Altgriechisch auf der Schule

Homer im Original

Von Lina Kastl, Münnerstadt, Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium
17.09.2021
, 13:20
Während viele Schüler Homer allenfalls mit den „Simpsons“ verbinden, kennt sich Emil damit aus. Der 15-Jährige lernt Altgriechisch. Wegducken funktioniert nicht in dem kleinen Kurs.
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Werden nachfolgende Generationen mit dem Namen Homer noch etwas anderes verbinden als „Die Simpsons“? Da die Schülerzahlen für die Fächer Latein und Altgriechisch ständig sinken, können sich solche Fragen stellen. Laut Wikipedia bieten nur noch etwa 200 Gymnasien in Deutschland das Fach Altgriechisch an. Spanisch, Französisch und Altgriechisch stellt das Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium in Münnerstadt als dritte Fremdsprache in der 8. Jahrgangsstufe zur Auswahl. Emil Muthig war sich sicher, dass er Altgriechisch belegen will: „In der Unterstufe bereits stellte sich heraus, dass ich mich bei ausgestorbenen Sprachen deutlich leichter tue. Schon in Latein erbrachte ich gute Leistungen, während ich mir in Englisch eher schwertat. Auch mein Bruder lernte Altgriechisch und kann mir somit bei der Aussprache helfen.“ Der 15-Jährige erklärt, dass man bei der Aussprache zwischen langen und kurzen Silben unterscheidet. Für Altgriechisch-Anfänger kommt eine weitere Herausforderung hinzu: das 24-buchstabige Alphabet erlernen. Wie die Erstklässler bekommen seine Mitschüler in der 8. Klasse den Auftrag, sich ein Heft mit großen Zeilen zum Schreibenlernen zu besorgen. Auf die Frage, ob es nicht komisch für ihn gewesen sei, sich solch ein Grundschulheft zuzulegen, antwortet er: „Nein, nicht wirklich. Neue Sprache, neues Alphabet. Natürlich muss man da neu anfangen.“

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Auftakt mit dem Christusmonogramm

Lehrerin Philippa Schmidt berichtet: „In der ersten Stunde frage ich zuerst nach Erwartungen und Befürchtungen der Schüler, auch den Gründen, warum sie Griechisch gewählt haben, um die Schüler ein wenig kennenzulernen und ein Gefühl für die Gruppe zu bekommen.“ Danach beginnt sie mit dem, was alle in den kommenden Wochen beschäftigen wird: die Einführung und Einübung in die Schrift. Zunächst startet die 49-Jährige mit Großbuchstaben, da diese den lateinischen Buchstaben zum Teil recht ähnlich sind: „Ich fange mit dem Christusmonogramm an und erkläre daran die ersten Buchstaben X, Chi, und P, Rho.“ Ausgehend davon sollen die Schüler die anderen Buchstaben des Wortes „Christos“ erschließen.

Emil gibt zu, dass es nicht einfach ist, neue Buchstaben zu lernen: „Selbst heute tue ich mir teilweise schwer, ein Wort zu buchstabieren.“ Zurzeit übersetzt Emils Klasse Textstellen aus Homers Odyssee. Philippa Schmidt findet das wichtig: „Das Besondere am Griechischen ist für mich vor allem, dass man die ersten Werke der europäischen Literatur im Original lesen und so wichtige Entwicklungen in Denken und Vorstellungen direkt nachvollziehen kann. Durch das Lesen von Übersetzungen ist das nur eingeschränkt möglich, da Übersetzen immer schon eine gewisse Interpretation bedeutet.“

Davon bleibt nicht viel hängen

Auf die Frage, ob der Unterricht grammatikgestützt sei, sagt Emil: „Ja, definitiv. Wenn man aber dranbleibt und immer gut mitlernt, kommt man gut zurecht.“ Als Beispiel nennt er, dass es im Altgriechischen drei verschiedene Genera verbi oder Diathesen gibt. Während wir im Deutschen zwischen Aktiv und Passiv unterscheiden, kommt noch „Medium“ hinzu. Das Medium drückt aus, dass eine Handlung sich unmittelbar auf den Handelnden auswirkt. Des Weiteren kommt bei den „Griechen“ zu den uns geläufigen Fällen Nominativ, Akkusativ, Genitiv und Dativ noch der Vokativ, die Anredeform, dazu. Emil gefällt, dass seine Lehrerin nach schriftlichen Leistungsnachweisen Einblicke ins „Neugriechische“ gibt. Obwohl er das interessant findet, kann er das meiste davon nicht mitnehmen: „Alt- und Neugriechisch unterscheiden sich doch mehr als gedacht. Und da ich auf Altgriechisch fokussiert bin und nach schriftlichen Leistungsnachweisen ohnehin schon andere Dinge im Kopf habe, bleibt von diesem Einblick ins Neugriechische meist nicht viel hängen.“

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Bei jedem vierten Satz ist er dran

Wenn es um Altgriechisch geht, ist das natürlich ganz anders. Emil berichtet, dass nur vier Schüler seiner gesamten Jahrgangsstufe die Entscheidung, Altgriechisch zu lernen, gefällt haben. „Man kann es sich gar nicht leisten, bei beispielsweise einer Textübersetzung mal auszusteigen, denn anders als in Latein kommt man mindestens bei jedem vierten Satz dran.“ Auch für eine Lehrkraft ist es keine Gewohnheit, solch eine kleine Gruppe von nur vier Schülern zu unterrichten. Für Emils Lehrerin sei es aber inzwischen Routine: Es sei vor allem für die Schüler hart, da „mal kurz aussteigen“ nicht drin sei. Emil bestätigt: „Wenn gerade zum Beispiel eine Schulaufgaben-Phase ist und du ohnehin schon sehr viel zu lernen hast, kann es auch sehr nervig sein, zusätzlich immer noch für das Fach Altgriechisch zu lernen.“ Andererseits habe es aber auch Vorteile, da man immer am Ball bleiben müsse.

Quelle: F.A.Z.
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