Mutter vor drei Jahren während der Weihnachtszeit verstorben ist, hat das Fest für sie eine andere Dimension. Dass dies von Bewohnern wie von Angehörigen wertgeschätzt wird, bedeutet ihr viel.

Mit dem Roten Kreuz in den Europapark

Zwischen dem ersten Advent und Silvester gibt es viele Veranstaltungen. Traditionell kommt der Nikolaus, begrüßt die Bewohner im Speisesaal und stattet Bettlägerigen einen persönlichen Besuch ab. Oft begleitet von Angehörigen, basteln die alten Menschen Weihnachtsdekoration, backen, was auch weniger mobilen Bewohnern durch einen fahrbaren Ofen möglich ist.

Der Ausflug zum Endinger Seniorentreff ist vor allem für die aus Endingen stammenden Bewohner ein wichtiges Ereignis, da sie hier Bekannte, Freunde, langjährige Wegbegleiter treffen. Auch die Fahrt in den Europapark Rust ist ein Höhepunkt. Den Transport übernimmt das Rote Kreuz. Organisiert werden solche Ausflüge auch über das Jahr hinweg vom Betreuungsdienst der Wehrle-Werk-Stiftung, die der ehemalige Leiter des Emmendinger Werks ins Leben rief. Die Stiftung bietet zusätzliche Betreuungsleistungen außerhalb der Finanzierung über die Pflegeversicherung an. Große Ausflüge sind durch die Stiftung überhaupt erst möglich. Es gibt Gruppenangebote wie zum Beispiel Frühstücksbuffets, Malgruppen, Spiele- und Kinonachmittage sowie Einzelbetreuung mit Spaziergängen, Gesprächen oder Spielen.

Da ist Feingefühl gefordert

Frank Schauer, der vor allem für die Koordination innerhalb der Stiftung verantwortlich ist, stellt jedoch auch klar, dass gerade die Weihnachtszeit trotz der vielfältigen Angebote oft keine leichte Zeit ist: „Die Erinnerung an das Vergangene, die gerade durch eine solch emotionale Zeit wachgerufen wird, lässt einige sentimental werden.“ Bei Weihnachtsliedern werde so manche Träne vergossen, wenn die Erkenntnis, dass es nie wieder so werden wird wie früher, plötzlich ganz klar im Raum steht. In solchen Momenten sei viel Feingefühl gefordert, denn auf jeden Bewohner müsse er individuell eingehen und spüren, ob sein Gegenüber Trost oder doch eher Ablenkung brauche. Hierbei helfe es, dass durch die Stiftung so viele Betreuungskräfte im Haus seien, die zusammen in der Einzelbetreuung einiges auffangen können. „Weihnachten hier ist nun einmal ein schmaler Grat zwischen Freude und Trauer.“

Von Krankheit umgeben

Bei der 89-jährigen Lieselotte Vogele ist von dieser Trauer wenig zu spüren. Seit drei Jahren lebt sie im St. Katharina. Sie war wieder beim Ausflug in den Europapark dabei. Es sei ein schöner Tag gewesen, jeder habe mit einem persönlichen Betreuer den weihnachtlich geschmückten Park genießen können. Von Weihnachten selbst hingegen bekommt sie im Heim wenig mit, die Festtage verbringt sie bei ihrer Familie. Trotz der vielfältigen Angebote erlebt sie auch die Schattenseite eines Altenpflegeheims. Der Tag ist geprägt von den gleichen Abläufen, was die geistig rege Bewohnerin oft als Einschränkung empfindet. Und natürlich werde es durch den Umstand, dass die meisten Bewohner dement seien, nicht leichter. „Es gibt wenige, mit denen man sich wirklich eingehender unterhalten kann, oft ist es einsam, so von Krankheit umgeben.“ Auch die Besuche der Kinder und die Gesellschaft der Betreuer können dem Gefühl der Einsamkeit nicht völlig entgegenwirken, die Zeit der Mitarbeiter ist ebenso beschränkt wie die Freizeit der Angehörigen.

Die Wohngemeinschaft sucht den Mittelweg

Darüber sind sich der Leiter des Hauses Michael Zimmermann und sein Stellvertreter Martin Bernard im Klaren. So könnten die Zimmer nicht immer völlig persönlich gestaltet werden, der Platz für eigenes Mobiliar und Dekoration sei begrenzt. Auch in der Auslebung weihnachtlicher Traditionen seien die Bewohner nicht völlig frei. Offenes Feuer ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, die Eigenständigkeit, mit der über den Ablauf der Feierlichkeiten entschieden werden kann, ist eingeschränkt. „Es ist eine Wohngemeinschaft, in der alle zusammen, gerade an Weihnachten, einen geeigneten Mittelweg finden müssen“, sagt Zimmermann. „Im Vordergrund steht deshalb das Miteinander.“ So hat es sich ein Bewohner mit Tochter und Enkelkind in einer Sitzecke gemütlich gemacht und ist ins Gespräch vertieft.

Indem das für Baden typische Heiligabend-Gericht Schäufele mit Kartoffelsalat serviert wird und Klassiker wie „Stille Nacht“ gesungen werden, leben alte Traditionen auf. Selbst demente Bewohner seien hierbei textsicher, das Langzeitgedächtnis sorge dafür, dass die seit der Kindheit bekannten Lieder nicht vergessen würden, erklärt Frank Schauer. Gesang spielt deshalb besonders jetzt eine große Rolle. „Musik erreicht nun mal jeden, ob er dement ist oder nicht.“

Quelle: F.A.Z.
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